14. Februar
Der Blick des blonden Jungen huschte immer wieder zu der Wanduhr, die über der Tür seines Klassenzimmers hing. Es sollte endlich zur Pause klingeln. Er hielt es kaum aus, den ganzen Tag war er schon nervös und aufgeregt.
Heute, genau an diesem Tag, würde er ihn ansprechen. Ganz bestimmt. Das hatte er sich vorgenommen und musste es endlich durchziehen. Schließlich hatte seine beste Freundin ihm Mut gemacht, davon überzeugt, dass er sich endlich trauen sollte.
»Keigo.« Verwirrt blickte er zu seiner Sitznachbarin, die ihn missmutig anschaute und in die Seite piekste. Rumi, seine einzige, wirkliche und vor allem beste Freundin. Ihre roten Augen fixierten ihn neugierig und sie grinste breit, als sich ihre Blicke trafen.
Das weiße, lange Haar fiel ihr strähnenhaft über ihr karamellfarbenes Gesicht, sie war definitiv ein Blickfang. Vermutlich würden sich die Männer um sie herum scharren, wenn sie nicht so viel Angst vor ihr hätten.
Sie gehörte nicht zu den schlanken Modepüppchen, die man überall sah. Rumi war durchtrainiert, aber vor allem war sie laut und manchmal auch zum Fürchten. Das genau Gegenteil von Keigo und doch mochte er sie. Bereits im Kindergarten war sie an seiner Seite.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, flüsterte sie, damit der Lehrer nichts davon mitbekam.
»Nicht wirklich«, murmelte Keigo und seufzte. »War gedanklich woanders.« Rumi rollte mit den Augen und kicherte leise.
»Hast du die Schokolade dabei?« Keigo wandte sich ab, nickte knapp und schaute wieder zur Uhr. Nur noch fünf Minute, dann wäre die Stunde vorbei. »Gut. Hatte schon Angst, dass du kneifen willst.«
Kneifen - am liebsten hätte er es, doch dann wären seine und Rumis Mühe völlig umsonst gewesen. Sie würde ihm die Hölle heiß machen und die nächsten Wochen immer noch nachtragend sein. Verständlich, schließlich hatten sie den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden und Schokolade vorbereitet. Zum Glück hatte Rumis Mutter ihnen geholfen und ein einfaches, wenn auch sehr leckeres Rezept gezeigt.
»Ich ziehe es durch«, nuschelte er. Auf seinen Wangen lag ein leichter Rotschimmer und seine Augen glänzten verräterisch. Keigo war verliebt. Zu seinem Bedauern in einem der beliebtesten Jungen aus den dritten Jahrgang. Einer von denen, die ständig von irgendwelchen Mädchen belagert wurde und einen seltsamen Haufen an Freunde um sich versammelte.
Aussichtslos, egal wie er es drehte oder wendete, er hatte ohnehin keine Chance. »Man wird mich verspotten«, murrte Keigo, er wusste noch genau, was die Schüler mit einem Jungen gemacht hatten, nachdem das Gerücht umging, dass er schwul war. Besagter Schüler kam nicht wieder und wechselte schließlich die Schule. Was, wenn ihn das gleiche Schicksal ereilen würde?
»Kopf hoch, ich beschütze dich vor jedem«, grinste sie und boxte ihn leicht in die Seite. »Ich warte am üblichen Platz, komm zu mir, wenn du ihm die Schokolade gegeben hast.«
»Alles klar«, antwortete er.
Als es zur Pause schellte, schnappte er sich die Jacke seiner Schuluniform und zog sie schnell über. Eilig hastete er aus dem Klassenraum, schlängelte sich zwischen den Schülern auf dem Flur vorbei und steuerte die Treppe an.
Natürlich war es verboten, durch die Gänge zu rennen, doch Keigo wollte nicht riskieren, dass er seinen Schwarm verpassen könnte.
Außer Atem kam er im zweiten Obergeschoss an, stützte sich an der Wand ab und versuchte, seine Atmung zu regulieren. Gut, dass er ein schneller Läufer war, auch wenn seine Ausdauer immer noch etwas zu wünschen übrig ließ.
Keigo richtete sich auf, schaute über den Flur und betrachtete die Schüler, die an ihm vorbeigingen und seltsame Blicke zuwarfen. Keiner sagte etwas, sie musterten ihn kurz und gingen einfach die Treppe hinunter. Vermutlich wunderten sie sich, was ein Zweitklässler in ihrem Stockwerk zu suchen hatte.
