Eins – Was nun?

Ich sitze auf dem Toilettendeckel und warte. Leute sind in die Kabinen neben mir rein- und rausgegangen, aber ich habe mich immer noch nicht gerührt. Tränen sind über mein Gesicht gelaufen und getrocknet, während ich hier mit dem weißen Stäbchen sitze. Drei Minuten sind um. Mein Handy hat schon gepiept, aber ich bringe es nicht über mich, das Stäbchen in meiner Hand anzusehen.
Die Sache ist die: Ich weiß es eigentlich. Ich weiß es schon, ohne hinsehen zu müssen. Mir war die letzten drei Wochen schlecht. Nachmittags habe ich dieses flaue Gefühl im Magen. Ich will mich übergeben, aber es geht nicht. Außerdem bin ich verdammt launisch, und das letzte Anzeichen… meine Periode. Ich habe eine Perioden-Tracker-App auf dem Handy und bin überfällig.
Dieses weiße Stäbchen in meiner Hand wird also nur bestätigen, was ich schon weiß. Und was ich nicht wahrhaben will.
Ich schniefe und drehe das Stäbchen, bis das Testfenster erscheint. Zwei Linien sind zu sehen. Schwanger. Ein Schluchzen entweicht meinem Mund und neue Tränen schießen mir in die Augen. Ich bin schwanger. Und es ist nicht von meinem Ex-Freund. Es ist nicht mal von jemandem, den ich gut kenne.
Ich wische mir mit der Hand übers Gesicht und werfe den Test in den Hygieneeimer neben dem Klo. Dann stehe ich auf und verlasse die Kabine.
Mein Gesicht ist vom Weinen ganz heiß. Meine Augen sind rot und geschwollen. Ich wasche mir das Gesicht mit Wasser und versuche, langsam ein- und auszuatmen. Als ich mich wieder gefangen habe, verlasse ich das Bad und gehe zu meinem Wohnheimzimmer.
Tilly, meine Freundin und Mitbewohnerin, sitzt an ihrem Schreibtisch in unserem kleinen Zimmer. Sie hat mir den Test gekauft.
„Und, wie war’s?“, fragt Tilly und lächelt mich vorsichtig an.
„Positiv.“ Mehr bringe ich nicht heraus. Tilly rollt mit ihrem Stuhl zurück und nimmt mich fest in den Arm. Ich will eigentlich nicht weinen, aber es passiert trotzdem.
„Was hast du jetzt vor?“, fragt Tilly, als ich mich endlich beruhigt habe. Ich zucke mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß echt nicht, was ich machen soll“, sage ich ihr.
Tilly nimmt meine Hand. Sie führt mich zu ihrem Bett und lässt mich neben sich sitzen.
„Na ja, du hast die Wahl. Du kannst das Baby behalten oder abtreiben. Das liegt ganz bei dir. Wirst du es deinem Ex sagen?“
Ich schüttle den Kopf. Ich will Tilly nicht sagen, dass dieses Baby ganz sicher nicht von meinem Ex ist. Die ganze Sache ist mir so peinlich. Dass er mich für das Mädchen verlassen hat, das mit drinsteckte, gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein. Und der echte Vater des Babys? Seit der Trennung von Noah habe ich ihn erst zweimal auf dem Campus gesehen. Er sieht mich an und schaut dann sofort weg. Wir haben beide durch das, was passiert ist, verloren. Das kann ich ihm nicht antun.
„Ich muss wohl einen Termin beim Arzt machen“, murmle ich. Tilly lächelt schwach.
„Ich rufe bei der Campus Clinic an und mache einen Termin für dich aus. Soll ich mitkommen?“
Ich nicke.
Die Tage vergingen überraschend schnell. Weil die Arztpraxis auf dem Campus ziemlich voll war, mussten wir den Termin ein paar Tage im Voraus buchen. Ich habe Tilly versprechen lassen, unseren anderen Mitbewohnerinnen nichts von meinem Zustand zu sagen. Sie hat genickt. Sie hätte es gar nicht erst erfahren, wenn sie mich neulich nicht dabei erwischt hätte, wie ich starr auf mein Handy gestarrt habe.
„Miss Carter?“
Tilly und ich blicken zum Arzt auf, der an der Tür steht. Wir stehen auf und der Arzt sieht uns an.
„Das bin ich“, sage ich. Er nickt und führt uns durch den Flur in sein Sprechzimmer.
