Mentale Quarantäne

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Summary

In Anbetracht der verschwommenen Realität gehen die Wahrheit und die Gerechtigkeit nicht Hand in Hand. Ihre Bindung ist vor einer langen Zeit getrennt worden. Nun sitze ich hier, mit der Wahrheit auf den Lippen und der Gerechtigkeit im Herzen. Ihre Augen liegen auf mir und das Urteil in ihren Händen. Ob wir nun endlich der Realität entgegenblicken können, statt mit geschlossenen Augen zu behaupten die Wahrheit zu verstehen? ____________________________________ Ich habe dieses Buch bereits im Juli veröffentlich. Es ist auf Amazon erhältlich. Unter dem Link in meinem Linktree findet ihr die Englische und Deutsche Version. Ich werde jedoch auch aktiv hier Bücher schreiben. Seid gespannt!

Genre:
Drama / Adventure
Author:
suozbn
Status:
Ongoing
Chapters:
1
Rating:
4.0 1 review
Age Rating:
16+

Der Beginn meiner Schuld

„Sie müssen endlich reden!“, schreit die Kommissarin und knallt ihre Hände auf den Tisch, an welchem ich seit Minuten schweigend sitze. „Es sind bereits siebzehn Minuten vergangen! Siebzehn! Wir können diese Angelegenheit auch vor Gericht klären!“

All ihre Worte bedeuten nichts. Sie sitzt nicht hier, wo ich gerade bin. Mein Schmerz ist ihr unbekannt. Eine leblose Hülle, im Inneren eines Tornados. Mehr bin ich nicht.

Die Frau zeigt auf die Uhr an ihrem Handgelenk und erwartet, dass ich in binnen von wenigen Sekunden die vergangene Zeit ablese. Tiefe Augenringe schmücken ihr Gesicht und allgemein sieht ihre Haut nicht gepflegt aus.

Höchstwahrscheinlich hat sie eine sehr lange Woche gehabt. Den Freitagabend hat sie mit großen Augen erwartet, um mit einem gemütlichen Wochenende die Müdigkeit von ihren Schultern zu werfen. Doch stattdessen muss sich diese Frau mit meiner Wenigkeit unterhalten.

„Ich werde deine Eltern verständigen!“, beginnt sie mich zu duzen und versucht mir mit meinen Autoritätspersonen einen Schrecken einzujagen. „Wenn in den nächsten zehn Sekunden kein Wort aus deinem Mund kommt, werde ich dich in eine Zelle einsperren und du kannst den Rest dann mit deinem Anwalt besprechen!“

Darf sie mich denn einsperren? Schließlich bin ich noch eine Minderjährige und für uns gelten andere Regeln. Oder irre ich mich?

Das Ticken der Uhr an der Wand, welche mit einem Gitter gesichert ist, lenkt meine Aufmerksamkeit vom Geschehen ab. Für einen Moment fühlt es sich so an, als würde mein Herz im selben Rhythmus wie das Ticken der Uhr schlagen. Als wäre es ebenso hinter Metallstäben.

„Mit siebzehn Jahren vier Morde an einem Abend ausüben!“, beginnt die Kommissarin meine Taten des heutigen Abends aufzuzählen und verhält sich so, als wäre es halb so wild, wären die Morde an verschiedenen Tagen geschehen. „Drogen im Blut haben und zusätzlich eine Waffe benutzen! Woher wissen Jugendliche überhaupt, wie diese Mordswaffen verwendet werden? Wie ist es bloß dazu gekommen, dass die heutige Jugend so verdorben ist?“

Die heutige Jugend soll verdorben sein? Sind nicht unsere Eltern die Menschen, die uns diese Erziehung und Einstellung auf das Leben eintrichtern? Ihr Verhalten ist ausschlaggebend für unser zukünftige Einstellung. Je nachdem, welchen Pfad unsere Eltern im Leben einschlagen, beeinflusst es uns auf irgendeine Weise. Manche Kinder haben dadurch eine sehr schwere Kindheit, welche meistens mit dem Zweifeln des eigenen Wertes endet. Es ist möglich dieses schwarze Loch zu verlassen, doch noch leichter ist es, wieder hineinzufallen. Meine Entscheidung hat mir das Leben gerettet. Irrelevant, welche Konsequenzen und Opfer sie mit sich gebracht hat.

