Streuner

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Summary

Alles, was er je wollte, war eine friedliche Familie. Alles, was er je bekam, war ein magischer Mafia Krieg. Arsen Sartori ist ein Ausgestoßener. Jeder weiß, dass seine Familie voller Verbrecher ist, doch selbst er kannte nicht ihr tiefstes, dunkelstes Geheimnis. Sie alle besitzen magische Fähigkeiten. Alle, außer ihm. Er ist, wie sie es nennen, ein Streuner, eine gewöhnliche Person in einer Familie von Begabten. Und nun da er es weiß, wollen sie ihn tot sehen. Nach all den Jahren, in denen er nur kanpp die Gewalt seines Vaters überlebt hat, ist er gezwungen gegen ihn zu kämpfen. Aber wie kann er gewinnen, wenn sie nicht einmal in der selben Liga spielen?

Genre:
Fantasy / Action
Author:
SummerStorm27
Status:
Ongoing
Chapters:
4
Rating:
n/a
Age Rating:
16+

Chapter 1

Rye atmete tief durch und setzte das falsche Lächeln auf, das sich inzwischen anfühlte wie eine zweite Haut. Sein Rücken streckte sich gerade, seine Augen funkelten auf, seine Hände zückten Notizblock und Stift als könnten sie es nicht erwarten ihrer Arbeit nachzugehen.

„Guten Abend, darf ich Ihre Bestellung aufnehmen?“

In seiner Stimme lag so viel falsche Begeisterung, dass er sich am liebsten übergeben hätte.

Die Mädchen am Tisch schienen es nicht zu bemerken. Sie kicherten verlegen und sahen einander an als hätten sie vergessen auszumachen, wer von ihnen als erstes sprechen sollte. Rye wartete mit dem aufgesetzten Lächeln eines geduldigen Kellners, während er im Hintergrund die Uhr ticken hörte. Es waren erst zwei Stunden vergangen. Noch eine weitere, bis er endlich gehen dürfte.

Als die Mädchen sich endlich auf eine Reihenfolge einigen konnten, hatte Rye es beinahe schon verpasst. Hastig schrieb er die Namen der überzuckerten Kakaomischungen auf, die sie haben wollte, schenkte ihnen ein letztes Lächeln und drehte sich auf dem Absatz Richtung Küche um. Sein Herz pochte wild. Er warf einen weiteren Blick auf die Uhr und fragte sich, was er sich erhofft hatte. Es war immer noch eine Stunde.

Er nahm sich ein bisschen mehr Zeit als eigentlich nötig war, um die Bestellung an die Küche weiterzugeben, bevor er einen vorsichtigen Blick hinüber zum Büro warf. Sein Vater verbrachte den heutigen Abend hauptsächlich mit Papierarbeit. Zweifellos saß er gerade mit zurückgeschobener Brille über einen Haufen Umsatzkalkulationen und Tabellen gebeugt, wie der großartige Geschäftsführer als der er sich immer präsentierte.

Die Chancen standen gut, dass er erst zur Ladenschließung wieder herauskommen würde.

Ohne dass Rye es bemerkt hatte, waren seine Finger in seine Hosentasche geglitten und tasteten nun über das Display seines Handys.

Eigentlich hätte er es gar nicht bei sich haben dürfen. Eigentlich hätte es in seinem Rucksack hinten im Pausenraum liegen sollen, wenn es nach den Regeln seines Vaters gegangen wäre, doch Rye würde keine ruhige Minute haben, wenn er es nicht stets in griffweite hätte. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es klingelte und er nicht antworten könnte.

Noch einmal sah er zu der Tür des Büros. Noch immer war sie fest verschlossen.

Vorsichtig zog er das Handy gerade weit genug aus seiner Tasche, um einen Blick auf das Display werfen zu können. Keine eingegangenen Nachrichten. Er wusste nicht, ob er erleichtert oder besorgt sein sollte, doch sein erster Instinkt war immer Sorge und es war schwer das vertraute Ziehen in seiner Brust zu ignorieren.

Keine Nachrichten waren nur gute Nachrichten, wenn man nicht realisierte, wie viele Gründe es gab, dass jemand nicht nach Hilfe rufen könnte.

„Schon wieder am Handy?“

Sein ganzer Körper zuckte zusammen, obwohl es nicht die Stimme seines Vaters war. Über den Rand der Durchreiche zwischen Küche und Ladenfläche lächelte Cassidy, eine weitere Kellnerin, ihn an als würden sie ein Geheimnis teilen, über das Rye nicht informiert worden war.

