Jetzt.

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Summary

Das Jahr 2020. Ein besonderes Jahr voller Höhen und Tiefen. Doch wie fühlt sich das für eine Streifenbeamtin an, wenn plötzlich alles anders ist? Eine einfühlsame Kurzgeschichte aus dem Alltag einer Polizistin.

Genre:
Other
Author:
Rebecca
Status:
Complete
Chapters:
1
Rating:
n/a
Age Rating:
13+

Das Jetzt.

Der Handywecker klingelt. Fünf Uhr. Ich mache ihn aus und ziehe meine Decke noch ein wenig höher bis an mein Kinn. Ich möchte nicht aufstehen. Ich möchte nicht zur Arbeit. Das macht alles keinen Spaß im Moment. Meiner Katze ist das egal. Mit dem ersten Klingeln des Weckers, womöglich bereits dessen Klingeln erahnend war sie vom Bett gesprungen und lief nun in Richtung Küche. Ihr ist es egal, wie erschlagen ich mich fühle. Sie möchte ihr Essen. Jetzt.

Decke zurückschlagen, Füße aus dem Bett hängen, Handy vom Ladekabel angeln, aufstehen. Die Punkte kann ich von meiner imaginären To-Do-Liste streichen. Fehlt nur noch, die nächste Zwölf-Stunden-Schicht durch zu stehen.

Innerhalb der mir durch mein Vergangenheits-Ich zugestandenen halben Stunde schaffe ich es, mich anzuziehen, Zähne zu putzen, das Raubtier zu besänftigen und ein paar Brote zu schmieren. Für diese Leistung belohne ich mich, in dem ich mir noch eine Minute Zeit nehme, das Raubtier zu streicheln. Schnell verwandelt sie sich von einer Nervensäge zu einem schnurrenden Fellknäuel zu meinen Füßen.

Doch die Zeit wartet nicht. Unaufhaltsam wandert der Minutenzeiger. Zeit, zur Arbeit zu fahren. Gerne würde ich statt des Autos einen Zug nehmen. Doch Dank ländlicher Lage und reduzierter Fahrpläne fährt um die Uhrzeit noch kein Zug für mich; zumindest keiner, für dessen Fahrt ich mich nicht vor der Chefetage für mein Zuspätkommen zu entschuldigen hätte.

Mit dem Auto geht es über große und kleine Straßen. Es ist bedrückend leer. Einige Pendler, die auch um halb sechs Uhr morgens meinen, die Zeiten ohne Tempolimit noch ausnutzen zu müssen, überholen mich. Ich wiederum überhole einige Brummis.

Ich lenke mein Auto auf den Parkplatz. Angekommen vor der Dienststelle bin ich; zumindest körperlich. Es fühlt sich nicht so an, als wäre ich wirklich da. Alles ist ein wenig unwirklich, irgendetwas fehlt. Es ist ruhig. Erste Vögel trauen sich, ein paar Laute von sich zu geben. Der Wind spielt mit den Blättern und dem Müll auf dem Boden, sonst rührt sich nichts. Keine Nachzügler der örtlichen Disco, keine Kinder, die viel zu früh zur Schule müssen. Nichts.

Durch den Seiteneingang betrete ich die Dienststelle. Bereits nach Öffnen der Tür überlege ich, ob ich schon den ersten Fehler begangen habe. Habe ich sie mit der linken oder mit der rechten Hand aufgezogen? Wann kann ich die Hände wieder waschen? Und habe ich tatsächlich in die benutzte Hand gerade meinen Schlüssel genommen, mit dem ich gleich durch eine weitere Zwischentür muss? Hatte ich den Schlüssel nicht eben auch in der anderen Hand?

Verdrießlich schlurfe ich den Gang entlang. Vorbei an Büros mit übernächtigten Kollegen, vorbei an der Wache mit dem Knattern des Funks bis hin zum Gemeinschaftsraum. Die eine Hälfte gehört uns, den kommenden Kräften, die andere Hälfe den gehenden Kräften. Beide Hälften sind durch verschiebbare Wandteile getrennt. Kontakt ist zu vermeiden. Berührungspunkte auf ein Minimum zu reduzieren.

Ich stelle meine Tasche in eine Ecke und mache mich auf den Weg zu den Umkleiden. Vorbei geht es an weiteren Büros. Ich husche an den offenen Türen vorbei, einige blasse Gesichter blicken kurz von den Bildschirmen auf, andere reagieren zu langsam. Wer schnell genug ist, sieht kurz mein angedeutetes Nicken. Vielleicht ziert sogar ein müdes Lächeln mein Gesicht. Wer weiß.

Meine innere Diskussion, welche Hand ich benutzen würde, um die nächste Zwischentür zu öffnen, ersticke ich im Keim. Egal. Ich habe sowieso schon beide Hände irgendwie benutzt. Ich fasse den Türgriff der Frauenumkleide an. Wieder diese innere Diskussion. Hört das denn nie auf? Ich seufze.