„So, was kann ich heute für Sie tun?“, fragt der Arzt.
„Ich bin schwanger. Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher“, sage ich ihm. Er nickt.
„Und wann war Ihre letzte Periode?“, fragt Dr. Singh.
„Vor drei Monaten“, gebe ich zu, „aber ich bin in der achten Woche.“
„Sind Sie sicher?“, fragt er. Ich nicke.
„Da hatte ich das letzte Mal Sex“, gestehe ich. Ich habe das im Kopf schon alles ausgerechnet. Der letzte Sex war vor acht Wochen, also bin ich mindestens in der achten Woche. Deshalb bin ich auch so sicher, dass Noah, mein Ex, nicht der Vater ist. Wir waren seit Monaten nicht mehr intim.
„Gut, und Sie haben einen Schwangerschaftstest gemacht?“
„Ja“, antworten Tilly und ich gleichzeitig. Ich sehe zu Tilly, die mir ein kleines Lächeln schenkt. Sie nimmt meine Hand und drückt sie.
„Und Sie beide sind ein Paar?“, fragt Dr. Singh, dem das aufgefallen ist.
„Oh, nein, nein, nein!“, protestieren wir beide sofort.
„Verzeihen Sie. Dann schauen wir mal, wie weit Sie sind, ja?“, sagt der Arzt. Wir nicken. Er führt uns in einen anderen Teil der Klinik, in einen kleinen, dunklen Raum mit einer Liege und einem Computer.
„Warten Sie kurz hier, ich hole die Radiologin. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie bitte wieder in mein Zimmer“, sagt der Arzt und lässt uns allein. Wir warten kurz, dann kommt eine junge Asiatin herein.
„Hallo, ich bin Jenny und ich mache den Ultraschall. Würden Sie bitte auf die Liege steigen, das Shirt hochziehen und die Hose ein Stück runterschieben?“ Ich tue, was sie sagt. Ich fühle mich sehr ausgeliefert, als sie meine Hose weiter runterschiebt, als ich dachte, bis kurz vor den Schambereich. Ich suche Halt bei Tilly und sie lächelt mir zu.
Jenny dreht sich mit einer Tube und einem Gerät um, das wie ein Mikrofon aussieht.
„Das wird jetzt kalt, sorry“, sagt sie. Ich zucke zusammen, als das blaue Gel auf meinen Bauch kommt. Ja, es ist wirklich verdammt kalt.
„Sind Sie hier Assistenzärztin oder…?“, fange ich an, um ein bisschen Smalltalk zu machen. Die Campus Clinic wird hauptsächlich von Medizinstudenten in den letzten Jahren geleitet. Sie gehört zu einer richtigen Uniklinik, aber viel mehr weiß ich auch nicht. Die meisten Studenten gehen für ihre normalen Wehwehchen hierher.
„Nein, ich bin Praktikantin. Das ist mein letztes Jahr. Aber keine Sorge, ich kann das. Ich hab immer mindestens eine Zwei“, lacht Jenny. Sie drückt den Ultraschallkopf in meinen Bauch und tippt dabei auf der Tastatur rum.
„Und das da ist der Kopf Ihres Babys…“, sagt Jenny und zeigt auf den Schwarz-Weiß-Bildschirm.
„Wow, das sieht ja aus wie ein kleiner Alien!“, grinst Tilly. Ich nicke zustimmend.
„Stimmt. Und es sieht so aus, als wäre der Termin im März. Am zweiundzwanzigsten, um genau zu sein“, sagt Jenny.
„Sieht man schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“, fragt Tilly. Jenny kichert.
„Nein, erst ab der vierzehnten Woche. Okay, Sie können das Gel jetzt abwischen und zurück zum Arzt gehen.“ Jenny lächelt uns an.
„Und wie sehen Ihre Pläne aus?“, fragt der Arzt, nachdem er die Schwangerschaft bestätigt und die Möglichkeiten besprochen hat. Ich seufze. Ich könnte die Schwangerschaft noch abbrechen, die Zeit hätte ich. Aber ehrlich gesagt wusste ich schon in dem Moment, als ich die zwei Linien sah, dass ich das nicht bringen kann.
„Wann muss ich zum nächsten Termin kommen?“, frage ich und sehe meinen Arzt an.
