Kapitel 1 ~ Ein langer Tag
Ich fahre... und zwar schon seit sechs Stunden. Meine Eltern sind tot. Ich bin auf dem Weg zum Rudel meiner Tante Belinda. Meine Eltern hatten alles geregelt. Sie wussten, dass ihre Zeit zu Ende geht. Und sie haben sich nur um mich gesorgt! Mir wiederum lagen nur sie am Herzen. Ich habe bisher nicht geweint. Wenn ich erst einmal anfange, werde ich nicht mehr aufhören. Ich bin jetzt ganz allein. In 40 Tagen werde ich 18.
Mein Name ist Annalise Berlin. Ich bin etwa 1,63 Meter groß. Durchschnittliche Größe, durchschnittliches Mädchen. Mein weißblondes Haar fällt mir bis knapp über die Taille. Meine Augen sind türkisgrün mit einem leuchtend blauen Kranz um die Pupille. Ich liebe meine Augen. Auch wenn sich fast jeder, den ich treffe, darüber lustig macht. Sie nennen mich Freak! Wenn sie wüssten!
Ich bin fast an der Grenze des Rudels meiner Tante, dem Amber Mountain Pack. Der Alpha hat mir Zuflucht gewährt. Allerdings muss ich ihm noch erklären, warum. Sein Name ist Falcon! Ein cooler Name. Falcon Rivera. Sein Rudel lebt östlich der Kaskadenkette. Ihre Haupteinnahmequelle ist der Bernstein, den sie in den Bergen abbauen. Mein Vater hat dafür gesorgt, dass ich jeden Alpha und jedes Rudel kenne.
Ich bin jetzt eine wohlhabende junge Frau. Meine Eltern haben das durch Versicherungen abgesichert. Ich werde nur in den Osten zurückkehren, um mein Volk zu rächen! Ich weiß noch nicht, an wem. Und ich weiß auch noch nicht, warum. Aber ich werde es herausfinden. In sechs Jahren Informatikkursen habe ich viel gelernt. Und jeder nutzt heute Technik. Sogar Wölfe.
Ich hielt am Tor an. Ein Grenzwächter kam an mein Fenster. Ich sagte: „Annalise Berlin, ich möchte zu Alpha Rivera! Er erwartet mich.“ Dabei lächelte ich ihn an.
Er winkte mich durch. Er sagte, ich solle auf dem Schotterweg bleiben und mich links halten. Als ob ich mit meiner GLB-Klasse ins Gelände fahren würde! Ich hielt vor einem wunderschönen Rudelhaus. Es bestand fast nur aus Glas und Holz. Man konnte durch das Frontfenster die Berge hinter dem Haus sehen. Wahnsinn!
Ich stieg aus meinem SUV. Ich war froh, dass ich passend für die Gegend und die Kälte angezogen war. Jeans und Stiefel, dazu ein schwarzes Langarmshirt und ein blau-schwarzes Flanellhemd. Ich ging um das Auto herum. Da sah ich Belinda, die eilig auf mich zukam. „Anna!!! Du siehst genau aus wie Michelle! Ich vermisse sie so sehr!“ Und ich – ganz die Alte – klopfte ihr unbeholfen auf den Rücken. „Es tut mir sehr leid wegen deines Verlusts“, sagte ich. Bethany lacht in meinem Kopf. Ich sage ihr, dass ich es weiß! Belinda nimmt meine Hand und führt mich hinein.
Sie plappert wie ein Wasserfall und lässt jeden Mist laut raus. Ich sage meine Meinung wenigstens nur leise vor mich hin! Die Frau ist freundlich genug, aber sie hat einen traurigen Blick. Sie ist ganz anders als meine Mama! Meine Mama hat immer gelächelt und gelacht. Und... ich habe kein einziges Wort von dem mitbekommen, was sie gerade gesagt hat! Mist! Warum mache ich das ständig!?
Sie sagt mir, ich solle einfach an die Tür klopfen und warten, bis er mich hereinruft. Er sei vorhin schlecht gelaunt gewesen. Aber sie hoffe, dass es ihm jetzt besser gehe. Also klopfe ich und warte. Nach einigen Minuten sagt er: „Komm.“ Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Am liebsten hätte ich „Sitz“ oder „Platz“ gesagt. Er spricht schließlich mit mir wie mit einem Hund!
Ich gehe hinein und bleibe vor seinem Schreibtisch stehen. Ich warte auf ihn. Und was macht dieser Wichser? Er sagt: „Sitz.“ Ich prustete los vor Lachen. „Hätte wohl Geld darauf setzen sollen“, murmelte ich. Er fuhr herum und fragte: „Geld worauf?“
Ich lächelte und sagte: „Sie haben schöne Augen.“ Und der Kerl wirft mir doch glatt vor, ich würde flirten. Ich entgegnete scharf: „Es ist kein Flirten, wenn es die Wahrheit ist! Es war ein einfaches Kompliment. Fangen Sie damit an, was Sie wollen.“
Ich seufzte. Dann entschuldigte ich mich für den schlechten Start. Ich streckte meine Hand aus und sagte: „Annalise Berlin.“ Er ignorierte meine Hand und deutete auf den Stuhl. „Na gut... dann eben nicht“, flüsterte ich und setzte mich.