„Du weißt, statt auf eine Antwort zu warten, könntest du auch einfach selbst den ersten Schritt machen.“, sagte sie gut gelaunt und zwinkerte ihm zu. Rye war sich nicht ganz sicher, was es bedeuten sollte.

„Ich hab noch Schicht.“, entgegnete er stattdessen und steckte das Handy so tief in die Tasche wie er konnte, „Außerdem würde eh niemand rangehen.“

„Das kannst du nicht wissen, wenn du es nicht versuchst.“

Er antwortete nicht. Stattdessen trat er wieder nach draußen, bereit sich einem weiteren Tisch Kunden zu stellen, doch Cassidy hielt ihn mit einem ausgestreckten Arm zurück.

„Der Müll müsste raus gebracht werden. Bist du so gut?“

Mit einem Finger hielt sie einen halbleeren, schwarzen Beutel hoch und Rye nahm ihn nach kurzem Zögern an.

„Danke.“, sagte er schließlich, „Falls mein Vater fragt…“

„Bist du kurz auf der Toilette. Keine Sorge.“

Diesmal erwiderte er das verschwörerische Lächeln. Eilig trat er nach hinten ins Lager und von dort aus hinaus in die kühle Frühwinterluft des Hinterhofes. Hinter ihm schlug die metallverstärkte Tür zu als könnte sie das Kaffeehaus und die Kunden und seinen Vater und sein ganzes verdammtes Leben für immer aussperren. Er nahm sich einen kurzen Moment, in dem er einfach nur da stand, seine Augen geschlossen, seine Schultern entspannt und einen tiefen Atemzug nahm. Der Abend war kälter geworden als noch vor ein paar Wochen. Sanft rieselte Schnee herunter, doch es würde noch etwas dauern, bis er den Boden bedecken könnte.

Nach einem weiteren Moment zog Rye erneut sein Handy heraus und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt auf den Boden sinken. Er hatte sich immer noch nicht entschieden, was er schreiben wollte, als er das Textfenster öffnete. Unschlüssig schwebten seine Finger über dem Display, tippten etwas ein und löschten es sofort wieder.

Zu vieles, was er sagen wolle.

Zu weniges, was er tatsächlich ausdrücken konnte.

Letztendlich tippte er das erste ein, woran er denken konnte und sandte es ab, bevor ihm wieder Zweifel kamen. Es war alles, was er wirklich wissen wollte.

geht es dir gut?

Ein anderes Handy vibrierte. Rye fühlte sein Herz kurz stolpern. Er hatte vorher den leichten Geruch von Nikotin zwischen all dem Müll nicht bemerkt und nun war es alles, woran er denken konnte. Sofort sprang er auf und trat um den größten Container herum, groß genug, um einen Menschen zu verbergen. Zwischen Metall und Wand saß ein Junge, unscheinbar genug, um von der ganzen Welt übersehen zu werden. Er hatte seine Arme um den eigenen Körper geschlungen, das Gesicht verborgen in seinem Schal, doch selbst dieser konnte all die frischen Blessuren nicht verbergen. Zwischen seinen Fingern ruhte die glühende Zigarette.

Er sah nicht auf, als Rye näher trat, doch das tat er nie. Zwischen seinen Strähnen entdeckte Rye Blut.

Das Ziehen in seiner Brust verstärkte sich. „Schon wieder?“

Wortlos starrte Arsen auf das Display seines Handys, wo Ryes Nachricht eingegangen sein musste. Sein Mund war zu einer dünnen Linie zusammengepresst.

Rye glaubte nicht, sich jemals an diesen Anblick zu gewöhnen und doch musste er ihn ertragen.

Langsam hockte er sich vor ihn hin und streckte eine Hand aus. Arsens Augen zuckten zur Seite als wäre er besorgt, dass selbst ein kurzer Blickkontakt ihm physischen Schaden zufügen könnte.

„Komm mit.“, sagte Rye so sanft wie er konnte, „Drinnen ist es wärmer.“

Arsen sagte nichts, sah ihn nicht an, doch er drückte die Zigarette aus und nahm Ryes Hand.

So wenig, was er bieten konnte.


Arsen kannte Dunkelheit. Er hatte sie seit dem Tag seiner Geburt erfahren. Sich in ihr zurechtzufinden ohne den Verstand zu verlieren, war das erste, was man ihm gelehrt hatte. Das zweite, waren Schmerzen. Er wusste wie er mit einer blutenden Schläfe umgehen musste oder mit einer gebrochenen Nase oder dem alles überwältigenden Gefühl nach einem Schlag nicht mehr aufstehen zu können.

