CREATURES - Blutige Rache

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Kapitel 2

Sie rennt durch Trümmer. Alles ist dunkel. Nichts ist zu sehen. Sie fällt in ein Loch. Wo ist sie? Der Fall war kurz, die Landung überraschend weich. Was ist das für ein Boden? Sie blickt nach unten. Sind das… Menschen? Nein, Hexen, Dämonen, Feen, Wendigos, Engel, Banshees, alle möglichen Kreaturen liegen auf dem Boden. Aber sie regen sich nicht. Erst jetzt bemerkt sie das ganze Blut, das durch Kleidung gesickert ist und an ihrem Körper klebt. Sie sind alle tot!

Sie bekommt eine Panikattacke. Sie kann nicht mehr atmen. Heiße Tränen fließen hinunter. Aber sie sind nicht normal… Es ist Blut. Am Rande des Wahnsinns wirbelt sie unkontrolliert ihren Kopf hin und her, sie dreht sich um. Ein Spiegel. Eine Frau ist im Spiegel. Bloody Mary. Aber sie hat ihren Namen doch nicht dreimal gesagt…

Der Geist kommt näher und verlässt den Spiegel. Sie spuckt mittlerweile auch Blut und spürt nichts anderes als Schmerzen.

Neben dem Geist aus dem Spiegel tauchen zwei andere Gestalten auf.

Mom… Draven… Beide haben tiefe, pochende Wunden in ihrer Brust. Ihre Augen sind tot.

Beide sprechen im Chor: “Amaya. Wieso hast du das getan? Wieso bist du abgehauen? Du hättest uns retten können! Wir hätten noch leben können!”

“Nein… NEIN!”, sie verliert den Verstand, schlägt um sich, will alles um sich herum zerschlagen, trifft aber immer wieder ins Leere.

“Amaya…”, langsam dreht sie sich um. Rhys Marbas…

“Willst du deine Familie wiedersehen? Komm zu mir. Du hast nichts mehr. Du kannst nur noch versagen. Versage ein letztes Mal.”

“NEIN!!”

“NEIN!!”, schweißgebadet springe ich aus meinem Bett und greife instinktiv nach meinem Dolch.

“Wo bist du, Marbas? Zeig dich!”, ich wedle wild mit meinem Dolch, in der Hoffnung, ihn irgendwie zu treffen, “Du verdammtes Arschloch, sei kein Feigling! Kämpf mit mir! Na los!”, alle Kampftechniken, die ich je gelernt und mir selbst beigebracht habe, sind vergessen. Ich trete und schlage, ich will jemanden mit dem Dolch erstechen, zerschneiden. Ich nehme meinen Colt und schieße ziellos durch die Gegend. Jetzt muss ich ihn doch getroffen haben! Ich öffne jede Tür, jedes Fenster, gucke in jeden noch so kleinen Spalt, aber nichts.

Es war ein Traum…

Oh nein… meine ganze Wand ist zerlöchert. Die Hälfte meiner Tapete ist zerschnitten, alles ist zerstört… Wie konnte das ein Traum sein? Es fühlte sich so real an…

Ich bin an allem Schuld… ich hätte mehr tun sollen. Ich hätte kämpfen sollen. Verdammt nochmal, ich bin doch eine Hexe! Auch mit sechs Jahren bin ich stark gewesen! Ich hätte es mit Marbas aufnehmen können! Wieso bin ich dann nur dagesessen? Ich Dummkopf, wieso?! Meine Familie wäre noch am Leben. Sie sind tot… Zwölf Jahre sind vergangen… ZWÖLF! Zwölf Jahre lang bin ich allein! Zwölf Jahre lang muss ich um mein Überleben kämpfen! Zwölf Jahre lang muss ich weitgehend untertauchen, meinen Tod vortäuschen! Er hat mein Leben ruiniert!

Ich fange an zu weinen. Wann habe ich das letzte Mal geweint? Ich kenne dieses Gefühl gar nicht mehr… Ich hasse es… Aber es ist so befreiend… fast schön… angenehm… Meine Familie… ich muss sie rächen, koste es, was es wolle.

