Morgen wird besser
Es war mal wieder eine stürmische Nacht. Blitze zuckten durch den Himmel und in der Ferne war ein tiefes Grollen, wie das eines Bäres, zu hören. Die Götter schienen schlecht gelaunt zu sein. Sie waren das ziemlich häufig in den letzten Tagen und so langsam ging es Amira auf die nerven. Ständig gab es schlechtes Wetter und das half einer Diebin nicht sonderlich. Bei schlechtem Wetter blieben die Leute in ihren Häusern, was bedeutete, dass sie weder auf den Straßen Leute beklauen, noch Häuser ausrauben konnte.
Dennoch musste sie es versuchen. Sie schlich also wie so oft durch die Straßen von Zinambra. Die Gassen waren voller Pfützen und schlamm, der durch den Regen von den Ställen bis hierher, auf den Markt gespült wurde. Zinambra war eine Stadt, die, wie die meisten anderen auch, um einen Berg herum gebaut. Ganz oben waren die Häuser der reichen und machtvollen. Weiter unten waren die normalen, ärmlicheren Bürger und ganz unten in den Gossen... da wohnten Leute wie sie. Leute, die sich mit fiesen Tricks oder Betteln über Wasser hielten.
Amira bewegte sich flink durch die dunklen Gasse auf der Suche nach einem neuen Opfer, dass sie ausrauben konnte. Es war recht selten, dass jemand, der viel Geld hatte sich in solch eine Ecke verirrte, doch es war ja einen Versuch wert.
Nach circa 10 Minuten in der Kälte bemerkte die junge Frau plötzlich eine verhüllte Figur, die sich schnell durch die Gassen bewegte. Sie konnte nicht erkennen, ob die Person reich oder arm war, da alles was sie sehen konnte ein schwarzer Umhang war. Da jedoch scheinbar niemand in der nächsten Zeit ihren Weg kreuzen würde, entschied sie sich ihm zu folgen. Mit genügend Abstand und möglichst leisen Schritten folgte Amira der flinken Gestalt. Wer auch immer das war, die Person hatte es sehr eilig.
Es dauerte nicht lange, da waren die beiden im gefährlichsten Viertel der Stadt angekommen. Viele nannten es "das Drecksloch" oder ähnliche abwertende Namen und auch sie tat es. Eigentlich blieb Amira ja von dieser Gegend fern, da es selbst für eine erfahrene Diebin hier sehr gefährlich sein konnte. Hier trieben sich nur die gefährlichsten Kriminellen der Stadt rum.
Aber sie hatte keine Wahl. Seit zwei Tagen hatte sie nichts richtiges mehr zwischen die Zähne bekommen und der Hunger nagte an ihr. Sie musste an Geld kommen. Auch wenn sie dafür in solch eine gefährliche Gegend musste. So war das Leben auf der Straße nun mal.
Plötzlich stieg ihr ein übler aber wohlvertrauter Geruch entgegen. Es war Alkohol. Vermutlich Whiskey oder Rum, falls sie ihrer Nase trauen konnte. Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, hörte sie zwei Stimmen. Wem sie gehörten konnte sie nicht erkennen, da sie hinter einer Ecke lauerte, eng an die Mauer einer Kneipe gepresst.
"Und? Wann krieg ich mein Gold? Ich mache mir ungerne die Hände schmutzig, also würde ich es bevorzugen, wenn du brav das Gold nachhause bringst" hörte sie einen der beiden sagen. Die Stimme war kratzig und es war ein leichter, skandinavischer Akzent zu hören. Amira wusste genau zu wem diese angsteinflößende Stimme gehörte. Vladimir der grausame nannte er sich selbst. Ein Mann, der von weit herstammte und nun in dieser Stadt ein Gangsterboss war. Er handelte mit Frauen, Drogen und auch Auftragsmorden. Sie hatte bereits für ihn gearbeitet, doch als sie gemerkt hatte, wie gefährlich er eigentlich war, hatte sie sich von ihm distanziert. Sie war zwar eine Diebin und gelegentlich auch eine Mörderin aber das hier ging nun wirklich zu weit.
