o1. A frog in a well does not know the great sea
井の中の蛙大海を知らず。
I no naka no kawazu taikai wo shirazu.
A frog in a well does not know the great sea.
Lauter Rap dröhnte aus den großen weißen Kopfhörern der Dunkelblonden, die schwungvoll ihre Handtasche vor dem kleinen Café abstellte, dessen Aushängeschild in schwungvollen rosafarbenen Lettern den Namen Pink Flower offenbarte. Blickte man hinein, so erkannte man geknüppelte Spitzengardinen mit Rüschen und kleine Topfpflanzen, die die Schaufenster schmückten. Es wirkte elegant, beinahe unschuldig, doch kannte man das Geschäft der Maids, so wusste man, dass die jungen Frauen in schwarz-weißer Uniform die Männer nicht nur bedienten. Viel mehr leisteten sie den Männern Gesellschaft und manchmal geschah dies nicht nur im Café.
Kurzum riss Mickey sich die Kopfhörer vom Kopf, nur um das Verbindungskabel anschließend zusammenzurollen und sie gemeinsam mit ihrem Handy in ihrer braunen Lederhandtasche zu verstauen. Ein Winken ins Innere des Cafés folgte, wodurch sie ihrer Freundin Takumi zu verstehen gab, dass sie anwesend war.
Es war traurig, dass sich die beiden Frauen seit wenigen Tagen nur noch selten sahen und doch gehörte es mittlerweile zum Alltag, hatte Mickey doch tatsächlich das Angebot ihrer besten Freundin angenommen, bei ihr unterzukommen. Der einstige Urlaub in Japan, Tokio, der auf zwei Wochen begrenzt war, war viel mehr ein One-Way-Ticket geworden, war das Rückflugticket doch schon längst storniert. Es war nicht einfach, alles hinter sich zu lassen. Und doch, wer konnte der besten Freundin, die im Liebeskummer versank, schon den Wunsch verwehren zu bleiben, wenn jene einem sogar anbot bei ihr zu wohnen?
„Da bist du ja“, flötete die schwarzhaarige Japanerin mit dem schulterlangen Haar, das geradewegs auf ihre schwarze Uniform fiel, die mit vielen weißen Rüschen und einer weißen Schürze versetzt war. Das Pink Flower war nur eines von vielen Maid-Cafés, die Tokio ausmachten und da das Jobangebot nicht gerade viel bot, war der Job als Maid-Kellnerin besser als nichts; auch, wenn sich Mickey noch immer dafür schämte, dass sie damit indessen ihren Lebenslauf ausschmücken konnte.
„Und?“, fordernd erhob Mickey eine ihrer leicht geschwungenen Augenbrauen, die etwas zu weit über ihren Augen saßen und ihr hinzukommend zu den Schlupflidern fast schon etwas Asiatisches gaben – das sagten zumindest manche, die über ihre Nationalität spekulierten.
Es stand außer Frage, dass die Dunkelblonde wissen wollte, ob Takumi Erfolg gehabt hatte oder nicht, denn bereits vor ihrem Dienst, war ihre Freundin nach Harajuku gefahren, nur um sich nach einem geeigneten Cosplay umzusehen, das ihren Ex-Verlobten überzeugte zu ihr zurückzukommen. Doch ihre Antwort war mehr ein klägliches Zucken der Mundwinkel: „Habe zwei gefunden, aber ich bin mir unsicher... Hallo? Ich rede mit dir?“
„Sorry“, wirsch schüttelte Mickey den Kopf, nur um dann zum Schaufenster zu nicken, wo zwei Kerle fixiert auf ihre Freundin starrten und dann winkten, da Takumi ihrem Blick zu ihnen folgte.
