Flutter
Willow
Der Schweiß tropft überall an mir herunter. Er läuft meinen Nacken hinunter und zwischen meine Brüste. Meine Beine zittern schon eine gefühlte Ewigkeit. Ich muss mich anders hinsetzen, vielleicht ein bisschen mit dem Hintern wackeln. Warum klebt meine Haut so? Ich bin total nass und mir ist verdammt heiß.
Meine Arme glänzen im Licht. Meine Haare kleben wegen des Schweißes hinten am Hals fest. Sogar mein Atem ist heiß, wenn ich schwer ausatme.
Die Hitze im Raum raubt mir fast den Atem. Ich setze mich aufrecht hin und lasse mich wieder sinken. Ich spüre, wie die Kraft langsam aus meinem Körper schwindet.
Hoffentlich ist es bald vorbei. Fast geschafft. Ich spüre es.
Gleich ist es so weit!
Ah, endlich!
Die Spannung in meinen Beinen lässt nach. Die Musik wird langsamer und der Takt ist endlich wieder erträglich.
„Super gemacht, Leute! Jetzt kommen wir zum Cool-down. Dreht den Widerstand runter auf 3 oder 4.“
Beim Spinning werde ich immer so richtig nass – also nassgeschwitzt. Während wir uns abkühlen, wische ich mir mit dem Handtuch über Gesicht und Brust. Ich schütte das Wasser in mich hinein, als gäbe es kein Morgen.
Es ist fast 9:00 Uhr morgens, als der Kurs endet. Ich muss mich beeilen, um nach Hause zu kommen. Ich muss mich für das Boston Book Festival fertig machen. Das ist eine große Messe für Verlage, Autoren, Illustratoren und eigentlich jeden Bücherwurm. Ich lese ab und zu ganz gerne ein gutes Buch. Aber am meisten liebe ich es, mir die Zeichnungen anzusehen. Ich wollte schon immer Illustratorin werden. Aber meine Eltern waren dagegen und haben mich in eine „vernünftigere“ Richtung gedrängt. Ich sollte Wirtschaft, Jura oder Medizin studieren. Das sei „sicherer“. Eine Karriere als Illustratorin ist hart, weil es viel Konkurrenz gibt. Außerdem traue ich mich nicht, meine eigenen Sachen zu veröffentlichen. Deshalb arbeite ich jetzt in einem Verlag als Campaign Manager.
Mein Handy piept. Es ist eine Nachricht von Marcus. „Ich hoffe, du hast einen schönen Tag. Lass uns bald mal reden.“ Ich verdrehe die Augen und sperre den Bildschirm wieder.
Für den Herbst ist es noch ziemlich warm draußen. Ich entscheide mich für ein kurzes, gestreiftes Shirtkleid und ziehe nur etwas Leichtes darüber. Dazu benutze ich ein wenig Eyeliner und Mascara, um den Look aufzupeppen. Ich war noch nie ein großer Fan von Make-up. Erstens weiß ich gar nicht, wie man das alles richtig aufträgt. Und zweitens habe ich keine Geduld dafür. Ich will mir nicht ewig Schichten ins Gesicht schmieren, von denen ich am Ende nur Pickel bekomme.
Ich fahre mit der U-Bahn zum Copley Square, wo die Messe stattfindet. Überall wimmelt es von Menschen, die zu den verschiedenen Veranstaltungen wollen.
Die erste Tageshälfte vergeht wie im Flug. Ich höre mir etwas über Graphic Novels an und mache bei einem Workshop für Charakter-Illustration mit. Es sind nur noch fünfzehn Minuten bis zum Hauptvortrag. Der findet am anderen Ende des Geländes statt. Ich muss dringend mal aufs Klo und will mir vorher noch schnell etwas zu essen holen. In diesem Vortrag geht es darum, wie man aus persönlichen Zeichnungen politische Kunst macht.
Leider dauert es an der Kasse viel zu lange. Deshalb renne ich danach so schnell ich kann zur Bibliothek, wo die Präsentation ist. Ich komme kurz vor knapp an, bevor das Licht ausgeht. Der Raum ist rappelvoll. Ich drängle mich an den anderen Leuten vorbei und versuche, irgendwo eine Lücke zu finden.
Ich stopfe mein Essen in die Tasche und beschließe, erst hinterher zu essen. Es dauert ja nur eine Stunde. Während des Vortrags rücke ich mit ein paar anderen Leuten immer wieder ein Stück weiter. Gegen Ende merke ich, dass jemand direkt hinter mir steht. Die Person ist so nah, dass ich sie berühren könnte, wenn ich mich nur kurz nach hinten lehnen würde. Es ist nicht unangenehm, aber ich mache mich trotzdem etwas steifer. So merkt derjenige, dass ich ihn bemerkt habe. Mein Magen fängt an zu knurren. Er wird langsam ungeduldig. Ich bin mir sicher, dass jeder um mich herum das hören kann. Mein Magen macht schreckliche Geräusche, genau wie ein hungriger Hund.