Ich betrachte meine Kleidung und erblicke die trockenen Blutflecken an den meisten Teilen des Stoffes. Meine Beine sind von meiner Gürtellinie aus voller Blut und selbst meine weißen Schuhe haben eine rotbraune Farbe angenommen.

Mein Körper befindet sich in einer mentalen Quarantäne. Ich betrachte im Augenblick meinen eigenen Körper, doch ganz plötzlich fühlt er sich ganz fremd an. So, als wäre die Welt in einem Grauton. Mein Herz schmerzt. Das kann ich spüren. Doch die Leere, die da nun entstanden ist, verschlingt mich und meine gesamten Emotionen.

Die Worte dieser Frau dringen durch ein Ohr hinein und verlassen meinen Kopf durch das andere. Meine Gedanken driften ungewollt an den Zeitpunkt von vor wenigen Stunden zurück. Als wäre ich bloß eine Außenstehende gewesen, die einer Fremden dabei zusieht, wie ihr das Recht über ihren Körper zu bestimmen, genommen wird. Wie diese Jungen sich mit ihrem ergatterten Eigentum begnügt haben. Fast, als wären sie kleine Kinder, die ein neues Spielzeug bekommen haben und es nicht teilen möchten. Bei diesem Akt bin ich zu einer leeren Hülle geworden. Eine Marionette ihrer dreckigen Spiele. Selbst in diesem Augenblick fühle ich mich wie ein Gast in meinem eigenen Körper.

„Diese unschuldigen Jungen haben durch deine Hand den Tod gefunden!“, brüllt die Kommissarin und denkt wirklich, dass das Bild vor den eigenen Augen stets der Wahrheit entspricht.

Unschuldige Jungen? Haben diese Personen das Recht, als Menschen anerkannt zu werden? Wie kann diese Frau bestimmen, wer unschuldig ist, wenn sie die Geschichte nicht kennt? Ist anhand eines Bildes die Wahrheit herauszulesen? Was macht sie zur großen Richterin?

„I-Ich“, stottere ich und würde mich für meine Unsicherheit am liebsten ohrfeigen.

Die Kommissarin setzt sich auf den freien Sessel mir gegenüber und legt ihre linke Handfläche auf den rechten Handrücken, um mich anschließend neugierig zu mustern. Sie glaubt die erste Hürde überwunden zu haben und zu mir durchgedrungen zu sein.

Ich denke, dass ihre letzte Aussage mir einen Ausweg aus meiner mentalen Quarantäne geboten hat, welche durch die schlimmen Taten dieser Jungen hervorgerufen worden ist. Müsste ich zu diesem Zeitpunkt nicht an diesem Ort sitzen, hätten mich meine Panikattacken, existent aufgrund dieser Schmerzen, irgendwann in den Wahnsinn getrieben. Würde ich noch immer neben diesen toten Menschen sitzen, mit all dem Blut an meinem Körper, mit dem Schmerz in meinem Inneren und seinen Augen, welche leblos zu mir blicken, hätte ich mir höchstwahrscheinlich den Gnadenschuss gegeben. Ich gaukle immer vor, der starke Mensch zu sein, zu dem mich meine Eltern großgezogen haben. Doch irgendwie kann ich mich an keinen einzigen Moment in meinem Leben erinnern, an dem ich mich nicht auf einen anderen Menschen verlassen habe. Diese ganzen Poeten sprechen darüber, wie stark wir doch sind und welche Hürden wir bereits überwunden haben. Die Wahrheit ist doch, dass mit jedem überwundenen Leid, etwas Schlimmeres hinter der nächsten Ecke lauert. Tränen, die hinter verschlossenen Türen vergossen werden. Ängste, die während des Tages nicht von Bedeutung sind und uns nachts den Schlaf rauben. Ist das ein Teil des Erwachsenwerdens, oder doch des Menschseins?

