CREATURES - Blutige Rache

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Kapitel 1

“Ich habe keine Ahnung, wer er ist!”

“Du bist ein Mensch im selben Stützpunkt wie er, du musst wissen, wer er ist! Er ist ein General und du bist Offizier. Ihr schmiedet doch bestimmt zusammen die Pläne! Also, sag mir: Wo ist Rhys Marbas?”, langsam verliere ich die Geduld. Er muss etwas von ihm wissen! Der Offizier ist an einen Stuhl gefesselt, so fest, dass er ohne Hilfe nicht entkommen kann. Ich verspreche ihm, dass ich ihn freilasse, wenn er mir sagt, was ich wissen will, aber er sieht es nicht ein. Ich würde es doch tatsächlich in Erwägung ziehen.

Dieser Feigling rückt jedoch nicht raus. Ich muss etwas Anderes ausprobieren.

“Du stehst doch bestimmt in seinem Schatten, oder? Würdest du denn nicht gerne ein General sein? Aber er ist wohl einfach zu gut, weshalb du ihm so treu bist.”

“Oh, wenn man mich lassen würde, wäre ich viel besser als…”, er hält inne. Ich wusste es, damit kriege ich ihn.

“Und schon hast du dich verraten. Komm schon, er ist unser beider Feind. Du wärst gerne ein besserer General als er und ich bin eben zufälligerweise eine Hexe. Die einzige Möglichkeit, ihn von seiner Position zu vertreiben, ist, ihn zu töten. Das würde ich liebend gerne erledigen, damit du natürlich unschuldig bist und aufsteigen kannst”, während ich das sage, setze ich mich auf seinen Schoß. Er ist nicht viel älter als ich und obwohl ich eine Hexe bin, scheint er nicht ganz abgeneigt von meinem Aussehen zu sein. Dies nutze ich, um ihn zum Reden zu bringen. Und mein Pseudo-Flirten erweist sich als erfolgreich. Er wird rot im Gesicht und schaut mir aufrichtig in meine Augen.

“Na gut. Er ist in Peru am Hauptstützpunkt.”

“Welcher? Es gibt dort mehrere.”

“In Lima, der Hauptstadt.”

“Wie lange bleibt er da?”

“Zwei Wochen, wenn sich die Pläne nicht ändern.”

“Ausgezeichnet. Genug Zeit für mich, um mir etwas zu überlegen.”

“Selbst wenn du da irgendwie hinkommst, da sind unzählige Soldaten. Du wirst es da nicht überleben.”

“Da macht sich doch ein Mensch um eine Hexe Sorgen. Ich hätte ja nie erwartet, dass ich das mal erlebe.”

“Ich bin nur realistisch.”

“Na klar”, ich stehe wieder auf, bevor er sich gar nicht mehr konzentrieren kann. Er ist viel zu schwach, um ein General zu sein. Ich habe selten jemanden gesehen, der so schnell nachgibt. Ich habe ihn ja noch nicht einmal gefoltert. Ich habe eher das Gegenteil getan. Er guckt mir begierig hinterher.

“Was?”

“Ähm... Lässt du mich jetzt frei?”, mit einem verächtlichen Lachen öffne ich die Tür.

“Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dich so schnell entkommen lasse”, unauffällig greife ich nach meinem Colt, der auf einem Tisch neben der Tür steht. Dieser ist nur eine von dreißig Waffen darauf, der Colt ist nur am nächsten gewesen.

“Du hast es versprochen!”, um den Colt perfekt verstecken zu können, ahme ich ein kleines unschuldiges Mädchen als Reaktion auf sein naives Hirn nach und nehme meine Hände hinter meinen Rücken.

“Ich habe es versprochen?”, ich nähere mich wieder dem Feigling an, der doch ziemlich zornig aussieht, “Diese Welt lebt von gebrochenen Versprechen und Lügen. Gerade du solltest es wissen.”

“Bei uns Menschen ist es nicht so! Ihr Kreaturen macht diese Welt so unerträglich!”