Plötzlich flüstert mir die Person hinter mir mit einer tiefen, rauen Stimme ins Ohr: „So wie sich das anhört, will dein Magen dir wohl etwas sagen.“
„Ja, ich hatte noch keine Zeit für Mittagessen. Tut mir leid.“ Ich drehe den Kopf ein kleines Stück, aber schaue ihn nicht richtig an. Ich beiße mir auf die Unterlippe und versuche, mich auf den Vortrag zu konzentrieren. Hoffentlich gibt mein Bauch jetzt Ruhe.
Natürlich fängt mein Magen genau in diesem Moment wieder an zu grummeln. Oh Gott, wie peinlich. Ein paar Leute drehen sich um und lächeln mir zu. Ich schaue auf die Uhr. Weniger als zehn Minuten noch. Halte durch, kleiner Bauch.
Ich spüre, wie sich der Mann hinter mir noch näher herabbeugt. „Hast du das Mittagessen ausfallen lassen?“
Er zieht seinen Kopf wieder ein Stück zurück. Er riecht gut, irgendwie nach süßem Holz und Moschus. Seine Stimme klingt verführerisch. Richtig zum Anbeißen.
„Tut mir leid.“
Er lacht leise in sich hinein.
„Ich gehe gerne ein Stück zur Seite, falls ich dich vom Vortrag ablenke.“
„Ganz und gar nicht. Dein Magen ist nur sehr gesprächig. Vielleicht würde etwas zu essen helfen.“
„Ja, wie gesagt, ich bin noch nicht dazu gekommen.“
„Und da opferst du lieber deine Zeit, anstatt deinen knurrenden Magen zu füttern?“
„Hm. Du kennst mich doch gar nicht“, gebe ich zurück. Ich drehe mich immer noch nicht zu ihm um.
„Wir könnten uns ja kennenlernen.“
„Tha íthela na se gnoríso kalítera“, flüstert er mir wieder ins Ohr, diesmal noch leiser. Ich bekomme eine Gänsehaut.
„Willst du mich gerade echt anmachen? Und dann auch noch in einer Sprache, die ich nicht verstehe?“
„Naí … das heißt Ja.“
„Zieht die Masche bei jedem Mädchen, das du anflirtest?“
„Kommt drauf an.“
„Ich weiß nicht, ob das hier der richtige Zeitpunkt ist. Nicht, dass ich WOLLTE, dass du mit mir flirtest.“ Der Typ ist echt ganz schön mutig.
„Sygnó̱mi̱.“
Nenn es Unwissenheit, aber ich kann die Sprache nicht einordnen. Aber ich muss zugeben, dass sie in meinen Ohren verdammt gut klingt.
Die Veranstaltung ist fast zu Ende und ich fange an, meine Sachen zusammenzusuchen. Ich drehe mich um und knalle mit dem Gesicht direkt gegen eine Wand aus Muskeln … gegen die Brust des Mannes. Okay, er steht viel näher, als ich dachte. Ich stolpere ein Stück zurück und starre zu einem großen, gutaussehenden Mann hoch. Er muss mindestens ein Meter achtzig groß sein.
Er hat dunkles Haar, das an den Seiten etwas kürzer ist. Oben hat er einen dichten Schopf aus pechschwarzem, seidigem Haar. Ich würde am liebsten mit den Fingern durch diese dichten Locken fahren. Sein Dreitagebart ist ordentlich getrimmt und sieht sehr gepflegt aus. Er trägt ein schwarzes Hemd, das oben ein Stück offen steht. Die Ärmel hat er bis zur Mitte seiner Unterarme hochgekrempelt, auf denen man seine Adern sieht. Er sieht nicht nur aus wie ein Model aus einer Armani-Werbung. Er wirkt auch so, als würde er eigentlich gar nicht in diese Menge aus Bücherfans und Autoren passen.
Ich fahre mir mit der Zunge über die Oberlippe. Er schaut mich fragend an, als hätte ich ihn irgendwie verwirrt. Habe ich Sabber im Gesicht? Es würde mich nicht wundern. Mein Atem stockt und mein Herz fängt an zu flattern. Ich will gerade etwas sagen, aber plötzlich geht das Licht an und alle klatschen. Wenn ich ihn noch länger anstarre, erstarre ich wahrscheinlich zu Stein. Ich schaue schnell weg.
Haben wir echt so lange voreinander gestanden?
Ich gehe mit der Menge nach draußen und mache, dass ich wegkomme. Was war das bitteschön für ein Gefühl? Ich brauche frische Luft. Ich finde draußen ein freies Plätzchen, um meine Nerven zu beruhigen. Ich setze mich hin, atme tief durch und hole mein Sandwich aus der Tasche. Wahrscheinlich war ich einfach nur hungrig.
Ich schaue mir das Programm an und plane den restlichen Tag. Ich will noch zu Lesungen und Workshops für Charakterdesign. Ich denke, ich schaffe alle Vorträge bis 17:00 Uhr. Dann bin ich pünktlich zum Abendessen bei meinen Eltern. Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen enttäuscht war, als ich den geheimnisvollen Mann den restlichen Tag nicht mehr gesehen habe.