Auf Wiedersehen, Apartment 307
Es ist Freitagmorgen.
Mein letzter Tag in dem Apartment in San Diego, in dem ich das letzte Jahr verbracht habe. Lass es mich anders ausdrücken: das letzte Scheißjahr. Ich habe das letzte Jahr damit verbracht, mein Leben und meine Karriere auf Eis zu legen, um in der Nähe meiner Eltern zu bleiben und mich um meinen Vater zu kümmern. In den letzten drei Jahren hat er all seine Ersparnisse und die meiner Mutter für Alkohol und Drogen verprasst und am Ende wurde das Haus zwangsversteigert.
Ich weiß nicht einmal, warum ich mir das angetan habe. Er konnte mich nicht ausstehen, und nach all meinen Bemühungen hat er sich mit Heroin einfach umgebracht. Es war aber nicht immer so. Ich war mal „Papas kleines Mädchen“ und er hat mich vergöttert. Er war ein fantastischer Vater und Ehemann, bis sich vor drei Jahren alles änderte.
Mein Handy, das in der Gesäßtasche meiner Jeans vibriert, reißt mich aus meinen Gedanken. Auf dem Display steht Steph. Meine beste Freundin seit fünfzehn Jahren. Ich gehe beim zweiten Klingeln ran.
„Hey, Steph! Ich packe nur noch ein paar Sachen zusammen und mache mich dann auf den Weg.“ Vielleicht habe ich ein bisschen gelogen.
Ich habe noch viel mehr als nur ein paar Sachen zu packen. Ich bin später aufgewacht, als ich wollte, und habe mindestens dreimal die Schlummer-Taste gedrückt, bevor ich mich endlich aus dem Bett gequält habe. Letzte Nacht war meine letzte Schicht im ‚Ricks Restaurant‘ und die anderen haben mir nach Feierabend eine Abschiedsparty geschmissen. Ich hatte einen über den Durst getrunken, deshalb das späte Aufwachen. Ich fühle mich gerade wie Scheiße, aber ein großes Glas Wasser und Ibuprofen werden das schon richten. Ich trinke zwar nicht viel, aber das ist definitiv nicht mein erstes Rodeo mit einem Kater.
Sie antwortet so zuckersüß: „Na dann beeil dich, Schlampe! Ich habe mein Mädel seit Monaten nicht mehr gesehen! Und wenn ich mich recht erinnere, war letzte Woche dein 26. Geburtstag, was bedeutet, dass wir heute Abend feiern.“ Nein. Nein. Nein.
Ich antworte: „Ähm, ja, du erinnerst dich richtig, weil du mir an meinem eigentlichen Geburtstag geschrieben hast. Netter Versuch, aber wir feiern heute Abend nicht. Ich habe schon einen Kater und will einfach nur Schlaf nachholen, wenn ich bei dir ankomme.“
Sie schnaubt durch die Leitung und ich weiß, dass sie mit den Augen rollt. „Na gut. Ich lasse dich ausruhen, sobald du hier bist, aber ein Nein zum Feiern morgen akzeptiere ich nicht. Jetzt mach schon, damit ich dein hübsches Gesicht sehen kann. Ich schicke dir den Code für das Eingangstor. Hab dich lieb, tschüss!“ Sie legt auf, bevor ich überhaupt antworten kann.
Ich weiß, was sie vorhat, aber ich habe einfach kein Interesse mehr an diesen ganzen Partys.
Klar, als ich ein Teenager und Anfang zwanzig war, habe ich genug gefeiert, aber das ist einfach nicht mehr so mein Ding wie früher.
In den letzten Jahren habe ich mich von extrovertiert zu eher introvertiert entwickelt. Ich schätze, die Elternrolle für meinen Vater hat mich dazu gemacht. Wir haben irgendwie die Rollen getauscht. Mehr als einmal musste ich mitten in der Nacht in mein Auto springen und durch üble Gegenden fahren, um ihn von Bar zu Bar zu suchen, während mich betrunkene Typen angebaggert haben. Einmal hat mich mein Vater sogar seinem „Freund“ im Tausch gegen Drogen angeboten. Ich habe mich geweigert, das zuzulassen, und bin sofort ohne ihn gegangen – so schlimm war es geworden. Ich habe ihn überredet, in mehrere Entzugskliniken zu gehen, nur um Tage später zu Besuch zu kommen und festzustellen, dass er sich selbst entlassen hatte und wie üblich untergetaucht war. Ich wurde seine Mutter und sein Vater, machte mir ständig Sorgen um ihn und fragte mich, ob er tot oder lebendig sei, bis eines Tages meine schlimmsten Befürchtungen wahr wurden. Er wurde vor zwei Monaten mit einer Nadel im Arm in einer Gasse von der Polizei gefunden. Auf eine Art war es bittersüß, dass ich dieses Gefühl von Freiheit zurückhatte, und andererseits war ich natürlich untröstlich, dass ich meinen Vater verloren hatte – nicht den Mann, der in den letzten drei Jahren von irgendeinem Dämon besessen war, sondern den Vater, den ich davor kannte. Ich hatte immer gehofft, er würde eines Tages aufwachen und sich ändern wollen. Wegen mir oder wegen sich selbst, einfach nur ändern. Aber das war alles nur Hoffnung, und in Wirklichkeit steckte er so tief in seiner Sucht, dass es einfach aussichtslos war.