Ich liege auf meinem Bett und starre an die Decke. Tilly schläft gegenüber. Meine anderen Mitbewohnerinnen, Piper und Joy, schlafen in den unteren Etagenbetten. Meine Gedanken kreisen so wild, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Mein Leben hat sich seit der Trennung von Noah so krass verändert. Und es wird sich bald noch mehr verändern.
Ich könnte hierbleiben und mein Baby hier bekommen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, mit dickem Bauch über den Campus zu laufen und Noah mit seiner neuen Freundin zu begegnen. Oder dem anderen. Das wäre noch schlimmer. Ich kannte den Typen kaum und will ihm das nicht aufhalsen. Nach Hause gehen kann ich auch nicht. Noah und ich waren seit der Schulzeit zusammen. Wenn ich nach Hause ginge, würden meine Eltern denken, das Baby sei von Noah. Seine Eltern würden das auch glauben. Und dann würde Noah es erfahren. Das darf nicht passieren.
Meine Entscheidung steht fest. Ich will dieses Baby. Aber ich kann es hier nicht großziehen. Ich überlege mir meine Optionen. Nach Hause geht nicht. Hierbleiben geht nicht. Ich muss weg. Ich habe Verwandtschaft… aber ich müsste sie anrufen. Ich habe diese Person noch nie getroffen. Aber mir wurde gesagt, wenn ich jemals Hilfe bräuchte, wäre sie für mich da. Tränen steigen mir in die Augen, wenn ich an die Folgen jener Nacht denke. Diese eine Nacht, die alles für mich verändert hat.
Ich muss wohl meinen Mut zusammennehmen und sie anrufen. Und wenn sie Ja sagt, muss ich einen Termin beim Dekan im Verwaltungsgebäude machen.
Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?
„Babe…“, sagt Noah und kommt zu mir rüber. Ich sitze mit einer Tasse Tee am Küchentisch. Ich sehe hoffnungsvoll zu ihm auf. Wir haben uns in den letzten Monaten ziemlich voneinander entfernt. Wir hatten schon lange keinen Sex mehr und ich vermisse seine Zärtlichkeit.
„Ja? Willst du auch einen Tee?“, frage ich. Noah schüttelt den Kopf.
„Ich weiß, dass es zwischen uns gerade… schwierig ist…“, fängt er an. Ich nicke. Noah macht seinen Abschluss in Ingenieurwesen und hatte viele Projekte, für die er ständig auf dem Campus sein musste.
„Ja“, seufze ich und schaue wieder in meinen Tee.
„Na ja, ich habe mich gefragt, ob du Lust hättest, unsere Beziehung etwas aufzupeppen…“, schlägt Noah vor. Ich sehe ihn an, mein Mund steht ein Stück offen.
„Wie… Wie meinst du das?“, frage ich. Noah zuckt mit den Schultern. Ich denke sofort an einen Dreier. Oder Bondage? Mit beidem kenne ich mich nicht aus. Ich weiß aber, dass er früher schon mal einen Dreier vorgeschlagen hat. Er und zwei Mädchen. Aber ich weiß nicht, ob ich teilen könnte. Ich glaube nicht, dass ich das hinkriege.
„Also, ich habe dieses Mädchen getroffen und…“, redet Noah weiter. Ich wusste es doch. Er will ein anderes Mädchen in unsere Beziehung holen.
„Was denkst du? Mikaela?“
„Sorry… was hast du gesagt?“, frage ich. Noah verzieht das Gesicht.
„Ich habe gesagt, ich habe dieses Mädchen und ihren Freund kennengelernt. Wir haben darüber geredet, die Partner zu tauschen. Nur für eine Nacht. Hättest du Interesse?“
Ich schrecke mit einem Luftschnappen aus dem Schlaf auf. Die Erinnerung hat mich bis in meine Träume verfolgt.
„Guten Morgen, Schlafmütze!“, grinst Piper mich an. Sie ist schon fertig angezogen und startklar.
„Habe ich verschlafen?“, frage ich und bemerke, dass Tillys Bett leer ist.
„Nö. Tilly und Joy sind nur gerade unter der Dusche. Wir haben darauf gewartet, dass dein süßer Hintern endlich aus den Federn kommt, damit wir vor der Vorlesung noch zusammen frühstücken können.“
Ich lächle Piper an. Meine drei Mitbewohnerinnen waren seit meinem Einzug vor sechs Wochen total lieb zu mir. Sie haben mich sofort überallhin mitgenommen. Eine Sache, die wir immer machen, ist zusammen zu frühstücken. Als ich einzog, meinte Joy, ich hätte gar keine Wahl. Wir frühstücken zusammen, damit der Tag zumindest gut anfängt, egal was dann noch kommt.
