Eins
Die Luft war frisch und kratzte fast auf Zekes nackter Haut, als er auf seiner Dachterrasse stand und auf die Stadt unter sich starrte. Die Nacht war fast vorbei. Er rauchte und sah zu, wie der Qualm in der leichten Brise davonwehte.
Sein Körper bettelte nach Schlaf, aber er weigerte sich. Nicht, bevor er seine Rose zurückhatte. Nicht, bevor er die Männer abgeschlachtet und sich gerächt hatte, die sie ihm weggenommen hatten. Das Blut an seinen Händen ließ sich immer schwerer abwaschen, aber das war ihm egal. Es wurden nie Beweise gefunden, selbst als ein paar Bullen in die Schlägerei gerieten. Die waren korrupt wie Sau und arbeiteten für Jax.
Zeke leerte den letzten Rest Whiskey aus der Flasche. Er drehte sich um und torkelte zurück in sein Apartment. Es war kalt und ungemütlich. In der Küche roch es nicht mehr nach den Kuchen, die Lori gebacken hatte, und ihr Lachen war verstummt.
Er ballte die Fäuste und pfefferte die Flasche gegen die Wand. Vor Wut schrie er auf, als sie in tausend Stücke zersprang. Blind vor Zorn fegte er mit den Armen über die Küchenzeile und beförderte alles scheppernd auf den Boden.
„Fuck!“, brüllte er und schlug gegen die Wand. Das schmerzhafte Krachen seiner Knöchel ignorierte er einfach. „Fuck!“
Die Haustür flog auf. Enzo rannte herein, seine Männer dicht hinter ihm.
„Wo ist sie?!“, schrie er. „Wo zur Hölle ist sie?“
„Zeke, wir haben jeden verfügbaren Mann auf der Straße, um sie zu suchen. Ich lasse Jax beobachten, aber bisher gibt es kein Anzeichen, dass Lori bei ihm ist. Und Victor ist einfach untergetaucht“, sagte Enzo. „Du musst deine Hand untersuchen lassen.“
„Mir geht’s gut“, fuhr Zeke ihn an. „Ich will, dass sie gefunden wird, Enzo.“
Enzo sah die Männer hinter sich an und schickte sie weg. Dann ging er zu Zeke rüber. Er sah, dass Zeke hart kämpfen musste, um nicht die Fassung zu verlieren. Er wollte nicht, dass sein Freund vor Publikum zusammenbrach.
„Du musst schlafen“, sagte Enzo.
„Nein. Ich schlafe nicht, bis ich sie wieder im Arm halte.“
„Zeke, am Ende bist du zu erschöpft, um ihr zu helfen“, sagte Enzo. „Beweg deinen verdammten Arsch ins Bett. Geh duschen, du stinkst wie eine ganze Brauerei. Ich halte hier die Stellung, bis du wieder fit bist.“
Zeke schüttelte den Kopf. „Ich darf sie nicht verlieren. Ich habe versprochen, sie zu beschützen, und ich habe es total vermasselt.“
„Hast du nicht.“ Enzo seufzte und half seinem Freund die Treppe hoch ins Badezimmer. „Wer auch immer Lori geholt hat, hat den Fehler seines Lebens gemacht. Die wissen gar nicht, wozu du fähig bist.“
„Ich hätte sie gehen lassen sollen“, flüsterte Zeke. Er spürte den Alkohol, sobald er sich auf den Rand der Badewanne setzte. „Sie ist viel zu gut für mich.“
„Ich glaube nicht, dass Lori das gerne hören würde.“
Zeke schloss die Augen und Tränen liefen ihm übers Gesicht. „Sie hasst mich. Ich weiß genau, dass sie mich hasst.“
„Zieh dich aus“, sagte Enzo. „Ich hab dich echt gern, Kumpel, aber ich gehe nicht mit dir duschen.“
„Meine wunderschöne Rose“, sagte Zeke und kippte zur Seite weg. Enzo fing ihn schnell ab. „Weg. Mir einfach durch die Finger geglitten und jetzt in den Händen dieser verdammten Bastarde.“
„Zeke, jetzt reicht’s!“, herrschte Enzo ihn an. „Ab unter die verdammte Dusche und dann ins Bett.“
„Du warst schon immer gut zu mir“, lallte Zeke und mühte sich ab, sein Hemd auszuziehen. „Lori würde mich auslachen. Normalerweise werde ich nicht besoffen.“
„Man baut eben Mist, wenn man am Boden ist“, sagte Enzo. „Ich bin draußen. Ruf mich, wenn du was brauchst.“
Es dauerte noch ein paar Stunden, bis Zeke wieder nüchtern genug war, um vernünftig zu reden. Er saß an seinem Schreibtisch, seine Leute waren im ganzen Raum verteilt. Alle waren angespannt, erst recht, weil Zekes Frau entführt worden war.