„Das ...“, die Japanerin überlegte, wie sie das erklären konnte und entschied sich für die leichteste Variante: „Das sind nur zwei Freunde ... Bekannte, was auch immer, ... von Jin. Traf sie heute Morgen in Harajuku und sie wollten gucken, wo ich arbeite.“
Wissend, dass die Leute, die Takumis Cousin Jin kannte, niemals ein guter Umgang waren, zog die Freundin die Augenbrauen hoch: „Jin? Dein Cousin Jin? Der mit seiner ... Gang?“
„Ja, ja, die sind auch in einer, oder waren ... keine Ahnung. Ich glaube, die hatten sich aufgelöst.“ Gespielt gleichgültig sah Takumi auf die Zigarettenpackung von Mickey, aus der sich ihre Freundin eine Zigarette nahm und anschließend anzündete: „Du solltest wirklich aufhören zu rauchen, das ist nicht gesund ... und viel zu männlich.“
„Wenn du aufhörst mit Gangs abzuhängen, ziehe ich das vielleicht in Betracht.“
„Hey, die sind echt in Ordnung“, kam es prompt von Takumi, die sich aber immer wieder den zu knappen Rock gerade zog, während sie die Blicke der zwei Freunde ihres Cousins mied. „Die haben sogar ’nen Freund, der sich gleich mein Auto ansieht.“
„Ist es schon wieder verreckt?“ Das war tatsächlich nichts Neues. In den zwei Monaten, in denen Mickey schon bei ihrer Freundin in Tokio hauste, war das Auto nicht einmal anständig gelaufen. Stattdessen hatten sie es sogar schon nachhause schieben müssen, was ohne die Hilfe von drei Fremden gar nicht funktioniert hätte und so vermied Mickey es bei Takumi mitzufahren und bevorzugte - hingegen ihrer eigentlichen Ansichten – die Tokioter U-Bahn. „Woah, warte!“ Just ignorierte sie ihre eigene Frage von zuvor und erhob um Einhalt gebietend die Hand, ehe sie ihre Freundin streng ansah: „Du willst mit denen da“, sie nickte gen Schaufenster, „doch nicht etwa Tamao eifersüchtig machen?!“
Obwohl sie wusste, dass sie vermutlich Recht behielt, war es mehr als nur verstörend Takumi zu sehen, die scheu mit ihrem rechten Fuß, der in einer schwarzen Ballerina gehalten war, auf dem Boden herum schabte. „Erwischt.“
„Also Kumi-Khan“, sprach einer der jungen Männer, als er und sein Freund aus dem Maid-Café heraustraten.
Skeptisch erhob Mickey eine Augenbraue, während sich Takumi mit einem strahlendem Lächeln umwandte. Erneut war die Japanerin in ihrer Rolle als Maid versunken.
Mickey hingegen begutachtete die beiden Kerle eher mit Argwohn. Hätte sie nicht gewusst, dass sie einer Gang angehörten, hätte der eine tatsächlich als normaler Bürger durchgehen können. Beide hatten dunkle Haare und Augen, doch während der eine kurze Haare mit zwei leichten Sidecuts aufwies, trug der andere lange Dreadlocks, die ihm in einem Zopf über den Rücken fielen.
„Ah, das ist meine Freundin Mickey. Mickey, das ist Yuri.“ Die Japanerin deutete auf den recht normal aussehenden Kerl, der eine leichte Hakennase hatte. Er verbeugte sich sogleich und sah voller Unsicherheit zu seinem Kumpel, der sich auch verbeugte, während Takumi ihn vorstellte: „Und das ist Hideki.“ Ein leichtes Lächeln, das von Schüchternheit geprägt schien, erschien auf dem Gesicht Hidekis, der zwar Dreadlocks hatte, aber nun, da er vorgestellt wurde, unglaublich kindlich wirkte. Tatsächlich waren seine Züge sehr zart, was ihn ziemlich jung wirken ließ und irgendwie nicht gänzlich passte.
