Die Nymphe aus dem Schwarzwald

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Zusammenfassung

Ich bin die letzte Waldnymphe. Meine NaNa hat letzte Nacht ihren Kampf verloren. Wir wussten, dass es so kommen würde. Ihre Wunden waren selbst für meine Heilkräfte zu schwer. Rudelwölfe haben meinen Wolf angegriffen, als sie auf der Jagd war, und NaNa hat sie aufgehalten … aber deshalb habe ich sie verloren. Jetzt bin ich allein. Meine Mutter war die Gefährtin eines Alphas … aber er sagte, er könne nicht mit ihr zusammen sein, da sie kein Wolf sei. Und er verschwand in der Nacht wie ein Dieb. Mama starb bei meiner Geburt. Sie hinterließ mich meiner NaNa, die mich aufzog. Ich bin ein Waldnymphen-Wolf-Hybrid. Der einzige auf der Welt. Und die letzte Waldnymphe auf Erden. Ich stamme von den Göttern und Göttinnen ab, auch wenn ich nur eine kleine Gottheit bin. Eine Waldnymphe beherrscht alle Elemente … aber ich kann mit allen Lebewesen kommunizieren … ob Pflanze oder Tier. Mein Zuhause ist eine riesige Eibe, die vor langer Zeit von meinem PaPa zu einer Hütte geschnitzt wurde. Ich habe ihn nie kennengelernt, aber er lebt in mir. Mein Wolf ist wunderschön. Sie ist sandfarben blond mit roten Spitzen an Ohren, Pfoten und Schwanz. Sie sagte mir, ihr Name sei Edina. Und sie ist meine beste Freundin! Ich kann fast alles heilen … und die meisten Tiere tun, was ich verlange. Ich kann die Elemente rufen, damit sie mir beistehen, wenn ich sie brauche. NaNa hat mich gelehrt, welche Pflanzen ich für Umschläge, Tonika und Tränke benötige. Ich bin eine Kämpferin … versiert im Bogenschießen und in der Kunst des Aufspießens. Ich bin friedfertig. Aber ich bin tödlich.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
36
Rating
4.9 152 Bewertungen
Altersfreigabe
13+

Kapitel 1 ~ Mich kennenlernen

Es ist drei Wochen her, seit ich meine NaNa verloren habe. Die Rogues, die sie getötet haben, lagern immer noch am Rand des Schwarzwalds. Das ist meine Heimat. Sie merken nicht, dass ich sie beobachte. Sie ahnen erst recht nicht, dass ich sie stalke. Micah, mein Mäusefreund, hält mich auf dem Laufenden. Wir wissen, dass sie auf jemanden warten.

Mein Name ist Rhiannon Smalls und heute werde ich achtzehn Jahre alt. Es ist mein erster Geburtstag allein und meine Waldtiere haben mir eine Party geschmissen. Sie haben Nüsse und Beeren gesammelt und mir eine Blumenkrone gebastelt! Eine Mäusefamilie hat mir kleine Steine geschenkt, die sie beim Suchen gefunden haben. Eine Hirschfamilie hat mich mit Mondblumen gesegnet. Die finde ich sonst nur schwer, außer ich jage sie nachts! Sie machen meine kompliziertesten Tränke erst möglich, deshalb sind sie mir sehr wertvoll! Wir sind auf der Lichtung am See. Das ist mein absoluter Lieblingsort. Hier habe ich das Kämpfen gelernt und mit den Bäumen trainiert. Meine NaNa hat mir beigebracht, Pfeile mit tödlicher Genauigkeit zu schießen. Ich kann Messer und Dolche werfen und bin mit einer Axt brandgefährlich. Mit dem Schwert kann ich gut umgehen, obwohl ich nur mit einem Holzschwert gegen die Bäume fechte.

Die Rogues haben Edina angegriffen, als wir beim Jagen waren. Sie haben meine linke Keule verletzt. Ich konnte nicht aufstehen, um mich gegen zwanzig ausgewachsene Wölfe zu wehren. NaNa hat acht von ihnen mit ihrem Bogen und ihren Messern getötet. Dann hat einer ihr die Brust aufgerissen. Ich konnte sie nicht retten. Jetzt stalken wir sie und ich töte sie, wann immer ich kann.

