Kapitel 1
Am Vorabend von Aurora Robinsons achtzehntem Geburtstag begann die Sonne zu sinken. Sie tauchte das riesige Anwesen, auf dem Aurora ihr ganzes Leben verbracht hatte, in ein warmes, goldenes Licht. Das Robinson-Anwesen lag mitten im ruhigen Umland. Es wirkte wie ein Zeugnis vergangener Zeiten und erinnerte mit seiner Pracht an die lange Geschichte der Familie.
Aurora war das einzige Kind der verstorbenen Myra Robinson. Sie stand an ihrem Schlafzimmerfenster und dachte wehmütig an ihre Mutter, die sie kaum gekannt hatte. Ihre Mutter war gestorben, als Aurora noch ein kleines Kind war. Seitdem hatte ihr Vater sie allein großgezogen, mit unendlicher Liebe und Hingabe.
Als das Abendrot den Himmel färbte, betrat Auroras Vater ihr Zimmer. Man sah ihm die Vorfreude deutlich an. Sein meliertes Haar glänzte im schwindenden Licht. Seine Augen sahen genauso aus wie Auroras. In ihnen spiegelte sich eine Mischung aus Erwartung und Unsicherheit wider.
Aurora war ein einziges Gefühlschaos. Sie starrte starr aus dem Fenster. In ihrem Kopf tobte ein Sturm aus Wut und Groll gegen ihren Vater. Die Nachricht von seiner bevorstehenden Hochzeit hatte das zerbrechliche Band zwischen ihnen zerrissen.
Richard Robinson trat mit besorgter Miene ins Zimmer und rief nach seiner Tochter. „Aurora... Aurora“, wiederholte er, und seine Stimme klang fast verzweifelt. Doch sie blieb stumm und würdigte ihn keines Blickes.
Richard ließ nicht locker. Er versuchte es noch einmal, mit einer Mischung aus Angst und Sehnsucht in der Stimme. „Aurora, bitte, können wir reden? Ich muss wissen... bist du wegen Elizabeth immer noch sauer auf mich?“
Aurora drehte langsam den Kopf und sah ihrem Vater in die Augen, sagte aber nichts. Ihr Schweigen sprach Bände. Sie weigerte sich strikt, über die Frau zu sprechen, die den Platz ihrer Mutter einzunehmen drohte.
Richards Herz krampfte sich zusammen, als er das unbewegte Gesicht seiner Tochter sah. Er machte einen zögerlichen Schritt auf sie zu. Seine Stimme zitterte vor Kummer und Verzweiflung. „Aurora, ich verstehe deinen Schmerz. Ich will niemals, dass jemand den Platz deiner Mutter einnimmt. Elizabeth wird sie niemals ersetzen. Sie wird einfach ein neuer Teil unseres Lebens sein. Jemand, der uns beiden wieder Freude und Gesellschaft bringt.“
Auroras Lippen wurden schmal, und ihre Augen glänzten vor unterdrückten Tränen. „Ich will nicht, dass irgendwer ihren Platz einnimmt, Vater. Ich will keine andere Mutter.“
Richards Gesichtszüge wurden weich. Er klang sehr einfühlsam, als er versuchte, sie zu beruhigen. „Aurora, niemand kann deine Mutter ersetzen. Sie wird immer einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen haben. Aber Elizabeth ist eine gute und herzliche Frau. Sie möchte gern zu uns gehören. Ich dachte, es würde dich trösten, dass du einen neuen Bruder bekommst. Cristiano ist ein toller junger Mann. Ich glaube fest daran, dass ihr zwei euch gut verstehen werdet.“
Auroras Wut geriet kurz ins Wanken. In ihren Augen blitzte Neugier auf. Ein neuer Bruder?
Sie hatte Elizabeth schon früher getroffen. Aber sie wusste nicht, dass diese einen Sohn hatte, und gesehen hatte sie ihn erst recht nicht. Hätte Aurora jedes Mal nachgehakt, wenn Elizabeth das Gespräch mit ihr suchte, hätte sie es vielleicht gewusst. Aber die Nachricht von einem neuen Bruder namens Cristiano... Der Gedanke löste vieles in ihr aus: Angst, aber auch einen Funken Hoffnung. Dennoch hielten die Trauer und die Angst, das Andenken an ihre Mutter zu verlieren, sie gefangen.
„Ich brauche keinen neuen Bruder“, flüsterte Aurora verletzlich.
„Ich brauche meine Mutter. Ich will, dass alles so bleibt, wie es war. Damit sie in unseren Herzen weiterlebt.“
Richard tat das Herz weh. Er war hin- und hergerissen zwischen seinem eigenen Wunsch nach Glück und dem Schmerz seiner Tochter. Er streckte zitternd die Hand aus, berührte sie dann aber doch nicht. „Aurora, ich weiß, dass das schwer ist. Aber das Leben geht weiter. Wir können nicht ewig in der Vergangenheit verweilen. Ich verspreche dir: Elizabeth wird deine Mutter niemals ersetzen. Aber sie verdient eine Chance. Vielleicht finden wir mit der Zeit einen Weg, das Andenken an deine Mutter zu bewahren und trotzdem nach vorne zu schauen.“
Aurora wandte den Blick ab. In ihrem Gesicht spiegelten sich völlig widersprüchliche Gefühle wider. Im Raum lastete eine schwere Stille. Es gab so vieles, was ungesagt blieb, und die Kluft zwischen ihnen wurde spürbar.
Bevor Richard ging, sagte er noch zu Aurora: „Und morgen, an deinem 18. Geburtstag, wirst du deinen neuen Bruder zum ersten Mal treffen. Er fliegt extra nach Hause, nur um bei deiner Geburtstagsfeier dabei zu sein.“