Prolog
Wir bewegen uns mit moderater Geschwindigkeit durchs Dickicht. Arme und Beine sind von Schnitten überzogen und schmerzen höllisch. Ich rücke mein Stirnband zurecht. Mein Atem bleibt trotz der Kälte seit Stunden gleichmäßig. Meine Gedanken stets nach vorn gerichtet.
Und das ist auch richtig so, denn wir befinden uns nicht mehr daheim, bei den saftig grünen Wiesen und den kleinen Wäldern, in denen wir als Kinder gerne verstecken spielten. Hier draußen existiert nur die Farbe Grau, die Blätter, die aus den gigantischen Bäumen sprießen sind so hart wie Stein und die einzelnen Grashalme richten sich wie Nägel gen Himmel. Äste greifen wie Klauen nach meinen Wangen und die Luft wird mit jedem Schritt etwas dünner. Die Umgebung wirkt auf mich, als würde sie ihr Bestes tun, Menschen wie uns fernzuhalten.
Mein Blick klammert sich an die Silhouette vor mir, die zwar auch hin und wieder ins Stolpern gerät oder kurz irgendwo hängenbleibt, jedoch nicht halb so oft wie ich es tue. „Komm schon Niko, mal sehen, wer von uns schneller die Lichtung erreicht.“ Sein Name ist Cass und ich kenne ihn erst seit ein paar Tagen. Auffallend ist sein zusammengewürfelter Kleidungsstil, der aus langen Gewändern in verschiedensten Farben besteht. Eigentlich total unpassend für diese Umgebung. Vor allem sein Helm, der stets wie ein Eimer auf seinem Kopf sitzt und seine Augen, sowie die Hälfte seiner Nase verdeckt. Nur seinen Mund gibt er der Welt preis, der meist zu einem höhnischen Grinsen verzogen ist. Dieser Junge ist mir ein Rätsel.
„Keine Spielereien, konzentriert euch weiterhin! Bald haben wir es geschafft“, ertönt es dicht hinter mir. Ich habe diese Stimme in den letzten Tagen sehr zu schätzen gelernt, da sie immerzu eine gewisse Ruhe und Sicherheit ausstrahlt. Samuel ist trotz seines relativ jungen Alters ein guter Anführer. Ich bin froh, dass er mit dabei ist.
Nach und nach lichtet sich der Wald und es öffnet sich eine riesige weiße Fläche vor uns. Samuel hält uns an und ich fange ein bisschen an zu zittern, versuche aber mir nichts anmerken zu lassen. „Wir müssen nun äußerst vorsichtig agieren“, sagt er mit gesenkter Stimme, „der Wald hat uns Schutz geboten, doch wenn wir hier gesehen werden, ist es aus“. Er deutet mit seinem Finger nach oben und mein Blick wandert hinauf zu einer kreisrunden Sphäre, die wie ein kolossales Auge ununterbrochen auf die Erde herabschaut. Ihr Blick aktuell in die Ferne gerichtet, aus der Richtung, aus der wir gekommen sind. Wir nennen sie Ulcior. Man hört immer wieder gespenstische Geschichten von Menschen, die direkt von seinem Blick erfasst worden sind. Es heißt, dass diese Menschen den Verstand verlieren und nie wieder gesehen werden. Es schaudert mich etwas.
Samuel hebt seine Hände und die Luft um uns herum fängt langsam an zu flimmern. Nach wenigen Sekunden senkt er sie wieder und ein Schleier, der so dünn scheint, als könnte man ihn nur durch eine bloße Berührung durchbrechen, stülpt sich über uns drei. Trotz dessen, dass ich das Spektakel schon ein paar Mal gesehen habe, muss ich auch dieses Mal wieder staunen. Cass hingegen schüttelt nur etwas seinen Kopf. Ich kann mir vorstellen, dass er unter seinem Helm, der bei näherer Betrachtung aus demselben Material geformt zu sein scheint, wie die Umgebung hier, die Augen verdreht. „Los geht’s!“ Solange diese Barriere aktiv bleibt, können wir von außen nicht gesehen werden. Hoffe ich.