Ich bin wohl eine ganz normale Waldnymphe. Da ich außer meiner Großmutter nie eine andere gesehen habe, fehlt mir der Vergleich. Ich bin klein, aber für eine Nymphe mit 1,50 Meter doch recht groß. Mein Haar ist rot. Es ist ein leuchtendes Rot, das im Sonnenlicht wie Feuer funkelt. Meine Ohren laufen oben spitz zu, das ist mein Markenzeichen. Meine Augen sind grün, ein tiefes Waldgrün mit goldenen Flecken um die Pupille. Sie leuchten golden, wenn ich jemanden heile. Edina ist blond, ein schönes, helles Sandblond. Aber meine Pfoten, die Ohrspitzen und das Ende meines Schwanzes sind so feuerrot wie mein Haar. Sie ist groß und reicht mir an der Schulter fast bis auf 1,80 Meter.

Meine Hütte am Fuß der Eibe ist groß. Mein PaPa war handwerklich sehr geschickt. Ich habe ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine Küche. PaPa hat Rohre vom Fluss gelegt, um fließendes Wasser zu haben. Es kommt aus einem Tank, der sich jeden Tag mit frischem Flusswasser füllt. Es gibt einen Kamin, dessen Abzug durch die Hütte führt, damit der Baum nicht unter der Hitze leidet. Darunter liegt ein kühler Vorratskeller. Dort lagere ich all meine Tinkturen und Tränke und auch meinen Vorrat an Essen. Der Wald gibt mir alles, was ich brauche. Nur die Eichhörnchenfamilie in der Ulme streitet sich täglich mit mir um die Nüsse. Letzte Woche musste ich ihren Sohn ausschimpfen, weil er aus meinem Vorrat klauen wollte. Jetzt bewirft mich der Vater mit Tannenzapfen, wenn ich an ihrem Haus vorbeigehe. Wie unhöflich!

Ich kommuniziere mit allen Lebewesen, aber ich schätze, mich wird nicht jeder mögen. So ist die Welt eben überall. Meistens sind wir aber freundlich zueinander. Es gibt einen griesgrämigen alten Biber, mit dem ich mich ab und zu anlege. Er versucht ständig, den Fluss oberhalb der Hütte zu stauen. Ich erkläre ihm immer wieder, dass er den Bach weiter nördlich stauen soll. Dort stört er die anderen Tiere nicht, die den Flusslauf brauchen. Um mich zu ärgern, hat er vier junge Bäumchen abgenagt, anstatt das Fallholz zu nehmen! Also habe ich seinen Damm zerstört! Zweimal! Er ist ein echtes Arschloch!

Heute wandere ich in den südlichen Wald. Dort reifen gerade wilde Himbeeren und Erdbeeren. Und ich liebe frische Erdbeeren! Ich habe meinen Korb dabei und ein Picknick eingepackt, das ich mit einer befreundeten Hasenfamilie teilen will. Bertha Hase bekommt diese Woche wieder Junge. Also werde ich wohl Beeren mit ihnen teilen. Sie haben schon acht Junge in ihrem Stall. Vielleicht helfe ich Robbie, den Stall für den neuen Nachwuchs auszubauen. Sie sind eine nette kleine Hasenfamilie, aber noch mal 14 Junge sind mir dann doch etwas zu viel!

Micah klettert aus meiner Schürzentasche und setzt sich eine Weile auf meine Schulter. Er ist winzig und macht oft Nickerchen, weil sein kleiner Körper schnell erschöpft ist. Meistens trage ich ihn einfach herum. Wenn er müde wird, schlüpft er in meine Tasche und döst. Ich habe ihn gefunden, als er noch ganz klein war. Nackt, rosa und blind. Er war der einzige Überlebende seiner Familie, nachdem ein Fuchs ihren Bau zerstört hatte. Das ist der Kreislauf des Lebens, und der ist hart. Aber der Wald ernährt alle Arten und jeder muss fressen. Wir alle wissen das, verstehen es und akzeptieren es.

Sogar Edina muss jagen. Aber sie reißt nur Beute, die alt oder schwach ist, und bittet vorher immer um Erlaubnis. So ist der Lauf der Dinge. Sie braucht Protein, und zwar jede Menge! Ich dagegen bin meistens Pescetarierin. Ich esse Fisch aus dem Fluss, besonders gerne Lachs aus dem Bach. Das ist mein Lieblingsessen! Jetzt habe ich mich selbst hungrig geredet!

Ich erreiche den Südwald. Ich freue mich riesig über die vollen Erdbeerranken und die dichten Himbeersträucher! Manchmal sind die Bären schneller als ich. Dann finde ich kaum noch eine brauchbare Beere. Was sie nicht fressen, zertrampeln sie. Es geht auf das Ende des Sommers zu. Da wird ihre Suche nach Futter aggressiver, um sich Speck für den Winterschlaf anzufressen.