Es fühlte sich inzwischen an wie eine zweite Haut, die er überstreifte, wann immer die Dunkelheit ihn erneut einholte.

Doch dann kam Rye.

Und plötzlich hatte Arsen die Dunkelheit nicht mehr so gut verstanden, wie er immer geglaubt hatte.

Mit geübten Händen reinigte Rye die Wunde an seinem Kopf, seine Finger so vorsichtig darauf bedacht seine Haut nur an den nötigsten Stellen zu berühren, dass sie genauso gut eine Fliege hätten sein können. Arsen sah ihn nicht an, doch er war sich des Blickes, den Rye ihm gab, mehr als bewusst. Er kannte die Furche, die sich auf seiner Stirn bildete, wenn er voller Konzentration Blut abtupfte oder Desinfektionsmittel auftrug, die Mischung aus Wut und Sorge, die sich in seinen Augen spiegelte. Er hatte sie so oft gesehen.

Sie hatten sich in einem abgeschiedenen Teil des Lagerraums versteckt, so wie sie es immer taten. Die Tür war weit genug weg, dass sie sich rechtzeitig hinter Kisten und Regalen verbergen konnten, sobald sie ein Geräusch hörten, obwohl um diese Uhrzeit kaum noch jemand herkam. Rye hatte diesen Platz mit Bedacht ausgewählt, so wie er alles vorsichtig bedachte, was mit Arsen zu tun hatte.

Als würde er die Dunkelheit, die an ihm klebte, nicht erkennen können.

„Wer war es?“, fragte Rye plötzlich und Arsen spürte seinen Körper zusammenzucken.

Er atmete tief durch. Dies war ein sicherer Ort. Es gab keinen Grund sich zu fürchten.

„Niemand.“, antwortete er und zog an den Fäden seiner Hose. Sie war frisch aufgerissen von einem Sturz vor ein paar Stunden. Der Asphalt hatte den Stoff und die oberste Schicht Haut als Tribut gefordert, doch Arsen trauerte mehr seiner Näharbeit hinterher. Es würde sich nicht lohnen die Hose ein weiteres Mal zu reparieren.

Rye sah ihn aus den Augenwinkeln an und Arsen wandte seinen Blick noch weiter ab. Er hasste die Blicke der Menschen. Sie waren stets nur gefüllt mit Abscheu oder Furcht.

„Wenn er es wieder war…“, begann Rye und Arsen fühlte sein Herz stocken.

„Er war es nicht!“, warf er schnell ein, erschrocken darüber, wie laut seine eigene Stimme klingen konnte. Er spürte Ryes fragenden Blick auf sich und eine schwere Last in seiner Kehle. „Er war es nicht.“, wiederholte er etwas leiser, „Nur ein paar Jungs.“

„Aus unserer Klasse?“

Diesmal sagte er nichts.

Es war egal, wen er traf. Jeder in der Stadt kannte ihn und wusste, welcher Familie er angehörte. Sartori. Es war ein Name, den man nur hinter vorgehaltener Hand flüsterte, um ein weiteres Gerücht über ihre zwielichtigen Machenschaften zu teilen. Verbrechen, die nie aufgeklärt wurden. Morde, die es zu vertuschen galt. Geld, das in Blut gewaschen war. Selbst Arsen konnte nicht sagen wie viel davon wirklich der Wahrheit entsprach. Und er wollte es auch nicht. Die Geschäfte seiner Familie waren schmutzig. Er wollte nichts damit zu tun haben.

Und doch blieb er ein Sartori.

Die Menschen taten recht daran, ihn zu hassen. Jeder sollte das.

Und trotzdem saß Rye vor ihm, das einzige Licht in seiner allumfassenden Dunkelheit, mit Händen so sanft, dass sie seine Wunden schlossen, statt sie aufzureißen und Augen gefüllt mit Mitleid, statt grenzenlosem Hass. Arsen verstand ihn nicht, verstand nicht, wie jemand mit so viel Güte in seinem Leben existieren durfte ohne selbst zu zerbrechen.

Vielleicht würde der Tag noch kommen, an dem auch dieses Licht erlosch und Arsen wieder allein durch die Dunkelheit schreiten müsste.

