PROLOGUE: ASHES OF THE WHITE WOLF
Alpha Godric
Die Festung der White Fang – meine Festung – brennt.
Einst stand sie geheiligt unter dem Mondlicht der Göttin. Nun ist sie ein loderndes Inferno aus violetten Flammen und Asche. Stein bricht unter der Hitze. Rauch quillt dick genug, um zu ersticken, durch die Hallen des Berges.
Meine Wölfe fallen um mich herum.
Pfeile mit silbernen Spitzen reißen durch Fell und Fleisch, getränkt in Wolfsbane, das beim Töten brennt. Ihr Heulen verstummt jäh und sackt in ein zerfetztes Schweigen ab. Der Geruch von Blut und Gift verpestet jeden Atemzug, den ich mühsam in meine Lungen ziehe.
Der Tod drängt von allen Seiten heran.
Ich stehe im Zentrum des Geschehens, mein weißes Fell ist dunkel verklebt mit Blut. Jeder Atemzug rasselt wie zerbrochenes Glas. Silberne Bolzen nageln mich dort fest, wo mein Körper längst hätte heilen müssen. Ihr Gewicht zieht mich zum Boden, als würde der Berg selbst mein Ende fordern.
Ein Vampir kreischt unter meinen Klauen, als ich ihn aufreiße. Für einen einzigen Herzschlag flammt wilde Befriedigung auf.
Dann stirbt sie.
Weitere Feinde strömen durch den Rauch – zu viele, zu schnell. Ihre Bewegungen verschwimmen, Reißzähne blitzen auf, Klingen singen durch die Luft. Mein Rudel – mein Vermächtnis – fällt einer nach dem anderen.
Und dann spüre ich es.
Das Mate-Bond in meiner Brust bricht und zersplittert wie zerbrochener Knochen.
Ihr Schrei reißt durch meinen Geist.
Nein.
Mein Brüllen lässt den versengten Stein erbeben, während ich mich umdrehe und losrenne. Blut macht meine Pfoten glitschig. Ich donnere auf die Tempelkammern zu, in denen sich meine Luna vor wenigen Augenblicken versteckt hatte. Dort, wo sie in den Wehen lag, um unser Kind zur Welt zu bringen. Qualen durchzucken meine Gliedmaßen bei jedem Schritt, doch ich werde nicht langsamer.
Ich stürme durch die Türen –
Zu spät.
Ein Vampir steht inmitten der Flammen. In seinen Armen wiegt er eine schlaffe Gestalt.
Meine Gefährtin.
Ihre Kehle ist zerstört, ihre Augen sind glasig und blind. Blut sammelt sich unter ihr wie verschüttetes Mondlicht und beschmutzt die heiligen Fliesen. Die Welt zerbricht angesichts dieses einen, unerträglichen Anblicks.
Ich greife an.
Silberne Pfeile durchschlagen mich in Salven und zerfetzen Muskeln und Knochen. Mein Körper zuckt, als Gift meine Adern flutet. Ich breche auf dem Stein zusammen, mein Blick verschwimmt, während ich rasselnd nach Luft ringe.
Durch den Schleier gleitet ein großer Vampir vorwärts, seine Augen wie sterbende Sterne. In seinen Armen liegt, eingewickelt in weißes, rot durchtränktes Tuch, ein winziges, zappelndes Wesen.
Meine Tochter.
„Tu es nicht…“, keuche ich, während sich das Wort aus meiner zerstörten Kehle quält.
„Oh, ich werde mich um sie kümmern“, murmelt er, während seine Zähne meine Wange streifen. „Sie wird ein neues Zeitalter einläuten – eines, in dem Kinder des Mondes sich vor der Nacht verneigen.“
Sein Grinsen ist das Letzte, was ich sehe, bevor die Dunkelheit über mich hereinbricht.
Doch selbst als der Tod mich einholt, gräbt sich die Trauer tiefer.
Nicht nur wegen meiner Luna. Nicht nur wegen der Tochter, die mir entrissen wurde.
Wegen meines Sohnes.
Vor acht Monaten ist Astrid gegangen.
Sie spürte die Verbindung, die sich aufbaute, noch vor mir – sie verstand, was es bedeutete, bevor ich dazu bereit war, mich dem zu stellen. Sie wusste, dass mein Herz und meine Seele keinen Platz mehr für jemand anderen hätten, sobald meine Luna ihren Platz an meiner Seite einnahm.
Also traf sie die Entscheidung zu gehen.
Sie nahm unseren Sohn mit. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus Angst – die Angst, ihn im Schatten einer Verbindung aufzuziehen, die niemals wirklich die seine sein würde. Die Angst, die Andere zu werden, die vom Rand aus zusehen muss, wie der Mond mein Schicksal mit einer anderen besiegelt.
Ich redete mir ein, dass sie ihn beschützte. Dass sie sich selbst schützte.
Ich redete mir ein, dass ich sie beide finden würde.
Diese Hoffnung stirbt mit mir.
Die Vampire rücken näher, ihre Reißzähne zerfleischen den Rest meiner Kraft. Mein Blick trübt sich, während sie mein Wesen aussaugen, doch meine Augen bleiben starr auf die leere Luft gerichtet, in der mein Kind verschwand.
Mein letzter Schrei hallt durch den brennenden Berg – Wut, Trauer und Trotz, alles in einem.
Dann verschlingt mich die Dunkelheit.
Die Welt wird glauben, dass der White Wolf hier endete – in Feuer und Asche, unter einem zerstörten Mond.
Doch der Mond sah, was in ihrem Namen getan wurde.
Sie griff nicht ein. Sie rettete niemanden.