Marbas, wenn ich dich kriege…

Moment mal… Marbas! Wie viel Uhr ist jetzt eigentlich? Halb neun?! Ich bin viel zu spät dran und brauche noch einen Plan!

Keine Zeit, ich überlege mir einen während der Fahrt. Ich ziehe mir hastig schwarze Sachen an, mache mich nicht mal richtig fertig und stürme in mein Auto. Zum Glück habe ich die Taschen schon gestern gepackt. Ich habe alles, was ich brauche, jetzt muss ich nur noch das nächstbeste Hotel finden, das so nah am Stützpunkt wie möglich ist.

Zum Glück ist das bei Peru nicht sonderlich schwer. Ich habe schnell ein Hotel gefunden, das nicht nach einer Todesfalle, sondern eigentlich ziemlich elegant aussieht. Ich glaube, ich werde da tatsächlich mein Kleid benötigen. Ich wusste doch, dass es nützlich sein wird. Make-Up habe ich auch immer dabei, wenn ich so eine hochnäsige Diva spielen soll. Ich kann mich gut schminken, ich mache es nur nicht oft. Außerdem dient das Make-Up dann primär dazu, meine Narbe zu verdecken.

Ich habe eine Schwachstelle an der Grenze gefunden, an der man problemlos durchfahren kann. Natürlich ist das nicht ganz legal, aber wen interessiert es hier denn schon? Zudem: Ich habe erst gestern jemanden umgebracht, dagegen ist das hier gar nichts.

Okay, zuerst muss ich nach einer Tankstelle suchen, der Tank ist langsam leer. Werde ich da genug Zeit auf der Toilette haben, um mich umzuziehen und zu schminken? Ich hoffe einfach mal, ich werde mich ja beeilen.

An einer schäbigen Tankstelle angekommen tanke ich erst mein Auto und bezahle. Ausnahmsweise. Der Typ an der Kasse sieht ganz sympathisch aus… für meine Verhältnisse… ich glaube wir werden uns verstehen.

“Hey, wo ist hier die Toilette? Ich bin spät dran und müsste mich noch fertig machen.”

“Wo müssen Sie denn hin, dass ein normales Outfit nicht reicht?”

“Ich bin ebenso wenig begeistert davon, aber es ist Pflicht. Eine Gala… Ich gehöre zu den Mitwirkenden, deswegen muss ich so früh da sein. Also?”

“Den Gang runter und die erste Tür links.”

“Vielen Dank”, die Unterhaltung war… angenehm. Wenigstens einer, der genauso spricht wie ich. Aber seit wann sprechen die Leute hier nicht nur Spanisch oder Aymara? Egal, keine Zeit, darüber nachzudenken. Oder… ist es vielleicht einer der Soldaten oder gar ein Agent auf Marbas’ Seite? Und ich bin ihm gerade in die Falle getappt? Ich muss mich beeilen. Aber ich kann nicht aus einem Fenster klettern, das wäre zu verdächtig. Dann werde ich eben selbstbewusst zurück zum Auto schreiten. Wird schon schiefgehen.

Auf der Toilette ziehe ich innerhalb von Sekunden mein T-Shirt und meine Jeans aus und mein Kleid an. Ein langes, langärmliges, schwarzes, enges Kleid. Unten am Rock verläuft es in ein Blutrot und am linken Bein ist es aufgeschnitten. Ein äußerst elegantes Kleid, das meine Mutter früher sehr oft getragen hat. Ich habe es schon immer geliebt, deswegen bin ich auch froh, dass ich das noch gerettet habe nach der Katastrophe. Die Schuhe ziehe ich später an, ich will noch fahren können.

Also zum Make-Up. Ich bin kein Guru, was das angeht, aber manche Tutorials sind da überraschend gut. Mit der Foundation, wie man das nennt, kann ich wunderbar meine Narbe vertuschen. Sonst improvisiere ich einfach. Lidschatten… wird nicht so auffällig, ein relativ dunkler Braunton und erledigt. Noch Lidstrich und Wimperntusche und ich bin fast fertig. Als Lippenstift nehme ich ein sattes Rot, das perfekt zu meiner Haarfarbe passt. Meine Haare sind sowieso immer glatt, da brauche ich nichts zu machen.

