Die verkleidete Gefährtin des Alphas

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

(Überarbeitet) Cherry kann es kaum erwarten, ihrem Gefährten zu begegnen. Ihr langjähriger Freund Jake ist der Beta des neuen Alphas. Doch Jake ist nicht der Mann, für den sie ihn hielt, und als ein Fremder sie im Wald findet, verkörpert er alles, was Jake nicht war. Könnte sich ihr Schicksal zum Guten wenden? Oder wird alles in Schutt und Asche gelegt …

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
55
Rating
4.6 81 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Herzschmerz

„Hey Süße, bist du zu Hause?“ Eine Nachricht von Jake reißt mich von meinen Hausaufgaben weg. Wir haben eine Schule in unserem Rudelhaus und ich weiß genau, dass er eigentlich lernen sollte.

„Du solltest lernen ;)“

„Ach Baby, das ist das Schöne daran, wenn man der beste Freund vom künftigen Alpha ist. Ich muss nicht lernen. Ich habe mein ganzes Leben lang dafür trainiert. Komm schon, leg die Bücher weg und lass uns spazieren gehen.“

„Pff, na gut. Eine Stunde.“

„Abgemacht. Ich stehe draußen ...“ Ich verdrehe die Augen über seine Nachricht. Er weiß immer genau, wie er mich rumkriegt. Ich schnappe mir meine Jacke und hüpfe die Treppe runter. Als ich kurz ins Wohnzimmer schaue, sehe ich meinen Vater. Er sitzt mal wieder mit einem Bier in der Hand da.

„Papa ... ich geh für eine Stunde raus ...“ Als Antwort kriege ich nur ein Grunzen und eine erhobene Hand. Leise seufze ich. Wie sehr ich mir wünsche, dass meine Mutter noch da wäre. Ich zwinge mir ein Lächeln auf und ignoriere das Leeregefühl in meiner Brust, dann öffne ich die Haustür. Mein Lächeln wird sofort echt, als ich Jake sehe. Er sieht so gut aus wie immer, mit seinem jungenhaften Grinsen und den zerzausten kastanienbraunen Haaren. Seine Augen haben denselben warmen Braunton. Ich kenne seinen Wolf noch nicht. Aber in meinen Träumen stelle ich ihn mir in genau diesem warmen Kastanienbraun vor. Ich kann es kaum erwarten, seinen Wolf kennenzulernen, und zähle schon die Tage. Unsere Wölfe schlummern in uns, bis wir 18 werden. Jake ist letzten Monat 18 geworden und hat sich zum ersten Mal verwandelt. Ich kann meinen Geburtstag kaum erwarten, damit ich endlich auch meinen Wolf treffen kann. Wir wollen, dass es eine Überraschung wird, wenn sich unsere Wölfe das erste Mal begegnen. Es ist gar nicht so selten, dass viele Wölfe am selben Tag Geburtstag haben. Die meisten Wölfinnen werden zur gleichen Zeit schwanger, nämlich in der Brunftzeit. Das ist die Zeit, in der die Wölfinnen läufig werden und die Männchen wegen uns völlig durchdrehen. Man hört sogar von Todesfällen, weil die Männchen um die Weibchen kämpfen. Egal ob Gefährten oder nicht – ein männlicher Wolf wird bei jeder läufigen Wölfin wild.

„Hey, Liebes.“ Seine Stimme ist sanft, hat aber schon immer dieses verführerisch tiefe Beben, das mich erschauern lässt.

„Hey ... du lenkst mich ganz schön ab, weißt du das?“ Er grinst wieder so jungenhaft und zuckt eingebildet mit den Schultern. Wir sind schon unser ganzes Leben lang befreundet. Wir wissen alles voneinander, uns entgeht absolut nichts. Vor einem Jahr haben wir angefangen, uns zu treffen. Wir dachten, dass unsere Verbindung das Band zwischen Gefährten ist. Es ergab Sinn, uns gegenseitig „vom Markt“ zu nehmen, um uns vorzubereiten.

„Tja, das gehört eben zu meinem Charme. Komm mit.“ Er hält mir die Hand hin und führt mich zum Wald, der direkt hinter meinem Haus liegt – eigentlich hinter dem ganzen Rudelgebiet. Es gibt hier einzelne Häuser für Familien mit älteren Kindern wie mich. Mein Vater wollte nie im Haupthaus leben. Und ich bezweifle, dass die anderen ihn ständig betrunken vor ihren Welpen herumhängen sehen wollten.

„Wie geht’s deinem Vater?“ Ich verziehe das Gesicht und er weiß sofort, dass er nicht weiter fragen soll.