„Sagen Sie mir, warum Sie um Zuflucht bitten?“ Ich sah ihn an. „Hat Belinda es Ihnen nicht gesagt? Ich dachte, Sie hätten vor vier Monaten mit meinem Vater gesprochen. Damals wurde die Bedrohung für mein Rudel klar. Er hatte mit Ihnen eine vorübergehende Zuflucht für mich vereinbart. Meine Eltern wurden ermordet! DAS ist der Grund für meine Bitte.“
Er starrt mich eine gefühlte Ewigkeit lang an. Dann fragt er ruhig: „Habe ich Sie irgendwie beleidigt?“ Bethany knurrt: „In jeder Hinsicht!“ Ich lächle und sage: „Ganz und gar nicht! Ich habe ein dickes Fell. Ich nehme mir zwar heraus, Unhöflichkeit zurückzugeben... aber das ist eine andere Geschichte. Und ich entschuldige mich, dass ich Sie mit dem Kompliment über Ihre Augen beleidigt habe. Ich versichere Ihnen, das wird nicht wieder vorkommen.“ Dabei lächle ich zuckersüß.
Er sagt: „Ich bin derjenige, der sich entschuldigen muss. Es war ein anstrengender Morgen. Langweiliges Alpha-Zeug, damit will ich Sie nicht belästigen. Aber mein Name ist Falcon Rivera. Ich würde gerne nach dem Abendessen mit Ihnen sprechen, falls es Ihnen nichts ausmacht.“
Ich sagte: „Natürlich. Hätte ich zwei Bitten frei? Erstens: Gibt es im Rudelhaus ein Zimmer, in dem ich bleiben könnte? Oder vielleicht eine kleine Hütte, die ich mieten kann?“
Er fragt: „Warum wollen Sie nicht bei Ihrer Tante wohnen? Sie würde sich sicher freuen!“ Ich antwortete: „Ihr Mann wird schnell... handgreiflich. Als er das letzte Mal grabschen wollte, habe ich ihm das Handgelenk gebrochen. Ich bin jetzt fast vier Jahre älter. Wenn er es nochmal versucht, reiße ich ihm wahrscheinlich den Schwanz ab. Meine arme Tante würde mich hassen, und das will ich nicht. Sie ist meine einzige lebende Verwandte.“
Er lachte. Ein herzliches, tiefes Lachen. Das stand ihm gut. Er sagte: „Ich werde gerne ein Zimmer für Sie herrichten lassen! Und die zweite Bitte?“ Ich antwortete: „Ich trainiere. Jeden Tag! Und ich möchte dafür lieber nicht das Rudelgelände verlassen. Ich weiß, dass die Frauen in Ihrem Rudel nicht gerade als Kämpferinnen bekannt sind. Und ja, ich weiß, dass das ihre eigene Entscheidung ist. Das war keine Beleidigung.“ Ich grinste ihn an.
Er sagte: „Schon gut! Mein Beta Brady kommt gleich, um Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen. Gepäck? Brauchen Sie Hilfe?“ Ich dankte ihm und sagte: „Nein, es sind eigentlich nur drei Stücke. Ich habe fast alles bei den Bränden verloren.“
Die Tür ging auf und ein riesiger Kerl kam herein. Er schüttelte mir die Hand. Ich murmelte: „Aha... manche von denen haben also doch Manieren.“ Brady lachte! Er fragte: „Glaubst du eigentlich, dass du leise bist?“ Ich lachte auch. „Nein, Bethany erinnert mich ständig daran!“ Er fragte: „Bethany?“ Ich nickte. „Meine Wölfin.“ Er sah schockiert aus. Ich fragte: „Was ist?“ Falcon sagte: „Uns wurde gesagt, du seist eine Null... ohne Wolf?“ Da lachte ich erst recht. „Lass mich raten... hat Bertram das gesagt?“ Als sie nickten, meinte ich: „Ihr werdet ihn noch ‚Eierloses Wunder‘ nennen, bevor meine 40 Tage um sind! Das sag ich euch!“ Und beide lachten.
Das Zimmer, das Brady mir zeigte, ist wirklich schön. Blau und hellgrau, mit eigenem Bad und einer kleinen Sitzecke. Ich zog meine Stiefel aus und flitzte nach unten zum Auto. Ich kam an Brady vorbei und fragte ihn, wo ich parken solle. Er ging mit mir nach draußen und zeigte mir ein Parkhaus. Er setzte sich auf den Beifahrersitz, während ich den Wagen einparkte. Er sagte mir, dass ihm die Sache mit meiner Familie leid tue. Er lächelte und meinte, er freue sich, dass ich hier bin. Dann half er mir tatsächlich mit meinen Taschen. Ich sagte ihm, dass wir uns beim Abendessen sehen, und ging duschen.