Okay, ich bin fertig und es hat nicht einmal lange gedauert. Ich denke, das war jetzt sogar eine neue Rekordzeit.

Ich sehe verdammt nochmal gut aus.

Ich ziehe meine hohen Schuhe lieber doch an, dann kann ich besser umherschreiten und so den ‘Kassierer’ nochmal schön ablenken. Die Emanzipation der Frau in Ehren, so kriegt man einfach immer noch jeden Mann um den Finger gewickelt. Ich nutze es nur in passenden Situationen, um das zu erreichen, was ich will. Es klappt einfach jedes Mal.

Gesagt, getan. Auch die gewünschte Wirkung ist eingetreten. Die Wollust in den Augen des Kassierers ist noch deutlicher zu sehen als die in den Augen des Offiziers. Ich reagiere nicht darauf und stolziere weiter und hinaus aus diesem heruntergekommenen Laden der Tankstelle. Ich gehe in mein Auto und ziehe mir erst rasch wieder meine Boots an und fahre dann sofort los.

Am Hotel angekommen ziehe ich noch ein letztes Mal meine hohen Schuhe an und packe meine Boots in eine der Sporttaschen. Der Service ist gar nicht mal schlecht, sie werden mir sofort von einem Mitarbeiter abgenommen, damit ich sie nicht selbst tragen muss. Das heißt, ich kann wieder alle Blicke nur durch meinen Hüftschwung auf mich ziehen.

Ein schmaler blonder Mann mit einem fast zu breiten und strahlenden Grinsen steht an Theke. Wieso ist er denn so motiviert? Mag er Menschen? Widerlich…

Ich muss wohl mit ihm sprechen, wenn ich ein Zimmer bekommen will… Augen zu und durch…

“Guten Tag. Verstehen Sie mei-”

“Aber natürlich. Jeder Angestellte, der vorher nur die peruanischen Amtssprachen sprechen konnte, hat noch Englisch, Deutsch und Chinesisch als Minimum gelernt. Außerdem: Ich sehe nun nicht wirklich so aus, als käme ich aus Peru, nicht wahr?”, da muss ich ihm Recht geben. Erst ist zu blass, also ist er bisher kaum in der Sonne gewesen - wenn überhaupt.

“Na gut. Ich bräuchte ein Zimmer.”

“Haben Sie keins reserviert?”

“Nein. Um ehrlich zu sein war es sehr spontan, dass ich hierher gereist bin. An eine Reservierung habe ich dann nicht mehr gedacht.”

“Wieso war es denn so spontan?”, diese Fragen gehen mir auf die Nerven… okay, Amaya… alles gut… du wirst ihm nicht mit einem Messer um den Hals springen, weil er neugierig ist… du beherrschst dich…

“Meine Freunde haben mich zu einer Feier eingeladen, die hier in der Nähe ist. Ich konnte einfach nicht ‘Nein’ sagen.”

“Sie haben hier Freunde?”

“Ja, ich bin sehr oft unterwegs. Wenn ich es nicht besser wüsste, bin ich schon in fast jedem existierenden Land gewesen und ich habe auch überall einen kleinen Freundeskreis.”

“Beeindruckend! Also… Sie haben Glück. Wir haben hier ein freies Zimmer. Eine exquisite Suite mit jedem Service inklusive. Natürlich entsprechend teuer.”

“Die Kosten dürften für mich kein Problem darstellen. Ich nehme es gern.”

“Wunderbar. Wie lange bleiben Sie denn hier?”

“Nicht besonders lang. Es ist nichts genaueres geplant, aber länger als fünf Tage sollte es nicht dauern.”

“Na gut. Ich bräuchte nur noch Ihren Ausweis, Miss…?”

“Äh, Rutherford”, ich krame währenddessen meinen Geldbeutel heraus und suche nach dem richtigen gefälschten Ausweis. Wo habe ich ihn…? Ah, da. Catherine Rutherford.