Schnell brachte er seine Uniform in Ordnung, fuhr sich durch seine blonden Haare und atmete einmal ganz tief ein, dann setzte er sich in Bewegung. Mit jedem Schritt, dem er den Klassenraum näher kam, wurde er nervöser und sein Herz schlug ganz aufgeregt.
Die Tür war aufgeschoben, während leise Stimmen herausdrangen. Keigo warf einen Blick hinein. Eine kleine Traube an Mädchen hatte sich um einen Tisch versammelt und unterhielt sich aufgeregt. Angestrengt versuchte er zu erahnen, um welchen Tisch sie standen, bis die Mädchen endlich die Sicht frei machten und er einen Blick auf die Person erhaschen konnte.
Da saß er, belagert von seinen Mitschülerinnen, die ihm ihre Valentinstagsschokolade in die Hände drückten. Der weißhaarige Junge mit den stechend türkisen Augen und dem ständig gelangweilten Gesichtsausdruck war wohl beliebter, als Keigo zunächst geahnt hatte.
Er und Touya kannten sich eigentlich nur flüchtig, und das auch nur, weil Fuyumi und Keigo in einer Klasse waren. Miteinander gesprochen hatten sie bis jetzt kaum, dabei würde Keigo es gerne ändern.
»Todoroki-kun«, sagte eines der Mädchen zu ihm, worauf er zu ihr aufblickte. Seine Begeisterung konnte man regelrecht spüren. Der Weißhaarige war sichtlich genervt von alledem.
»Hier, ich habe die ganze Nacht daran gearbeitet. Ich hoffe, sie wird dir schmecken«, plapperte sie und drückte ihm ein kunstvoll verziertes Päckchen in die Hand.
»Du solltest sie probieren, Sachiko macht die beste Schokolade überhaupt«, meldete sich eine andere und stupste das Mädchen namens Sachiko an. Die braunhaarige Schülerin lief dabei rot an und lächelte verlegen. »Los sage es ihm endlich.«
Keigo hatte keine Ahnung, worum es ging, er stand immer noch auf dem Flur und lugte durch die offene Tür. Da waren ihm einfach zu viele Mädchen, wodurch ihn der Mut verließ.
»Ich liebe dich, Todoroki-kun«, sagte Sachiko schließlich und die Mädchen um sie herum kicherten aufgeregt. Keigo dagegen weitete die Augen und ballte die Fäuste.
»Danke«, begann Touya, machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr, »aber ich habe kein Interesse. Verzeih.« Im ersten Moment konnte man denken, dass Touya es ernst meinte, doch wenn man seine Gesten und den Ton in seiner Stimme hörte, wusste man direkt, es war ihm ziemlich egal. Vermutlich wollte er kein weinendes Mädchen vor sich stehen haben.
»Tenko, ich gehe essen, kommst du mit?«, fragte er jemanden, den Keigo bis jetzt gar nicht bemerkt hatte. Anscheinend saß die Person in einer der hinteren Reihen, denn Touya hatte sich umgedreht und seinen Kopf auf die Lehne gestützt.
»Nein, ich bleib hier, muss das erst fertig bekommen«, antwortete der angesprochene Schüler.
»Dann nicht«, murrte Touya. Er stand auf, schnappte sich seine Jacke und die Bento-Box und ging auf die Tür zu.
Erschrocken fuhr Keigo zusammen und versteckte sich hinter der Wand. Dabei war sein Unterfangen lächerlich, Touya hatte ihn längst gesehen, ihre Blicke trafen sich flüchtig.
»Todoroki-kun, wir können doch zusammen essen«, meldete sich eines der Mädchen, doch er winkte ab.
»Keine Lust.« Gleich darauf kam er aus den Klassenraum und blieb vor Keigo stehen.
»Was willst du, verfolgst du mich eigentlich?«, fragte er kühl und verzog genervt die Braue.
»N-nein Ich -«, stotterte Keigo nervös vor sich hin, seine Augen huschten den leeren Flur entlang und blieben schlussendlich wieder auf dem Gesicht von Touya stehen. Seine Wangen glühten förmlich und er hatte das Gefühl, als hätte sich ein Kloß in seinem Hals gebildet.
»Spuck es schon aus und wenn nicht, dann verschwinde.« Doch Keigo brachte immer noch kein vernünftiges Wort heraus, die lodernden Augen seines Gegenübers schüchternen ihn ein und gleichzeitig zogen sie in ihren Bann. Touya seufzte, glättete seine Gesichtszüge und blickte kurz zurück ins Klassenzimmer. »Es ist nichts wegen meiner Schwester, oder?«, fragte er etwas besorgt und Keigo blinzelte verwirrt, dann schüttelte er den Kopf.