Ryes Finger strichen ein Pflaster auf seiner Stirn glatt und Arsens Körper kämpfte zwischen dem Drang zurückzuzucken und sich weiter in seine Berührung hineinzulehnen. „Du weißt, du musst sie nicht schützen, richtig?“

„Ich schütze sie nicht.“, gab Arsen leise zurück, „Sondern dich.“

Etwas empört blinzelte Rye ihn an. „Ich bin nicht so schwach, dass ich vor solchen Typen Angst hätte.“

„Vielleicht solltest du das.“ Arsen zog seinen Schal höher, um sein Gesicht darin zu verbergen. Er wollte nicht gesehen werden. Nicht einmal von Ryes freundlichen Augen.

Neben sich hörte er wie Rye schwer ausatmete. „Und wenn wir mit den Lehrern reden?“

Arsen antwortete nicht. Es war eine Diskussion, die sie schon zu oft geführt hatten.

„Ich weiß, du denkst es ändert nichts.“

„Wird es auch nicht.“

„Sollte es aber!“

Arsen biss auf seine Lippe. Wäre er jemand anderes gewesen, hätte Rye vielleicht Recht gehabt. Doch für ihn gab es keine Hilfe. Nicht wenn er ein Sartori war.

„Es muss einen Weg heraus geben.“, murmelte Rye und es klang beinahe als würde er zu sich selbst sprechen, „Es muss… etwas geben…“

„Da ist nichts.“, gab Arsen zurück. Es gab nichts. Nur die Dunkelheit.

Ryes Hand berührte sein. Sanft wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. „Arsen. Lass mich dir helfen.“

„Das kannst du nicht.“

„Wenn wir zur Polizei gehen…“

„Das wird nichts bringen.“

„Du versuchst es ja nicht einmal!“

Arsens Körper zuckte zusammen. Automatisch riss er seine Hand weg von Rye und brachte sie hoch, um seinen Kopf vor einem Schlag zu schützen, der nie kommen würde. Seine Familie mordete und stahl und brach jeden, der es wagte, sich ihr in den Weg zu stellen. Er schreckte vor einer erhobenen Stimme zurück, die ihm nie etwas anderes als Freundlichkeit entgegengebracht hatte.

„Tut mir leid!“, rief er sofort. Es war vorbei. Rye würde ihn hassen. „Tut mir leid. Tut mir leid. Tut mir…“

„Hör auf dich zu entschuldigen.“ Rye griff ihn bei den Händen und zog sie sanft von seinem Gesicht herunter. „Du hast nichts Falsches getan.“

„Tut mir…“

„Arsen, ich schwöre bei Gott, wenn du dich noch einmal entschuldigst…“

Er beendete den Satz nicht. Vermutlich, weil er nichts hatte, womit er drohen konnte oder wollte.

Arsen biss sich auf die wunden Lippen und atmete tief durch. Rye war nicht sein Vater und auch nicht die anderen Jungen aus seiner Schule. Er war keine Gefahr. Nur Rye.

Er nahm noch einen Atemzug, bevor er den Mund wieder öffnete. „Du glaubst nicht mehr an Gott.“

Einen Moment lang schwieg Rye und Arsen konnte seinen Blick ungläubig auf sich brennen spüren. Dann erklang sein Lachen. Dasselbe Lachen, das Arsens Dunkelheit schon so viele Male vertrieben hatte. Ein Lachen, das tausend Alpträume in einen leichten Schlaf verwandeln konnte. Arsen hätte in ihm ertrinken können.

„Stimmt.“, brachte Rye schließlich hervor, „Das tue ich nicht. Aber weißt du woran ich glaube?“

Schweigend wartete Arsen ab. Ryes Finger lagen immer noch auf seinen Handgelenken.

„Ich glaube, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie sie manchmal scheint. Und dass wir sie ändern können, wenn wir es nur versuchen. Deswegen bitte ich dich, und das ist das einzige, was ich je von dir verlangen werde, komm zu mir, wenn du Hilfe brauchst, okay?“

Arsen spürte den Knoten in seiner Kehle. Er nickte, obwohl er wusste, dass er log. Rye könnte all seine Wunden sehen, seine Blessuren und sein Blut und all die gebrochenen Stellen seines Körpers, doch wenn er versuchen würde, ihm eine Hand entgegenzustrecken, um ihn aus der Dunkelheit zu zerren, würde er nur mit ihm hinab gerissen werden.

Die Welt war nicht schlecht. Sie war nur schlecht zu ihm.