“Wir? Warst du nicht eben so von mir angetan? Dein Kopf besteht aus Doppelmoralen! Du ‘hasst’ uns Kreaturen, wirst dann aber bei meinem Anblick geil! Schöne Logik!”, als er selbst erkennt, dass ich recht habe, sinkt er beschämt den Kopf.

Ich stehe nun wieder direkt vor ihm und richte den Colt auf seinen Kopf. Er merkt den kleinen Lufthauch, den meine schnelle Bewegung verursacht hat, hebt seinen Kopf wieder und schnellt ihn geschockt zurück.

“Bist du verrückt geworden?!”

“Kann sein, aber ich werde ganz sicher nicht einen Offizier laufen lassen, der dasselbe anrichten könnte, dass Marbas getan hat und immer noch tut!”

“Wenn die Soldaten mich find-”

“Niemand wird dich hier finden. Du weißt ja selbst nicht, wo du bist und wirst es auch nie wissen. Viel Spaß in Umbra”, sprachlos starrt er mich an, kneift dann aber seine Augen zu, nachdem ich meine Waffe an seinen Kopf gedrückt habe. Er hat Angst vor dem Tod. Wie süß. Genauso eiskalt wie Marbas vor zwölf Jahren blicke ich den Offizier an und drücke ab. Die Kugel trifft ihn exakt zwischen seinen Augen. Als letzte Reaktion schießen seine Augen auf, die nach seinem schnellen Tod aufgerissen bleiben.

Irgendwie haben Leichen doch etwas Ästhetisches an sich. Sie liegen, sitzen oder hängen nur noch da, in einer bestimmten Position. Ihre Augen sind entweder weit aufgerissen - das bringt ihre Farbe zur Geltung - , leicht geöffnet und emotionslos - hat auch Etwas, dass ich nicht definieren kann - oder geschlossen. Letzteres sieht auch aus, als würden sie friedlich schlafen.

Dieser Offizier sieht gar nicht mal so schlecht aus, weshalb ich von seinen grau-grünlichen Augen fasziniert bin. Erst jetzt habe ich diese interessante Zusammensetzung der Farben bemerkt, weil er jetzt nicht mehr versucht, mich so finster wie möglich anzusehen. Er hat mit seinen Augenlidern immer die Hälfte seiner Iris verdeckt.

Genug der Begutachtung. Ich verabscheue ihn zwar, jedoch erweise ich ihm die letzte Ehre, falls er noch eine gehabt hätte, verbrenne ihn und begrabe eine Urne mit seiner Asche darin in einem abgelegenen Friedhof, der schon seit Jahrhunderten nicht mehr genutzt wird.

Ich gehe zurück in mein Haus - eher ein Bunker - und säubere den Keller, weil die Kugel den Kopf des Offiziers durchbohrt hat. Sie ist nicht einmal im Schädel stecken geblieben, sondern plump auf den Boden gefallen und liegt da mit einigen Spritzern des zähen dunklen Blutes drumherum. Er hat anscheinend viel Sauerstoff aufnehmen können. Wenigstens eine Sache, die er gut konnte außer sterben. Er hat meiner Meinung nach gar keine Erfahrungen im Militär gesammelt und war damit leichte Beute. Ich habe ihn problemlos gefangen nehmen können, ohne meine Kräfte anzuwenden. Die Knoten in den Schnüren, mit denen ich ihn gefesselt habe, sind auch nicht besonders kompliziert gewesen. Er ist trotzdem zu unfähig gewesen, sich irgendwie entfesseln zu können. Es ist zwar gut für mich, aber überraschend ist es trotzdem.

Ich eile durch den Flur und gehe die Treppe hinauf, um in den ‘normalen’ Teil meines Hauses zu gelangen. Unten im Keller sind zusätzlich mehrere Stockwerke, die alles beinhalten, das mit Hexenkräften, Kräutern, Büchern der Hexerei, Waffen und im letzten Eck mit Folter zu tun hat. Oben sieht es aus wie ein gewöhnlich eingerichtetes Haus, das etwas zu groß für eine Person ist. Da ich aber nichts dafür kann und allein an einem abgelegenen Ort leben muss, um zu überleben, ist hier gar nichts mehr so unnormal.

