Panos - Albtraum auf zwei Beinen
Was wĂŒrde man im Normalfall dafĂŒr geben, ein anderes Leben fĂŒhren zu dĂŒrfen? Eine Niere vielleicht? Ich war mir ziemlich sicher, ich wĂ€re bereit gewesen, so ziemlich jedes meiner Organe zu opfern, um dieser Situation zu entfliehen. »Und nun möchte ich zum Abschluss noch offiziell etwas bekanntmachen. P, komm doch bitte mal zu mir.« Wie Kaugummi schoss mir das schiefe Grinsen meines Bosses direkt ins Gesicht, wĂ€hrend ich mit versteinerter Miene, meine verschrĂ€nkten Arme löste und mich, vom TĂŒrrahmen abstieĂ, von dem aus ich die wöchentliche Versammlung verfolgt hatte. Ich setzte mich gemĂ€chlich in Gang und versuchte das Elend, das mich erwarten wĂŒrde, so lange wie möglich hinauszuzögern. Mit jedem Schritt hatte ich das GefĂŒhl, dass mir die kalten, grauen WĂ€nde des Gemeinschaftsraumes immer mehr auf die Pelle rĂŒckten. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, und genau deshalb machte sich Grant bei jeder Gelegenheit einen SpaĂ daraus, mich vorzufĂŒhren. Die Blicke der anderen Anwesenden fĂŒhlten sich an wie die, hungriger HyĂ€nen, die mich jeden Moment, um jeden Preis zerfleischen wollten.
Grant Hugh war der bekannteste Mafiaboss in Dallas, Texas. Ich verstand, warum die Menschen ihn fĂŒrchteten. Er hatte sein gesamtes Drogenimperium in kĂŒrzester Zeit auf ganz Texas ausgebreitet und hatte ĂŒberall seine Finger im Spiel. Egal, wo man sein Kokain, Weed, Crystal Meth, Ecstasy oder was auch immer fĂŒr eine Droge herbekam, es steckte immer mindestens eine Zehenspitze von Grant Hugh mit drin. Und doch war er persönlich alles andere als angsteinflöĂend, zumindest in meinen Augen. Ich respektierte ihn fĂŒr alles, was er fĂŒr mich getan hatte und noch immer tat, doch Furcht verspĂŒrte ich in seiner NĂ€he keineswegs.
Seine warmen, langen Finger umschlossen etwas zu fest meine Schulter, als ich endlich neben ihm zum Stehen kam, als wĂŒsste er genau, dass ich absichtlich versuchte, Zeit zu schinden. »P hat meinem Sohn bei seinem letzten Einsatz das Leben gerettet. Ich möchte jetzt niemandem persönlich zu nahetreten, aber P ist definitiv unser bester Mann, wenn es um den Begleitschutz geht, und da ich vorhabe, bald etwas kĂŒrzerzutreten, wird er in Zukunft dauerhaft fĂŒr die Sicherheit meines Sohnes sorgen. Kann ich mich auf dich verlassen?« Ich zog meine Augenbrauen genervt zusammen, nickte schlieĂlich jedoch seufzend. Als hĂ€tte ich irgendeine Wahl gehabt. Spitzenklasse. Die Ironie meiner Gedanken hallte durch meinen Kopf, wĂ€hrend Grant mir energisch lachend auf die Schulter klopfte.
Braxton Hugh war ein verzogener zweiundzwanzigjÀhriger College-Student, der jedes Wochenende feiern ging und jeden zweiten Tag eine andere Kommilitonin oder Barkeeperin mit ins Bett schleppte. Da kommt doch Freude auf ⊠Ohne ein weiteres Wort ging ich auf Braxton zu, der mir emotionslos zunickte.
