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Von Ebbe und Flut

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Summary

Ein alter Mann sucht die passenden Worte, um Abschied von seiner sterbenden Frau zu nehmen, an dem Ort, wo die Ebbe droht, sie einzunehmen.

Genre:
Romance / Drama
Author:
Patrick Gätje
Status:
Complete
Chapters:
1
Rating:
n/a
Age Rating:
13+

Von Ebbe und Flut - Eine Kurzgeschichte

Was nützt mir der Schlüssel zum Glück, wenn es keine Türen gibt? Oder nein, schlimmer. Wenn er in keine existente Tür hineinpasst, die Möglichkeit somit zum Greifen nah ist, mich doch im letzten Moment aufhält. Immer und immer wieder.

Was würde ich bloß dafür tun, diesen Ort zu betreten, wo mich die Sonne küsst. Hier und jetzt im tristen grauen Mondschein, der mich einschließt, mich davon abhält, frei zu sein. Meine Zehenspitzen lassen den Sand durchrieseln, während ich dem Meer dabei zuhöre, wie es meinen Namen ruft, mit einer Stimme, die mir bekannt vorkommt. Doch kann ich sie nicht identifizieren. Ein Zuschauer des Schauspiels, der Romantik des Meeres und des Mondscheins. Ein Tanz, ein Kuss der Reflexionen. Die Welt, sie leuchtet. Infinitum. In dieser Welt gibt es kein Verständnis von Raum und Zeit. Nur die Stimmen vom Hier und Jetzt und die Kälte, die an der Oberfläche meiner Haut kratzt. Sonst nichts. Ich drehe mich um. Mein Blick ist wässrig. Mein Kopf verstummt. Mein Herz dimmt zu einem minimalen Rot, welches dem Grau schon nah ist. Und mit jedem Schmerz, der sich aus meinem Herzen löst, entsteht ein neuer, schmerzvollerer. Und mit jedem Schritt, mit dem ich mich vom jaulenden Meer distanziere, distanzieren sich auch die Wellen von mir. Und der Wind verwandelt sich in einen Sturm. Ich erinnere mich an die Zeit, wo ich mich diesem stellen würde und stellte, doch nichts ist mehr, wie es einst war. Von Schwäche umschlungen, durchdrungen, eingenommen, setze ich mich zu dir in die Dünen.

„Scheint, als wäre bald Ebbe.“, sage ich, ohne meinen Blick von den zurückschreitenden Wellen zu nehmen. Würdige dir nicht mal einen Blick.

Es ist traurig, natürlich, wenn ein Leben sich langsam dem Ende neigt. Und so, nicht, weil ich es fühle, sondern weil die Gedanken mich zwingen, wende ich meinen Blick auf deine Haut:

Trocken, wie der Sand zu meinen Füßen und deine Augen nass, wie das Meer in der Ferne. Doch der Sturm hat dich schon lange verlassen. Nicht, dass es nicht überfällig wäre, doch traurig, natürlich, traurig ist es allemal. Doch weinen.. weinen.. der einzige Weg, wobei die Augen reden können, während der Mund nicht erklären kann, warum das Herz gebrochen ist. Doch kann ich das? Bin ich das?

Rückblickend auf die letzten fünfzig Jahre, merke ich, dass du mich zum glücklichsten Menschen machtest, der ich jemals sein werde und zum traurigsten, der ich jemals gewesen bin. Und das, obwohl ich es versuchte. Ich versuchte, meinen Frieden zu finden, meine Zukunft, meine Ziele, meinen Glauben, meine Liebe.. und mich selbst. Denn du, du starbst schon viel früher. Und so hoffte ich auf die Tage, wo dein Kaffee nach etwas Magie schmeckt, wo dich das Zwitschern der Vögel zum Tanzen bringt und der Sternenhimmel deine Augen zum Leuchten. Und so hoffte ich auf die Tage, wo du die Liebe zur Lebendigkeit wiederfinden würdest. Doch die Kälte verließ dich nicht. Nein, sie breitete sich stärker aus, als ich es mit Worten beschreiben kann. Bis in deine Zehenspitzen entzog sie dir des Blutes rote Farbe, des Herzens Kraft, sie zu fühlen. Als wäre sie echt und pur, als wär da noch ein Funke.. als wäre da noch..

Und dann waren da Momente, an denen ich die Euphorie unserer Zweisamkeit in mir festhielt, hoffte, glaubte, diese bis in die Unendlichkeit spüren zu können. Doch dann übernahm sie mich, die Kälte, mich, den Einzigen, der dir das Funkeln brachte, dir die Sonne zeigte, dich mit Wärme bewarf, dich in Rosen badete, dir zeigte, dass leben nicht bloß einatmen bedeutet, sondern auch..