Außerdem brauche ich viel Platz für meine... Utensilien.

Ich stürme zum Bad, um mich zu duschen. Der Kopfschuss hat ihm mehr Blut gekostet als üblich. Das Opfer verliert zwar bei einer tödlichen Kopfverletzung immer viel Blut, aber bei ihm ist wahrscheinlich die Hälfte seines ganzen Blutanteils herausgeflossen. Meine Kleidung ist zwar vollkommen schwarz, aber es ist ziemlich unbequem, mit blutüberströmten Sachen umherzulaufen. Es klebt. Ich ziehe mein Top und meine enge Jeans aus. Gefolgt von meiner Unterwäsche und ich stelle mich unter die Dusche. Bei mir dauert es glücklicherweise nicht sehr lange, bis ich fertig bin. Meine dunkelrot gefärbten Haare, die ich mir selbst zu einem Bob geschnitten habe - erstaunlich gut - sind kein Problem zum Waschen. Ich trödle auch nicht herum, also bin ich nach ungefähr zehn Minuten schon fertig, überprüfe noch einmal an meinem ganzen Körper, ob ich eine Stelle übersehen habe, aber es ist alles sauber. Gut, dann kann ich ja raus.

Ich gehe schnell aus der Dusche, um mir zwei Handtücher zu nehmen. Eins für meine Haare und eins, das ich mir um meinen Körper wickle. Auch bei meinen doch ziemlich kurzen Haaren mache ich aus Gewohnheit einen Turban.

Ich betrachte mich im Spiegel. Im Gesicht habe ich aber noch einige Blutflecken nicht abgewaschen. Wie habe ich das geschafft? Egal, ich drehe den Wasserhahn auf und spüle mir das Gesicht mit meinen Händen. Ich wiederhole dies so oft, bis jeder noch so kleine Spritzer weg ist.

Kurz bevor ich mich vom Spiegel abwende, gucke ich nochmal genau hinein. Meine Narbe... Wieso wirkt sie gerade so groß? Sogar noch größer, als sie eh schon ist. Sie zieht sich wie die Wunde, die mir Marbas vor zwölf Jahren verpasst hat, über die linke Seite meines Gesichts, beginnt knapp über meiner Augenbraue und endet an meiner Kieferpartie. Wie sehr ich sie hasse. Sie erinnert mich zu sehr an das Arschloch, das mir meine Familie geraubt hat. Ich war erst sechs! Ich bin zwar eine dunkle Hexe, habe vielleicht die einen oder anderen arroganten und nicht ganz so heldenhaften Eigenschaften, aber er ist doch weitaus verhasster als ich! Ich will nur Gerechtigkeit! Ihm soll dasselbe passieren, das meiner Familie passiert ist. Ich werde ihm dieselbe Wunde verpassen, die ich bekommen habe. Ich werde ihn töten. Jetzt bin ich ihm einen großen Schritt näher gekommen durch den Schwächling, der mir alles erzählt hat. Wenn er mich jetzt noch angelogen hat... Nein, kann nicht sein, dafür war er zu sehr von meinen Kurven abgelenkt. Ich bin zwar dünn und trainiert, aber ich habe das Glück, eine sehr definierte Figur zu haben, auch wenn ich dünner als manch andere bin. Er hat mir ehrlich in die Augen gesehen, als er mir gesagt hat, dass ich es doch niemals überleben würde. Doch es kann sein, dass er mich ausgetrickst hat. Naja, wenn das der Fall sein sollte, dann sprenge ich sein ‘Grab’, dann hat er auch den letzten Rest seiner nicht vorhandenen Ehre verloren. Ist mir recht. Er hat zwar zu ehrlich auf mich gewirkt, aber es kümmert mich kein Stück, was mit seiner Asche passiert.

Apropos, ich muss mir einen Plan überlegen. Ohne einen Plan wäre ich aufgeschmissen, da muss ich dem Toten bedauerlicherweise Recht geben.