„I-I-Ich ha-be“, versuche ich einen Satz zu bilden und schaffe es erneut bloß zu stottern.

Ich möchte diese Geschichte erzählen. Diese Frau soll wissen, wie es zu all dem gekommen ist. Die Welt soll wissen, was geschehen ist. So viele Frauen leben mit diesem Schmerz und wagen es nicht, diese an die Öffentlichkeit zu lassen. Aus Angst, dass sie bloß als Lügnerinnen abgestempelt werden. Ihre Stimmen verstummen und der Schmerz in ihrem Inneren währt bis zum letzten Atemzug.

Ein tiefes Ein- und Ausatmen meinerseits. Die Kommissarin hetzt mich nun nicht mehr, da ihr bewusst ist, dass die Person ihr gegenüber nun bereit ist, Licht ins Dunkle zu bringen.

„Ich habe nur überleben wollen“, spreche ich und spüre, wie meine Systeme von 100 auf 0 herunterfahren und allgemein das Reden problemlos funktioniert. „In diesem Moment hieß es, ihr Leben oder meines.“

„Was ist vor wenigen Stunden geschehen?“, möchte die Kommissarin wissen und gibt mir das Gefühl, als würde sie keinen Moment länger warten wollen. Als wäre sie der Wahrheit auf den Fersen. Unwissend, dass wenn die Antwort ihren Händen liegen würde, sie diese nicht interpretieren könnte. „Du gestehst den Mord ein. Doch, zu welchem Zweck?“

Ich denke, dass wir unsere Ängste oder Traumata gleich zu Beginn konfrontieren müssen, damit sie sich nicht manifestieren und ein Teil unseres Lebens werden können. Meine Mutter ist Psychologin und hat mir seit meiner Kindheit Bücher zu diesem Thema gekauft. Dadurch hat sich auch früh ein Interesse an der menschlichen Psyche entwickelt. Es heißt, dass der Mensch die negativen Emotionen keineswegs unterdrücken soll. Eine rechtzeitige Konfrontation ist schlichtweg der einzige Weg, um mögliche Wunden an der Seele zu verhindern. Denn irgendwann gewöhnt sich der Verstand an diese negative Energie und plötzlich wirkt das Positive unnahbar. Ich gestehe hier einen Mord ein, welcher doch bloß provoziert worden ist. Dies waren nicht meine Hände. Es waren die des Zwanges.

„Sie fragen, weshalb ich diesen Mord gestehe?“, stelle ich eine Gegenfrage und habe auch nicht die Absicht ihre eine Antwort zu geben. „Ich habe bloß leben wollen. Sie haben mich an diesem Tatort neben vier Toten gefunden. Der Anruf wurde nicht von meinem Handy getätigt. Aber meine blutigen Fingerabdrücke sind noch immer dran. Die Stimme des Anrufers ist ebenso meine gewesen. Hinterfragen Sie denn das Bild vor Ihren Augen nicht? Weshalb hat sich dieses Mädchen der Polizei gestellt? Weswegen ist sie nicht abgehauen? Sind das keine Fragen, die Sie sich stellen? Denken Sie wirklich, dass alles auf dieser Welt so einfach ist?“

Wenn ich meinen Worten so zuhöre, klingt es so, als würde jemand anderer meine Gedanken in Worte fassen. Denn wenn jemand einen Einblick in meine Seele bekommen würde, würde diese Person automatisch einen Psychologen rufen. Irgendwie kommt es mir so vor, als hätte ich aufgrund dieser Tat mein Inneres Ich getroffen und mich aufgrund all der Schmerzen, die ich mir hab zufügen lassen, eingesperrt.

Die Frau starrt mir eindringlich in die Augen. Sie macht den Eindruck, als würde sie mir in die Seele blicken können. Doch wäre dies der Fall, könnte sie keine weitere Sekunde ruhig auf diesem Sessel sitzen.