Als der letzte White Wolf fiel, löschte sie den Pfad, der dorthin geführt hatte – jedes Zeichen, jede Erinnerung, jede Spur ihres eigenen Handelns an dem, was erschaffen worden war.
Alles, bis auf eines.
Irgendwo jenseits ihrer Sicht atmete noch ein Leben, mit dem sie niemals gerechnet hatte.
Es wartete.
Achtzehn Jahre später – Das Mädchen
Die Dunkelheit verschlingt die Halle.
Ich stehe barfuß auf kaltem Obsidian, mein silberblondes Haar hängt wie ein wilder Vorhang um mein Gesicht. Das dünne Nachthemd, das an meiner Haut klebt, hilft kaum gegen die Kälte, die mir bis auf die Knochen dringt. Ich zittere – nicht nur vor Kälte, sondern wegen des Gewichts seiner Aufmerksamkeit, die auf mir lastet.
Vor mir thront mein Meister in Schatten gehüllt auf einem Stuhl aus schwarzem Stein und Knochen. Ein einzelnes Kohlenbecken wirft flackerndes Gold auf seine statuenhafte Gestalt und beleuchtet Augen, die so leblos und kalt sind wie das Nichts.
„Verwandle dich“, sagt er.
Mein Atem stockt. Ich drücke meine zitternden Finger gegen meine Kehle und taste nach der Präsenz, die ich kaum noch fühlen kann.
„Sie ist da“, flüstere ich, und meine Stimme überschlägt sich. „Aber sie antwortet mir nicht. Ich kann sie spüren, aber sie… sie hat Angst.“
Schweigen ist die Antwort – ein Raubtier-Stille, die erschreckender ist als jedes Brüllen.
Er erhebt sich. Jeder seiner Schritte hallt wie ein Totengeläut, während er mich mit berechnender Präzision umkreist.
„Angst?“, fragt er. Seine Stimme ist sanft, giftig. „Ich habe dich nicht erzogen, um Feigheit zu hegen. Ein Wolf, der zu schwach ist, um hervorzutreten, ist gar kein Wolf.“
Meine Finger krallen sich zu Fäusten. Ich lasse meinen Blick starr auf dem schwarzen Stein unter meinen Füßen.
„Ich habe dir alles gegeben“, fährt er fort. „Unterschlupf. Disziplin. Die besten Lehrer, um dich zu dem zu formen, was ich brauchte.“ Er bleibt so nah stehen, dass die Kälte in meine Haut dringt. „Und doch bist du nichts.“
Meine Augen brennen. „Bitte… wenn du mir nur mehr Zeit gibst –“
„Nein.“ Seine Hand schießt nach oben und packt mein Kinn, sein Griff so kalt wie zerbrochenes Eis. „Gehorsam hatte ich. Macht nicht. Und ohne die bist du ein Versager.“
Sein Daumen streift über meine Lippen und kostet meine Angst. Ein grausames Lächeln zuckt über sein Gesicht.
„Leer“, murmelt er. „Wertlos.“
Ich balle meine Fäuste noch fester, verzweifelt, und greife ein letztes Mal nach meinem Wolf – bitte, bitte komm hervor – doch das Geschöpf in mir kauert in der dunkelsten Ecke meiner Seele. Zu gebrochen, um zu antworten, zu sehr ausgehungert nach Liebe und Licht, um zu kämpfen.
Nichts antwortet.
Keine Verwandlung. Keine Kraft. Nur der hohle Schmerz des Scheiterns.
Tränen kullern, als ich stammle: „Ich – ich kann es besser machen, ich schwöre es –“
„Das kann ich auch“, murmelt er.
In einer fließenden Bewegung blitzt sein Dolch auf.
Die Klinge küsst meine Kehle in einem sauberen, gnadenlosen Bogen. Für einen Herzschlag spüre ich nur Kälte. Dann fließt Wärme an meiner Brust hinunter, meine Knie geben nach und die Welt neigt sich zur Seite. Ich sacke auf den Stein, mein weißes Nachthemd saugt sich voll, während sich das Blut unter mir wie eine aufblühende dunkle Rose ausbreitet.
Das Kohlenbecken flammt auf, heißes Fett spritzt in scharlachroten Rinnsalen.
Er steht über mir, die Klinge blutüberströmt, sein Ausdruck so undurchschaubar wie die Mitternacht.
„Keine Verwandlung“, sagt er leise. „Kein Ruf des weißen Wolfes. Nichts als Versagen.“
Mein Blick verschwimmt. Die Halle scheint sich zu dehnen und dunkelt an den Rändern ab. Ich versuche zu atmen, doch es gelingt mir nicht.
Stiefelschritte kratzen in der Nähe meines Kopfes. Durch meinen schwindenden Blick sehe ich, wie er einem blassen Wächter ein Zeichen gibt, der es nicht einmal gewagt hat zu blinzeln.
„Verbrennt ihre Überreste“, befiehlt er. „Das Zimmer und alles darin. Lass die Flammen diese Schande auslöschen.“
Der Wächter verneigt sich und verschwindet im Korridor; seine Schritte klingen hohl wie ein Totenmarsch.
Jetzt allein, schweift der Blick meines Meisters zum sterbenden Feuer. Seine Stimme senkt sich zu einem Flüstern – ein Schwur, in die Schatten geworfen.
„Dieses Gefäß war leer. Zerbrechlich. Asche, die sich als Flamme ausgab. Der Wolf darin war bereits tot – ich habe nur vollendet, was die Angst begonnen hatte.“
Er wendet sich ab.
Die Dunkelheit schließt sich.