Er nimmt ihn kurz, fragt mich noch nach meinen Bankdaten, damit sie die Kosten abbuchen können und gibt mir den Ausweis wieder.

“Hier ist Ihr Schlüssel. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt!”

“Vielen Dank”, ich drehe mich um und folge dem Angestellten mit meinen Taschen. Dieser Mann ist so nervtötend mit seiner positiven und quirligen Art. Dann kommt noch seine haarsträubende Neugier…

Hier sind tatsächlich mehr Leute, als ich gedacht habe. Allesamt mehr oder weniger elegant gekleidet. Ein Glück, dass ich dieses Kleid habe… Augenblick… der eine Mann… er kommt mir bekannt vor.

Ist es nicht der Kassierer aus der Tankstelle? Und er hat einen schwarzen Smoking an. Hätte er nicht so ein außergewöhnliches Gesicht, hätte ich ihn nicht wiedererkannt. Wie kam er so schnell hierher? Mein Verdacht hat sich zu meinem Leidwesen wohl bestätigt. Er ist auf Marbas’ Seite. Sekunde, er dreht sich um? Ach, verflucht, er hat mich gesehen!

Ich muss schnell die Treppe hoch.

“Verzeihung, könnten wir uns ein bisschen beeilen? Meine Beine schmerzen langsam nach dieser langen Einreise.”

“Selbstverständlich”, er beschleunigt sein Tempo. Ich folge ihm zügig und sehe nur noch aus meinem Augenwinkel, dass er mir hinterherläuft. Langsam werde ich nervös. Er darf mich nicht entdecken. Wir gehen durch den kompletten Gang und biegen am Ende nach links ab, kurz danach noch einmal und wir sind offenbar an meinem Zimmer angekommen.

Sobald er die Tür geöffnet hat, stürme ich schon fast hinein. Er schließt die Tür. Ich atme erleichtert auf. Ein Glück, er hat mir nicht folgen können.

“Das Zimmer scheint Ihnen zu gefallen?”

“Oh, ja. Es ist sehr schön. Sehr… elegant”, tatsächlich lüge ich in diesem Fall nicht. Es ist wunderschön, geschmückt, aber nicht zu extravagant.

“Wieso haben Sie eigentlich nur… Sporttaschen?”, er blickt sie bizarr an. Er sieht fast schon angewidert aus.

“Mein Koffer wurde bei meinem letzten Flug bedauerlicherweise beschädigt. Ich bin bisher nicht dazu gekommen, einen neuen zu kaufen. Da ich aber ziemlich sportlich bin, habe ich zum Glück noch Sporttaschen”, zufrieden? Anscheinend, seine Miene hellt sich wieder auf.

“Wenn das so ist. Bräuchten Sie noch Hilfe, steht Ihnen der Service jederzeit zur Verfügung. Rufen Sie einfach an oder kommen Sie zur Theke.”

“Das werde ich mir merken. Dankeschön”, mit einem kleinen Lächeln zum Abschied verlässt er die Suite. Ich bin endlich wieder allein.

Zeit, mir den Rest meines Plans zu überlegen. Ich hole den Grundriss des Stützpunkts hervor und breite ihn auf dem nächsten Tisch aus. Wo könnte er sich am ehesten aufhalten? Im Offizierskasino wird er bestimmt nicht sein, dafür ist er zu akkurat. Wahrscheinlich ist er im Hauptquartier oder in der Kaserne… da sind aber zu viele Soldaten.

Wenn ich ihn aber in diese Ecke locken kann, müsste ich unentdeckt bleiben und wir wären allein… Die Stelle ist zwischen zwei Gebäuden am Rand des Stützpunkts und Kameras gibt es da nicht. Jedenfalls keine, die in meine Richtung zeigen würden. Ich werde seinen Tod genießen… Das sollte man zwar eigentlich nie, diesen Respekt haben auch wir Kreaturen des Bösen, aber er hat es mehr verdient als jeder andere.