Ein riesiger Tornado, welcher all die Erinnerungen meiner Vergangenheit an die Oberfläche meines Bewusstseins ruft, versucht an meinem Durchhaltevermögen zu nagen, während die Stille meiner letzten Hoffnung dies verhindert.

Die Kommissarin genehmigt sich einen großen Schluck aus ihrem lauwarmen Kaffee und erwartet, dass mein Sprechen nun die Fragezeichen in ihrem Kopf zu Rufzeichen umwandeln könnte.

Meine Wahrheit ist jedoch in der Gegenwart des Staates eine Lüge. Zu unserer Zeit werden die Geschichten der Frauen, deren Recht über ihren Körper genommen wird, schön gesprochen und sie werden als Scharlatane dargestellt. Was hat sie zum Zeitpunkt getragen? War sie in einem Club? Wie viel Alkohol hat sie getrunken? Hat sie den Mann provoziert? Ihre Stimmen versagen und doch gibt es in diesen Massen noch immer einzelne, die in der Stille der Verzweiflung einen Schrei der Stärke ausrufen. Diese Frauen schreien, damit die Mädchen der nächsten Generation nicht mehr schweigen müssen.

„Wir Menschen treffen öfters spontane Entscheidungen“, gestehe ich und blicke auf meine blutigen Fingernägel. In diesem Moment ekelt mich mein eigener Körper an. Ob eine Dusche helfen würde? „Es sind die Einflüsse der Außenwelt, die uns zu diesen Taten zwingen.“

Die Frau lehnt sich in ihrem Sessel zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich rede hier um die Antwort herum. Doch direkt die Wahrheit zu erzählen, würde bloß der Auslöser für weitere Fragen sein. Sie erwartet eine logische Erklärung für meine Taten. Doch stattdessen bekommt sie bloß meine philosophische Ader zu spüren.

„Der Grund für meine Taten ist das Überleben gewesen“, wiederhole ich.

„Hier auf meiner Akten stehen vier Namen“, meint die Kommissarin und tippt mit ihrem Zeigefinger mehrmals auf die Mappe, die sie sich in die Hand genommen hat. „Matthew Anderson, Gil Hunter, Elias Amirmoez und Navid Iravani. In welcher Beziehung bist du mit diesen Jungen gewesen? Was ist in diesem Zimmer zu dieser Uhrzeit geschehen, dass das Morden deine einzige Lösung gewesen ist?“

Die Leute, die hier arbeiten, haben meinen Körper noch nicht durchsucht. Aus diesem Grund kann die Kommissarin auch nicht wissen, weswegen mein Unterleib voller Blut ist. Sie nimmt wohl an, dass die roten Flecken das Blut der vier Toten ist.

„Das möchten Sie doch nicht wissen“, zische ich und schnalze mit der Zunge, um anschließend laut zu seufzen. „Niemand in dieser verdammten Welt ist an der Wahrheit interessiert! Sie möchten Gerechtigkeit? Stellen Sie die Gerechtigkeit der Wahrheit gleich? Entscheiden wir Menschen nicht für uns selbst, was jeweils beide Wörter für uns bedeuten?“

„Ich würde nicht hier vor dir sitzen“, meint die Frau und nimmt einen weiteren großen Schluck von ihrem Kaffee. „Und mir siebzehn Minuten lang deine Stille anhören, anstatt dich sofort in eine Zelle zu schicken. Ich bin hier, um dir zuzuhören.“

„Wenn Sie ein Interesse an der Wahrheit haben“, meine ich und schließe meine Augen, um mich auf das Kommende vorzubereiten. „Dann muss ich alles von vorne erzählen. Vom ersten bis zum letzten Tag.“

Die Kommissarin lehnt sich vor und deutet mit ihrer Hand, dass ich ihr nun meine Sicht der Geschichte erzählen darf.

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Artemis Gold: I am really enjoying where the story is leading. I look forward to each new chapter, other than a little editing needed, I would like to see the chapters be a little longer so that the scenes of the story can move on within less chapters. Overall a really great read so far.

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