KAPITEL 1: ZERBROCHENE TRÄUME
Schon seit er ein kleines Kind war, wollte Robin ein Alpha sein.
Es war ein Traum, den er mit Jude teilte. Diese riesige Fantasie entstand vor über zehn Jahren. Er und Jude sollten beide Alphas werden und gemeinsam die Welt erobern. Eine unaufhaltsame Macht.
Das war es auch, was ihn und Jude zusammengebracht hatte. Die beiden saßen in der Pause im Kindergarten zusammen. Erst freundeten sie sich über die gleichen Erdnussbutter-Cracker an. Dann erklärte Robin Jude aus heiterem Himmel, dass er eines Tages ein Alpha sein würde – eben so, wie Kinder nun mal sind. Sie sprachen bei Übernachtungen oder am Telefon darüber. Ein Traum, wie ihn nur ein Kind haben kann, wenn man bedenkt, dass man sich sein zweites Geschlecht nicht aussuchen kann.
Bei Jude passierte es früh – als Erster in ihrer Klasse, mit etwa 13 Jahren. Es geschah, als er und Robin gerade auf dem Weg zur Schule waren. Jude fing plötzlich an zu schwitzen, sein Gesicht lief rot an und er sagte Robin, dass er *jetzt* nach Hause müsse.
Es überraschte niemanden, dass Jude ein Alpha war. Ehrlich gesagt hätte seine Aura aus purer Macht jeden zur Unterwerfung gezwungen. Robin hat immer zu ihm aufgesehen wie zu einem perfekten Vorbild. Er war der ideale Alpha, von Anfang an. Er hatte ein kleines Aggressionsproblem – das hat er übrigens immer noch. Die Leute hörten auf ihn, als wäre sein Wort Gesetz. Manchmal fühlte es sich auch genauso an. Er war alles, was Robin sein wollte, und noch mehr... obwohl sich ihre Charaktere völlig unterschiedlich entwickelten.
Jude war der Klassenbeste. Er beugte sich keiner Autorität und begegnete jedem Konflikt mit seinem typischen, hämischen Grinsen. Robin dagegen... war einfach nicht so. Er wollte es sein. Er versuchte es. Aber er konnte gegen sein Naturell nicht ankommen. Er zog es vor, unterzutauchen und darauf zu hören, was man ihm sagte. Robin war praktisch unfähig, unhöflich zu sein, egal wie sehr die Leute es verdient hatten. Er wollte nicht auffallen.
Jude wurde extrem beliebt und die ganze Schule kannte seinen Namen. Robin hielt sich währenddessen im Hintergrund.
Obwohl sie das genaue Gegenteil voneinander waren, blieben die beiden beste Freunde. Niemand hätte sie trennen können – Jude hätte jedem den Arsch aufgerissen, der es versucht hätte.
Ihre völlig verschiedenen Persönlichkeiten hätten eine Warnung sein müssen. Ein Zeichen. Robin hätte es akzeptieren sollen, als er noch jung war. Das hätte ihm eine Menge Kummer erspart, als er 15 wurde und sich als Omega herausstellte.
Es hätte offensichtlich sein müssen, doch trotzdem stürzte er in eine tiefe Depression. Seine unrealistischen Träume, ein Alpha zu sein – mächtig zu sein und Jude als Ebenbürtiger zur Seite zu stehen – zerbrachen mit einem Schlag.
Robin drängte seine Mutter dazu, ihm sofort beim Verstecken zu helfen und kaufte Suppressants und Scent Blocker. Er schaffte es, seiner ganzen Klasse vorzumachen, dass er sich einfach noch nicht entwickelt hatte. Er wusste, dass die Lüge nicht ewig halten würde, aber das war ihm lieber, als mit der Wahrheit herauszurücken.
Das einzige Geheimnis, das Robin jemals vor Jude hatte, ist sein zweites Geschlecht.
„Du bist verdammt mies in Mathe“, bemerkt Jude.
Robin blickt von seinem Bett auf, wo er im Schneidersitz sitzt. Er sieht Jude gegenüber an seinem Schreibtisch sitzen. Er lehnt sich zurück, die Füße auf der Kommode. Er kaut aufdringlich Kaugummi, was Robin sichtlich nervt.
„Wovon redest du?“
„Du kriegst kein einfaches Plusrechnen hin. Oder Teilen“, antwortet Jude. Robin verzieht das Gesicht und starrt wieder auf seine Hausaufgaben. Er ist im einfachsten Mathe-Kurs, und der Stoff ist eigentlich für niemanden ein Problem. Nur ist Robin nicht gerade eine Leuchte, was Schulbücher angeht. Er braucht Jude, damit er ihm jede einzelne Aufgabe erklärt.
