Chapter 1
"Treffen wir uns heute in der Eisdiele?", frage ich sie. Sie schaut mich verwirrt an, war wohl mit ihren Gedanken ganz woanders. "Hm?" "Ob...ob wir uns heute treffen", wiederhole ich, plötzlich habe ich Angst vor ihrer Reaktion, was natürlich Unsinn ist, schließlich sind wir zusammen. "Welches Treffen?", fragt sie plötzlich gestresst, "ich kann heute nicht! Vielleicht morgen!" Da hastet sie auch schon an mir vorbei. Was war das denn? Ich spüre, wie sich mein Hals zuschnürt und sich mein Herz schmerzhaft zusammenzieht. Hat sich irgendwas zwischen uns verändert? Schon den ganzen Vormittag über war sie so seltsam zu mir. Will sie mich etwa nicht mehr?
Nein! Das kann nicht sein! Wir sind doch so glücklich zusammen ...also jedenfalls gestern noch. Sie ist meine große Liebe, ich liebe sie über alles, wie kann das nur jetzt vorbei sein? Tief durchatmen. Du machst dich noch völlig verrückt. Okay, also gut. Tief ein, tief ausatmen. Gar nicht so leicht. Was, wenn Leila jetzt ein anderes Mädchen hat? Oder einen Jungen? Sofort schießen mir Tränen aus den Augen. Das darf ich mir nicht einmal vorstellen!
Das darf nicht wahr sein! Bitte, sie soll keine andere haben! Bitte nicht! Sie hat mir geschworen, dass sie mich liebt und immer lieben wird! Schluchzend renne ich den Korridor entlang und wäre beinahe in Timmy hineingelaufen, der vor dem Ausgang der Schule stehen geblieben ist. Seltsamerweise schreit er mich nicht an, sondern scheint weit weg mit dem Gedanken zu sein. "Was ist los?", frage ich ihn sofort. Dazu neige ich immer, wenn ich jemanden sehe, der nicht total gut gelaunt ist. Doch diesmal habe ich voll ins Schwarze getroffen.
"Bei uns wurde eingebrochen. Meine Schwester hat sich heute geweigert, in die Schule zu gehen deswegen und mein Vater hat eine zweite Alarmanlage befestigt. Die Kette meiner Mutter ist verschwunden und... ach, das interessiert dich doch bestimmt nicht." Er verstummt. Ich habe atemlos gelauscht und will mehr wissen. Ein Einbruch, wie aufregend! Aber auch total beängstigend. Ich kenne sowas nur aus den unzähligen die drei !!!-Bücher, die ich tagtäglich verschlinge und darin wird beschrieben, dass schon der Einbruch an sich drastische Folgen für die Betroffenen mit sich bringt. Stell dir vor, jemand bricht bei dir Zuhause ein! Dann ist ja klar, dass man sich Zuhause nicht mehr sicher fühlt.
"Erzähl weiter!", fordere ich Timmy auf. Er lächelt verkrampft, was mir einen Stich in den Bauch verpasst. Ich hasse es, andere leiden zu sehen.
"Also, die Kette meiner Mutter wurde gestohlen und mein Zimmer durchwühlt. Außerdem fehlen einige wichtige Rechnungen von meinem Vater und Nellys Kurzgeschichte für einen Schreibworkshop. Es kann sein, dass noch mehr geklaut wurde. Jedenfalls wurde das Kellerfenster eingeschlagen und auf dem Boden liegen seit gestern Morgen einige Pferdehaare, obwohl keiner von uns reitet und meine Mutter sogar eine Pferdeallergie hat."
"Das klingt so, als hätte jemand es auf euch abgesehen. Was will ein Einbrecher denn mit Rechnungen?", muss ich zugeben, "sag mal, darf ich nachher bei euch vorbeischauen?"