Zeke drückte seine Zigarette aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Gibt’s was Neues?“
„Wir haben Jax beobachtet. Ein Insider sagt, er hat Lori nicht entführt“, meinte Trey. „Er sagte aber auch, dass er nicht sicher ist, ob Jax irgendwie seine Finger im Spiel hat.“
„Bisher wurden keine zusätzlichen Lebensmittel oder Klamotten zu seinen Häusern geliefert“, schüttelte Simon den Kopf. „Bei Victor das Gleiche.“
„Wird er verfolgt?“, fragte Zeke.
„Wir haben ständig ein paar Männer an ihm dran. Er merkt es nicht, weil er nicht gerade die hellste Leuchte im Kronleuchter ist“, spottete Enzo. „Wir haben keinerlei Hinweis gefunden, dass Lori bei ihm ist. Kein Essen, keine Frauenartikel, gar nichts.“
„Wurden seine Immobilien durchsucht?“
„Alle bis auf eine“, sagte Simon. „Aber in dem Haus wohnt seine Mutter. Da gehen ständig Pfleger ein und aus. Das ist eine winzige Wohnung mit nur einem Schlafzimmer, Bad und Küche. Mehr nicht.“
„Wo zur Hölle ist sie dann?“, zischte Zeke und drosch mit der Faust auf den Tisch. „Wir haben mehr Leute als jeder verdammte Penner in dieser Stadt, und keiner von euch Versagern kann sie finden!“
Enzo atmete tief aus. „Alle raus hier.“
Zeke starrte die Whiskeyflasche im Regal an. Er stieß einen langsamen Seufzer aus und zwang sich, sie zu ignorieren.
„Zeke“, sagte Enzo. „Wir werden sie finden.“
Zeke schluckte schwer und rieb sich übers Gesicht. „Wir müssen ins Kissed. Wir hören uns dort um und schauen, ob irgendjemand was von ihr gehört hat.“
„Bist du in der Verfassung, dorthin zu gehen?“
„Ich... ich muss hier raus aus diesem verdammten Loch. Ich kann nicht einfach rumsitzen und mich Tag und Nacht besaufen.“ Zeke sah seinen Freund an. „Ich liebe sie. So habe ich noch nie zuvor geliebt.“
„Ich weiß.“
„Und ich werde die ganze verdammte Welt niederbrennen, um sie wieder in meine Arme zu schließen.“
Die Musik wummerte laut, als Zeke und seine Männer den Club betraten. Ein neues Mädchen stand auf der Bühne und zog die Blicke der Männer auf sich. Die Tänzerinnen bemerkten Zeke sofort.
Zeke ging zur Bar. Ellie kam herbeigestürmt und fiel ihm um den Hals. Ein Raunen ging durch das Personal und die Tänzerinnen, als er sie zurückdrückte.
„Gibt es Neuigkeiten?“, fragte Ellie. Zeke schüttelte den Kopf. „Ich habe solche Angst um sie.“
„Ich auch“, sagte Zeke. „Hol dir was zu trinken. Du sitzt heute Abend bei uns.“
„Zeke?“, sagte Ellie und trat einen Schritt zurück. „Ada geht es gar nicht gut.“
„Ist sie hier?“
Ellie nickte. „Sie trinkt.“
„Scheiße“, seufzte Zeke. „Enzo? Schnapp dir Ada und bring sie nach oben.“
Zeke nahm sich einen Drink und ging in den VIP-Bereich, wo seine Männer warteten. Er exte sein Glas und beobachtete ein paar Tänzerinnen, die seine Leute unterhielten.
Er seufzte, schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück. Er starrte an die Decke und stellte sich vor, wie Lori auf seinem Schoß sitzen und über seine körperliche Reaktion grinsen würde.
Zekes Augen schossen auf, als jemand ein Bein über seinen Schoß schwang. Er setzte sich auf und blickte Crystal direkt in die Augen. „Was zum Teufel glaubst du, was du da machst?!“
„Ich tanz für dich“, grinste sie und verschränkte die Finger in seinem Nacken. „Genau wie in den guten alten Zeiten.“
„Verpiss dich von mir“, zischte Zeke und stieß sie von seinem Schoß.
„Was ist denn dein Problem?“, blaffte Crystal. „Ich sehe deine übliche Schlampe heute gar nicht auf deinem Schoß.“
„Was hast du gerade gesagt?“, erwiderte Zeke mit eiskalter Stimme. Er sah, wie seine Männer die anderen Frauen wegschickten und aufstanden.
„Was ist denn passiert?“ Crystal verschränkte die Arme und drückte ihre Brüste nach oben. „Hat sie gemerkt, dass sie es dir nie recht machen kann? Ich kenne dich, Baby. Ich bin viel besser als so ein Miststück, das – ah!“
Zeke knallte sie am Hals gegen die Wand und drückte zu, sodass ihr der Atem stockte. Er sah die Angst in ihren wässrigen Augen, aber er ließ nicht locker, selbst als sie versuchte, ihn wegzuschieben.