Der Plan ist nicht idiotensicher, jedoch gibt es keine besseren Möglichkeiten. Entweder ich bin erfolgreich und Marbas ist tot, oder ich werde gefangen genommen, gefoltert und schließlich umgebracht. Nein, ich muss erfolgreich sein. Ich MUSS!

Ich muss mich noch ein letztes Mal umziehen. Raus aus meinem Kleid und rein in ein weiteres enges schwarzes Top und eine relativ weite schwarze Hose. Noch meinen Waffengürtel und alle Waffen, die ich mit dabei habe. Fertig.

Gut, dass meine Waffen nicht besonders viel beim Klettern und Schleichen stören. Mit einem Auto oder Motorrad kann ich nämlich nicht einmal in die Nähe des Stützpunkts gelangen, ohne bemerkt zu werden. Es gibt einen… nennen wir es mal ‘Hintereingang’, der zwar ebenfalls von Soldaten bewacht wird, aber wesentlich leichter zu betreten ist als der Haupteingang.

Okay, wie komm ich hier jetzt so unauffällig wie möglich raus? Mit dem Outfit und den ganzen Waffen kann ich mich in der Lobby nicht blicken lassen. Sind hier Menschen auf der Straße zu sehen? Wenn nicht, dann könnte ich einfach aus dem Fenster klettern. Es ist sowieso nur der erste Stock.

Ich gehe zu einem der Fenster in meinem Zimmer, öffne es und lehne mich weit hinaus, um die ganze Straße sehen zu können. Keine Menschenseele und Kreatur weit und breit zu erkennen. Ein Glück. Ein perfekter Zeitpunkt, um herauszuklettern. Ich klettere über das Fensterbrett und suche nach irgendwelchen Einkerbungen, an denen ich Halt finden kann. Verdammt… das Hotel ist entweder sehr neu oder wurde neu saniert...ich werde nirgends Halt finden… dann muss ich wohl komplett hinunterspringen. Gar nicht mal so gefährlich, wenn man bedenkt, dass ich eine Hexe bin und eine meiner Kräfte die Absorption jeglicher anderen Kraft und Energie anderer Kreaturen und Menschen ist. Solange ich mich nicht umbringe, kann ich damit Verletzungen heilen und wieder fit werden. Ich könnte damit sogar andere umbringen, was ich bisher aber nur selten gemacht habe.

Ich stoße mich von der Wand ab und lasse los. Der Fall ist sehr kurz, kaum realisiert man, dass man fällt, ist man schon gelandet. Ich bin aber offenbar falsch auf mein rechtes Bein gelandet, mein Knöchel tut ein wenig weh. Trotzdem kann ich die Schmerzen gut ausblenden, ich habe schon wesentlich schlimmere Verletzungen gehabt.

Ich eile durch enge Gassen und Straßen, diese Gegend ist fast schon apokalyptisch. Lima ist doch eine große Stadt… wie kann es hier so leer sein? Wahrscheinlich liegt es daran, dass hier ein militärischer Stützpunkt vorhanden ist. Eine letzte Straße, durch die ich laufen muss. Mit hastigen Schritten nähere ich mich dem Gebäude. Über den Zaun werde ich problemlos klettern können. Moment mal… sind da Wachen am Zaun? Ernsthaft? Es ist noch nicht mal Abend, da brauchen die doch nicht jetzt schon alle zwei Meter eine Wache hinzustellen. Wie soll ich jetzt meinen Plan umsetzen? Fuck!

Okay… ruhig bleiben, Amaya… das Wichtigste ist, dass du einen kühlen Kopf behältst… na gut, ich muss ein Haus hochklettern, um mir einen Überblick verschaffen zu können. Ich klettere das nächstbeste Haus hoch und stehe nach schätzungsweise fünf Minuten auf dem Dach.

Wie ist nun die Lage? Da ist direkt der Hintereingang… oh, ein Wareneingang. Und da sind vier Lastwägen, die alle hineinfahren wollen. Das nenne ich doch mal Glück im Unglück. Ich werde mich problemlos in einem verstecken können. Was ich mit den Soldaten, die die Tür öffnen werden, anstelle, überlege ich mir noch.