„Guten Tag“, grüßten sie beide unisono, wobei Yuri ihrer Freundin gleich wieder näher trat, „Ich habe ihn angerufen, er kommt gleich.“
„Hast du das gehört“, strahlte Takumi Mickey an, die etwas irritiert war, was genau sie jetzt hier nicht gehört haben könnte, aber die Japanerin führte aus, „Sie haben jemanden, der sich mein Auto ansieht. Ist doch wirklich freundlich, oder?!“
Ein wenig überfordert, aber wissend, dass sie freundlich antworten musste, nickte Mickey. Sie hasste es, mit fremden Kerlen zu sprechen und auch, wenn sie so unschuldig wirkten, wussten normale Menschen, – zu denen Takumi definitiv nicht gehörte – dass Gang-Mitglieder niemals unschuldig waren. Im Gegenteil: Sie bedeuteten immer Ärger.
„Ah, da kommt er schon.“ Hideki sah auf die Straße und schien irgendein Auto ausfindig zu machen, das wohl zu ihrem Bekannten gehörte, aber anstatt zu warten, setzte sich Mickey in Bewegung: „Okay, ich ... geh dann mal ‘rein. Muss anfangen. Schrei’, wenn etwas ist.“ Die letzten Worte gab sie mit einem warnenden Blick an ihre Freundin preis, die aber nur die Augen aufriss und sie böse ansah. Im nächsten Moment lachte sie die Peinlichkeit hinfort und schüchtern gen Jungs: „Micks macht immer solche Witze, macht euch nichts daraus.“
Ein kräftiges Schnaufen entkam Mickey, als sie sich ihre furchtbare Uniform anzog und sich im Spiegel betrachtete. Wie immer war sie geschminkt, war es doch Pflicht, dass man im Maid-Café seine beste Seite präsentierte und so schien es fast schon ein Schönheitswettbewerb, wenn man sich die ganzen Kolleginnen ansah. Eine war schöner als die andere und sie alle hatten ihre Stammkunden.
„Mickey, Tisch drei“, sagte ihr Boss Nagayo und trat näher an sie heran. „Es ist Mister Kiseki.“ Nickend nahm sie seine Worte zur Kenntnis und setzte sich dann mit einem Lächeln in Bewegung.
William Kiseki, einer ihrer ersten Stammkunden, der wohl auch mit zu den ältesten Gästen gehörte, war der Klientel doch für gewöhnlich nie älter als 35. Und doch, der 39-Jährige hatte schon vor über einem Monat, als Mickey dort angefangen hatte, ein Auge auf sie geworfen und hatte alsbald auch ihre Kollegin Misa für sie fallen lassen.
„William“, lächelte sie ihn an, als sie an seinen Tisch kam und verneigte sich leicht, bevor sie ein Stück Sahne-Creme-Torte und einen Kaffee vor ihm abstellte. Elegant stand der Japaner im Anzug auf, nur, um ihr den Stuhl abzuschieben und ihr die Hand zu küssen: „Mickey. Freut mich, dich zu sehen.“
„Mich auch, wie war London?“ Für gewöhnlich war er immer in London, wenn er auf Geschäftsreise war und da er beim letzten Mal erzählt hatte, dass er wieder auf einen Trip musste, lag es nahe, dass es auch dieses Mal London war.
„Sehr gut, Dankeschön. Wobei ich gerne letzten Dienstag hier gewesen wäre.“ Leicht schmunzelte Mickey. Es war typisch. Der komplette Dienstag war immer für William reserviert, sodass sie an diesem Tag keine anderen Kunden annahm. Generell hatten die beiden ein fast schon freundschaftliches Verhältnis, weswegen er ihr auch automatisch den Namen William angeboten hatte, den er viel lieber mochte, als seinen japanischen Namen. „Also, was gibt es Neues?“, fragte er und lehnte sich näher an den Tisch heran, um sich der Torte zu widmen. Der Japaner mit den recht kurzen weißen Haaren und der tiefen Narbe am Auge, die seinem Äußeren jedoch nicht wirklich schadete, schien wie immer erpicht darauf, ein wenig Smalltalk zu führen, was sehr angenehm war; immerhin gab es Kunden, die ausgesprochen anzüglich werden konnten.