Nach ein paar Kilometern werde ich müde. Da meine erste Verwandlung kurz bevorsteht, muss ich meine Kräfte einteilen.

„Hey, ich muss nach Hause. Begleitest du mich zurück?“ Er zieht die Stirn kraus und überlegt.

„Hör mal, ich wollte dich was fragen ...“

„Okay ...“ Er bleibt stehen und drückt mich sanft gegen einen Baum. Er küsst mich zärtlich, doch als er versucht, den Kuss zu vertiefen, will ich mich wegdrehen.

„Komm schon ... Ich weiß, wir wollten bis zu deiner ersten Verwandlung warten. Aber wir wissen doch schon, dass wir Gefährten werden, Cherry. Warum lässt du mich nicht einfach ein bisschen naschen ...“ Seine Augen werden dunkel, was gar nicht zu ihm passt. Ich stoße ihn hart zurück, was offensichtlich ein Fehler war. „Verdammt noch mal, Cherry, jetzt stell dich nicht so an!“ Er kommt wieder auf mich zu. Ich weiche ihm schnell aus, was ihn knurren lässt.

„Jake, du bist nicht bei Sinnen. Wir haben das besprochen. Ich warte auf meinen Gefährten ...“ Er schmettert seine Faust gegen den Baum direkt neben meinem Kopf. Das Holz splittert und ich quieke erschrocken auf.

„Hier draußen hört dich sowieso niemand ... Wenn ich ein anderer Wolf wäre, hätte ich dich längst genommen!“ Er schreit mich an. Die Angst kriecht mir wie Eis durch die Adern.

„Jake ... bitte, du machst mir Angst ... Ich will einfach nur nach Hause ...“

In der Ferne durchbricht ein langes, gequältes Heulen die Abendluft. Ich zittere nervös und Jakes Nase geht in die Luft. Ohne meinen Wolf kann ich den Geruch noch nicht zuordnen und das macht mich nervös. Er sieht wieder zu mir herab. Seine Augen sind immer noch dunkel und man sieht, dass sein Wolf die Kontrolle hat.

„Dann geh doch. Wenn du dich nicht mit mir paaren willst, suche ich mir eben eine andere. So besonders bist du nicht, Cherry. Es gibt genug Wölfinnen, die für eine Nacht mit mir sterben würden. Ich bin der Beta des künftigen Alphas! Mit mir zusammen zu sein, bedeutet einen verdammten Status. Den hast du anscheinend gar nicht verdient. Geh. Renn heim zu deinem versoffenen alten Vater.“ Tränen brennen in meinen Augen wegen seiner fiesen Beleidigungen.

„Das meinst du nicht so. Das ist dein Wolf, der da spricht!“

„Verschwinde.“ Seine Stimme ist eiskalt, aber ich spüre die Wut, die von ihm ausgeht. Als ich mich nicht rühre, spottet er und mustert mich von oben bis unten. Dann rennt er in den Wald und verschwindet im Unterholz. Ich höre ein tiefes, bedrohliches Heulen. Ich mache auf dem Absatz kehrt und renne los. Den ganzen Weg nach Hause renne ich durch und traue mich nicht, mich umzusehen. Was zur Hölle ist mit ihm passiert? Es muss an der Brunftzeit liegen, ganz bestimmt. Er wäre niemals so grausam zu mir ... Es ist sein Wolf, das muss es sein. Er spürt, dass meine Verwandlung kurz bevorsteht, und will sich nehmen, was er für sein Eigentum hält. Die Wahrheit ist: Ich weiß noch gar nicht, ob wir Gefährten sind. Das weiß man erst, wenn ich meinen Wolf habe. Er ist wohl einfach frustriert. Hoffentlich kriegt er sich bis zu meiner Verwandlung wieder ein. Ich brauche ihn an meiner Seite, wenn es passiert. Nur wenn sein Wolf auf meinen trifft, werden wir wissen, ob wir zusammengehören. Wegen seiner harten Worte laufen mir Tränen über die Wangen. Er war noch nie so gemein ... Ist es falsch von mir, ihm den Sex zu verweigern, wo wir uns doch schon so lange nahestehen? Ich weiß, dass ich mich körperlich bei ihm wohlfühlen würde ... zumindest dachte ich das. Den heutigen Abend mal ausgenommen, war er immer bereit zu warten. Als ich den Waldrand hinter meinem Haus erreiche, schaue ich in den klaren Himmel. Der Mond ist fast voll.

„Das ist deine Schuld ...“, murmele ich kalt. Ich wische mir schnell die Tränen ab und verschnaufe kurz, bevor ich ins Haus gehe. Ich weiß, dass mein Vater wahrscheinlich sowieso nichts merkt, aber sicher ist sicher.