Erschöpft steige ich vom Rad und lehne es gegen eine Wand des kleinen grün gestrichenen Hauses mit den lustigen Vorhängen an den zwei großen Fenstern, die sich im Wind kräuseln und im Dunkeln bestimmt wie Gespenster aussehen. Ich laufe die kurze Treppe hoch bis zur marmorfarbenen Tür. Zögerlich klingele ich. Kann die Familie Yilasi wirklich schon Besuch verkraften?
Eine kleine, rundliche Frau mit dunkler Kleidung, freundlichen Zügen und funkelnden grünen Augen, unter denen dunkle Schatten zu sehen sind, öffnet mir. "Hallo. Du bist Leslie, nicht wahr? Mein Name ist Janina Yilasi. Komm rein." Ihre Stimme klingt brüchig und im plötzlichen Licht der Sonne, die auf die Frau trifft, treten ihre Augenringe noch stärker hervor. Sie sieht furchtbar aus.
Langsam folge ich ihr ins Haus. Die Wände rechts und links sind übersäht von bunten Postern und To-do-Listen. Daran angelehnt stehen eine Kommode und eine kleine Garderobe. Der Flur führt zu mehreren Zimmern. Auf einem steht in großen Lettern "Enila", das rechts daneben muss ein Badezimmer sein und links ist Timmys Zimmer - frag nicht, woher ich das weiß - das steht daran.
Frau Yilasi klopft an Enilas Tür. "Nelly! Kommst du? Leslie ist da und möchte sich den Tatort ansehen. Wir erzählen ihr dann erstmal, was genau gestohlen wurde und wo Spuren zu sehen sind." Die Tür wird von innen geöffnet, und ich weiß nicht, warum ich plötzlich den Atem anhalte. Da tritt sie hinaus: Ein wild gelocktes blondes Mädchen mit grünen offenen Augen, einer halb geöffneten blauen Strickjacke, einer dunkelblauen Hose und kurze Stiefel. Sie sieht umwerfend aus. Aber auch sie hat dunkle Augenringe und sieht ziemlich müde aus, was ein wirklich starker Kontrast zu ihren dennoch offenen, freundlichen Augen ist.
"Hallo Leslie", sagt Nelly mit einem unsicheren Lächeln, "toll, dass du uns besuchen kommst. Die Polizei war bereits da und analysiert jetzt die gefundenen Abdrücke. Meine Kurzgeschichte würde gestohlen, deshalb habe ich jetzt alle meine Armbänder, Ketten, Stifte und Notizen in meinen Schrank gesperrt. "
"Nun setzt euch doch erstmal. Willst du Kakao, Leslie?" "Ja, danke." Diese Familie ist wirklich sehr nett. Sie hat einen Einbruch garantiert nicht verdient. Ich folge Nelly den Flur zurück. Dort befindet sich die Küche, die Tür ist nur angelehnt. Nelly und ich treten ein und ich lasse mich neben sie auf eine Couch fallen. Bald kommt Nellys Mutter mit zwei Kakaotassen. Dankbar nehme ich die eine.
"Ist Ihre Kette sehr wertvoll?", frage ich Nellys Mutter, wobei es mir schwer fällt, den Blick von Nelly abzuwenden. Aber ich bin nunmal nicht zum Flirten hier.
"Ich habe sie zum letzten Geburtstag bekommen. Keine Ahnung, wie viel sie wert ist, aber sie hat mehrere kleine Diamanten. Ich schätze, vielleicht fünfzig Euro." Ich nicke. Spontan notiere ich mir die Informationen auf mein Handy.
"Wurde Geld von dir genommen?", Frage ich dann Nelly. Nelly stutzt. "Das habe ich ja noch gar nicht überprüft!" Sie springt auf und läuft davon. Kurz danach kommt sie wieder zurück. "Alles noch da!"
"Sehr gut. Habt ihr zur Tatzeit verdächtige Geräusche gehört?" Ich höre mich allmählich ja wie eine Detektivin an! Ich sollte wohl mal weniger Krimis lesen.