Der Griff meiner vermutlich hochgradig kontaminierten Hand geht zum Lichtschalter. Flimmernd erwachen zwei Leuchtstoffröhren an der Decke und tauchen den Raum in weißes Licht. In wunderschön anmutigem Grau säumen die Spinde in Reih und Glied die Wände. Ein mit blauem Stoff überzogener Stuhl in der Ecke lädt solche Menschen zum Verweilen ein, denen vielleicht nicht bewusst ist, wie lange der Stoff dieses Behördenstuhls wohl schon nicht gereinigt wurde.

Mit gekonntem Griff schließe ich erst das Schloss meines Spindes auf und drehe dann den Knauf, der die Türen öffnet. Die Reihenfolge entscheidet über den Erfolg. Das denke ich auch mit meinem trägen Kopf, als ich erst das linke und dann das rechte Bein in meine blaue Uniformhose stecke. Weißes Shirt. Hemd. Schuhe. Mein Blick geht in Richtung Uhr. Ich bin immer noch zu früh. Gehe ich jetzt zurück in den Gemeinschaftsraum, begegne ich der anderen Schicht, die noch nicht die Gelegenheit hatte, dort ihre Sachen heraus zu räumen. Also muss ich langsamer machen.

Der alte Grundsatz, die Nachtschicht möglichst früh abzulösen, damit diese ihren wohlverdienten Heimweg antreten kann, gilt nicht mehr. Bedächtig blinzle ich die Uhr an. Geh. Weiter. Ich seufze, bücke mich nach meinem Übergürtel, meiner Einsatztasche und meiner Schutzweste und begebe mich gemessenen Schrittes in den Aufenthaltsraum. Blanke Tische und leere Stühle begrüßen mich. Die Gesichter der anderen Schicht huschen an der Tür vorbei, Konturen, die im Strudel der Distanz verschwimmen. Ich warte. Ich warte auf die einzigen Menschen, mit denen ich mit Ausnahme der Verkäufer und Verkäuferinnen meines örtlichen Supermarktes zwischen Arbeit, Einkaufen und Schlafen derzeit noch Kontakt habe. Ich warte auf meine Schicht.

Nach und nach tröpfeln sie in den Raum. Zwischen Begrüßungen und Handyleuchten bemerke ich, wie sich der Raum langsam mit Leben füllt. Durch einen Spalt der Zwischenwände zum Nachbarraum lugt ein Gesicht der Nachtschicht. „Alle da?“, fragt er. „Ja, ihr könnt.“ Während wir uns mit Handy und müdem Smalltalk bei Laune halten, schwärmt die Nachtschicht aus. Einsatzmittel wegbringen. Abrüsten. Umziehen. Danach übernimmt meine Schicht. Jetzt ist dies für die nächsten zwölf Stunden unser Revier.

Nach und nach erwachen auch die Menschen außerhalb unserer kleinen Welt. Mit den Menschen erwachen auch die ersten Probleme. Unfälle, Meldungen und Hinweise trudeln ein; auch der erste Einsatz für meinen Streifenpartner und mich. Eine Corona-Party wurde gemeldet. Was auch sonst.

Durch nicht mehr ganz so leere Straßen schlängeln wir uns durch den Verkehr zu unserem Einsatzort. Bis zum Beginn des Parks kommen wir mit unserem Streifenwagen. Dann blockiert ein Stein unseren Weg.

Türenschlagen. Kies knirscht unter meinen Schuhen. Abrupt bricht das Geräusch des festverbauten Funkgeräts aus dem Streifenwagen, das die meiste Zeit nur ein Hintergrundrauschen für mich darstellt, ab. Warm scheint mir die Sonne in den Nacken. Eine leichte Brise bewegt die Blätter einiger Bäume am Uferrand. Das Rauschen dringt bis in meine Ohren. Ich höre das Wasser des Flusses, den Gesang einiger Vögel und Kinderlachen. Mein Herz wünscht sich ein Eis und eine Decke am Uferrand. Fast schon sehnsüchtig blicke ich zu dem Dutzend Jugendlicher, die es sich einige Meter von uns entfernt bequem gemacht haben. Auf Decken und Handtüchern lungern sie auf der Wiese, Chips und Gummibärchen für den kleinen Hunger zwischendurch liegen bereit.

Leise Musik aus einem Lautsprecher deutet auf einen modernen, wenn auch nicht guten, Musikgeschmack hin. Mädchen und Jungs lachen miteinander und lassen ihre Füße ins Wasser baumeln. Gute Laune und Spaß liegen in der Luft.

Lagen in der Luft. Bis zum Türenschlagen. Dann blickten uns zwölf paar weit aufgerissener Augen erschrocken an. Wie ein Wespennest erwacht die Gruppe zum Leben, ich sehe erst auf einem Bein hüpfende und dann rennende Beine. Es fehlt nur noch die Staubwolke am Horizont. Innerhalb weniger Sekunden sind die Jugendlichen wie von Zauberhand verschwunden. Zurück bleibt Stille. Eine leere Wiese. Und ein Fußgänger, der mit Mundschutz und seinem Hund aus der Distanz uns zunickend an uns vorbei geht. Was für eine Zeit zu leben.

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