"Ich habe es noch nicht." antwortete die andere Stimme und versuchte dabei selbstbewusst zu klingen, doch für Amira war es ein leichtes das Zittern und die Unsicherheit aus seiner Stimme herauszuhören. Nur ein Narr hätte im Angesicht von Vladimir keine Angst. Selbst sie hatte einen gewissen Respekt vor ihm und seinem Temperament.
Dann hörte man eine Kiste, die umfiel oder bessergesagt umgestoßen wurde als einer der beiden, vermutlich Vladimir, schnell und bedrohlich kraftvoll aufstand. "Du hast es noch nicht? Du kleiner Wurm hast mir versprochen ich würde mein Gold heute wiederbekommen und nun? Du stehst hier mit leeren Händen... Vielleicht sollte ich im Gegenzug dafür sorgen, dass du keine Hände mehr hast hm?" sagte der Gangsterboss in einem gefährlich ruhigen Ton. Jeder, der länger für ihn arbeitete wusste, dass diese eiskalte Stimmlage bedeutete, dass man sehr kurz davor war ein Körperteil zu verlieren.
"W-Warte! Ich kann es beschaffen" versicherte der Mann ihm. Sofort horchte Amira auf. Sie spürte die kalte Steinwand an ihrer Wange als sie sich noch ein klein wenig näher zu der Ecke bewegte. "Das Haus des Adligen Ramires wird morgen Abend nahezu unbewacht sein. Es gibt scheinbar ein Fest und die Wachen werden alle betrunken oder gar nicht da sein. Er hat viel Gold. Sehr viel Gold" erklärte der verängstigte Mann ihm verzweifelt. Amiras Aufmerksamkeit galt ganz dem Gespräch. Sie wusste, wo sich der Landsitz des Adligen befand. Es war circa eine halbe Tagesreise von hier entfernt und sein Schloss war in einer abgelegenen Gegend. Perfekt für einen Einbruch.
Vladimir schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn sie hörte, wie er die Kiste wieder aufstellte und sich setzte. "Nun, wenn das so ist gewähre ich dir einen weiteren Tag, doch wenn du diese Sache vermasseln solltest... Die Hunde lieben es das Fleisch von den Fingerknochen zu nagen" sprach er die Drohung aus, die bei Amira eine Gänsehaut auslöste. Auch sie hatte schon mit den Hunden zu tun gehabt und sie waren mehr als nur angsteinflößend. Wilde Biester, die sich nicht scheuen einen lebendig zu zerfleischen.
Noch bevor sie weiter in ihren dunklen Erinnerungen schwelgen konnte, hörte sie Schritte, die in ihre Richtung kamen. Ohne zu zögern, ging sie einige, leise Schritte zurück. Er durfte sie nicht sehen, also schlich sie zurück zu einer kleinen Gasse zwischen zwei Häusern. Sie war gerade groß genug, damit sie sich hineinzwängen konnte und dort verharren konnte, bis der Mann an ihr vorbeigelaufen war.
In der Gasse stank es fürchterlich nach Alkohol und längst überfälligem Essen, was vermutlich jede Menge Ratten und anderes Ungeziefer anlockte. Aber gerade war das nicht wichtig. Sie wollte an dieses Gold kommen. Davon könnte sie sicher eine ganze Weile lang unbeschwert Leben. Sie brauchte dringend neue Kleidung und ihr kleiner Unterschlupf könnte auch mal eine Renovierung gebrauchen. Jedoch konnte sie auf keinen Fall riskieren, dass sie dem anderen Einbrecher über den Weg lief. Sie musste ihn also erst beseitigen.
"Arroganter Dreckssack" fluchte der Mann leise, als er an der Kneipe und der kleinen Gasse vorbeistampfte, die Amira als Versteck dienten. Er schien nicht sehr kräftig zu sein und größere Waffen konnte sie aus der Entfernung auch nicht erkennen. Es wäre ein leichtes ihn zu überwältigen und ihm die Kehle aufzuschlitzen. Natürlich wäre es brutal aber so war das Leben hier nun mal. Töten oder getötet werden. Sie tötete nicht gerne aber mittlerweile hatte sie sich an das verzweifelte Betteln und das spitzende Blut gewöhnt.