Langsam schreiten wir nach vorne in die endlos scheinende Ebene. Der Schleier wabert sanft vor sich hin und lässt nur einen verschwommenen Ausblick nach draußen zu. Der Boden unter uns ist weich und knirscht bei jedem unserer Schritte. Wir hinterlassen zudem Fußspuren, die ich versuche, so gut es geht zu verschmieren. Doch die Zeit drängt und wir müssen unter diesen Umständen doch so schnelle es geht diese Fläche überqueren. Ich merke auch schon, wie Cass neben mir immer hibbeliger wird, bis er schließlich den Mund aufmacht: „Können wir diesen Blödsinn nicht auflösen. Ich wäre schon längst da, wenn ich was sehen könnte!“ Ich frage mich zwar, wie er generell etwas sieht, mit diesem Helm über dem Gesicht, aber bevor ich diese Frage formulieren kann, knurrt er etwas lauter weiter: „Überhaupt finde ich es ungerecht, dass ich mir von jemanden aus Agros sagen lassen muss, was ich tun und lassen soll! Ich bin für viel Höheres bestimmt! Mein Vater ist schließlich der höchste aller-“ „Halt“, schießt es ungewohnt scharf aus Samuels Mund. „Formation A einnehmen.“
Instinktiv nehme ich links hinter Samuel Platz, ohne überhaupt zu wissen, was los ist. Cass springt nach rechts, so wie wir es bis zu umfallen geübt haben. Ich lausche in die Ferne, kann aber nichts ausmachen. Mein Herz klopft dennoch bis zum Hals und ich hoffe innerlich, dass es nur ein Fehlalarm ist. „Wölfe. Etwa 6 Stück.“ Cass' Stimme hat plötzlich wieder einen seriösen Unterton. Auch ich höre jetzt ein leichtes Knurren aus der Ferne. Samuel nickt mit ernster Miene und fügt hinzu: „Sie kommen frontal auf uns zu. Wir haben keine Zeit mehr, unbemerkt auszuweichen. Macht euch bereit!“
Samuel nimmt einen tiefen Atemzug und faltet seine Hände so, dass ein dreieckiger Hohlraum entsteht. Cass und ich tun es ihm gleich. Die Luft fängt erneut an zu flimmern, diesmal aber deutlich heftiger. Je mehr wir uns konzentrieren, desto heftiger wird die Vibration, die jetzt auch an meinen Armen entlangwandert und meine Brust ausfüllt. Es ist ein unangenehmes, aber zugleich auch mächtiges Gefühl. Das Knurren vor uns wird lauter und man hört schneller werdende Schritte. Jetzt bloß nichts überstürzen, wir haben nur einen Versuch. Und dieser sollte so sauber wie möglich ausgeführt werden. Ich nehme also meinen ganzen Mut zusammen, schließe meine Augen und stelle mir vor, wie die Wölfe auf uns zu laufen. In meinen Gedanken erscheint ihre Silhouette und die Art, wie sie laufen. Ich wähle speziell 2 von ihnen aus und betrachte sie genauer: Sie sehen zwar aus wie Tiere und verhalten sich auch so, aber etwas stimmt nicht zusammen. Irgendwie wirken sie fast wie Puppen, wenn sie ihre Zähne fletschen. Ihre Muskeln und ihr Fell haben nichts Natürliches und in ihren Augen finde ich trotz ihres Verhaltens keine Motivation. Die Wölfe haben uns beinahe erreicht und immer noch mit geschlossenen Augen stelle ich mir vor, wie die Beiden einfach umkippen. Als hätten sie vom einen auf den anderen Moment einfach die Lust am Stehen verloren. So öffne ich meine Augen erneut und sehe unsere Angreifer vor meinen Füßen liegen. Kein Muskel zuckt mehr.
„Du hast es ziemlich spannend gemacht“, grinst Cass. Etwas weiter rechts von ihm breiten sich zwei enorme Blutlachen aus und einzelne Fleischbrocken liegen verstreut herum. Von den anderen Gestalten ist überhaupt nichts mehr zu sehen. Samuel schaut ernst in die Ferne: „Wir müssen vorsichtiger sein, ich hätte sie alle übernehmen müssen.“ Trotz dieser Anmerkung bin ich doch gerade sehr stolz auf mein Werk. Doch er hat schon recht: wenn wir gesehen werden, war das alles umsonst. Ich kann seine Nervosität also schon nachvollziehen. „Der Schleier ist zum Glück aufrecht geblieben. Gehen wir noch langsam bis zu den Felsen da vorne und dann schlagen wir unseren Schlafplatz auf. Für heute haben wir genug geschafft.“
Am Felsen angekommen entdecken wir eine kleine Höhle, die zuvor wahrscheinlich den Wölfen gehörte. Wir zwängen uns durch den schmalen Eingang und das Flimmern lässt langsam nach, bis es schließlich ganz verschwindet. Auf Samuels Stirn kann ich einzelne Schweißperlen ausmachen als er erleichtert ausatmet. Ich packe meine mitgebrachten Brote und die Flasche Wasser aus und beginne mit dem Abendessen. Cass liegt schon in der Ecke und schläft tief und fest, natürlich ohne seinen Helm vorher abgesetzt zu haben. Schade eigentlich, ich hätte gerne den Moment genutzt, um ihn besser kennenzulernen.
