Kapitel 1
„Verdammt!“
Das Geräusch von reißendem Papier durchbrach die Stille des frühen Morgens. Isobel schleuderte das Leinwandpapier auf die Veranda. Ein schwerer Seufzer hob ihre Schultern, während sie ihre Hände auf das Gesicht presste. Sie hatte gehofft, dass die Hütte ihres Großvaters in den Rocky Mountains in Colorado ihr bei ihrer kreativen Blockade helfen würde. Sie musste einfach malen, sonst würde sie ihre Deadline verpassen.
Ihre dunkelbraunen Augen wanderten zu den bläulich schimmernden Bergen hinauf. Die Sonne ging gerade auf und tauchte das zerklüftete Gestein in ein orangefarbenes Licht. Der dichte Wald war noch immer in ein dunkles Blau gehüllt, da die Sonne noch nicht hell genug war, um ihn zu durchfluten. Es war ein so majestätischer Anblick, den sie eigentlich mit Acrylfarben einfangen wollte. Doch ihr Verstand leistete Widerstand, und sie verlor diesen Kampf.
Ein Rascheln ließ sie den Kopf in Richtung des Flusses drehen, der in der Nähe der abgelegenen Hütte ihres Großvaters verlief. Ihre Kehle schnürte sich zu, als würde ihr das Herz darin stecken bleiben. Isobel wich einen Schritt zurück, die Hand auf ihrer Brust. Ihre Atemzüge waren kurz und schwer; in der kalten Luft bildeten sich kleine Wölkchen.
Das Tier stand auf der anderen Seite des Flusses. Sein Fell wirkte in der Dämmerung dunkel, doch seine goldenen Augen durchbohrten das schwache Licht, das mit dem Sonnenaufgang zunahm.
Ein Wolf. Das schoss ihr durch den Kopf. Ein riesiger Wolf. Er war bestimmt zwei Meter groß, sein Körper massig und voller Fell und Muskeln. Ihre Füße berührten die Schwelle der Hüttentür. Sie griff hinter sich, packte den Türgriff und drückte sie auf. Sie wich rückwärts hinein, ohne den Blick von dem Wolf abzuwenden. Ihre Bewegungen waren langsam, damit sie das Tier nicht auf sich aufmerksam machte. Bevor sie die Tür schloss, hielt sie kurz inne und bemerkte, wie die gelblichen Augen des Wolfes auf ihr ruhten. Er legte den Kopf schief. Ihr Herz machte einen Satz. Sie meinte, eine unnatürliche Intelligenz in diesen hellen Augen aufblitzen zu sehen, bevor die Tür ihm die Sicht nahm. Mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür gepresst, holte sie tief Luft.
Verdammt! In ihrer Eile, vor dem unnatürlich riesigen Wolf zu fliehen, hatte sie ihre Leinwand draußen auf der Veranda vergessen. Mit langsamen Schritten ging sie über den knarrenden Holzboden zu den Fenstern. Sie schob die Vorhänge beiseite und spähte hinaus. Sie unterdrückte einen Fluch, ließ die Vorhänge fallen und ließ sich in den Lieblingssessel ihres Großvaters fallen. Der verdammte Wolf hatte sich am Flussufer niedergelassen, direkt gegenüber ihrer Tür.
Sie ließ sich tiefer in den Sessel sinken und atmete den Geruch ihres Großvaters ein: Zigarren, Kaffee und der Bourbon, den er am Ende des Tages so gerne trank. Ihre Augen brannten, und Tränen stiegen ihr auf. Sein Tod war nun zwei Monate her, und sie vermisste ihn schmerzlich. Isobel war in die Hütte gekommen, um seine Sachen zu packen und zu entscheiden, was mit dem Haus geschehen sollte. Er hatte es ihr vererbt und in seinem Testament geschrieben, er hoffe, dass es ihr genauso viel Freude bereiten würde wie ihm.
Die aufgehende Sonne schien durch die dünnen Vorhänge und tauchte den Raum in ein goldenes Licht. Die rustikalen Holzwände bestanden aus massiven Planken, unterbrochen von einem steinernen Kamin. Ein dezenter Rauchgeruch ging vom Feuer aus und verlieh dem Raum eine gemütliche Atmosphäre. Ein handgewebter Teppich bedeckte den Boden, und zwischen zwei Sofas stand ein Tisch. Die Jagd- und Angelausrüstung ihres Großvaters hing an den Wänden, ebenso wie Bilder ihrer Familie. Sie wischte sich eine Träne von der Wange und lächelte bei dem Anblick eines Fotos, auf dem ihr Großvater strahlend eine Regenbogenforelle in die Kamera hielt.
„Ich vermisse dich“, flüsterte sie dem Bild zu. „Hilf mir beim Malen, Großvater, denn seit du uns verlassen hast, schaffe ich es einfach nicht mehr.“ Sie konnte den Kampf gegen die Tränen nicht gewinnen, und ein Schluchzen entfuhr ihr. Sie zog die Beine an die Brust und ihr Körper bebte vor Weinen.