„Ach, nicht viel“, überlegend sah Mickey aus dem Schaufenster, sodass sie Takumi begutachten konnte, während sie erzählte, „Es ist das Übliche. Vermutlich bleibe ich vorerst noch länger in Japan.“
„Das freut mich, ohne dich, wäre es hier definitiv nicht dasselbe. Was lenkt dich ab?“ Überrascht sah Mickey ihren Kunden an und schüttelte schamvoll den Kopf, ehe sie peinlich berührt gen Tischplatte sah: „Entschuldige. Meine Freundin hat einen komischen Umgang.“
William folgte ihrem Blick und zeigte sein linkes Wangengrübchen, als er seine Lippen kraus zog: „Ich sehe schon. Macht sie so etwas öfter?“
„Nein, nein, eigentlich nicht. Aber lass uns nicht davon reden.“ Und so vollzogen sie ein mehr bedachtes Gespräch, immerhin war William – so freundlich er auch war – noch immer ein Kunde.
Wo bin ich?, fragte sich die gebürtige Deutsche gedanklich, wobei sie sich irritiert umsah, doch es half nichts. Sie sah nur graue und sehr eintönige Häuser.
Tatsächlich hatte sie ihren kompletten Tag über nicht vernünftig arbeiten können, sodass William sogar verkündet hatte, dass ihm das nicht gefiele und er sich das zukünftig nicht mehr wünsche. Grund für diesen Fauxpas war ihr Mobiltelefon, welches unentwegt vibriert hatte, da sie ihre Instagram-Benachrichtigung für Takumi immer aktiv hatte. Positiv war, dass sie Takumi somit selbst aus der Ferne beobachten konnte, da jene den ganzen Tag über verschiedene Aufenthaltsorte und Fotos von Orten gepostet hatte. Doch, was Mickey nervös gemacht hatte, war, dass Takumi sich nie selbst abgelichtet hatte und so hatte sie am Ende ihres Dienstes einfach nur via Kakao-Talk gefordert zu erfahren, wo ihre Freundin war, bevor jene ihr ihren Aufenthaltsort zukommen ließ.
Mit der Adresse bewaffnet, befand Mickey sich also im Südwesten Tokios, mitten in Setagaya City. Ohne Google Maps wäre sie wohl aufgeschmissen gewesen, denn sie befand sich immer nur an belebten Orten und niemals in komischen kleinen abgelegenen Ecken, in denen sie sich nicht auskannte, geschweige denn jemanden persönlich kannte.
„Ah, da bist du ja“, kam ihr Hideki entgegen, wobei er noch immer dasselbe grüne Holzfällerhemd von vorher trug und auch dieselben schwarzen Flipflops. Der einzige Unterschied befand sich in seinen Händen, in Form von zwei Plastiktüten, in denen er unendliche Mengen an Bier herumtrug. „Wir haben schon auf dich gewartet. Komm’, wir gehen zusammen.“ Der Kerl mit den Dreads und dem kindlichen Gesicht lief gleich neben Mickey, wobei er mehrmals verlegen zu ihr sah und dann schließlich entschuldigend meinte: „Ah, Sorry. Möchtest du ’was trinken?“ Er zeigte auf seine Tüten, sodass Mickey voreilig den Kopf schüttelte. „Nein, danke ...“
„Okay.“ Fröhlich grinste Hideki vor sich hin und schien sich nicht bewusst, wie seltsam die Situation war: „Und wie lange bist du in Tokio?“
„Zwei Monate.“ Im Augenblick schien Mickey tatsächlich sehr auf kurze Antworten zu setzen, immerhin brannten ihr selbst so viele Fragen auf der Zunge: „Sag mal ... und ihr kennt Takumis Cousin Jin?“
Überlegend der Antwort wegen kratze sich Hideki am Hinterkopf, wobei er in derselben Hand noch immer die Tüten voll Bier trug, ehe er nuschelte: „Oh, na ja, nicht ganz, so ein bisschen.“ Er bemerkte wohl, dass das nicht das war, was die junge Frau hören wollte und so setzte er nach: „Also ... na ja, er hatte sich mal mit uns angelegt ...“