„Wenn ich einen Taschenrechner habe, wozu dann das Ganze?“, entgegnet Robin. Er blickt in den Spiegel über seiner Kommode. Seine Haare sind heute besonders unordentlich, seine honigbraunen Augen verraten seine Frustration. Er fummelt an den Kordeln seiner Jogginghose herum, während er die Aufgabe noch einmal liest, an der er schon seit fünf Minuten sitzt.
„Ach ja? Was hast du denn gerade eingetippt?“
„6 + 13.“
„Genau das meine ich.“
Robin verdreht die Augen und fängt an, eine Giraffe in die Ecke seines Heftes zu kritzeln. Jude hat seine Hausaufgaben schon vor einer Ewigkeit fertig gemacht. Ihm fällt das alles spielend leicht, obwohl er im Unterricht nie aufpasst. Robin findet das einfach nur nervig.
„Ich wollte nur sichergehen.“
„Klar, *weil du in Mathe eine Niete bist*.“
Robin sieht auf und wirft Jude einen bösen Blick zu. Der grinst nur zurück und zieht eine Augenbraue hoch.
„Wir können nicht alle Klassenbeste sein“, antwortet Robin abfällig. Er nimmt sein Handy und wechselt das Lied. Er hasst es, wenn sein Playlist-Shuffle ausgerechnet jetzt nur traurige Songs spielt. Die Leute sollen nicht denken, dass er noch fertiger ist, als sie sowieso schon glauben.
„Das stimmt wohl. Ich bin schon ziemlich genial.“
Robin sieht nicht einmal auf und zeichnet weiter an seiner Giraffe. Er kann sich genau vorstellen, wie Jude gerade guckt. Arrogant wie immer, total selbstsicher. Seine eisblauen Augen beobachten Robin ganz genau. Wie üblich.
„Sagt wer?“
„Ich und alle anderen.“
Robin schnaubt und verwandelt eine 7 auf seinem Papier in einen seltsamen Vogel. „Ich nicht. Du wirst völlig überbewertet.“
Robin hört, wie Jude aufsteht. Er weiß genau, was jetzt kommt. Trotzdem weigert er sich, ihm Beachtung zu schenken.
Das hier passiert ständig. Robin wartet bis in die frühen Morgenstunden, um endlich seine Hausaufgaben zu machen, und Jude klettert durch sein Fenster, um ihn zu nerven.
Als sie Kinder waren, hätte niemand die beiden Jungs beachtet, die so eng befreundet miteinander spielten. Aber heute? Jude ist genau das, was man sich unter einem arroganten Alpha mit Überlegenheitskomplex vorstellt. Er hat einen Fanclub, der ihn darin bestätigt, und heckt ständig Unsinn aus. Er zieht sich an wie die Schul-Delinquenten und spielt in seiner Freizeit deren Anführer. Trotzdem lieben ihn die Erwachsenen.
Und Robin? Er färbte seine blonden Haare schwarz, als er sich entwickelte und einen Nervenzusammenbruch erlitt. Er kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal etwas Farbiges gekauft oder nicht schwarz angemalt hat. Er verbringt die Hälfte der Zeit in seiner eigenen Welt oder mit Videospielen und die andere Hälfte mit Jude. Er hat mittlerweile so viele Piercings, dass seine Mutter ihn schon öfter mit Nichtachtung gestraft hat. Er gibt fast jeden Cent für Tattoos oder Spiele aus. Die dunklen Ringe unter seinen Augen machen den Look als Scene-Gamer perfekt.
Robin blickt nicht auf, selbst als er hört, wie Jude näher kommt. Er zeichnet weiter an dem Vogel, bis ihm sein Notizblock aus den Händen gerissen wird. Robin sieht hoch und bereitet sich innerlich schon auf den dramatischen Alpha vor.
„Echt jetzt?“, fragt Jude zweifelnd. Er steht vor Robin und überragt ihn deutlich. Jude ist kein schmächtiger Kerl – kein Wunder als Alpha und mit seinem Tick, jeden Tag zu trainieren. Er starrt auf Robin herab, der mürrisch zurückblickt. Er will einfach nur seine Mathe-Hausaufgaben fertig kriegen.
Robin brummt und greift nach seinem Block. Jude zieht ihn weg. Robin rutscht auf die Knie und sitzt schließlich auf den Fersen auf dem Bett, während er zu Jude aufsieht. Er starrt den Alpha ausdruckslos an.
„Ja. Du bist echt der Letzte.“
Robin greift wieder danach, und wieder weicht Jude ihm aus. Robin rückt noch näher an ihn heran und findet das Ganze überhaupt nicht lustig.
„Warum das denn?“
Robin bricht das sinnlose Gespräch ab, weil ihn der Diebstahl seines Heftes nur noch mehr nervt.
