Timeline Zero - Meister der Zeit

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Summary

Du denkst, du hast alles erlebt? Du hast keine Ahnung. Willkommen in ZEITLINIE NULL, wo du ALLES haben kannst. Wolltest du schon immer einen T-Rex als Haustier? Eine ägyptische Prinzessin als Sklavin? Einen Kampf zwischen Steinzeitmenschen und Samurais sehen? Zeitlinie Null hat das alles. Und mehr. Nur eins: lass deine Gefühle, deine Moral und alle anderen Gefühlsduseleien draußen, bevor du eintrittst. Denn hier überleben nur die MEISTER DER ZEIT. Levi ist von seinem Leben gelangweilt. Als Karrierist hat er schon alles erreicht, doch da ist eine Leere in ihm, die nichts füllen kann. Als ihm "Year Zero" vorgeschlagen wird, das neue Erlebnis, an dem nur eine kleine Gruppe von Menschen teilnehmen darf, nimmt er das Angebot an, nichtsahnend, worauf er sich einlässt ... Bald schon findet er sich in einer alternativen Zeitlinie wieder, die chrono-engineered wurde, um einer kleinen, dekadenten Elite aus seiner Zeit als eine Art Vergnügungspark zu dienen. Levi lernt die Sklavin Nono kennen und beschließt, sie zu retten, doch dabei kommt er dem Aristokraten Leon in die Quere ...

Status
Ongoing
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
16+

1. Kapitel

Die Nachmittagssonne spiegelte sich im Turm auf der anderen Straßenseite, einem gläsernen Ungetüm, das aussah wie eine gigantische, glänzende Banane. Eine ebenso gigantische Leuchtreklame bewarb Reisen in die Erdumlaufbahn und Anti-Aging-Produkte und unten auf der Straße wuselten Trendsetter in enganliegenden neongrünen Hosen, was diesen Sommer anscheinend der letzte Schrei in der Hauptstadt war.

Berlin im Jahr 2042. Levi hatte diese Stadt nie besonders leiden können.Er nahm noch einen Schluck Kaffee und seufzte. In wenigen Stunden würde er keine Arbeit mehr haben. Was war das überhaupt für eine Idee gewesen, ein halbes Jahr Sabbatical zu nehmen? Es war nicht so, als hätte er irgendeine Verwendung für die Zeit. Ehrlich, er hatte keine Ahnung, was er mit der freien Zeit anfangen sollte.Reisen? Sich Serien reinziehen und kiffen? Sich ein Hobby suchen?

Levi hatte schon alles erlebt. Ja, wirklich alles. Er war auf der Spitze des Mount Everest gewesen, er hatte im roten Meer die letzten lebenden Korallen gesehen. Fallschirmspringen, Basejumping. Vergnügungsparks, mit dem U-Boot in den Marianengraben runtergetaucht. Er war zum fucking Mond geflogen, hatte mit ein paar anderen Typen, die mehr Geld als Verstand hatten, aus nem Mikro-Fenster auf die Welt geglotzt, was ungefähr so aussah wie ein schlechter CGI-Film auf nem alten iPhone 23, und sich gefragt, was jetzt das Besondere an der ganzen Sache sein sollte, während die anderen in Tränen ausbrachen, um vor sich selber die fünf rausgepulverten Millionen US-Dollar zu rechtfertigen.

Er hatte sich in China, wo das noch erlaubt war, ne Dosis XTCE spritzen und in einen Virtual-Reality-Salzwassertank packen lassen, und es war ganz nett gewesen, als sein Hirn auf einer magentafarbenen Wolke einen großen, breiten Strom hinuntertrieb, an dessen Ufern glänzende Wasserwesen winkten.Nach zwölf Stunden war er komplett entspannt aus dem Tank gestiegen, so entspannt wie in seinem Leben noch nie, aber auch vollkommen unverändert. Vielleicht war etwas falsch mit ihm. Oder die Leute, die immer davon laberten, wie transformativ ihr letztes Erlebnis doch gewesen sei, erzählten einfach Blech.

Sein Phone vibrierte und ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Er warf einen Blick auf den Bildschirm, auf dem weiß auf blau die Buchstaben aufploppten: “was geht ab schwuchtel?!!”

Levi seufzte. Die Nachricht kam von Gustav. Levi hasste den Typen. Vor Jahren hatte er das Missvergnügen gehabt, bei einem Projekt für Microsoft mit ihm zusammenarbeiten zu müssen. Gustav war das menschliche Äquivalent zu einem Kaffee, der zu sauer und zu bitter war. So wie der, den Levi gerade trank.