Es war gar nicht so leicht, den Dekan zu überreden, mir einen Platz im Wohnheim zu geben. Da es schon fast das zweite Semester war, waren die meisten Zimmer belegt. Ich hatte Glück, dass in ein paar Zimmern Betten frei waren und ich unterkam. Noch mehr Glück hatte ich mit den Mädels. Und jetzt muss ich wieder zum Dekan und ihn erneut anbetteln.
Ich klettere die Leiter runter und krame ein paar Klamotten aus meinen Schubladen. Ich ziehe eine Bootcut-Jeans und einen schwarzen Strickpulli an. Ich schnappe mir einen Schal und wickle ihn mir um den Hals. Dann nehme ich meinen Kulturbeutel und gehe rüber zu den Waschräumen.
„Ich bin gleich wieder da“, sage ich zu Piper, die mir zunickt.
„Kein Stress“, sagt sie, während ich rausgehe.
Als ich zurückkomme, stehen die Mädels schon bereit.
„Abmarsch!“, grinst Joy, als sie mich sieht.
„Alles klar!“, sagt Tilly und drückt mich kurz, bevor sie Joy zur Tür folgt. Ich werfe meinen Kulturbeutel in Richtung Schreibtisch, schüttle aber den Kopf, als er daneben geht und auf dem Boden landet. Piper rollt mit den Augen, hebt den Beutel auf und stellt ihn ordentlich auf den Tisch.
„Los geht’s, Basketball-Profi“, neckt mich Piper und läuft hinter mir her.
Wir sitzen in der Cafeteria, um uns herum das Stimmengewirr der anderen Studenten. Das Essen hier schmeckt ziemlich fad, aber es ist umsonst… jedenfalls in den Studiengebühren enthalten. Wer Kohle hat oder einen Nebenjob macht, geht woanders essen. Aber wer im Wohnheim wohnt, nutzt meistens die Cafeteria. Mir hat das den Umzug auf den Campus leichter gemacht. Weil ich nicht woanders essen gehen musste, bin ich Noah nicht über den Weg gelaufen.
„Ich habe als Nächstes Englisch bei Mr. Johansson“, beschwert sich Piper. Tilly stöhnt genervt auf.
„Den hatte ich letztes Semester. Der ist so ein Arsch“, schimpft Tilly. Ich muss lächeln. Über diesen Professor haben sie schon öfter hergezogen. Er ist streng und verbietet jedes Wort. Meine Mitbewohnerinnen sagen, er behandelt seine Studenten wie Schulkinder und nicht wie junge Erwachsene.
„Checkt der nicht, dass wir quasi sein Gehalt zahlen?“, werfe ich ein. Die Mädels grinsen.
„Echt mal, oder?“, fragt Joy. „Klar ist er der Lehrer, aber wir sind hier, weil wir es wollen und dafür bezahlen. So ein Idiot“, fügt sie hinzu.
„Was hast du heute als Erstes?“, fragt Piper.
„Alte Geschichte“, sagt Joy. Joy will Archäologin werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie für ein Praktikum zu einer Ausgrabungsstätte muss. Ich finde das eigentlich total spannend. Zu lernen, wie die Menschen vor Jahrhunderten gelebt haben.
„Journalismus“, grinst Tilly. Sie will schreiben – nicht nur Bücher, sondern für Frauenmagazine wie Cosmopolitan oder Vogue. Wir haben schon gewitzelt, dass wir nach dem Abschluss einen eigenen Verlag aufmachen sollten. Tilly schreibt, Piper ist die Lektorin und ich mache die Verwaltung. Wobei ich mir das jetzt kaum noch vorstellen kann.
„Ich habe Pädagogik“, antworte ich und starre auf mein Essen. Ich versuche, meine Freundinnen nicht anzusehen, damit sie meine Fassade nicht durchschauen. Ich habe nämlich eigentlich nicht vor, heute in die Vorlesung zu gehen. Wenn alles klappt, war es das. Dann sehe ich meine neuen Freundinnen heute zum letzten Mal.
Wir essen zu Ende und verabschieden uns. Ich lächle, während ich mit ihnen aus der Cafeteria laufe. Wenn ich kriege, was ich will, werde ich unsere Frühstücks-Dates echt vermissen.
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