Er greift erneut danach, doch Jude zieht es geschickt aus der Reichweite. Dummerweise verliert Robin das Gleichgewicht und fällt direkt gegen ihn. Er knurrt vor Frust und will sich sofort wieder lösen. Doch Jude schlingt seine Arme um den Omega und hält ihn fest. Gegen Judes Bizeps hat Robin keine Chance und er stöhnt genervt auf.
„Lass mich los, ich muss Hausaufgaben machen–“
Bevor er den Satz beenden kann, dreht Jude sich um und lässt sich rückwärts aufs Bett fallen, mit Robin obendrauf. Robin tut alles, um von ihm wegzukommen. Er hasst es, wenn Jude ihn ohne Grund so überwältigt.
„Hör auf dich zu bewegen.“
Genau das ist Robins größtes Problem.
Die Suppressants können seine Hitze hinauszögern und die Scent Blocker können seinen Geruch überdecken. Aber selbst er kann die Urinstinkte eines Omegas nicht leugnen. Ganz automatisch hört er auf, sich zu bewegen. Er legt sogar den Kopf ein Stück zur Seite und entblößt fast seinen Nacken, bevor er sich gerade noch rechtzeitig stoppt. Trotzdem schießt das Adrenalin durch seinen Körper. Alles in ihm schreit danach, auf den Alpha zu hören, der ihm gerade einen Befehl gegeben hat.
Stinkwütend über seine eigene Natur verpasst er Jude einen Ellenbogenstoß in die Rippen. Sofort lässt der Kerl los. Robin setzt sich auf und reitet rittlings auf seinem idiotischen besten Freund.
Der Typ ist echt unmöglich.
Jude hält das dämliche Heft immer noch außer Reichweite. Robin fängt an, an ihm hochzuklettern. Als er es endlich erreicht, ist sein Bauch auf Augenhöhe mit Judes Gesicht. Er schnappt sich den Block und setzt sich wieder nach hinten, während er ihn fest an seine Brust klammert. Er funkelt den blöden Alpha unter sich an, der nur leise lacht.
Er legt das Heft auf Judes Brust, wobei er ihre Position völlig vergisst, und glättet die Seiten, die Jude beim Herumalbern verknickt hat.
„Das wirst du heute Nacht nicht mehr fertig kriegen“, bemerkt Jude. Seine Brust vibriert unter dem Heft und gegen Robins Hände. Robin blickt mit zusammengekniffenen Augen auf.
„Nicht, wenn du mich ständig nervst“, grummelt Robin zurück. Er radiert den Strich weg, den sein Bleistift hinterlassen hat, als ihm das Heft entrissen wurde. Ehrlich gesagt verdient er eine Medaille für das, was er mit Jude alles mitmacht. Manchmal denkt er, es war vielleicht ganz gut, nicht als Alpha geboren worden zu sein. Mit dieser Einstellung hätten er und Jude sich wahrscheinlich nie so gut vertragen.
Aber gleichzeitig: Scheiß drauf, ein Omega zu sein, und scheiß auf die Gesellschaft, die es so unerträglich macht.
Und die Gesellschaft machte es einem wirklich schwer. Die alten Ansichten sterben zwar langsam aus und Omegas werden immer mehr als normale Menschen gesehen statt als unterwürfige Sexobjekte. Aber das macht die Sache für einen männlichen Omega nicht weniger schlimm. Frauen werden viel besser behandelt. Es verändert, wie die Leute einen ansehen, und Robin hasst das.
Jude streckt die Hand aus und fährt Robin durchs Haar. Der blickt bei dieser seltsam vertrauten Geste auf.
„Du müsstest mal wieder deinen Ansatz nachfärben.“
Robin verdreht die Augen, klettert endlich von ihm runter und setzt sich wieder an seinen alten Platz neben ihn. Er widmet sich wieder seinen Hausaufgaben; er hat keine Lust mehr, Jude zu bespaßen.
„Mach du es doch für mich.“
Jude schnappt sich Robins Handy, gibt den Code ein und scrollt durch seine Musik. „Okay. Morgen?“
Robin will gerade Ja sagen, aber dann fällt ihm sein Arzttermin ein. Ein Termin beim Omega-Arzt, in einer Praxis, die auf Omegas spezialisiert ist. Dort wird ihn der Arzt wieder darüber belehren, dass er Suppressants nimmt. *Eines Tages wirst du vergessen, sie zu nehmen, Robin. Dann trifft dich deine Hitze völlig unvorbereitet. Das ist nicht gesund und blablabla.* Am liebsten würde Robin dem Kerl manchmal eine Socke in den Mund stopfen.