„Aha, aha.“ Mickey war gar nicht begeistert: „Also stimmt es, dass ihr in ’ner Gang seid?“
Ein wenig überfordert sah Hideki zur Seite, während er schüchtern auflachte: „Nicht direkt eine Gang. Das ist mehr so etwas wie eine Familie ... Aber ja, ich befürchte, man könnte uns als solche betiteln.“
„Aufbauend. Und woher kennt ihr dann Takumi?“ Nun war die Dunkelblonde tatsächlich extrem neugierig und unsicher, wohin sich ihre Freundin da begeben hatte, aber der Kerl mit den Dreads lachte nur: „Na ja, sie war ein paar Klassen über mir auf der Oberschule und später trafen wir sie, als wir halt Probleme mit Jin und seinen Freunden hatten ...“ Kurz nachdem Hideki seine Erklärung beendet hatte, bemerkte er wohl, dass eine seltsame Stille entstanden war; immerhin schwieg Mickey und schien mehr erpicht darauf, sich den Weg zu merken, was der Japaner durchaus bemerkte. Und so war er sich nicht sicher, ob er beleidigt sein oder es als amüsant empfinden sollte, dass sie alles analysierte und mehrmals zurückblickte. „Und woher kennst du sie?“ Es war Zeit für Gegenfragen, fand zumindest Hideki und so lauschte er geduldig.
„Wir haben uns in Paris kennengelernt. Sie hatte dort studiert.“
„Oh, sie war in Paris? Frankreich?“
„Ja“, gab Mickey preis und verkniff sich geradeso zu sagen, dass es ja nur ein Paris gäbe, das natürlich in Frankreich lag, aber, dass Gang-Mitglieder regelmäßig die Schule besuchten, konnte sie sich tatsächlich nicht vorstellen und so hielt sie ihren Mund und ließ den Jungen staunen.
„Krass. Ey, Yuri! Kumi-chan hat in Paris studiert“, verkündete Hideki plötzlich, als er und Mickey gemeinsam auf ein Haus zuliefen, unter welchem eine riesige Garage lag, die offen war. Dort stand er, der komische andere Kauz und staunte ebenso, wobei er die Japanerin gleich an quiekte: „Kumi-Chan, das ist soooo cool, wieso hast du nichts gesagt?“
Ein nervöses Kichern entkam der Japanerin, die dann aber beschämt schwieg und zu Mickey sah, die extrem ernst war. „Mickey! Da bist du ja. Wie war’s mit William?“
Die Dunkelblonde rollte die Augen, ehe sie den Kopf schief legte: „Wie wohl? Ich war zu abgelenkt deinetwegen und er hat das natürlich bemängelt.“
„Oh“, überrascht und schuldbewusst schlug sich Takumi die schmalen Hände vor den Mund, bevor Mickey das seltsam ausgewaschene T-Shirt an ihr bemerkte, auf dem Sailor Moon abgebildet war. „Was trägst du da?“
„Ah, ich hatte mich bekleckert und Yuri hatte noch ein Shirt von seiner kleinen Schwester da, das gab er mir.“ Stolz zog sie an dem T-Shirt, damit Sailor Moon noch erkennbarer war, sodass der Anime-Charakter mit den viel zu großen Augen und den gelben Haaren mit einer Grimasse Mickey anstarrte. „Aha.“ Erneut herrschte betretenes Schweigen, während die Dunkelblonde immer noch von Skepsis geplagt in die Garage sah, ohne es zu wagen hineinzugehen. Das einzige, was sie somit sah, war eine Menge Werkzeug, das überall verteilt herumlag und Takumis alter grauer Toyota Soarer, dessen Motorhaube geöffnet war. Anscheinend arbeitete besagter Kumpel daran, aber mehr, als ein paar gebleichte blonde Haare sah Mickey nicht. Jedoch genügte es ihr, um zu beurteilen, dass das vermutlich auch so ein Trouble Maker war – immerhin war es für einen kultivierten Japaner nicht üblich, sich die Haare zu färben, erst recht nicht, wenn man etwas auf die Tradition gab.