Er spuckte angewidert seinen letzten Schluck in die Tasse zurück. Wann war der Filter zum letzten Mal getauscht worden? Wenigstens das war ein Grund, sich auf sein Sabbatical zu freuen. Dann würde er endlich seinen eigenen Kaffee trinken, zu Hause mit einer vernünftigen Vollautomatikmaschine zubereitet und nicht diese Plörre, die sie einem im Büro als Kaffee andrehten.

“Na, nervös?” Er wandte sich um. Vor ihm stand Enjo, der Chef von Sales.

“Äch”, machte Levi und zuckte mit den Schultern. Er mochte seinen letzten Arbeitstag nicht, mochte es nicht, dass alle ihn auf einmal danach fragten, wie er sich fühlte. Sie hatten die letzten fünf Jahre auch nicht gefragt, wie er sich fühlte, warum jetzt damit anfangen?

Enjo lachte: “Keine Sorge, wenn es dir zuviel wird, bin ich sicher, du kannst früher zurückkommen. Schon Pläne?”

Genau. Das war das zweite. Erst nach den Gefühlen fragen, dann danach, was man für Pläne hatte. Immer dasselbe.

“Erstmal besseren Kaffe trinken”, sagte Levi und stellte seine Tasse demonstrativ in die Spüle, obwohl sie noch halb voll war.

Enjo lachte wieder, etwas zu laut, fast bemüht: “Das glaube ich.” Dann war er schon wieder aus der Küche verschwunden.

Levi seufzte. Noch drei Stunden bis Feierabend. Die Zeit heute kam ihm unendlich lang vor, aber so war das immer, wenn man auf etwas wartete, oder?

Sein xPhone vibrierte wieder. Voll Erwartung blickte er auf den Bildschirm, vielleicht lud ihn irgendwer zu einer Party oder so, ein, aber nein, es war wieder Gustav: “antworte du homo!”

Konnte ihn dieses homophobe Arschloch nicht endlich in Ruhe lassen?

“was geht?”, tippte Levi zurück. Dann löschte er das Fragezeichen wieder, damit Gustav nicht dachte, er habe sich auch nur das kleinste bisschen Mühe gegeben, die Nachricht zu verfassen.

“heute abend minzgrün”, schrieb Gustav sofort zurück.

Levi schüttelte den Kopf. Er hatte zwar mal flüchtig gehört, dass minzgrün wohl eine neue, ganz angenehme Bar war, aber wenn Gustav da hinging, dann war das kein Ort, den Levi aufsuchen wollte.

“sry keine zeit”, schrieb er zurück und klickte auf “Snooze-Modus”.

Ein rotes Stoppschild ploppte auf und darunter stand der Text: “Du wirst 24 Stunden lang keine Nachrichten und Anrufe von Gustav erhalten.”

Levi schmunzelte. Das war vielleicht das erste erfreuliche Ereignis des heutigen Tages. Er fühlte sich etwas besser.


Ein paar Stunden später schloss Levi die Tür seiner Wohnung hinter sich und seufzte erleichtert auf. Er hatte es wirklich geschafft. Er war jetzt offiziell im Sabbatical. Sechs Monate Leere vor sich.

“Butler, Entspannungsmusik!”

Ein Piepen ertönte und irgendeine weichgespülte Playlist fing an zu spielen, die angeblich auf seine Präferenzen abgestimmt war. Ozeanklänge, langsame karibische Musik, eine Frauenstimme, die gelangweilte Yeahs ins Mikrofon stöhnte.

Er öffnete die Nachttischschublade, entnahm zwei Oxys und schluckte sie ohne Wasser, bevor er sich auf das Bett fallen ließ. Trotz der Tabletten konnte er aber nicht einschlafen. In seinem Kopf sah er einen Kalender, auf dem die nächsten sechs Monate zu sehen waren. Leere, weiße Salzwüsten, die es zu durchqueren galt. Was hatte er sich da nur angetan?

Er brauchte wirklich etwas, was ihm Hoffnung gab. Irgendeinen neuen Kick. Kein Hobby oder irgend so einen Blödsinn. Auch keine Meditation in einem Schweigekloster, das hatte er auch schon hinter sich. Nein, etwas Großes, Aufregendes, etwas, das ihm echte Vorfreude bereiten würde. Und Nachfreude. Irgendetwas, von dem man zehren konnte. Aber keine Ahnung, was das sein sollte.

