KAPITEL EINS
DAISY
Einfach atmen.
Ich holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. Mein Herz raste trotzdem weiter. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, und ich war mir sicher, dass ich zitterte wie Espenlaub. Stresssituationen lagen mir einfach nicht. Eigentlich lag mir gar keine Situation, in der ich mit Menschen zu tun hatte.
Mutter hatte mir gesagt, dass einige wichtige Leute zum Abendessen kommen würden und dass Vater meine Anwesenheit erwartete.
Auf ihre Anweisung hin hatten mich die Dienstmädchen wie eine Puppe herausgeputzt. So sollte sichergestellt werden, dass ich nichts ruinierte.
Das Kleid war unbequem, der Stoff kratzte auf der Haut und die Schuhe waren eine Nummer zu klein.
Alles, was ich trug, hatte meine Mutter persönlich ausgesucht. Ein weiteres Zeichen dafür, wie wichtig dieses Essen für sie war.
Ich holte noch einmal tief Luft und presste eine zittrige Hand auf meinen Bauch. Sie warteten im Speisezimmer auf mich. Ich war spät dran, obwohl man mich schon eine Stunde vor Beginn fertig gemacht hatte.
Die Nervosität hielt mich in meinem Zimmer gefangen, bis ich mir selbst gut zugeredet hatte. Doch mein mühsam gesammelter Mut verflog sofort, als ich den Flur erreichte. Aus dem Zimmer drangen die tiefen Stimmen fremder Männer an mein Ohr.
Plötzlich flog die Tür zum Speisezimmer auf, und ich zuckte erschrocken zusammen.
Meine Schwester blieb stehen, als sie mich sah. Ihre Lippen verzogen sich kurz zu einem hämischen Grinsen, bevor sie ein süßliches Lächeln aufsetzte.
Mein Herzschlag beschleunigte sich sofort, als sie auf mich zukam.
„Wir haben schon auf dich gewartet“, sagte sie laut genug, damit die Gäste und unsere Eltern es hören konnten. „Komm schon, Süße! Ich verhungere fast.“
Sie packte mich am Handgelenk und zerrte mich in den Raum.
Mir war schlecht.
„Da ist sie ja!“ Vater klatschte zweimal in die Hände. „Daisy ist unser Nesthäkchen und leider immer zu spät. Ich entschuldige mich nochmals für die lange Wartezeit, meine Damen und Herren. Aber jetzt, wo sie da ist, kann das Essen serviert werden.“
Ich wurde auf einen leeren Stuhl gedrückt. Im selben Moment kamen die Dienstmädchen herein und begannen aufzutragen.
Unter dem Tisch rieb ich mir das Handgelenk. Die Fingernägel meiner Schwester hatten schmerzhafte Spuren hinterlassen.
Ich biss mir auf die Lippe und starrte auf den Teller vor mir. Der Geruch steigerte meine Übelkeit noch. Ich hasste Fisch, und mein Vater wusste das genau.
Wartete er nur darauf, dass ich ihn blamierte, damit er mich bestrafen konnte?
Mit zittrigen Händen griff ich nach Messer und Gabel.
Um den Tisch herum wurde geplaudert. Niemand machte sich die Mühe, mich einzubeziehen, was mir nur recht war. Ich hatte nichts zu sagen. Ich konzentrierte mich ganz darauf, den Fisch in winzige Stücke zu schneiden, damit es so aussah, als würde ich essen.
Doch dann beging ich den Fehler und sah auf.
Himmelblaue Augen fingen meinen Blick ein und ließen mir den Atem stocken. Sie hielten mich gefangen. Ich sah nur noch ihn.
Der Mann hatte blasse Haut, diese himmelblauen Augen und eine Narbe, die die linke Hälfte seines Gesichts bedeckte. Sein Haar war hellbraun und lockig, aber es stand ihm unglaublich gut.
Ich lächelte ihn an, und überraschenderweise lächelte er zurück.
Doch dann wurde unser kleiner Moment von meiner Schwester unterbrochen. Sie stieß mir schmerzhaft den Ellbogen in die Rippen. Ich musste den Blick von dem Mann abwenden und sie ansehen. Sie lehnte sich zu mir und flüsterte mir direkt ins Ohr.
„Denk nicht mal an ihn. Schau ihn nicht an. Sprich nicht mit ihm. Dieser Alpha gehört mir, und du wirst ihn mir nicht wegnehmen“, zischte sie.
Sie wich zurück, schenkte mir ein strahlendes Lächeln und wandte sich dann wieder der Frau an ihrer Seite zu.
Zum ersten Mal sah ich mich richtig um. Zehn Leute saßen am Tisch, einschließlich meiner Eltern, die an den Kopfenden thronten.
Männer in teuren Anzügen und Frauen mit edlem Schmuck. Sie alle gehörten zu den Kreisen, in denen meine Eltern verkehrten. Reiche Leute, die auf alle anderen herabblickten.
Es waren viele Alphas dabei, hier und da ein Beta, aber außer meiner Schwester und mir gab es keine anderen Omegas.
Eine sanfte Berührung am Arm schreckte mich auf. Der Mann rechts neben mir hatte sich zu mir herübergelehnt. Sein Duft wehte zu mir herüber. Er war angenehm, aber ich konnte nicht sagen, wonach er roch.