„Du unterschätzt dich.“ Bei den Worten zucke ich kurz zusammen. Langsam schaue ich fragend auf und blicke in ein warmes Lächeln. „Du kannst vieles verändern, wenn du aufhörst, dir selbst im Weg zu stehen“, führt Samuel fort. Ich will etwas sagen, finde aber keine Worte dafür. „Du bist hier, weil ich einen Traum in dir sehe. Einen Traum, der selbst mich inspiriert.“ Ich kann nicht ganz glauben, was ich da höre und versuche meine Gedanken zu ordnen: „Die Wölfe vorhin haben mir alles abverlangt, was ich hatte. Ich weiß nicht, ob ich für Größeres geschaffen bin, wie du behauptest. Ich weiß nicht mal, ob ich es zurück nach Hause schaffe“. „Hab Vertrauen!“ Seine Stimme allein gibt mir schon ein gutes Gefühl. „Wir sind beides Menschen, die sich zu sehr mit anderen vergleichen. In einer so trostlosen Umgebung wie hier, wo hinter jeder Ecke der Tod lauert, sind doch wir selbst unsere eigenen größten Feinde.“ Ich schaue nachdenklich auf den Boden. „Leg dich schlafen“, beendet er seine Gedanken. „Morgen holen wir endlich zurück, was verloren gegangen ist“.
Ich lege mich zwar auf den kalten Stein, aber schlafen werde ich trotz der Erschöpfung noch eine Weile nicht können. Zu viele Gedanken und Eindrücke schwirren mir durch den Kopf. So versuche ich nach erfolglosem zuordnen der Gedanken, nochmals alle Fakten durchzugehen: Mein Name ist Niko, bin 17 Jahre alt… naja, vielleicht nicht so allgemein. Also nochmal: Wir sind nun 3 Tage von zuhause weg und Vorankommen wird immer schwieriger. Wir folgen den Spuren von unseren Vorgängern, deren Mission es war, ein gewisses Artefakt zu finden und mit nach Hause zu bringen. Näheres wird uns einfachen Bürgern nicht erklärt, es soll aber von höchster Wichtigkeit für das Volk sein. Die Leute haben es zwar gefunden, aber konnten es nicht den ganzen Weg zurückbringen. Hier kommen wir ins Spiel, denn wir 3 wurden extra dafür auserwählt und vorbereitet. Wir können es schaffen! Mit diesen Gedanken drifte ich langsam in die Traumwelt ab.
Am nächsten Morgen werde ich von Samuel geweckt. Es ist aber kein gewohnt sanftes aufwecken, sondern eher ein hektisches. „Was ist denn los?“, frage ich schlaftrunken. „Cass ist verschwunden!“
In all der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, habe ich nie ganz verstanden, warum Cass auf dieser Mission mitgenommen wurde. Wahrscheinlich sieht Samuel auch in ihm irgendetwas. Und jetzt wird unsere Mission unterbrochen, weil wir ihn suchen müssen. „Menschenleben gehen natürlich vor“. Sorgen mache ich mir aber trotzdem, weil ich mir selbst nicht vorstellen kann, allein hier draußen überleben zu müssen. Irgendetwas muss passiert sein. Er wird doch nicht einfach so weglaufen?
So betrachten wir erstmal seinen Schlafplatz, können aber keine Hinweise auf sein Verschwinden ausmachen. Auch am Höhleneingang gibt es keine Spuren, die uns eine Richtung vorgeben könnte. Es ist, als ob er sich über Nacht einfach in Luft aufgelöst hätte. Nach langem Hin und Her entscheiden wir, dass es das Beste ist, weiterzugehen. Vielleicht ist er aus irgendeinem Grund schon vorgegangen. Und falls er umgekehrt ist, treffen wir ihn auf dem Rückweg. Weit haben wir es ja nicht mehr, bis zum Ziel unserer Mission. Trotzdem nehmen wir die Reise mit einem unguten Gefühl im Magen wieder auf.