Endlich kickten die Oxys rein und er merkte, wie sein Körper sich entspannte. Er schlief ein, aber die üblichen Albträume waren wieder da.

Ihr blutverschmiertes Gesicht. Sonst nichts. Die Finsternis. Und ihr blutverschmiertes Gesicht, das die gesamte Welt auffraß.

Ein Läuten riss ihn aus dem Schlaf. Kurz war er dankbar dafür. Dann wurde ihm klar, dass es die Türklingel war.


Das war also das minzgrün. Levi fragte sich, warum er sich hatte mitschleppen lassen. Er konnte Gustav wirklich nicht ausstehen und es war auch nicht so, dass er irgendetwas von dem Typen brauchte. Aber wenn einen eine gähnende, schreckliche Leere anstarrte wie ein Raubtier auf der Lauer, schien plötzlich sogar Gustav die bessere Option zu sein.

Levi nippte an seinem Drink. Der Kerl, den Gustav mitgebracht hatte, war wenigstens kein aufgepumpter Fitnessmensch wie Gustav, aber wirkte dafür extrem weird. Sein Gesicht war klein und zusammengezogen und er redete extrem schnell. Seine Augen flitzten auch immer hin und her, als befinde er sich auf der Flucht vor irgendetwas.

“Das ist Eden”, sagte Gustav, “Wie der Garten. Bibel, weißt schon.”

“Mmm, okay”, machte Levi. Er reichte dem Typen, der Eden hieß, die Hand.

“Hab gehört, dass du endlich ein freier Mann bist”, sagte Gustav grinsend.

“Nur sechs Monate lang”, erwiderte Levi.

“Das reicht”, Gustav und Eden grinsten sich an.

“Wofür?”

“Um diesem ganzen Scheiß hier zu entkommen”, sagte Gustav. Er winkte der Kellnerin, die ihn ignorierte, weil sie mit einem anderen Tisch beschäftigt war.

Das war ja eben das Problem. Levi hatte keine Ahnung, was er die nächsten sechs Monate machen sollte, und er glaubte kaum, dass Gustav da irgendwelche guten Vorschläge hatte, außer vielleicht irgendeinen Klischee-Machoscheiß. Wahrscheinlich schlug er ihm gleich vor, sich einen Porsche zu kaufen und “Weiber klarzumachen” oder irgendein so dummes Geschwätz. Levi war mit 25 echt langsam zu alt für so einen Blödsinn.

“Muss kurz pissen”, sagte Levi und verdrückte sich aufs Klo. Auf der Toilette warf er sich zwei Paxadon ein, um von den Oxys runterzukommen. Der Spiegel war durch eine Metallplatte ersetzt worden. Vor ein paar Jahren hatten die Bars wieder damit angefangen, weil es cool war oder weil zu viele Bekloppte die Spiegel in Scherben schlugen, keine Ahnung. In der Metallplatte sah sein Gesicht unscharf aus, eine konturlose Geisterfratze.

Als er zurück an den Tisch kam, redeten Gustav und Eden aber zu seiner Überraschung nicht über Sportkarren, sondern über …

“Also, das ist so”, sagte Eden, “Die einen sagen, sie haben einfach nie Zeitreisen entwickelt, okay? Also können sie gar nicht in die Parent-Zeitlinie reisen und da was abfucken.”

“Würde das nicht ein Paradox erzeugen? Wenn Zeitlinie A Zeitlinie B beeinflusst und Zeitlinie B Zeitlinie A?”

“Unter Umständen. Aber darum geht es nicht. Weil sie sowieso nie Zeitreisen entwickelt haben. Theorie eins. Klar?”

“Klar”, nickte Gustav und winkte nochmal der Kellnerin, die ihn immer noch nicht beachtete.

“Theorie zwei”, fuhr Eden fort, “Es spielt keine Rolle, ob sie Zeitreisen entwickeln, weil sie sowieso nicht in die Parent-Zeitlinie reisen können. Das kannst du dir wie eine unidirektionale, hierarchische Baumstruktur vorstellen.”

“Deutsch, bitte?”

“Wie Sand, der immer nur nach unten fließt, okay?”

“Der Sand der Zeit”, murmelte Levi gedankenversunken, “Poetisch.”

“Was?!”, Eden sah ihn kurz verwirrt an, während Gustav lachte.