Doch du, du atmetest nur ein, und ein.. und ein und entzogst mir jegliche Essenz, um lebendig zu sein. Und die Euphorie entzog sich meinem Körper, wie eine dunkle Rauchschwade. Ich sehe die Wellen vor mir, so deutlich, wie nie zuvor, obwohl diese immer weiter von mir zurückschreiten. Als wäre ich jener, der sie trieb. Als wäre ich zu fürchten. Als wäre ich der Geselligkeit schlimmster Albtraum, einfach jener zu verlassen. So geht doch! Als wäre das Meer bloß eine Farce, welche sich nicht schon in meinen Tränensäcken verankerte.

„Scheint, als wäre bald Ebbe.“, murmle ich vor mir her.

In dem Moment, wo ich mich zu dir drehe, färbt sich der Himmel rot. Und der Sturm wird stärker. Und ich denke nach.

Es gab Tage, wo ich mir wünschte, dich so zu verletzen, wie du mich verletzt hast. Doch obwohl ich dachte, was ich dachte, sagte, was ich sagte.. bin ich froh, dass du bis hier hin weiter atmest. Mir die letzte Kraft entziehst und neue schenkst. Denn auch, wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich dich niemals verletzen. Doch was, wenn es bloß der Versuch war, mir deine Liebe zu zeigen, eine Äußerung, die gegen die Wand meiner verzerrten Perspektive fuhr?

Wer Liebe will, muss den Schmerz überstehen. Auch, wenn dieser relativ ist. Und mit dieser Erkenntnis baue ich Brücken. Zwischen dem salzigen Meer und meinen Tränen. Ein Versuch, die Ebbe aufzuhalten.

Deine Hand zittert, als ich über ihre Falten streichle und mich frage, welch Geschichte in ihnen schlummert. Die aufgewandte Kraft einer einst jungen Dame des Widerstands? Das herzliche Feingefühl einer Mutter zweier wunderschöner Töchter? Die Passion einer von der Muse umschlungenen Malerin? Ich kenne dich doch gut. So gut, als wäre ich eins mit dir. Denn genau das bin ich doch.

Und deshalb habe ich Angst. Angst, meine Augen zu schließen. Angst vor der Dunkelheit, vor nichts als dieser Dunkelheit, vor diesem nichts ohne dich. Vor dem Alleinsein. Allein mit den Erinnerungen, welche am Ende nichts als..

„Scheint, als wäre bald Ebbe, hm?“, schluchze ich, während ich durch einen wässrigen Vorhang in deine Augen blicke.

Doch wie das Wasser das Meer am Leben hält, brauche ich dich zum Leben. Doch wie das Wasser entfliehst du meinen Fingerspitzen. Und so halte ich fest, solange es noch möglich ist. An den letzten Erinnerungen, um die Worte zu finden, die dich von mir losreißen. Doch weiß ich nicht, wo ich anfangen soll.

Als du mir beibrachtest, dass jene, die nicht an die Liebe glauben, niemals zu ihr finden werden? Dass ich immer jemand anderes sein wollte, bis ich auf dich traf, du mich liebtest und ich einfach ich selbst bleiben wollte? Bei unseren Tiefs, wo ich traurig war einen Traum zu haben und zu wissen, dass dieser niemals Realität werden würde? Bei unseren Hochs, wo ich jeden Sonnenuntergang gegen ein Blick in die Unendlichkeit deiner Iris tauschen wollte? Als ich hinunter auf die Erde blickte und einfach glücklich war, auf dem selben Grund zu stehen, wie du? Als ich hoch zum Himmel blickte und einfach glücklich war, dass wir unter der selben Oberfläche atmen? Oder bei den Tagen, wo ich alles dafür tat, unser gemeinsames Leben so perfekt wie möglich zu gestalten?

Doch am Ende zählt nicht, ob es perfekt war.. sondern ob es reichte. Denn hoffe ich nicht auf ein glückliches Ende, sondern darauf, dass es niemals wirklich endet.

Denn egal, wie oft du mich zweifeln ließt, wie oft unsere Schreie lauter waren, als der Sturm des Strandes, unsere Tränen voluminöser, als das Wasser des Meeres und unsere Wut kräftiger, als das Rot des Mondscheins.. ich werde niemals aufhören zu sagen, dass ich dich liebe. Nicht, um es auch von dir zu hören, sondern um sicherzugehen, dass du es weißt.

Und so blicke ich durch den wässrigen Vorhang in deine funkelnden Augen, welche eins mit den Sternen am Nachthimmel werden, und es zerstört mich, dich so zu sehen. So sehr, dass ich es fühlen kann. Und damit meine ich, körperlich fühlen kann. Es berührt mich mehr, als die Trauer selbst. So sehr, dass die letzten fünfzig Worte, eines für jedes Jahr, das du mir schenktest, in meinen Kopf geschossen kommen, wie die Liebe, welche mein Herz vor fünfzig Jahren durchbrach und seitdem nicht mehr verließ. Denn der Schlüssel zum Glück ist nicht bloß, eine passende Tür zu finden, sondern das Schloß zu errichten.

Und so sage ich dir, auf ewig, von Herzen, zum Abschied:


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