Ich klettere das Haus wieder runter und sprinte lautlos zu den Wagen. Zur Sicherheit dringe ich in den letzten ein, dann merken die anderen nicht mehr, dass etwas passiert. Ich verlangsame mein Tempo und schleiche mich an den offenen Lastwagen, um rasch hineinzuspringen. Ich setze mich hinter eine der größeren Kisten und warte, bis die Tür geschlossen wird. Das dauert erstaunlich lang… was machen die da? Trinken Sie noch genüsslich einen Kaffee? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Es wird eher Bier sein.

Endlich, ich höre Schritte und Stimmen, die sich meinem Lastwagen nähern.

“Hast du alle Kisten nochmal überprüft? Sind alle Waffen sicher?”

“Ja.”

“Und die Munition? Die Granaten? Die Rauchbomben?”

“Es ist alles sicher, beruhige dich!”

Waffen… Munition… interessant. Ich könnte mir meinen Vorrat nochmal auffüllen… in meinen Hosentaschen habe ich noch genug Platz, um Munition und Rauchbomben hineinzustopfen. Für die Granaten habe ich einen Gürtel, den ich füllen kann. Zwei neue Gewehre, die ich über meine Schulter werfen kann und noch zwei neue Revolver, die ich in mein Holster packen kann.

Natürlich muss es hier sehr dunkel sein, dass ich nichts erkenne. Glücklicherweise brauche ich auch kein Licht, um hier zurechtzukommen, ohne die Kisten umzuwerfen, weil ich meine anderen Sinne jahrelang trainiert habe. Ich kann auch nicht überall Magie anwenden, manchmal sind die menschlichen Wege gar nicht so unpraktisch. Vorsichtig, aber zügig gehe ich in Richtung Tür, um die Soldaten, die sie öffnen, zu ‘überraschen’.

Ein fröhliches Gelächter ist zu hören, ich spüre einen kleinen Ruck und der Motor wird ausgeschaltet. Ich bin angekommen. Ein bisschen Energie wird nicht schaden, also werde ich ein paar Kräfte absorbieren.

Das Lachen nähert sich dem Wagen und die Tür wird geöffnet. Das Licht dringt durch den immer größer werdenden Spalt und ich sehe einen lachenden Mann, der eine schlichte Uniform trägt.

Doch kaum blickt er in den Lastwagen, reißt er seine Augen auf, zieht seine Augenbrauen hoch und öffnet seinen Mund, als wenn er gleich schreien wolle.

“Überrascht?”, frage ich gespielt geschockt. Zwei weitere Soldaten rennen zu ihm und haben gerade vor, ihre Pistolen zu nehmen. Sie haben anscheinend noch keine Bekanntschaft mit einer dunklen Hexe gemacht…

“Ach, seht euch nur an, wie knuffig! So schnell werdet ihr mich nicht töten können”, mit dem Satz fangen meine Handflächen an, in einem tiefen Blau zu leuchten. Was die Männer noch mehr verschreckt sind wahrscheinlich meine Augen, die nun in einem grellen Weiß glühen, sodass ich schon fast wie eine Dämonin aussehe. Doch noch bevor sie etwas tun können, sinken sie nur zu Boden und fallen auf ihre Knie. Aus jeder Brust steigt jeweils ein dichter Rauch, der genauso blau ist wie das Leuchten in meinen Handflächen. Ihre Kraft, ihre Energie. Ich sammle sie mit meinen Händen und spüre, wie sie durch meinen Körper fließt. Es ist eine unbeschreibliche Hitze, durch die sich jemand sehr mächtig fühlen kann. Doch bevor ich sie alle umbringe, höre ich auf. Man darf nicht allzu viel Kraft absorbieren, sonst… explodiert man. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, als eine größenwahnsinnige Hexe sich damit selbst getötet hat.

Nachdem ich die letzten Zentimeter des Rauchs aufgesammelt habe, fallen die Körper der Soldaten zur Seite. Sie sind nur bewusstlos, aber es wird dauern, bis sie aufwachen.

Ich steige entspannt aus dem Lastwagen und sehe mich um.

Wo muss ich nochmal hin?

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