Kapitel 1
Harley –
Ich winke Toni durch die gläsernen Doppeltüren zum Abschied zu. Sie winkt zurück und wirft mir über die Schulter einen Kuss zu. Ich lächle vor mich hin, gehe durch das Foyer zum Aufzug und drücke den Knopf.
Sie redet ohne Pause über diese neue App für unverbindliche Hookups. Toni sieht absolut umwerfend aus, aber viele halten sie für hetero. Deshalb findet sie das Dating-Leben in New York manchmal echt schwierig. Auf den ersten Blick verstehe ich sogar, warum die Leute das denken. Sie ist groß, schlank und von Kopf bis Fuß perfekt gepflegt. Ihre glänzenden blonden Haare trägt sie in geföhnten Wellen. Dazu kommen kristallblaue Augen, die in der Sonne funkeln. Sie ist natürlich der Traum eines jeden Mannes. Eine richtige Vorzeigefrau, die sich tadellos kleidet und immer perfekt aussieht. Doch zum Leidwesen der Männer in dieser Stadt steht sie einfach nicht auf sie.
Anscheinend hat sie über diese App, von der sie ständig faselt, schon ein paar flüchtige „Liebhaberinnen“ (wie sie sie nennt) kennengelernt. Jetzt ist sie fest entschlossen, mich auch dazu zu bringen.
Seit Justin war ich mit niemandem mehr zusammen. Aber ganz ehrlich? Der Vibrator in meiner Schublade macht einen besseren Job als er es je getan hat. Unser Sex war langweilig und drehte sich nur um ihn. Ich habe nie das bekommen, was ich eigentlich wollte. Ich habe in meinen Beziehungen nicht unbedingt nach Romantik gesucht. Es ist nicht meine Schuld, dass ich auf bestimmte Dinge stehe. Ich mag Sachen, die mich reizen und mich aufpeitschen. Ich will gequält werden, bis ich es nicht mehr aushalte. Danach habe ich mich gesehnt, aber ich habe es bisher nie gefunden.
Der Aufzug kommt mit einem Klingeln an und ich zucke kurz zusammen. Verdammt, meine Gedanken gehen mal wieder mit mir durch. Ich streiche meine Bluse glatt. Die Türen öffnen sich und ich steige ein. Ich drücke auf die 9 und warte.
Im 5. Stock hält er an und ich stöhne innerlich auf. Ich weiß schon genau, was kommt, als die Türen aufgleiten.
„Harley.“ Die Stimme meines Chefs grollt meinen Namen aus seiner Brust heraus. Ich lächle höflich.
„Guten Morgen, Mr. James.“
Er verdreht ein wenig die Augen und lächelt, während er einsteigt. Er bittet mich schon seit meinem Arbeitsbeginn vor einem Jahr, ihn Peter zu nennen. Aber ich bringe es einfach nicht über die Lippen. Die Art, wie er mich ansieht, ist schon schlimm genug. Wenn ich ihn dann auch noch beim Vornamen nennen würde, könnten die Leute misstrauisch werden.
Versteht mich nicht falsch, Peter ist verdammt heiß. Er hat diesen verwuschelten Look, der so gar nicht zu seinem täglichen Anzug passt. Aber ich werde niemals die Grenze zwischen Chef und Angestellter überschreiten. Die Fantasie ist zwar sexy, aber ich könnte hier nie wieder arbeiten, wenn wir die Grenze überschreiten würden. Es ist einfach eine meiner Regeln, dass man Dienstliches und Privates nicht vermischt. Obwohl Peter es wirklich versucht. Und das ziemlich oft.
„Hast du heute Abend was vor, Harls?“, fragt er locker und lehnt sich gegen die Seitenwand des Fahrstuhls. Ich unterdrücke den Drang, die Augen zu verdrehen.
„Ja, tatsächlich. Eine Freundin und ich feiern heute“, sage ich fröhlich. Er legt den Kopf schief und zieht eine Braue hoch.