Und natürlich werden wir auch hier nicht verschont. Unter dem Schleier, den Samuel erneut für das Vorankommen aufgespannt hat, bemerken wir bald wieder eine einzelne Präsenz in der Nähe. Diesmal keine Wölfe, sondern etwas Größeres. Ein lautes Brülle durchbricht die Stille, als ein Berg aus Fell und Klauen unsere Sphäre durchdringt. Das Ungetüm könnte man am besten mit einem Bären vergleichen, aus dessen Rücken Räder und aus dem Mund Dampf hervorkommt. Samuel wehrt ihn geschickt ab und stößt ihn zurück. Das Monster ist kurz benommen und wir falten instinktiv unsere Hände zu einem Dreieck. Wie gestern versuche ich mir den Gegner vor meinem inneren Auge vorzustellen, aber dieses Mal klopft mein Herz zu sehr und Schweiß läuft mir in Strömen den Rücken entlang. Ich lenke meine rasenden Gedanken auf seine Bewegungen und stelle mir vor, wie der Bär vor mir zum Halt kommt und umfällt. Bevor ich meine Augen öffnen kann, werde ich schlagartig auf die Seite gerissen. Die Pranke des Bären verfehlt mich nur knapp und ich spüre die zerschnittene Luft neben meinem Ohr. „Bleib zurück“, schreit Samuel, der mich am Arm festhält. In seinen Augen erkenne ich zum ersten Mal einen Hauch von Panik.
Dem entgegen erkenne ich in den Augen des Ungeheuers keine einzige Emotion. Auch als es mit voller Wucht auf Samuel zustürmt. Er weicht zur Seite aus und tritt mit voller Kraft auf das rechte Vorderbein. Der Kick ist so stark, dass ich eine kleine Windböe spüren kann. Doch der Bär stolpert nur kurz und schnaubt weiterhin auf Samuel zu, der schon den nächsten Angriff pariert. Ich betrachte das Spektakel mit offenem Mund und werde schon fast an einen Tanz erinnert. Bevor ich mich versehe, sitzt Samuel auf dem Bären und konzentriert sich. Er presst seine Handflächen zusammen und die Umgebung erhitzt sich langsam. Das Monster tobt und schüttelt sich unter ihm, aber er lässt sich nicht beirren und sitzt seelenruhig da oben, fast schon wie ein Mönch auf einer Klippe. Ich mache zwei Schritte zurück, als ich plötzlich einen Hitzeschwall spüre und sehe Fell in Flammen aufgehen. Ein ohrenbetäubender Schrei tönt aus dem Feuerball, der jetzt unbeholfen das Weite sucht. Samuel atmet schwer, aber man sieht die Erleichterung in seinen Augen. Er hat definitiv bewiesen, dass er es verdient hat, diese Mission anzuführen. Er blickt auf und schlagartig verschwindet sein lächeln. Ulcior, das Auge blickt direkt auf ihn herab.
Erst jetzt bemerke ich, dass der Schleier um uns herum gerade wieder im Aufbau ist. Samuel muss ihn wohl bei dem Angriff eben kurz fallen gelassen haben. Ich werfe mich direkt auf den Boden und erwarte, dass er dasselbe tut. Aber er steht nur da und schaut in die dunkle Iris, die wie ein endloser Abgrund den Himmel ausfüllt. Ich schaudere, während jedes meiner Körperteile sich so anfühlt, als würde es in den Boden gedrückt werden. Meine Ohren dröhnen, während ich versuche etwas zu rufen, um Samuel aus dieser Trance herauszubekommen. Doch nichts als ein leises Krächzen kommt aus meiner Kehle hervor. Langsam bewegen sich seine Beine und ganz mechanisch geht er in die Ebene hinaus. Die Barriere flimmert und reißt um uns herum auf. Sie versucht sich zwar verzweifelt immer wieder zu schließen, aber ich sehe wie sie langsam an Intensität verliert und bald ganz verblassen wird. Nach kurzer Zeit lässt die Lähmung des Schocks nach und ich sprinte stolpernd auf Samuel zu. Ich denke nicht über das Ding im Himmel nach, denn die Angst, hier draußen allein zu sein, wiegt viel schwerer. Je näher ich ihm komme, desto langsamer werden meine Schritte. Ich strecke meinen Arm nach ihm aus, aber ich kann ihn nicht erreichen. Meine Kraft schwindet und ich werde erneut auf den Boden gedrückt. Verzweiflung macht sich bei mir breit und Samuel entfernt sich Schritt für Schritt. Plötzlich dreht er seinen Kopf nach hinten. Sein Gesichtsausdruck sieht gequält aus, doch seine Beine bewegen sich unaufhaltsam weiter. „Geh zu-ück. Folge nicht“. Die Stimme klingt nicht nach ihm, doch es ist das Letzte, was ich von ihm höre, bevor er sich ein letztes Mal nach vorne dreht und Richtung Horizont marschiert. Das Auge folgt ihm und auch der Druck lässt von mir ab. Trotzdem schmerzen alle meine Muskeln so sehr, dass ich es nicht direkt schaffe aufzustehen.