»Nein, ich wollte mit dir reden, Todoroki-senpai«, gab der Blonde schließlich zu und schluckte endlich den Kloß in seinem Hals hinunter. Er fühlte sich gleich besser, nachdem er es ausgesprochen hatte.
»Du willst mit mir reden?« Touya klang verwundert, hob fragend die Braue und betrachtete seinen Gegenüber nachdenklich.
»Ja«, hauchte Keigo zurück und senkte den Kopf.
»Nicht hier, komm.« Er wurde von Touya am Handgelenk gepackt und hinter sich gezogen. Stolpernd folgte er ihm, eine andere Wahl hatte er ohnehin nicht. Wohin der ältere Schüler wollte, wusste Keigo erst, als sie vor der Treppe stehen blieben, der Treppe, die auf das Schuldach führte.
Touya ließ ihn los, steckte die Hand in seine Hosentasche und stieg die Stufen hinauf. Es dauerte einen Moment, ehe Keigo ihm folgte und ebenfalls nach oben ging. Touya stand vor der Tür und blickte zu ihm, dann öffnete er sie und trat hinaus.
Hinter Keigo fiel die Tür ins Schloss, sie waren allein. Der weißhaarige Schüler stand mit dem Rücken zu ihm und schaute zu den Wolken hinauf. Die Sonne schien und der Himmel war blau, nur wenige, weiße und flauschige Wolken zogen vorbei. Trotzdem war es frisch.
»Was wolltest du von mir?«, fragte Touya ruhig, drehte sich zu Keigo um und kam etwas näher. Womöglich etwas zu nah. Mit zitternden Fingern holte Keigo das Päckchen heraus und streckte es seinem Schwarm entgegen. Er selbst schaute ihm nicht einmal ins Gesicht, starrte nur auf das, was in seinen Händen lag.
»Bist du etwa ein Bote? Hat irgendeine aus deiner Klasse gesagt du sollst es mir bringen?« Der Todoroki betrachtete das Valentinstagsgeschenk mit einer großen Portion Skepsis. »Wenn ja, dann bring es zurück, ich will es nicht haben.« Keigo biss sich auf die Lippe und schloss seine Hände fester um das Geschenk.
»Es ist von mir, nicht von jemand anderem«, nuschelte er leise vor sich hin, lehnte sich an die Tür und ließ die Hände sinken. Er hatte recht, diese Aktion war sinnlos, er hätte es bleiben lassen sollen.
Touya trat erneut näher heran und beugte sich vor.
»Kannst du das wiederholen?«, fragte er in einem seltsamen Ton und dazu ganz nah an Keigos Ohr. Er konnte Touyas Atem an seinem Ohr spüren, während die weißen Haare seine Wange streiften.
»Es ist von mir«, flüsterte Keigo, er hatte seinen ganzen Mut zusammengetragen, um diesen Satz noch einmal zu sagen. »Ich hab die Schokolade selber gemacht, sie ist nichts besonderes, aber ... ich hab mir viel Mühe gegeben ...«
»So, so. Von dir«, lachte der ältere Schüler und richtete sich wieder auf, dann streckte er die Hand heraus. »Dann gib sie mir«, forderte er ihn auf.
Keigo musste schlucken, er hob seinen Kopf und was ihm begegnete, ließ sein Herz erneut höher schlagen. Touya lächelte, es war genau das Lächeln, das er schon mal bei ihm gesehen hatte. Der Grund, wieso er sich in ihn verliebt hatte. Dieses sanfte und echte.
»Ich mag dich, Todoroki-senpai«, sagte er lauter, grinste und drückte ihm das kleine Geschenk in die Hand. Touya betrachtete es, stellte seine Bento-Box ab und öffnete die Schleife. Gleich darauf fischte er eine der selbstgemachten Pralinen heraus und steckte sich eine in den Mund.
Natürlich hatte er Keigos Aussage nicht kommentiert, er wusste wahrscheinlich gar nicht, was er dazu sagen sollte. »Und? Schmeckt sie?« Neugierig betrachtete er Touya. Sein Gesicht zierte ein minimaler Rotschimmer und seine Augen glänzten.
»Mhm«, summte der ältere Schüler und lächelte erneut.
Es wirkte, als hätte man den Jungen von vorhin gegen jemand völlig anderen ausgetauscht. Touya zeigte diese Seite selten, immer wenn Keigo ihn sah, war sein Gesicht kühl und emotionslos. Nur ganz selten, wenn er unter Menschen war, die er mochte und denen er vertraute, zeigte er sein wahres Gesicht.