Ryes Augen zuckten hoch zur Uhr, dann zurück zu ihm und wieder zur Uhr als würde Arsen nicht bemerken, wie viel Zeit er bereits mit ihm verbracht hatte. Wenn seine Abwesenheit auffiel, würde sein Vater wütend werden. Wenn sie ihn hier fanden… Arsen wollte sich nicht ausmalen, was dann passieren würde.

„Geh schon.“, sagte er leise, „Ich komme zurecht.“

„Bist du sicher?“ Doch der einzige, der nicht sicher klang, war Rye.

Arsen nickte, obwohl er ihn am liebsten festgehalten und nie wieder losgelassen hätte. Er brauchte dieses Licht. Die Dunkelheit war zu unerträglich geworden, wenn er wusste, wie es außerhalb der Schatten war.

Und doch konnte er dieses Licht nicht erlöschen lassen, selbst wenn es nicht für ihn scheinen würde.

„Ich kontrolliere nachher den hinteren Bereich. Dann sehe ich nochmal nach dir, aber du kannst gerne die ganze Nacht bleiben. Weißt du noch wo der Schlüssel versteckt ist? Und das Passwort für die Alarmanlage?“

Er nickte. Rye war sicher gegangen, dass er beides nie wieder vergessen würde.

„Okay. Schließ morgen früh einfach ab. Bis nachher.“

Er legte Arsen zum Abschied kurz eine Hand auf den Kopf, während er an ihm vorbei schritt. Die flüchtigste Berührung und doch wünschte Arsen sich, dass sie für immer anhalten würde.

„Pass auf dich auf.“

„Es tut ja sonst keiner.“


Arsen brach auf, bevor es Mitternacht wurde. Rye hatte den hinteren Teil des Ladens abgeschlossen, so wie er es gesagt hatte und ihm eine Decke für die Nacht gegeben, doch Arsen wusste, dass er nicht wirklich hier willkommen war. Hätten Ryes Eltern gewusst, dass er sich hier aufhielt, hätten sie alle Hebel der Welt in Bewegung gesetzt, um ihn für immer aus ihrem Laden zu verbannen.

Er wollte keinen Platz einnehmen, der nicht für ihn bestimmt war.

Stunden nachdem der letzte Kunde den Laden verlassen hatte, räumte er die Decke zurück in den Pausenraum, aus dem Rye sie zuvor genommen hatte, öffnete die Hintertür und schloss sie sorgsam wieder ab. Sein Körper hatte sich etwas erholt. Er schmerzte noch immer, doch die Welt verschwamm nicht mehr vor seinen Augen, wenn er sich etwas zu schnell bewegte und sein Kopf fühlte sich klarer an. Für eine Weile würde er ihn noch tragen.

Die Nacht war kälter geworden.

Arsen spürte den Wind auf seiner Haut beißen, selbst als er seine Hände tiefer in seinen Taschen vergrub. Beinahe wünschte er sich, er könnte umdrehen und Wärme im Kaffeehaus suchen, doch dies war nicht sein Zuhause.

Er hatte keines.

Also schritt er voran in die kalte Nacht hinein.

Es gab kein Ziel, auf das er zulaufen könnte. Technisch gesehen hatte er ein Zuhause, in das er vor Sonnenaufgang noch zurückkehren müsste, doch es war nur der Ort, an dem seine Eltern lebten und ihn großzogen. Nichts weiter als eine leere Wohnung ohne Wärme. Als er jünger gewesen war, hatte er den Unterschied nicht erkennen können. Es war ein Ort voller Schatten und versteckter Messer, ein Ort, an dem jedes Licht erlosch. Er hatte gedacht, das wäre wie es sein müsste. Doch dann hatte er Rye kennengelernt und seine Vorstellung von einem Zuhause hatte begonnen immer mehr nach Kaffee zu riechen.

Fester spannte er seine Hände zu Fäusten als könne er so seine Gedanken vertreiben. Haltlose Hoffnungen konnten gefährlicher sein als ein Messer, denn sie schnitten tiefer.

Er schritt den Fluss entlang, der die Stadt durchlief, als sein Handy mit einer Nachricht vibrierte. Die Uhr auf dem Display zeigte inzwischen fünf Minuten nach Mitternacht. Er musste nicht nachsehen wer es war, denn nur eine Person kannte seine Nummer.