Nach dem vierten Versuch schaffe ich es dann aber doch mich aufzurichten. Was soll ich jetzt machen? Ich bin den Tränen nahe und habe das Gefühl mich übergeben zu müssen. Ich habe kaum Chancen allein hier draußen zu überleben, geschweige denn die Mission zu beenden. Der Schock hat meine Gedanken abstumpfen lassen, doch Samuels Worte kreisen in meinem Kopf. Ich drehe um. Keine Ahnung, ob ich es überhaupt zurückschaffe, gerade ist es mir fast schon egal.
Wie ein Zombie bewege ich mich in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Um mich herum nichts als eine ohrenbetäubende Stille, die sich langsam auch in meinem Inneren ausgebreitet hat. Nach Stunden, die sich wie eine handvoll Augenblicke anfühlen, erreiche ich wieder den Wald. Immer noch nicht ganz realisierend, was passiert ist, bemerke ich auch den Berg an verbranntem Fell nicht, der auf mich zurollt. Erst im allerletzten Moment drehe ich meinen Kopf zur Seite und sehe, wie ein Schatten aus dem Gebüsch springt. Der Bär von vorhin ist nicht mehr zu erkennen. Das wenige Fell, das das Feuer überstanden hat, hängt verkohlt von seinem Körper herunter und Rauch strömt in Massen aus seinem Bauch. Dort wo man Fleisch und Knochen erwarten würde, befinden sich weitere Räder und silberne Blöcke, die sich schnaubend bewegen. Ich kann nicht mal mehr ausweichen und nehme mein Schicksal hin. Ich habe versagt, es ist aus. Doch der erwartete Kontakt mit den Klingen kommt nicht. Stattdessen blendet mich ein gleißendes Licht und da, wo sich gerade noch das Ungetüm befand, erstreckt sich nun eine massive Kluft, deren Anfang und Ende ich nicht erkennen kann. Manche Bäume knicken ab und kippen in die Schlucht hinein und ich stolpere zwei Schritte zurück. Bevor ich verarbeiten kann, was hier gerade passiert ist, bemerke ich einen weiteren Schatten über mich. Ich erkenne lange Gewänder, die im Wind wehen, einen übergroßen Helm, unter dem schwarze Haare hervorstechen und ein unverkennbares Grinsen, das mich fast schon auszulachen scheint. Cass schwebt ein paar Meter direkt über mir und in seiner linken Hand hält er das Artefakt, welches ich durch das gleißende Licht, das von ihm ausgeht, nicht erkennen kann. Ich fühle mich schlagartig so, als hätte mich jemand aus einem langen Schlaf herausgerissen: „Cass? Warum bist du einfach verschwunden? Deinetwegen ist Samuel…“, ich verstumme, da er mir keine Beachtung schenken zu scheint. Wut durchströmt meine Adern und ich schreie diesmal: „Hör mir zu! Wir werden ihn jetzt retten! Du wirst das jetzt wiedergutmachen!“ Meine Worte scheinen tatsächlich Wirkung zu zeigen, denn er dreht sich wieder zu mir: „Samuel ist verloren, das war von Anfang an klar“. Ich schaue verdutzt, aber immer noch wütend zu ihm auf, doch bevor ich noch etwas sagen kann, fährt er fort: „Du hättest zu Hause bleiben sollen, Niko. Du verstehst zu wenig von all dem hier und es nützt jetzt auch nichts mehr, es dir zu erklären“. Mit diesen Worten verschwindet er so schnell, wie er aufgetaucht ist und ich werde erneut zurückgelassen.
Doch das lasse ich mir nicht so einfach gefallen. Es wäre ihm wahrscheinlich am liebsten, wenn ich hier draußen draufgehe, doch diesen Wunsch werde ich ihm nicht erfüllen. Mein Herz pocht in meine Stirn, Adrenalin strömt in meine Adern und langsam beginne ich loszulaufen. In die Richtung, aus der wir ursprünglich gekommen sind. Ich denke an zuhause und an all die Menschen, die ich wieder sehen will. Ich denke an Sky.
Ich werde stärker werden und dich retten, Samuel! Wenn es sein muss, auch allein. Das verspreche ich!