Manchmal kam sich Keigo wie ein Stalker vor, so oft wie er ihn beobachtete. Er wusste zum Beispiel, dass er sein Mittagessen täglich von Fuyumi, seiner Schwester, bekam. Genauso, dass er fast jeden Tag nach der Schule seinen jüngsten Bruder abholte. Ja, in ihm hatte sich definitiv ein kleiner Stalker verirrt.
»Das freut mich und Rumi bestimmt auch, die wäre beinahe wahnsinnig geworden, als wir in ihrer Küche herum hantiert hatten«, plapperte er drauf los und grinste breit.
»Rumi Usagiyama?«
»Ja wieso?«, erkundigte sich Keigo verwirrt. »Kennst du sie?«
Touya steckte sich noch eine Praline in den Mund, dann schloss er das Päckchen und legte es zu seiner Box.
»Nein, nicht direkt. Aber mein Klassenkamerad steht auf sie«, gab er zu und zuckte mit den Schultern. »Meinst du, du könntest etwas für mich tun?«
»Willst du sie verkuppeln?« Touya grinste.
»Wieso denn nicht? Von allein würde Tenko sie nie fragen.«
»Ich weiß nicht, du hast dich nicht einmal für die Schokolade bedankt«, antwortete Keigo unzufrieden und zog eine Schnute.
»Stimmt«, sagte Touya, griff nach Keigos Kinn und hob es leicht an. »Danke«, flüsterte er und küsste sein Gegenüber. Völlig überrumpelt hielt Keigo die Luft an, er erstarrte einfach. Nachdem, was er im Klassenzimmer gesehen hatte, erwartete er alles, aber nicht das.
Das hier war sein erster Kuss! »Entspann dich kleiner«, hauchte Touya gegen seine Lippen und schaute in die vor Schreck geweiteten, goldenen Augen. Er zog Keigo an sich und legte die Lippen wieder auf seine. Keigos Hände krallten sich in das weiße Hemd, das Touya trug, und er schloss die Augen. Zögerlich erwiderte er den Kuss und begann ihn zu genießen. Er schmeckte schokoladig und ließ ihn leicht schmunzeln.
»Geht man nicht erst mit jemandem aus, bevor man ihn küsst?«, fragte Keigo, nachdem ihre Lippen sich voneinander gelöst hatten, Touya hielt ihn weiterhin fest und Keigo legte seinen Kopf an die Schulter des älteren Schülers. Ihm war heiß, seine Wangen glühten und ihm war ein wenig schwindelig.
»Wen interessiert schon die Reihenfolge, wir können immer noch zusammen ausgehen«, gab Touya trocken zu, worauf Keigo kichern musste. Wenn er gewusst hätte, wie das enden würde, wäre er schon vorher auf Touya zugegangen.
»Dann bringst du Tenko in der Pause mit?«
»Und du Rumi?«, beendete Touya und löste sich von ihm, weshalb Keigo sein Hemd losließ.
»Die Pause ist bald rum, wollen wir zusammen etwas essen?«, erkundigte sich Touya und hob seine Bento-Box wieder auf. Keigo schüttelte den Kopf, er hatte völlig vergessen etwas einzupacken, dafür war er viel zu sehr in Gedanken gewesen.
»Ich hab nichts dabei«, nuschelte er, dabei hatte er schon ziemlichen Hunger, so wie eigentlich immer.
»Ich teile mit dir, Fuyumi macht ohnehin immer viel zu viel. Wer soll das allein essen?« Dabei hielt er das liebevoll eingepackt essen vor Keigos Gesicht und grinste. »Komm, wir setzen uns auf die Treppe und essen, bevor es klingelt und wir hungrig bleiben.«
Die Augen des blonden Jungen leuchteten vor Freude. Essen, er, der Vielfraß schlechthin, liebte essen.
Er packte Touya am Arm, öffnete die Tür und zog ihn in das Innere, dort war es immerhin etwas wärmer. Der Plötzliche Gemütswechsel des Jüngeren überforderte den sonst immer ruhigen und beherrschten Todoroki, trotzdem ließ er sich von dem Wirbelwind mitreißen.
Auch wenn er es nicht zugeben würde, er mochte ihn irgendwie, hatte ihn ab und an beobachtet. Gemerkt, wie er ihn immer zu musterte und verlegen wegschaute, wenn ihre Blicke sich trafen. Wie es nun weitergehen würde? Wer wusste das schon, Touya würde sich überraschen lassen und den Dingen ihre Lauf geben. Es könnte jedenfalls interessant werden, mit so jemanden an seiner Seite.