Unbemerkt dessen, dass Hideki ihren abwertenden Blick bemerkte, deutete er ihn prompt falsch und mutmaßte, dass sie neugierig war und stellte vor: „Ah, das ist Takayuki. Taka, das da ist Kumi-Chans Freundin.“ Mehr als ein halbes Winken von einem muskulösen Arm bekam Mickey nicht und so blieb sie weiter planlos am Eingang der Garage stehen und sah zu dem Auto und dann zu Takumi: „Wie lange dauert das noch?“
Takumi zuckte wie immer einfach nur die Schultern. Das war zwar überhaupt nicht hilfreich, aber stattdessen bekam Mickey wenigstens den Hinterkopf von dem blonden Japaner zu sehen, der zu einem Mann mit breiten Schultern gehörte, dessen Muskelshirt total mit Motoröl verschmiert war. Als Nächstes griff der Kerl nach einem Bier, öffnete es und verschwand wieder hinter der Motorhaube.
„Sag’ mal, wie teuer wird der Spaß eigentlich?“, fragte Mickey an Takumi gerichtet, wobei sie darauf bedacht war sehr leise zu sein.
Doch wie sie es sich hätte denken können, zuckte die Japanerin erneut nur die Schultern, ehe dieser Taka meinte: „Der neue Keilriemen kostet 68.000 Yen, die Wartung des [...]“
Mickey hörte schon gar nicht mehr zu, sondern nahm nur weitere Kosten wahr, wobei selbst Takumi so langsam zu realisieren schien, dass seine Hilfe nicht umsonst war und so fielen ihre Augen am Ende beinahe aus den Augenhöhlen heraus. Wissend sah die Ausländerin sie an, wobei sie es dann doch vorzog zu schweigen. Irgendwie würden sie ihr Geld schon zusammenwerfen, doch nichtsdestotrotz hatte Mickey wieder einen weiteren Grund, die Japanerin zu schimpfen, sobald sie zu Hause waren.
„Aber die gute Nachricht ist, du wirst noch zwei Jahre damit fahren können. In dieser Zeit würde ich versuchen ihn-“, nun kam besagter Taka hinter dem Wagen hervor, wobei ihm erst einmal prompt die Bierdose aus der Hand fiel. Der blonde Kerl mit den doch recht schmalen braunen Augen und dem leichten Bartschatten, der dunkler gehalten war als sein blondes Haar, sah für einen Japaner schon recht maskulin aus, das musste sich auch Mickey eingestehen. Und obwohl er definitiv kein großer Kerl war und vielleicht mit Hängen und Würgen beinahe die 1,80 Meter erreichte, war er doch ansehnlich und breit gebaut.
„Loszuwerden.“ Leise hatte Taka zu Ende gesprochen und sah abwechselnd zu Takumi und Mickey, bevor er sich räusperte, die Bierdose aufhob und in einen geeigneten Eimer warf.
Tatsächlich war es Mickey gewohnt, dass viele Japaner oftmals damit überfordert waren eine Ausländerin vor sich zu sehen, vor allem, wenn man ihr Japanisch hörte, aber die Reaktion von diesem Kerl toppte fast alles, sodass sie sogar fast ein wenig beleidigt war, als er sich einfach umdrehte und sie überhaupt nicht mehr ansah.