Als ich sicher im Bett liege, zeigt sich, dass ich recht hatte. Mein Vater hat nichts mitbekommen und nicht einmal vom Fernseher aufgeschaut. Mit dem Handy in der Hand überlege ich, ob ich Jake schreiben soll ... Er müsste mittlerweile zu Hause sein ... falls er überhaupt nach Hause gegangen ist. Ich schüttle den Gedanken ab und schicke eine kurze Nachricht.

„Hoffe, du bist gut heimgekommen ... Es tut mir leid wegen allem. Hab dich lieb, Cherry xx“

Nachdem ich auf Senden gedrückt habe, warte ich auf eine Antwort, aber es kommt nichts. Ob es ihm gut geht? Eigentlich sollte er sich entschuldigen, das weiß ich. Aber bei Jake war es schon immer einfacher, sich zuerst zu entschuldigen. Dann bekommt man meistens auch eine Entschuldigung zurück.

Es ist 22 Uhr und immer noch keine Antwort ... Ich seufze, lege das Handy auf den Nachttisch und mache das Licht aus. Ich warte immer noch auf die Nachricht, die nicht kommt, bis ich schließlich einschlafe.



Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg zur Schule. Von Jake habe ich immer noch nichts gehört und ich mache mir langsam Sorgen. Ich habe die ganze Nacht gegrübelt, mich hin- und hergewälzt und ständig aufs Handy geschaut. Ich bin völlig in Gedanken versunken, während ich durch die Flure laufe. Plötzlich höre ich Gekicher. Ich sehe auf und erblicke etwas, womit ich wirklich nicht gerechnet habe. Jake hat seinen Arm um die Schulter eines Mädchens gelegt, das ich noch nie gesehen habe. Sie hat lange, lockige blonde Haare und eine Wahnsinnsfigur. Sie starrt Jake ununterbrochen an und ihre Augen glänzen förmlich. Der Blickkontakt zwischen den beiden ist so intensiv, dass es sich fast falsch anfühlt, dabei zuzusehen.

„Hey Jake, mein Guter, endlich! Du hast dir ja eine verdammt heiße Wölfin geangelt!“

„Komm schon, Alter, so redet man nicht über die Gefährtin eines Betas. Das weißt du doch ...“

„Wahnsinn. Gefährtin? Hast du sie schon markiert?“

„Und wie. So eine Schönheit lässt man sich nicht entgehen ...“ Jake schiebt ihr Haar zur Seite und zeigt zwei glänzende, silberne Narben am Hals – Bissspuren. Mir rutscht das Herz in die Hose und es fühlt sich an, als würde es zerreißen. Gefährtin? Das kann nicht sein ... Ich sollte seine Gefährtin sein. Warum sonst wären wir uns all die Jahre so nah gewesen? Ich hätte es sein sollen ...

„Alter, was ist eigentlich mit dem Mädchen, mit dem du immer rumgehangen hast? Wie hieß sie noch mal ... ach ja, Cherry ...“

„Was soll mit ihr sein? Das ist Schnee von gestern.“

Ich kann nicht fassen, was ich da gerade höre. Tränen brennen wie Säure in meinen Augen. Ich drehe mich sofort um und renne aus der Schule direkt in den Wald. Ich werfe meine Tasche und meine Bücher an den Waldrand und renne so schnell mich meine Beine tragen, bis meine Lungen fast explodieren. Ich lasse mich auf den feuchten Waldboden fallen und schreie mir den Schmerz aus der Seele.

Was zur Hölle soll ich jetzt tun? Er sollte bei meiner Verwandlung auf mich aufpassen und die geilen Männchen von mir fernhalten. Wie soll ich das jetzt überleben? Alleine ... völlig und absolut alleine ... nicht mal mein Vater kann mir helfen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass männliche Wölfe während der Verwandlung völlig die Beherrschung verlieren und sich mit jedem Weibchen paaren, das in der Nähe ist – egal ob verwandt oder nicht. Das Risiko ist zu groß. Mein Plan war, in der Nacht meiner Verwandlung bei Jake zu bleiben, weil ich wusste, dass er mich beschützen würde. Aber jetzt habe ich keinen Plan mehr. Keine Sicherheit und keinen Gefährten ... nun ja, wenigstens wissen wir jetzt, dass er nie mein Gefährte sein sollte. Dieser Schrei eines Wolfes gestern Nacht muss wohl ihr gegolten haben. Er wusste es in der Sekunde, als er sie gerochen hat. Kein Wunder, dass er so grausam war ... sein Wolf hätte ihm keine Wahl gelassen. Er wusste, dass ich nicht seine Gefährtin bin, und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Oh Göttin, was hast du nur getan? Wer soll mich jetzt noch retten?