Nachdem Grant uns endlich wieder entlassen hatte, folgte ich meinem Albtraum auf zwei Beinen nach drauĂen, wo er mir eine Schachtel Zigaretten vor die Nase hielt. Ich zog mir eine heraus, dankte ihm mit einem Nicken und zĂŒndete sie an. Braxton nahm sich ebenfalls eine. »Wir fahren jetzt ins Deep.« Wieder nickte ich nur. Das Deep war einer der angesagtesten Clubs in ganz Dallas. Es gehörte dem Vater, von Braxtons vermeintlicher Freundin Serena, die ihn jedes Wochenende dorthin einlud. Ob sie wusste, dass sie fĂŒr den kleinen Playboy nur ein Mittel zum Zweck war, stand auĂer Frage, denn so wie er sie ausnutzte, nutzte sie auch ihn aus. Sie war der typische Cheerleader: lange Beine, blonde Haare, blaue Augen, fĂŒr jeden 0-8-15-Kerl das gefundene Flittchen.
Ich warf den glĂŒhenden Stummel auf den Boden und stieg hinter Braxton in den groĂen schwarzen Range Rover, der bereits auf uns wartete.
Vor dem Club angekommen, scannte ich die Umgebung, bevor ich meinen nervtötenden SchĂŒtzling aus dem Wagen steigen lieĂ. Wir traten durch eine schwarze StahltĂŒr in den VIP-Bereich und schlagartig drĂŒckte ein tiefer Bass auf meinen Ohren. Meine Augen wanderten unaufhörlich durch Braxtons nĂ€here Umgebung, analysierten jeden, der ihm zu nah kam. Ich nahm auf einem der schwarzen Ledersessel in der NĂ€he von Braxton Platz. Mein Blick folgte ihm, wĂ€hrend er auf eine Gruppe junger Frauen zuging, wo auch Serena und die ĂŒblichen Puppen der Gruppe saĂen. Neben Serena saĂen zwei Blondinen, die ihr zum Verwechseln Ă€hnlich sahen. Ich studierte ein weiteres Mal ihre Gesichter, als ich die Frau sah, auf die Braxton schlagartig zusteuerte. Sie saĂ ein wenig abseits neben den anderen. Sie passte ĂŒberhaupt nicht in dieses Bild. Ich erhob mich langsam und nĂ€herte mich meinem Albtraum. »Hey, C. Was lĂ€uft?« Langsam hob sie den Blick und schaute Braxton angewidert an. Sympathisch, dachte ich. Sie erhob sich und musterte ihn mit unverĂ€ndert angeekeltem Blick von oben bis unten. »Mit dir auf jeden Fall nichts, Gulaschfresse.« Sie stieĂ Braxton beiseite und lief in Richtung Bar. Den Anflug eines Grinsens konnte ich mir einfach nicht verkneifen. Ich pflanzte meinen Allerwertesten zurĂŒck in den Ledersessel und sah mich stillschweigend um. Der VIP-Bereich war nicht sonderlich groĂ, was gut fĂŒr mich war, da ich so einen besseren Ăberblick behalten konnte. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie sich mein Blick an die Frau heftete, die sich ĂŒberhaupt nichts daraus zu machen schien, dass Braxton sie pausenlos anmachte. Sie hatte lange, wellige, schwarze Haare. Ihre Augen waren dunkel umrandet. Ebenso dunkler Schmuck zierte ihren Hals und ihre Ohren. Sie hatte einen silberfarbenen, zierlichen Nasenring, und jedes Mal, wenn sie ein Schmunzeln unterdrĂŒckte, erkannte ich leichte GrĂŒbchen in ihren Wangen. Sie trug eine schwarze Lederjacke, schwarze, lockere Jeans und schwarze Boots. Auf ihrem HandrĂŒcken erkannte ich Umrisse von einem Tattoo, doch ich war zu weit weg, um es genau zu erkennen.