Ich packe meine Taschen fertig und werfe einen letzten Blick in den Spiegel, bevor ich mich auf meinen zweistündigen Roadtrip nach L.A. mache. Meine langen braunen Haare sind zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt, der wie durch ein Wunder heute gar nicht so schlecht aussieht, weil er ein paar meiner feinen Strähnchen zur Geltung bringt. Es ist nicht mein üblicher Look, aber ich habe heute Morgen nicht die Energie, mich aufzubrezeln. Ich werfe mir meinen schwarzen Rucksack über die Schulter, fahre mit dem Aufzug nach unten und achte darauf, dass ich nie wieder auf Apartment 307 zurückblicke.
…
Ich verlasse den Aufzug eilig, sobald er sich im Erdgeschoss öffnet. Ich ziehe meine Autoschlüssel aus der Seitentasche meines Rucksacks. Es ist sonnig und ein warmer Wind weht. Normalerweise liebe ich Tage wie diesen, aber die Sonne knallt mir direkt in die Augen und blendet mich. Ich halte mir schützend die Hand vor die Augen, bevor meine Kopfschmerzen noch schlimmer werden.
Es ist Anfang Mai und es scheint, als wollten alle draußen sein. Ich sehe Mr. Daniels auf dem Parkplatz, wie er die Hand seiner sechsjährigen Tochter Isabella hält und sie auf mich zukommen. Ich habe die beiden im letzten Jahr sehr ins Herz geschlossen. Mrs. Daniels ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben und hat die beiden allein zurückgelassen. Ich begrüße sie mit Umarmungen, bevor ich mein Auto erreiche. Mr. Daniels kneift seine dunkelbraunen Augen zusammen. Die Sonne will heute eindeutig ihren Schmerz mit anderen teilen.
„Wir werden dich vermissen, Millie. Bitte komm uns mal besuchen“, sagt Mr. Daniels.
Ich antworte mit einer Lüge: „Na klar mache ich das.“
Ich werde nie wieder hierherkommen, sorry.
Die kleine Isabella klammert sich für eine weitere Umarmung an mein Bein. Sie ist so ein süßes Mädchen, viel reifer, als man es mit sechs Jahren erwarten würde. Sie ist so schlau und hübsch, mit Augen genau wie ihr Vater. Ihre fast schwarzen Haare reichen ihr bis zu den Schultern und sie steckt sich eine Strähne hinter das Ohr, während sie zu mir hochschaut. Sie öffnet den Mund, um etwas zu sagen, fängt aber stattdessen an zu weinen. Ich knie mich auf ihre Höhe.
„Oh Schatz, was ist denn los?!“, frage ich. Sie erklärt, dass sie mich einfach vermissen wird und wirklich hofft, dass ich zurückkomme, um sie zu besuchen.
Mist.
Ich muss wirklich zurückkommen. Ich bin kein Monster und kann diesem kleinen Mädchen nicht ins Gesicht lügen. „Ich verspreche es“, sage ich. Ihre Augen leuchten wieder auf, weil sie weiß, dass ich schwach werde, wenn ich Versprechen geben muss. Wir umarmen uns noch einmal, während Mr. Daniels mir sagt, ich solle vorsichtig fahren. Wenn ich ihn jemals brauche, sei er nur einen Anruf entfernt – was ich mehr schätze, als er ahnt. Sie gehen weg und machen sich auf den Weg zum Eingang des Gebäudes, aus dem ich gerade gekommen bin.
Ich gehe weiter zu meinem dunkelgrauen Acura. Ich schließe die Türen auf und lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Ich ziehe sofort meine Sonnenbrille hervor und setze sie auf, weil ich heute nicht wirklich Lust habe, daran zu sterben, dass die Sonne mein Augenlicht raubt. Ich tippe die Adresse von Steph in mein Navi, starte den Motor und fahre aus meinem zugewiesenen Parkplatz.
„Na dann, los geht’s“, murmle ich vor mich hin.