Er beugte sich zu ihrem Ohr und flüsterte: „Du kennst mich überhaupt nicht. Dein Mund war nur ein Loch zum Ficken, wenn ich gerade nichts Besseres hatte. Du wirst mich niemals zufriedenstellen können, weil du nur eine ungewollte, verzweifelte Schlampen bist, die alles für Aufmerksamkeit tut. Also nein, du bist nicht besser als Lori, denn Lori ist mein Leben.“
„L-lass mich los.“
Zeke drückte fester zu. „Verpiss dich aus meinem Club und such dir einen neuen Job. Wenn ich dich hier nochmal sehe, breche ich dir dein verdammtes Genick.“
Crystal wimmerte. Er ließ sie los und sah zu, wie sie in Tränen ausbrach und davonrannte. Zeke griff nach seinem Drink, leerte ihn und knallte das Glas auf den Tisch.
„Das lief ja super“, durchbrach Simon das Schweigen.
Zeke lächelte fast. „Corbin, sorg dafür, dass sie sofort verschwindet.“
Zeke setzte sich wieder hin und rieb sich das Gesicht. Draußen gab es Geschrei. Er blickte auf und sah, wie Enzo Ada über der Schulter hereintrug, Ellie rannte hinterher.
Ada landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Sofa neben ihm. Sie wollte gerade auf Enzo einprügeln, wurde aber sofort festgehalten.
„Benehm dich“, warnte Enzo. „Bringt ihr mal jemand Wasser.“
„Ich brauche kein Wasser!“, zischte Ada und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. „Ich will meine beste Freundin!“
„Saufen bringt gar nichts“, herrschte Enzo sie an. „Du bist nicht die Einzige, die sie vermisst, Ada. Du bist nicht die Einzige, die sie verdammt noch mal liebt. Wir tun unser Bestes, um sie zu finden, aber es ist verdammt schwer.“
Ada hörte auf zu zappeln und ein paar Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich vermisse sie so sehr.“
Enzo seufzte und ließ sie los. „Ich hab dir doch gesagt, wir holen sie zurück. Keiner hört mir hier zu.“
„Warum seid ihr dann hier und nicht draußen, um sie zu suchen?“, fragte Ada, während ihr jemand eine Flasche Wasser reichte.
„Wir sind hier, um Fragen zu stellen“, sagte Enzo. „Bleib hier sitzen, ich hol dir Eis.“
Zeke lehnte sich zurück und sah Ada an. „Warum hast du nicht angerufen?“
„Hab ich doch. Du warst immer total besoffen. Man kam gar nicht an dich ran“, sagte Ada. „Ich wollte fragen, ob du was von Lori gehört hast, aber von dir kam gar nichts mehr.“
„Tut mir leid“, sagte Zeke leise. „Mir ging’s echt dreckig.“
Ada nickte. „Ich war bei ihrer Mutter. Ihr geht es gar nicht gut. Ich weiß nicht, wie ich sie trösten soll.“
„Sie will mich morgen sehen.“ Zeke schüttelte den Kopf. „Ada, du bist nicht die Einzige, die Schiss hat. Ich habe normalerweise nie Angst, aber seit Lori in mein Leben getreten ist... verdammt, sie ist mein Ein und Alles. Ich weiß nicht, wer sie hat. Lori hasst mich wahrscheinlich, weil ich sie nicht beschützt habe, wie ich es versprochen hatte.“
Mit einem Seufzer legte Ada ihren Kopf auf Zekes Schulter und hielt seine Hand fest. „Lori würde dich niemals hassen. Egal was passiert, sie liebt dich. Ich habe sie noch nie so glücklich gesehen wie mit dir.“
„Das werden wir ja sehen, wenn ich sie finde.“
„Zeke“, Ada drückte seine Hand fester. „Lori hat nicht... wo auch immer sie ist, sie macht denen bestimmt die Hölle heiß. Sie tritt und schreit wahrscheinlich und versucht, ihnen die Augen auszukratzen. Lori ist eine Kämpferin, das war sie schon immer.“
„Ich weiß“, schüttelte Zeke den Kopf. „Aber ich weiß auch, dass sie ihr wehtun. Frauen zu verletzen ist einfacher als –“
„Lass uns nicht daran denken“, sagte Ada. Zeke sah, wie sie weinte. „Ich will nicht darüber nachdenken, wie meiner besten Freundin wehgetan wird.“
Zeke schluckte schwer und zog Ada in eine Umarmung, während sie an seiner Brust weinte. Der Schmerz in seinem Inneren war kaum zu ertragen, aber Ada hatte recht.
Lori war eine Kämpferin. Er hoffte inständig, dass sie versuchte, jeden umzubringen, der ihr zu nahe kam.
„Sie wird nach Hause kommen“, sagte Zeke leise. „Und wenn es mich das Leben kostet.“