Schwarzer bunter Vogel

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Der Flug

Müde lasse ich mich in den Sessel des Flugzeuges fallen. Die Sitze sind schön gepflegt und lösen ein angenehmes Gefühl in mir aus. Glücklicherweise wurde mir der Platz neben dem Fenster zugeteilt. Man muss nicht aufstehen, wenn der Nachbar auf die Toilette muss, wie bei dem Platz am Gang. Ausserdem müssen sich keine grossen Sorgen gemacht werden, wenn man müde wird, dass man auf der Schulter eines Nachbarn landet, wie bei dem mittleren Platz. Und da ich selten auf die Toilette muss und erst gerade vorhin im Flug geschlafen habe, wird mir beides kein Problem bereiten.

Es ist ein relativ kleines Flugzeug, da es auf jeder Seite nur zwei Sitze gibt.

Mir fällt auf, dass wir schon seit 10 Minuten in der Luft hätten sein sollen, als ich den Flugmodus meines Handys aktiviere.

Da kommt auch schon die Durchsage des Piloten: «Es tut uns leid für die Verspätung. Wir warten noch auf einen Passagier.»

Ein Gemurmel geht durch die Reihen des Flugzeuges und ich schaue mir die Menschen darin an. Einige erkenne ich wieder. Die sassen auch schon im Flugzeug von Frankfurt nach Johannesburg. Zufälligerweise sind es genau die Leute, die am meisten genervt aussehen, was durchaus verständlich ist. Nach einem so langen Flug möchte man keine Minute länger in einem Flugzeug sitzen als nötig.

Einige Minuten später, als der Pilot und die Crew die Hoffnung aufgeben und gerade die Türe schliessen wollen, hört man einen Mann rufen: «Halt! Ich bin hier. Ich bin hier. Noch nicht abfliegen. Ich bin hier!»

Irgendwie kommt mir die Stimme bekannt vor und ehe ich mich versehe, steht Mr. Schöne- Blaue-Augen vor mir und grinst mich dumm an: «Ich sagte doch, man sieht sich immer zweimal im Leben.»

Nicht der schon wieder.

Augen verdrehend versuche ich ihn zu ignorieren. Zu meinem Entsetzen lässt er sich genau in den Sessel neben mich fallen.

Natürlich muss sein Sitzplatz genau neben meinem sein. Es hat noch fünf andere freie Plätze gehabt. Warum musste er jetzt ausgerechnet den Platz NEBEN MIR gebucht haben?

«Ach komm schon Hübscher, du kannst mich nicht ignorieren. Der Flug wird sonst langweilig», dazu zeigt er mir seinen Schmollmund, welcher zugegeben ganz süss ist, aber ich bleibe stark und ignoriere ihn weiter. Ich öffne mein Buch.

«Was liest du da?», fragt er.

Ich will ihm nicht antworten, doch da ich das Gefühl habe, dass er keine Ruhe geben wird, halte ich ihm das Buch unter die Nase. Das Buchcover besteht aus Hieroglyphen und einer Abbildung eines ägyptischen Grabes.

«Aha und um was geht es?»

Ich lese weiter und antworte abwesend: «Um ägyptische Gräber, die gefunden wurden und wie sie aufgebaut waren.»

«Und warum liest du das? Hört sich langweilig an.»

«Ist es nicht. Kannst du mich jetzt BITTE lesen lassen!»

Geschätzte fünf Minuten kann ich die Stille geniessen. Mittlerweile haben wir unsere Flughöhe erreicht und man darf sich im Flugzeug bewegen.

«Können wir uns nicht unterhalten? Mein Handy-Akku ist leer und ein Buch habe ich nicht dabei. Ich kann absolut nix tun. Bitte?»

Ich hadere mit mir. Eigentlich drängt alles in mir weiter zu lesen, doch er hat ziemlich höflich gefragt und irgendwie ist er ja süss.

Was habe ich zu verlieren?

Ich lege das Buch weg und sage: «Na schön. Über was möchtest du mit mir reden?»

«Wie wäre es mit Filmen?»

«Ich schaue weder Filme noch Serien.»

Er lacht: «Ja, irgendwie habe ich mir das schon gedacht.»

«Warum?», frage ich, da seine Aussage mich verwirrt.

«Wegen deinem Buch.»

«Was hat das mit meinem Buch zu tun?»

Er zuckt mit den Schultern und meint: «Nichts, aber ich hatte so ein Gefühl, als du mir das Buch gezeigt hast»

Skeptisch schaue ich ihn an, lasse es jedoch dabei.

«Lass uns eher darüber reden, warum du im gleichen Flugzeug sitzt wie ich.»

Er erzählt mir, dass er in der Nähe von Port Elizabeth lebe und gerade aus den Ferien von Neuseeland zurückkäme. Seine Familie lebe dort und er habe sie besucht. Er sei 25 Jahre alt und habe eine jüngere Schwester namens Valérie. Seine Hobbys seien Tauchen, Zeichnen und Motorrad fahren. Gerne hörte er Rock-Musik, was mir gefällt, aber er läse kaum, was mir wiederum ganz und gar nicht imponiert. Auch sagt er, die einzigen Bücher, die er gelesen habe, neben den üblichen Schulbüchern, seien Harry Potter und Herr der Ringe gewesen, womit ich gar nichts anfangen kann.

Ich wiederum erzähle von meinen 3 Schwestern und der Tatsache, dass ich gerne Metall höre. Anders, als ich ihm vorhin erzählt habe, dass ich nur Sachbücher lese, hat er mich bei meinem Musikgeschmack erstaunt angesehen.

«Warum ziehst du nach Südafrika?», fragt er interessiert.

Ich weiche seinem Blick aus und antworte: «Weiss nicht. Es hat sich einfach so ergeben.»

«Liebe Gäste, wir landen in kürze, weswegen ich Sie bitte sich anzuschnallen.»
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