„Also, Kumi-Chan, das heißt, wir müssen das Ding verhökern und von dem Geld kaufst du dir einen neuen.“ Yuri erhob eine Faust während er sprach, was schon sehr albern wirkte, aber obgleich er ihr Hoffnung machen wollte, zerstörte Mickey sie: „Als ob das Geld dafür reicht. Für das alte Ding wird man bestimmt nicht mehr viel bekommen.“
„Ach“, flötete Yuri und sah zu der Japanerin, die verärgert zu ihrer Freundin schaute, „wir finden schon einen, der dumm genug ist. Tun wir immer.“
„Also willst du ihn kaufen?“, kam es stichelnd von Taka, weswegen Hideki und Takumi loslachten, während Yuri sich empörte, „Sei nicht so gemein. Natürlich nicht, dass ... ich bin nicht so blöd.“
„Selbst wenn, du hast sowieso keinen Führerschein.“ Hideki schien nun mit einzusteigen, weswegen alle lachten – alle, bis auf die Ausländerin, die immer wieder böse zu dem Blonden sah, über den sie sich noch immer ärgerte. Aber ihre beste Freundin, wäre nicht ihre beste Freundin, hätte sie es nicht bemerkt: „Micks, was ist los? Ärgerst du dich noch wegen William? Es tut mir leid.“
„Nein, alles gut.“ Schmollend setzte sich Mickey an den Rand des Geschehens, was auch zur Folge hatte, dass sie sich seltsam fehl am Platz fühlte. „Ach so, Tamao hat wohl versucht dich zu erreichen. Der schrieb mir ’ne SMS.“ Zur Untermalung ihrer Worte hielt die Deutsche ihrer Freundin ihr Handy hin, damit sie es selbst lesen konnte, aber jene grinste nur: „Und du dachtest, es funktioniert nicht. Er hat mich auch mehrmals versucht anzurufen. Ich bin nicht ’rangegangen.“
„Wow, ich bin stolz auf dich.“
„Wer ist Tamao?“ Die neugierigen zwei Kerle, die eindeutig auf Takumi standen, schienen sofort erpicht zu erfahren, wer besagter Kerl war, aber da die Japanerin beide sowieso benutzen wollte, um ihm wieder näherzukommen, klärte sie diese auf: „Mein Ex.“
Die Jungs tauschten einen Blick, sprachen synchron ein „Oh“ und sahen dann das grinsende Mädchen an, das gewillt war, alles für einen Flirt in Erfahrung zu bringen: „Und wie sieht es bei euch mit der Liebe aus?“
Grinsend verengten sich die Augen der beiden Japaner, wobei viele Zähne erschienen, als sie ganz laut verkündeten, dass sie Single wären. Der Einzige, der sich noch immer aus der ganzen Unterhaltung heraushielt, war Taka, aber indirekt antwortete auch Hideki für ihn: „Und Taka auch. Darauf sollten wir trinken.“ Und mit einem Mal drückten die beiden Kerle allen Anwesenden ein Bier in die Hand, sodass selbst Mickey sich dem Gruppenzwang hingab.
Es geschah ungefähr dreißig Minuten später, als der blonde Taka ein altes Tuch beiseite schmiss und endlich die Motorhaube des alten Autos schloss. „Vorerst geht’s. Komm’ die Tage noch’mal wieder, vielleicht so Donnerstag, dann müssten die Teile auch da sein.“
Dankend verneigte sich Takumi, was der Mechaniker allerdings ignorierte, sodass er nur ruhig sein Werkzeug verstaute und hin und wieder an seinem Bier nippte.