„Wollen wir die Teller tauschen?“, fragte er leise. „Ich mag kein Grünzeug und du magst den Fisch nicht. Das wäre doch ein fairer Deal.“
Ich sah auf seinen Teller. Den Fisch hatte er gegessen, aber den Salat nicht angerührt.
„Wie sollen wir das machen, ohne dass es jemand merkt?“, flüsterte ich.
Meine Augen blieben an seinen Lippen hängen, als er lächelte. Dann sah ich ihn mir genauer an.
Er hatte blondes Haar und grüne Augen. Er sah aus wie ein typischer Surfer, war aber viel muskulöser. Der Stoff seiner Kleidung spannte über seiner Haut, als wäre alles eine Nummer zu klein für ihn.
„Du hast es ja nicht mal selbst gemerkt.“
Ich blinzelte und starrte auf meinen Teller. Tatsächlich, er hatte sie bereits vertauscht, und ich hatte nichts mitbekommen.
„Oh.“
„Ich bin Valiant.“ Er hielt mir die Hand hin.
Ich starrte auf die dunklen Tätowierungen, die unter seinem Ärmel hervorschauten. Ohne nachzudenken, beugte ich mich vor, um sie besser sehen zu können.
Valiant lachte leise. „Dafür müsste ich schon das Hemd ausziehen, wenn du alles sehen willst.“
Mir schoss die Röte ins Gesicht. Ich zuckte zurück und schob mir hastig etwas Salat in den Mund.
Er lachte wieder leise.
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel.
Er nahm einen Bissen Fisch, griff nach seinem Glas und spülte es mit einem Schluck Wein hinunter.
Ich überlegte krampfhaft, worüber ich mit ihm reden könnte. Doch bevor mir etwas einfiel, wurde er von der Frau an seiner Seite angesprochen. Meine Schultern sanken nach unten und ich starrte wieder auf meinen Teller.
Ich wünschte, das Essen wäre schon vorbei, damit ich wieder in mein Zimmer flüchten konnte.
„Wie alt bist du eigentlich, Daisy?“, fragte Valiant plötzlich. Überrascht sah ich ihn an.
„W-was?“, brachte ich hervor.
„Wie alt du bist?“, wiederholte er.
Ich schluckte. „Achtzehn. Und du?“
„Achtundzwanzig.“
„Oh.“
Seine Mundwinkel zuckten. „Ist das dein einziges Wort?“
„Nein.“ Ich sah ihn stirnrunzelnd an, als er lachte. „Machst du dich über mich lustig?“
„Nein.“ Er lehnte sich näher zu mir. „Tut mir leid, wenn das so rüberkam. Du redest nur nicht viel. Ich versuche gerade nur so zu tun, als wären wir in ein tiefes Gespräch vertieft. Ich will nicht mit Glenda reden müssen.“
Valiant nickte unauffällig zu der Frau, mit der er gerade noch gesprochen hatte.
„Heißt sie so?“
„Keine Ahnung“, sagte er. „Ich habe ihren Namen irgendwie vergessen, als sie klarmachte, dass sie nur an mir interessiert ist, weil ich eng mit Alexander befreundet bin.“
„Wer ist Alexander?“, fragte ich.
Er runzelte die Stirn. „Das weißt du wirklich nicht?“
Ich schüttelte den Kopf.
Valiant kam mir noch näher, und sein Duft umhüllte mich völlig. Ich atmete tief ein und biss mir auf die Lippe. Ich mochte seinen Geruch sehr.
„Siehst du den griesgrämigen Kerl links von deinem Vater?“, murmelte er. „Das, meine Liebe, ist Alexander Wyatt.“
Ich sah in die Richtung und runzelte die Stirn.
Alexander Wyatt war ein Mann, der das Rampenlicht liebte. Ich hatte ihn ein paar Mal in den Nachrichten gesehen, aber er hatte mich nie sonderlich interessiert.
„Ist er dein Freund?“
„Wir sind ein Rudel“, antwortete er. „Eine Familie.“
„O–“ Ich hielt inne, bevor mir das Wort wieder herausrutschen konnte. „Entschuldigung“, sagte ich stattdessen.
Er nahm noch einen Bissen Fisch. „Ich vergebe dir. Ich merke ja, dass du das nicht mit Absicht machst.“
Mein Blick wanderte zurück zu Alexander.
Er sah sehr ernst aus, obwohl mein Vater gerade offensichtlich einen seiner dämlichen Witze erzählte. Sein schwarzer Anzug ließ seine blasse Haut noch heller wirken. Außerdem fielen so die Tätowierungen mehr auf, die seine Hände und seinen Hals bis zum Kiefer bedeckten.
Ich lehnte mich zu Valiant. „Welche Farbe haben seine Augen?“
Bei dieser einfachen Frage verschluckte er sich am Fisch. Ich reagierte sofort, klopfte ihm auf den Rücken und schob ihm mein Wasserglas hin.
Nach ein paar Schlucken sah er mich an und zwinkerte. „Warum schaust du nicht einfach selbst nach?“
Ich blickte wieder zu Alexander und hielt die Luft an. Waldgrüne Augen starrten direkt in meine.