„Was gibt’s denn zu feiern?“, hakt er nach.
„Sie ist letzte Woche befördert worden.“
„Herzlichen Glückwunsch...“, dehnt er das Wort. „Wo zieht es euch zwei denn hin?“ Er bohrt weiter und macht aus seinen Absichten überhaupt keinen Hehl.
„Noch keine Ahnung. Wir lassen uns einfach treiben.“ Ich lächle und werde zum Glück durch das Klingeln gerettet, als wir unser Stockwerk erreichen. Er hält mir galant die Tür auf, damit ich zuerst aussteige. Aber ich kenne seine wahren Absichten. Er will mir nur auf den Arsch starren, während er mir durch das Büro folgt.
Gott sei Dank wird er direkt beim Aussteigen von einem Vorstandsmitglied aufgehalten. Ich nutze die Chance und verschwinde schnell an meinen Schreibtisch.
„Morgen, Harley“, begrüßt mich meine Kollegin. Ich schaue über meinen Monitor, während ich mich mit einem Seufzer auf meinen Stuhl fallen lasse.
„Morgen, Sally.“ Ich lächle sie an. Sie ist eine Frau mittleren Alters mit einem kurzen, braunen Bob. Sie ist etwas kräftiger gebaut, was den Vorteil hat, dass sie wegen ihres niedrigen Blutzuckers immer Snacks in der Schublade hat. Und sie teilt sie nur zu gerne.
Wir sind still, als Peter vorbeiläuft. Er schenkt mir ein freches Lächeln, obwohl das Vorstandsmitglied direkt neben ihm geht. Die beiden verschwinden in seinem Büro und machen zum Glück die Tür zu.
„Igitt. Was für ein Widerling“, flucht Sally leise. Ich muss kichern, während ich meinen Computer hochfahre. „Man sollte meinen, er hätte es nach den ganzen Klagen wegen Belästigung langsam mal gelernt.“ Sie rollt mit den Augen. Ich muss aufpassen, dass ich vor Lachen meinen Tee nicht ausspucke. Sie zwinkert mir zu und schiebt mir heimlich unter dem Bildschirm einen Snickers-Riegel zu. Ich bedanke mich lautlos und wir machen uns an die Arbeit.
Nach einem langen Tag aus dem Büro zu kommen, ist das beste Gefühl überhaupt. Sally ist mit mir nach unten gegangen, als mein „Büro-Wachhund“, wie sie es nennt. Wenn sie dabei ist, hält sich Peter meistens fern. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Vor der Tür verabschieden wir uns. Sie winkt sich ein Taxi herbei und fährt los. Ich atme zufrieden durch und mache mich auf den Weg zu Toni.
Wir hatten uns direkt nach der Arbeit in unserer Lieblingsbar verabredet. Meinem Chef gegenüber hatte ich das natürlich verschwiegen.
Ich laufe ein paar Blocks und genieße den Lärm der Großstadt. Autos hupen wütend, Leute schreien sich über die Straße hinweg etwas zu und Absätze klappern auf dem Gehweg. Ich liebe New York einfach. Manche brauchen ihre Ruhe, aber ich liebe die Hektik. Hier wird es nie langweilig, und genau das gefällt mir so sehr.
In den ersten Monaten nach unserem Umzug haben Toni und ich die Stadt erkundet. Wir haben viele coole, versteckte Orte in schmalen Gassen entdeckt. Einmal dachte ich sogar, wir wären in einem Versteck der Mafia gelandet. Toni meint aber nur, dass ich zu viel fernsehe.
Vielleicht hat sie recht.
Ich stoße die Tür der gemütlichen kleinen Bar auf. Ich steuere direkt auf unseren Stammtisch zu. Sie sitzt schon da, einen Martini in der Hand.
Sie strahlt mich an und hebt ihr Glas, während ich mich zwischen den Tischen zu ihr durchschlage. Sie steht auf, nimmt mich in den Arm und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Mit einem Seufzer lasse ich mich in die Polster sinken. Ich schnappe mir meinen Martini, der schon bereitsteht – genau so, wie ich ihn mag – und proste ihr zu.