„Super, dann kann ich vielleicht doch mitkommen zu deinem Ausflug.“ Diese Aussage richtete die Japanerin eindeutig an Mickey, die sich aber nur an ihrem Bier verschluckte und dann meinte: „Wie oft noch. Der Bus ist voll und du gehörst ja wohl kaum zu unserem Japanischkurs.“
„Aber vielleicht steige ich ein. Mein Japanisch ist ganz schlecht“, log Takumi, wobei Yuri sich sofort einschalten musste, „Worum geht’s?“
„Ihr Japanischkurs fährt am Freitag nach Engyō-ji und sie erlaubt mir nicht mitzukommen.“
„Wie kannst du nur?!“, gespielt energisch sah Yuri Mickey an, nur um dann die Arme zu verschränken und erneut zu Takumi zu sehen, „Kumi-Chan, wenn du willst, fahre ich dich dahin.“
„Ja, ich auch“, mischte sich Hideki ein, wobei Taka die Stirn in Falten legte und den Kopf schüttelte. „Sagen die zwei, die sich normalerweise schon beim Namen des Tempels in die Hose machen. Wieso“, letzteres schien er wohl Mickey zu fragen, aber ansehen tat er sie nicht wirklich, „fährt euer Kurs dahin? Sollten Mädchen nicht Angst davor haben?“
„Wieso Angst haben? Das ist doch nur ein Tempel ...“ Argwöhnisch sah Mickey die Anwesenden an, wobei Takumi sadistisch grinste: „Da hausen die Geister. In jeder Geschichte, die man sich über diesen Tempel erzählt, gibt es furchtbare Blutopfer. Und keiner hat tatsächlich jemals den Tempel verlassen.“
„Ach, du spinnst doch“, beschwerte sich Mickey und schlug leicht gegen Takumis Oberarm, wobei die Japanerin daraufhin nur lachen musste. Tatsächlich war Takumi ebenso wie Mickey eine große Horror-Liebhaberin, weshalb das auch mehr ein Scherz war. Nichtsdestotrotz schien das aber anderen nicht zwingend bewusst und so bemerkte man nur, wie Taka urplötzlich neben sie trat und sich neben das Auto lehnte, wobei seine Stimme einen tiefen Unterton annahm: „Sie hat recht. Es gibt viele düstere Geschichte über diesen Ort. Man sollte sich gut überlegen, ob man sich mit der Dunkelheit anlegt, denn sieht man sie einmal an, wendet sie den Blick nicht mehr von einem ab.“
„Woah“, stieß Yuri hervor, während Hideki leise murmelte, „Wieso ist er auf einmal so cool? Er hatte als Kind auch Angst davor ...“
„Ja, ich weiß noch, wie er bei unserem Ausflug damals verloren ging. Er war voll fertig, hat danach nur noch-“
„HÄLTST DU DIE SCHNAUZE!“ Just schlug Taka den beiden Freunden mit der flachen Hand auf den Hinterkopf, sodass sogar Mickey normalerweise hätte loslachen müssen, aber nicht in diesem Moment. Stattdessen sah sie ein wenig geistesabwesend auf ihr Bier und exte es im nächsten Moment: „Wird schon alles gutgehen. Wenn ich sterbe, vererbe ich euch alles.“
„Ja, geil, ich will deine Klamotten“, freute sich Takumi und klatschte in die Hände, weswegen ihre beste Freundin sie todernst ansah. „Natürlich nur um daran zu riechen, weil sie deinen Duft tragen und ich dich so schmerzlich vermissen werde ...“ Unschuldig grinste sie, wobei Mickey leicht der Mund aufstand: „Du bist das gruseligste Mädchen, das mir jemals begegnet ist.“
Takumi verneigte sich halb im Sitzen und nahm es als Kompliment: „Danke schön.“
„Also, super ... wir kommen mit.“ Als wäre dies ein endgültiger Beschluss, schlugen Hideki und Yuri ihre Bierdosen aneinander, sodass ein wenig Alkohol verschüttet wurde und auf den Boden tropfte.
Takas Blick sprach Bände: „Das macht ihr sauber.“
„Hey, hier ist eh alles schmutzig“, empörten sich die Freunde, was Taka aber schon gar nicht mehr wahrnahm. Stattdessen nickte er den Frauen zu, woraufhin Mickey aufsprang und flötete, „Gut, dann gehen wir jetzt.“
„Warte, ich muss noch das Finanzielle klären.“ Und so sprintete Takumi in Hast Taka hinterher, sodass Mickey alleine mit den zwei komischen Käuzen war.
„Also, ja, wie machen wir das denn da mit den Zimmern?“
Es schien den beiden ein wichtiges Anliegen, weshalb die Dunkelblonde seufzte und abwehrend die Hand erhob: „Damit habe ich nichts zu tun. Das klärt Rio, aber da es Takumis Idee war, darf sie ihm dieses Thema nahelegen.“
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