Ach, das kann bis morgen warten, so spontan kann ich mir dazu nichts einfallen lassen. Ich muss vorher ausgeschlafen sein. Mit ausgeschlafen meine ich höchstens drei Stunden, mehr brauche ich nicht. Ich bin produktiv und muss nicht viel schlafen. Gute Kombination, wenn da nicht meine dauerhafte Müdigkeit dadurch wäre. Sie stört mich zwar nicht mehr, aber so ein paar Spuren hat sie übrig gelassen… Augenringe… leichenblasse Haut… okay, nein, die habe ich sowieso.

Wieso mache ich mir gerade darüber so viele Gedanken? Ich sollte mir lieber die wenigen Informationen, die ich habe, aufschreiben. Wo geht es besser, als auf einem Handy? Ich lebe zwar beinahe buchstäblich hinter dem Mond, aber Internet gibt es auch hier. Ich hole mein Handy aus dem Wohnzimmer und tippe alles ein, das ich vom Offizier erfahren habe.

Ich sollte mir auch eventuell einen Wecker stellen, bevor ich zu viel schlafe… sechs Uhr dürfte akzeptabel sein, wenn ich spätestens um vier Uhr schlafen gehe.

Wie spät ist es jetzt eigentlich? Zwei Uhr siebenunddreißig? Wow, ich habe länger gebraucht, als ich dachte. Trotzdem habe ich noch genug Zeit, bevor ich zu müde sein werde.

Zurück zum Wichtigen. Ich werde morgen aufbrechen müssen, also bleibt mir nichts anderes übrig, als schon einmal meine Sachen zu packen und in mein Auto zu verstauen… Mein ausgeliehenes Auto… ich kann fahren, ich habe nur die Prüfung verpasst… und die Fahrstunden...

Diese ganzen Stützpunkte sind nicht mal so schlecht, man kann sich schnell ein Auto der Angehörigen unter den Nagel reißen. Sie wollen ja ihre auch so ‘tapferen’ und ‘ehrenvollen’ Soldaten so oft wie möglich besuchen und mit Umarmungen beinahe erwürgen. Mir wäre es lieber, wenn sie wirklich zu fest drücken würden und ihnen die Kehlen zerquetschen. Dann hätte ich weniger zu tun, was sich beim Infiltrieren als sehr praktisch erweist.

Direkt neben dem Bad ist mein Schlafzimmer, ich hoffe nur, dass ich meine Taschen auch da drin und nicht woanders hingebracht habe. Nachdem ich mir ein lockeres T-Shirt und eine Jogginghose zum Schlafen angezogen habe, suche ich augenblicklich nach den Sporttaschen. Koffer sind für mich zu unpraktisch. Zum Glück, ich habe sie hier gelassen. Zwei Taschen reichen aus, eine für meine Kleidung, eine für alle möglichen Waffen und Verpflegung. Letztere ist zwar wichtig, aber irgendwie muss ich die Waffen verstecken und sie einfach unter die Klamotten zu werfen, ist zu leicht und auffällig. So kann ich Wurfmesser in Cookiepackungen und Pistolen mit deren Munitionen in Brotboxen stecken. Das klingt idiotisch, aber es sind geniale Verstecke, weil das gar keiner erwartet. Meinen Dolch behalte ich bei mir, genauso wie meinen Colt. Das sind unter Anderem die letzten Überbleibsel meiner Familie außer ein paar Bilder und das einzige Kleid, das ich besitze. Unser Haus war nach dem Angriff fast gar nicht zerstört, weshalb ich ein paar Sachen mitgehen lassen konnte. Jedoch wusste ich auch mit meinen sechs Jahren, dass ich da nicht bleiben konnte.

Die Bilder nehme ich immer mit, wohin auch immer ich gehe. Ich glaube nicht an Schutzengel, aber ein wohliges Gefühl habe ich deswegen trotzdem. Soll ich das Kleid dieses Mal auch mitnehmen? Wer weiß, vielleicht stellt es sich als nützlich heraus.

Jetzt muss ich schlafen gehen, es ist fast vier Uhr. Ich lege mich in mein großes Bett und versuche, einzuschlafen. Ich bin Marbas näher gekommen als je zuvor… Ich darf jetzt nicht versagen… meiner Familie zuliebe.

Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache…

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