Als sie sicher war, dass der Unbekannte weit genug weg war, zwängte sie sich wieder aus der Gasse, raus in die verdreckte Straße. Kurz sah sie sich um und entdeckte den Mann etwa 20 Meter weit weg. Er bog in eine dunkle Seitengasse, die die beiden auch beim Hinweg passiert hatten. Genauso schnell wie ihr Ziel bewegte sie sich durch die stinkenden Gassen. Hin und wieder blieb ihr Blick an zerstörten Ständen, eingeschlagenen Fenstern und blutbefleckten Türen hängen. Gott war sie froh, dass sie nicht mehr in diesem Viertel lebte.
Plötzlich tauchte der Mann wieder in ihrem Sichtfeld auf. Er war stehengeblieben, um zu Atem zu kommen und stand nun unter einer Brücke, welche die höhergelegenen Stadteile miteinander verband. Sein Gesicht war noch immer verhüllt und er hatte Amira den Rücken zu gedreht. Die perfekte Gelegenheit um ihn zu töten. Früher hätte sie gezögert so etwas zu tun, doch heute nicht mehr. Sie wusste, dass es notwendig war. Sie musste das einfach tun. Es ging nicht anders. Zumindest redete Amira sich das immer ein, um ihre Schuldgefühle zu verdrängen.
Mit lautlosen Schritten schlich sie sich an ihn an. Er schien in Gedanken versunken zu sein und bemerkte nicht, dass er gerade sein Todesurteil unterzeichnet hatte. Genau das nutzte sie aus, um ihn von hinten zu packen und ihm mit einem sauberen Schnitt die Kehle aufzuschlitzen. Sofort hörte man einen erstickten, schmerzerfüllten Schrei und das Blut spritzte überall hin. Sein abgemagerter Körper sackte in sich zusammen als er sich an die Kehle griff um irgendwie die Blutung zu stoppen, doch es war schon längst zu spät. Er würde in wenigen Minuten einfach ausgeblutet sein.
"W-wa" brachte er noch hervor, als er sich wankend zu ihr umdrehte. Seine schreckerfüllten Augen trafen ihre kalten, helblauen Augen. Schon lange hatte sie aufgehört Mitleid zu haben. Stattdessen sah sie einfach zu, wie der Mann, der ihr völlig unbekannt war, auf die Knie fiel und noch einige unverständliche Worte murmelte, bevor er endgültig zusammenbrach und nun vor ihr auf dem kalten Steinboden lag. Um seinen Hals hatte sich eine kleine Blutlache gebildet, die schon von weitem verriet, was hier passiert war.
Nach einigen weiteren Sekunden der Stille, beugte sie sich zu ihm herunter. "Du bist jetzt an einem besseren Ort" flüsterte ihre emotionslose, weiche Stimme, als sie ihm die Augen schloss. Es war ein Akt der Güte. Eine Regel der Straße. Wenn du für Geld, Nahrung oder das Überleben tötest, dann musst du dem Toten die letzte Ehre erweisen. Das gehört sich einfach so.
Nachdem sie seine Augen geschlossen hatte, durchsuchte sie seine Taschen und fand tatsächlich einen Beutel mit ein wenig Geld. Es waren drei Silberschilling und ein Goldschilling. Davon könnte sie sich eine Mahlzeit kaufen. Ein kurzes Lächeln zuckte über ihre trockenen Lippen. Schnell steckte sie das Geld ein und erhob sich dann wieder. Sie warf noch einen letzten Blick auf das Gesicht des Toten. Er hatte es wirklich nicht verdient hier zu sterben.
"Genug Mitleid" ermahnte sie sich selbst. Sie sollte schleunigst hier weg und sich auf den Weg zu diesem Landsitz machen. Schließlich wollte sie nicht riskieren, dass sie auch umgebracht würde. Also machte sie auf dem Absatz kehrt und entfernte sich mit schnellen Schritten vom Ort des Geschehens. Morgen würde sie den größten Einbruch in ihrer Karriere als Diebin machen. Sie würde genug Gold haben fürs Überleben und müsste zumindest für eine Weile, keine Gedanken mehr daran verschwenden, wo sie die nächste Mahlzeit herbekam. Morgen. Morgen würde es besser werden.