„Ich muss zum Zahnarzt“, lügt Robin ganz locker. „Wie wäre es mit Montag?“
Robin liebt Jude wirklich. Sie sind beste Freunde, seit sie vier waren. Aber es gibt einen Charakterzug, der Robin öfter als alles andere auf die Nerven geht.
Der Kerl will immer alles ganz genau wissen. Er will wissen, wo Robin ist und warum. Er will jedes Detail aus dem Leben des Omegas hören, und das ist, gelinde gesagt, anstrengend. Er hat Robin dazu gebracht, eine App zu installieren, die ihn quasi jederzeit überwacht und sogar wöchentliche Berichte über seine Aktivitäten erstellt. Wenn er im Auto sitzt, wird sogar sein Tempo getrackt. Wenn Robin an Orte muss, die sein Geheimnis verraten könnten, muss er sein Handy buchstäblich zu Hause lassen oder ganz ausschalten.
„Um wie viel Uhr?“
„Um drei.“
„In welcher Praxis?“
„Birkley Dental an der Hauptstraße“, lügt Robin weiter.
Es herrscht Stille. Robin hofft kurz, dass Jude mit seiner Fragerei fertig ist. Er hätte es eigentlich besser wissen müssen.
„Birkley Dental hat sonntags geschlossen.“
Verdammt.
Robins Augen schnellen zu Jude hoch, der ihn intensiv anstarrt. Herrgott, Robin kann diesen Kerl manchmal echt nicht ausstehen. Wer weiß bitteschön *sowas*?
„Dann ist es vielleicht doch nicht Birkley Dental, keine Ahnung.“ Robin versucht, die Sache abzutun. Ohne Erfolg.
„Das ist der einzige Zahnarzt in Hill Grove.“
Robin wird ungeduldig – wegen seiner Hausaufgaben und wegen des Verhörs. Er antwortet: „Vielleicht fahre ich ja nach Irvine. Das kannst du nicht wissen.“
„Ich glaube schon, dass ich das weiß.“
Robin schnaubt. „Vergiss es.“
„Ich glaube zu wissen, dass du etwas vor mir verheimlichst.“
Robin erstarrt.
Okay, vielleicht ist er doch nicht so gut darin, seinen Status als Omega zu verbergen, wie er dachte.
Robin starrt Jude mit großen Augen an. Dieser wirkt durch Robins Reaktion nur noch sicherer. Mist, das... das ist neu für ihn. Jude hat Robin natürlich schon früher vorgeworfen, ihn anzulügen. Aber... dass Robin etwas verheimlicht? Das war bisher nie Thema. Robin weiß nicht, wie er mit dieser neuen Situation umgehen soll. Es wurde ihm noch nie vorgeworfen, seinem besten Freund etwas vorzuenthalten, und das Gefühl gefällt ihm ganz und gar nicht.
Robin macht die Sache nur noch schlimmer – typisch, wenn er sich wie eine in die Enge getriebene Katze fühlt. „Als ob du mir noch nie was verschwiegen hättest.“
Was zum Teufel, Robin? Streite es wenigstens ab!
„Tatsächlich habe ich das nicht“, antwortet Jude. Robin fällt es sehr schwer, den Blickkontakt zu halten... obwohl das eigentlich nichts Ungewöhnliches ist. Schließlich beschließt er, dass der einzige Ausweg darin besteht, zumindest einen Teil der Wahrheit zu sagen.
Robin seufzt. „Na gut. Ich gehe zum Arzt, um darüber zu reden, warum ich mich noch nicht entwickelt habe.“
Jude zieht eine Augenbraue hoch. Der Ausdruck in seinen Augen scheint sich etwas zu verändern. Okay, das ist eine Lüge, bei der Robin bleiben kann.
„Gut“, entscheidet Jude. „Du bist achtzehn, das hätte längst passieren sollen.“
Robin spürt, wie ihm die Schamröte ins Gesicht steigt. Das Gespräch ist ihm peinlich. Lügen aufrechtzuerhalten ist so eine verdammte Last. Warum konnte er nicht als Alpha geboren werden? Sein Leben wäre so viel einfacher.
„Es gibt Leute, bei denen sich das verzögert“, verteidigt sich Robin. „Ich glaube, der späteste Fall war mit zwanzig Jahren, also.“
Jude zuckt die Achseln. Sein Blick ruht noch einen Moment auf Robin, dann sieht er wieder an die Decke. „Mag sein. Wirst du trotzdem ein Alpha mit mir zusammen sein?“
Der Schmerz, der Robins Herz trifft, ist fast unerträglich. Er kann Jude nicht einmal ansehen. Es fühlt sich an, als wäre ihm gerade die Luft weggeblieben, obwohl er ganz ruhig hier sitzt.
Jude darf es nicht wissen. Einfach nicht.
„Na klar.“