“Beachte ihn nicht”, sagte Gustav, “Also, die Zeit fließt nur nach unten, also … was ist damit gemeint? Dass man nicht rückwärts in der Zeit reisen kann?”

“Doch, klar kannst du rückwärts reisen”, sagte Eden, “Aber nie von der Child-Zeitlinie in die Parent-Zeitlinie. Du kannst immer nur nach unten gehen.”

“Verstehe”, sagte Gustav.

Levi verstand überhaupt nichts. Und Gustav kam ihm auch nicht wie der Typ vor, der sich für Physik interessierte. Was war hier los?

“Was ist deine Meinung zu Zeitreisen?”, fragte Gustav unvermittelt.

Levi zuckte mit den Schultern. Zeitreisen waren auch auf der Liste der Sachen, die er ausprobiert hatte, und die ihn nicht begeistert hatten. Vor ein paar Jahren war das der totale Hype gewesen, bis die Leute merkten, dass die ganze Sache eigentlich alltäglicher und langweiliger war, als man meinte. Du durftest dich in der Vergangenheit sowieso nicht zu erkennen geben, um die Zukunft nicht zu beeinflussen, und es waren nur eine begrenzte Anzahl an Locations freigeschaltet. Dann standest du unter einem Camouflageschirm neben einem Dutzend schwitzender holländischer Touristen und sahst der Krönung von Karl dem Großen zu oder Abraham Lincoln beim Abendessen oder Marie Curie dabei, wie sie sich selbst bestrahlte. Und daneben stand ein Guide, der ununterbrochen Schulwissen runterquasselte. Sicher interessant für Geschichtsnerds, aber nicht für ihn.

“Zeitreisen …”, antwortete Levi, “Bisschen 2038, oder?”

Gustav lachte wortlos. Eden lachte auch, als wüsste er etwas, was Levi nicht wusste.

Gustav winkte endlich erfolgreich die Kellnerin herbei und bestellte Shots für sie alle. Levi fragte sich besorgt, ob das den Paxadons in seinem Blutkreislauf gefallen würde.

“Ähm … ich glaube, ich setze heute aus …”, fing Levi an, aber Gustav unterbrach ihn lachend: “Oh Mann, du bist immer noch so eine große Pussy wie damals. Ich war ehrlich gesagt verwundert, dass sie ausgerechnet dich ausgewählt haben.”

“Ich bin verdammt gut in meinem Job”, antwortete Levi beleidigt.

“Ne, ich meinte nicht deinen Job”, sagte Gustav mit einem mysteriösen Grinsen.

Levi sah verwirrt zwischen ihm und Eden hin und her: “Wovon redest du?”

Gustav lachte und reichte Levi eine Karte. Es war eine Plastikkarte, die aussah wie eine Kreditkarte, aber nur der Text “Year Zero” war darauf abgedruckt.

Levi schwante Übles: “Was ist das?”

“Wenn ich es dir erklären könnte, würde ich es dir erklären”, sagte Gustav, “Glaub mir. Aber das ist nichts, was man mit Worten beschreiben kann. Oder …”, er warf einen Blick um sich, der etwas paranoid wirkte, “… sollte.”

Eden nickte und seine ohnehin schon paranoiden Augen flitzen noch ein wenig schneller hin und her.

“Nur soviel: es ist es verdammt nochmal wert”, sagte Gustav.

Levi starrte die schwarze Plastikkarte an. War Gustav jetzt Promoter geworden?

Gustav schien die Skepsis in seinem Gesicht zu sehen. “Glaub mir”, sagte er, “Ich verdiene nichts an dem Ding. Aber ich tue dir gerade den größten Gefallen deines Lebens.”

Auf dem Heimweg warf Levi die schwarze Karte in einen Mülleimer am Kottbusser Tor. Year Zero. So ein Schwachsinn. Sicher wollte ihm Gustav nur irgendeinen Blödsinn andrehen.

Als er wieder in seiner Wohnung war, wollte er sich erstmal wieder ein, zwei Oxys gönnen, um einschlafen zu können. Aber da war eine Werbenachricht auf seinem Heimbildschirm. Auf dem Bildschirm stand weiß auf schwarz die Schrift: “Year Zero - Wollen Sie teilnehmen?” Darunter zwei weiße Buttons: “Annehmen” oder “Ablehnen”.

Levi starrte die Schrift an. Er war selbst überrascht, als er plötzlich auf “Annehmen” tippte.

Und so fing es an.