„Prost!“ Ich lächle und sie lächelt zurück. Ich leere das Glas auf ex und sie lacht.
„Mensch, Harls. Harter Tag?“, kichert sie. Ich rolle mit den Augen und gebe dem Barkeeper ein Zeichen für die nächste Runde. „Creepy Pete?“, fragt sie. Ich nicke, spiele kurz mit der Olive im Glas und schiebe sie mir dann in den Mund.
„Creepy Pete“, bestätige ich. Sie nickt und legt ihre Hand auf meine.
„Weißt du, durch die Beförderung kriege ich vielleicht eine Assistentin. Willst du nicht für mich arbeiten?“, fragt sie. Ich lächle, schüttle aber den Kopf. Sie weiß genau, dass ich meinen Job liebe.
„Ich glaube nicht, dass ich eine Kolumne über Superautos schreiben könnte“, kichere ich, und sie stimmt mit ein. Toni arbeitet für ein bekanntes Automagazin und ist gerade zur Junior-Redakteurin befördert worden. Wenn man sie so sieht, in ihren schicken Klamotten, würde man es nicht glauben, aber sie liebt Autos. Sobald das Thema aufkommt, ist sie voll dabei. (Ich sag’s ja: der Traum jedes Mannes.) „Außerdem liebe ich die Zeitschrift, bei der ich jetzt bin. Es ist wirklich nur wegen Peter“, seufze ich. Sie nickt und nippt an ihrem frischen Martini.
„Du solltest ihn einfach flachlegen, dann hast du es hinter dir“, neckt sie mich. Ich pruste vor Lachen los. „Schon gut, ich weiß. Du willst keinen Sex im Büro. Aber Mädel?! Er ist trotzdem verdammt heiß.“
„Heiß vielleicht, aber er ist einfach viel zu aufdringlich. Selbst wenn er nicht mein Chef wäre... ich glaube, das würde nichts werden.“
„Na gut“, meint sie und trinkt noch einen Schluck, während sie sich im Raum umschaut. Ich sehe sie fragend an. Sie verheimlicht mir was.
„Raus mit der Sprache“, drängele ich. Sie schaut mich ganz unschuldig an. Ich ziehe eine Augenbraue hoch, um ihr zu zeigen, dass ich darauf nicht reinfallle. Dann gibt sie nach.
„Ich habe noch mehr Neuigkeiten...“, fängt sie an. Ich warte gespannt. „Meine Firma will, dass ich für zwei Wochen nach Brasilien fliege.“
Ich reiße den Mund auf und greife nach ihrer Hand.
„Oh mein Gott! Das ist ja wahnsinnig toll!“, rufe ich begeistert.
„Wirklich?“
„Ja klar! Warum denn nicht?!“
Ihre Mundwinkel zucken, als sie mich ansieht.
„Ich wollte nur nicht... dass du allein bist.“ Mein Blick wird weich und ich lächle sie an. „Deshalb dachte ich, du solltest dir vielleicht jemanden suchen, mit dem du dir die Zeit vertreibst...“, sagt sie vielsagend. Ich seufze. Sie weiß genau, wie sie mich kriegt.
„Okay, okay! Du hast gewonnen!“ Ich ziehe ein gespieltes Schmollmundgesicht und schiebe mein Handy über den Tisch. Wenn es sie glücklich macht, soll sie die App halt runterladen. Das heißt ja nicht, dass ich sie auch benutzen muss. Aber das muss sie ja nicht wissen.
Mit einem breiten Grinsen tippt sie ein paar Mal auf dem Display herum und startet den Download.
„Jetzt brauchen wir nur noch ein Profilbild“, grinst sie und bestellt die nächsten Drinks. „Aber zuerst: Lass uns ordentlich einen bechern.“ Ich lache, als die nächste Runde kommt, und wir trinken uns durch die Nacht.