Mein Korb ist schon halb voll, als Robbie zu mir kommt. Bertha bringt gerade ihre Jungen zur Welt und er braucht Hilfe beim Ausbau des Stalls. Ich sage ihm, dass ich in einer Stunde helfen kann. Ich schimpfe mit Micah wegen der vielen Beeren, die er gefressen hat. Jetzt kann er sich kaum noch bewegen! Er liegt auf dem Rücken in meinem Beerenkorb, hat ein kugelrundes Bäuchlein und sieht ganz elend aus. Dummes Mäuschen!

Nachdem ich Robbie geholfen und Berthas Schmerzen gelindert habe, machen wir uns auf den Rückweg zur Eibe. Auf halbem Weg höre ich Stimmen. Ich schlüpfe auf einen Baumast, damit man mich nicht sieht, und lausche. Dann entdecke ich sie. Drei Rogue-Wölfe sind auf dem Weg zu dem Lager, das ich beobachtet habe. Sie reden über jemanden namens Kingston und über drei oder vier Tage. Wenn sie es diesmal nicht schaffen, werden sie nicht bezahlt. Micah piepst, dass er sich heute Nacht ins Lager schleichen und lauschen will. Ich sage ihm, dass morgen auch noch reicht. Wir hatten einen anstrengenden Tag!

Papa Eichhörnchen spielt sich wieder als Oberlehrer auf, als ich an der Ulme vorbeikomme. Er schimpft Unsinn daher, dass ich alle Beeren im Wald stehlen würde und nichts für die anderen übrig ließe. Ich kichere, weil er genau weiß, wie dumm er sich anhört. Ich gebe seinem Weibchen eine Handvoll Beeren. Meine Hände sind zwar klein, aber viel größer als die eines Eichhörnchens. Ich sage zu ihm: „Squeaky, du meckerst doch nur, um dich selbst reden zu hören! Du würdest sogar meckern, wenn alles perfekt wäre!“ Dann gehe ich nach Hause. Ich habe gelernt, dass es in jeder Art unhöfliche Zeitgenossen gibt.

Nach einer wunderbaren Nacht bade ich und ziehe eines meiner Kleider an. Es ist ein weißes Sommerkleid, in das ich rosa und gelbe Blumen gestickt habe – am Ausschnitt und am ganzen Saum entlang. Es ist eines meiner Lieblingsteile. Ich flechte mein Haar zu einem französischen Zopf, es reicht mir bis über die Taille. Dann schlüpfe ich in meine kleinen weißen Ballerinas. Ich gehe in den Keller und packe meine Kisten voll mit Tinkturen und Tränken. Ich habe Mittel gegen Magenschmerzen, Kopfschmerzen und sogar gegen Gicht – einfache Leiden eben. Meine Tränke sind anders. Sie helfen bei Unfruchtbarkeit oder ungewollten Schwangerschaften. Auch gegen Sehschwäche, Appetitlosigkeit oder Schlaflosigkeit habe ich etwas.

Ich belade meinen Handkarren und mache mich auf den Weg in die Stadt. Manche Luxusgüter bietet der Wald eben nicht. Mehl, Milch, Reis und Zucker zum Beispiel! Lecker! Zucker ist mein kleines Laster! Ich backe alle möglichen süßen Sachen, die sich prima als Mitternachtssnack eignen. Ein Schwarm Hüttensänger begleitet mich auf dem Weg nach Osten. Wir singen die Lieder der Berge. Micah macht immer begeistert mit, obwohl ich es nicht übers Herz bringe, ihm zu sagen, dass er keinen Ton trifft.

Ich verkaufe meine Tinkturen und Tränke an die Apothekerin in der Stadt Forest’s Glen. Dort gibt es den faszinierendsten Lebensmittelladen überhaupt. Nächste Woche werde ich in die westliche Stadt fahren. Die heißt Woodland Falls. Dort kaufen sie mir den Schmuck ab, den ich aus Steinen aus dem Fluss bastle. Die Edelsteine aus den Bergen im Norden müssen warten, bis ich den Wald von den Rogues befreit habe.

Ich erreiche den letzten Hügel vor der Stadt. Heute scheint besonders viel los zu sein und ich merke, wie die Vorfreude steigt. Das Orakel, das die Apotheke leitet, ist immer so lieb und hat die besten Tees, die ich je probiert habe. Sie legt mir immer etwas davon in meinen Lohnumschlag, ohne etwas dafür zu verlangen. Sie ist wahrscheinlich meine einzige menschliche Freundin und ich genieße unsere Gespräche sehr! Sie erinnert mich in vielerlei Hinsicht an NaNa.