Als Braxton sich schlieĂlich mit Serena im Arm erhob, stand ich ebenfalls auf und sicherte mit einem schnellen Blick den Ausgang. Braxton nickte mir zu und ich folgte ihm, als er an mir vorbeilief. »Hey, Braxton. Sag deinem SchoĂhund, er kann sich das nĂ€chste Mal auch zu uns setzen.« SchoĂhund? Weniger sympathisch. Ich drehte mich kurz um und warf dem schwarzhaarigen GroĂmaul einen vernichtenden Blick zu. Ich strich meine Lederjacke nach hinten und lieĂ bewusst meine Waffe fĂŒr einen Augenblick hervorblitzen. Als ich mich wieder umdrehte, sah ich, wie Braxton abwinkte und ohne Kommentar weiterlief. SchoĂhund. Pah. Was dachte die kleine Schnepfe, wer sie war? Ich folgte Braxton zum Wagen und gab dem Fahrer ein Zeichen. Der warf seine Zigarette beiseite und stieg ein. Ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz und schaute auf mein Handy. Es war bereits nach zwei Uhr.
Als ich den kleinen GeldscheiĂer bis zur HaustĂŒr begleitet hatte, gab ich meinem Kollegen Chase, der bereits auf uns wartete, die Hand und machte mich dann aus dem Staub. Ich lief zur nĂ€chsten Tankstelle, holte mir eine Schachtel Zigaretten und machte mich auf den Weg zu meiner kleinen Wohnung, die nur wenige StraĂen entfernt war.
Wenig spĂ€ter warf ich mich auf meine Schlafcouch und öffnete ein Bier, das ich mir zuvor aus dem KĂŒhlschrank genommen hatte. Ich schaltete den Fernseher ein und streifte meine Schuhe ab, bevor ich mich in die weichen Polster sinken lieĂ. Endlich Ruhe. Ich lieĂ meine Augen durch den Raum schweifen und seufzte schwer, als ich das Bild meiner Familie auf der Anbauwand neben dem Fernseher erblickte.
Als ich etwa zehn Jahre alt gewesen war, waren meine Eltern mit meiner Schwester und mir aus Griechenland nach Texas gezogen. Leider hatten wir nicht allzu viel Geld zur VerfĂŒgung, weshalb wir in einer ziemlich heruntergekommenen, kriminellen Gegend untergekommen waren, wo ich den Drogendealer Grant Hugh kennengelernt hatte. FĂŒnf Jahre spĂ€ter starben meine Eltern bei einem Autounfall, meine Schwester kam in einer Pflegefamilie unter und ich wurde von Grant aufgenommen, der zu diesem Zeitpunkt bereits sehr erfolgreich war. Er brachte mir bei, mit Waffen aller Art umzugehen, wie man seine Emotionen im Griff hielt, wie man Drogen an die richtigen Leute brachte, wie man sich verteidigte und kĂ€mpfte. Als ich schlieĂlich meinen High-School-Abschluss in der Tasche hatte, gab er mir eine gut bezahlte Anstellung als LeibwĂ€chter fĂŒr seine Familie. Ich arbeitete also bereits seit zehn Jahren fĂŒr Grant. Er zahlte die Miete fĂŒr meine Wohnung und gab mir jede Woche tausend Dollar Cash auf die Hand. Sein Gewissen hatte er vermutlich schon in seinen Teenagerjahren fallen lassen. Genau wie sein Sohn. Braxtons Mutter hatte sich vor wenigen Monaten aus dem Staub gemacht, nachdem sie von einem von Grants Konkurrenten entfĂŒhrt worden war. Sie kam nur selten zu Besuch.
Meine Schwester hatte ich inzwischen seit dreizehn Jahren nicht mehr gesehen, ihr dreiundzwanzigster Geburtstag stand kurz bevor, weshalb ich oft an sie dachte. Ich vermisste sie sehr. Der Tag, an dem wir unsere Eltern beerdigt hatten, war auch der Tag gewesen, an dem ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Ich hatte sie auf keine Art und Weise mit in die Machenschaften von Grant hineinziehen wollen. Alles, was ich mir fĂŒr sie wĂŒnschte, war ein unbeschwertes Leben.