Rye schrieb: Alles gute zum Geburtstag!! Dachtest wohl ich hätte es vergessen, oder? hehe. Ich hab sogar ein Geschenk für dich, aber wenn du es haben willst, musst du morgen in die Schule kommen. ;) Schlaf gut. Schreib mir, wenn du im Bett bist. Bis morgen~

Arsen spürte seine Mundwinkel zucken. In seiner Brust breitete sich eine Wärme aus, die selbst der stärkste Kaffee nicht hätte bieten können. Eilig versteckte er sein Gesicht hinter seinem Schal, bevor die Welt sein Glück sehen und es von ihm reißen könnte.

Bedächtig sah er hinauf in den Himmel. Zwischen den herabfallenden Schneeflocken sah er das Licht der Sterne glänzen. Dunkelheit, die durchbrochen wurde. Schatten, die zurückgetrieben wurden, obwohl sie alles verschlingen sollten. Er dachte an Rye und wie er in den Himmel blickte. Nicht als wäre es ein unerreichbarer Ort, sondern als könnte er einfach seine Hand nach ihm ausstrecken und jeden Stern herunterholen, den er wollte.

Als läge sein Schicksal nur an ihm.

Arsen war sich nicht sicher, woher er diese Zuversicht nahm, doch er beneidete ihn darum. Er hätte nur zu gern seine Hand ausgestreckt, selbst wenn der Versuch erfolglos blieb. Nur um nicht länger still zu stehen.

Er spürte den Schlag erst, als er seinen Rücken bereits getroffen hatte. Der Schmerz kam in einer heißen Explosion, die sich erst über sein Rückgrat ausbreitete und dann bis in seine Haarspitzen hochzog. Hart traf er auf das Gitter, das die Straße von dem Fluss trennte, auf. Seine Knie hatten einfach unter ihm nachgegeben.

Seine Ohren schrillten laut, doch nicht laut genug, um das Lachen hinter ihm zu übertönen. Als er ächzend über seine Schulter blickte, sah er die Gesichter einiger seiner Klassenkameraden, verzogen zu widerlichen Grimassen voller Hohn. An der Spitze der kleinen Gruppe stand Bradley Ross, den Baseballschläger immer noch auf seiner Schulter gelehnt. Sein Grinsen war am breitesten.

„Erwischt.“, sagte er mit einem beinahe schon spielerischen Klang in seiner Stimme. Ihm stand immer noch der Schweiß von einem weiteren Abend voller Training auf der Stirn. Es war ein vertrautes Bild. Seine Arme nackt trotz des kalten Wetters, wenn er wieder einmal zu lange aufgeblieben war, um seine Energie in Sport umzuwandeln und die Abscheu in seinen Augen, wenn er auf dem Heimweg Arsen begegnete. Arsen fragte sich, ob sie in einem anderen Leben Freunde hätten werden können. Sie schienen beide vor ihrem Zuhause davon zu laufen.

Mit einem Zucken seiner Schulter ließ Bradley den Schläger wieder sinken und kreiste ihn in seiner Hand, bereit für einen weiteren Schlag. Arsen schluckte, sich darauf vorbereitend, was als nächstes kommen würde. Der Schmerz war vertraut.

Von Bradleys Lippen sank das Lächelns. Es war das Zeichen, dass er fertig war mit spielen und der wahre Kampf anfangen würde.

„Schnappt ihn euch.“

Die Jungen stürmten auf ihn los. Arsen hob die Arme in dem verzweifelten Versuch seinen Kopf zu schützen, während die Schläge und Tritte seinen Körper trafen. Er spürte kalte Luft und heißes Blut und all den Hass, den die Welt zu bieten hatte. Und wie sehr sie ihn hasste. Wie viel Wut sie auf ihn richten konnte. Die Welt war nicht schlecht, sie wollte ihn nur nicht in ihr. Dunkelheit legte sich über ihn, bis er nicht einmal mehr den hellsten Stern am Firmament sehen konnte.

Sie ließen ihn liegen, als sie müde von ihrem Hass wurden. Jemand spuckte auf den Boden vor ihm und Arsen war überzeugt, dass er nicht auf den Boden gezielt hatte. Er blieb liegen, weil er müde vom Kämpfen war und seine Glieder bei jeder Bewegung schmerzten.

Nicht einmal Rye könnte ihn jetzt noch zusammenflicken.

Langsam drehte er sich auf den Rücken. Vom Himmel herab fiel der Schnee, dicht genug, dass er beinahe alle Sterne verdeckte. Arsen streckte die Hand aus, doch er wusste, dass der Versuch vergebens war.

Das Licht konnte ihn nicht erreichen.

re…

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