Kapitel 1 Elias - Mutig oder verwirrt?
Liebes Tagebuch, Mittwoch,01.02.2023
oder viel mehr : Liebes älteres Ich, denn bleiben wir mal realistisch, wer außer meinem älteren Selbst wird jemals in eines meiner Tagebücher schauen? Ich werd' wohl kaum berühmt oder eine historisch relevante Person werden.
Nicht dass ich dies wollen würde. Allein die Vorstellung! Nein danke. Ich möchte nicht Opfer von Groupies oder gelangweilten Geschichtsschülern sein. Ich könnte mich ja auch gar nicht mehr wehren, sollte man mein geschriebenes Wort falsch interpretieren.
Ich sollte vielleicht darüber nachdenken, in meinem letzten Willen festzuhalten, wie mit meinen Tagebüchern nach meinem Ableben verfahren werden soll. Vorzugsweise verbrennen. Vielleicht gleich im Krematorium, zusammen mit mir? Spart Ressourcen.
Gott ich spinne echt! Ich werde dieses Jahr 23 Jahre alt und bin hoffentlich noch weit von meinem letzten Tag entfernt. Wobei ... heute hätte ich nichts gegen ein spontanes Ableben gehabt. Gott war das peinlich!
Aber zurück zum Anfang. Ich hab es heute getan! Das worüber ich hier schon seit Monaten nachdenke. Seit dem Tag als ich das erste Mal in den Bus der Linie 13 stieg und IHN sah..
IHN, mit seinem athletischen Körper, mehr oder weniger verborgen in dunkler Jeans und engem Shirt samt abgewetzter Lederjacke. Gott ... ist das klischeehaft, oder? Ich steh voll auf den mysteriös angehauchten, stillen Kerl mit Badboy-Touch. Dabei glaube ich tatsächlich, dass er kein Badboy ist. Irgendetwas an ihm, in seinen Augen - ich weiß nicht, wie ich es beschreiben kann! Aber da ist irgendetwas, dass mir sagt er gehört zu den Guten.
Mysteriös ist er, weil er nie redet. Er hört auch keine Musik, oder liest ein Buch, oder schaut auf ein Smartphone-Display wie die meisten es tun. (Wobei das macht ihn ja gerade noch interessanter, nicht wahr?) Er blickt nur aus dem Fenster und hin und wieder sieht er sich im Bus um. Aber wenn er sich umsieht ... es wirkt, als würde er mehr sehen als wir anderen. Als würde er tiefer blicken. Und immer wenn seine Augen meine treffen, überkommt mich das unbändige Verlangen mit ihm zu reden. Doch dann vergeht der Moment, sobald seine Augen fort streifen. Und was für Augen er hat! Ich denke sie sind eigentlich blau, doch oft wirken sie silbern. Wie sein Haar. Ja sein Haar ist silbern. Aber er ist nicht alt. Okay vielleicht ein bisschen älter als ich. Zwei, drei Jahre eventuell.
Fuck! Ich mach es schon wieder! Anstatt los zu werden, was mir heute passiert ist, schwafele ich wieder über IHN. Verdammt! Wie eine dieser naiven Protagonistinnen in den einschlägigen Youth-Novel-Romantasy Bestsellern. Hmmm, wobei das ja mal was wäre ... wenn ein (nicht so ganz naiver!!!) Kerl für den mysteriösen, gutaussehenden anderen Kerl schwärmen würde, welcher sich dann als übernatürliches Wesen herausstellt ... ?!
Seien wir ehrlich, gute Gay-Romantasy ist rar. Oft nur auf Fan-Fiction Plattformen zu finden. Aber da muss man dann auch eine bestimmte Serie mögen, beziehungsweise das jeweilige Shipping. Ist jetzt nicht so mein Ding. Ich bin kein Fanboy. Vor allem nicht wenn ein Shipping nur so genanntes *headcanon* ist, weil Fans irgendetwas in eine gewisse Buch- oder Serienszene herein interpretieren. Es hat bestimmt durchaus seine Berechtigung, aber es ist einfach nicht meins.
Okay ... STOPP! Ich bin echt durch heute, ich schwafele schon mein zukünftiges Ich zu. Aber vielleicht lese ich dieses Buch, wenn ich einst ganz alt und von Demenz befallen bin? Wer weiß?
Also gut. Wo war ich? Ach ja! Ich hab es also getan! Als unsere Augen sich mal wieder getroffen haben, hab ich gelächelt.(Ich hoffe zumindest es war ein Lächeln und nicht so ein irrer Gesichtsausdruck, den ich manchmal bekomme wenn ich nervös bin!) Einen Moment sah ich Verwunderung in seinen Augen, als würde er sich fragen, warum ihn jemand anlächelt. Ich dachte, er hat vielleicht keinen Spiegel? Denn jemand wie er, mit dem Aussehen, muss doch total OFT angelächelt werden?
Ich wartete einen Moment, ob er mich noch einmal ansehen würde, aber als das nicht geschah holte ich tief Luft und ging zu seinem Sitzplatz. Wie immer saß er am Fenster und niemand neben ihm. Ich hab immer gedacht, andere Menschen fühlen sich von seinem guten Aussehen vielleicht ebenso eingeschüchtert und schauen ihn auch nur heimlich an. Das gibt es doch, diese attraktiven Menschen von denen man Abstand hält, weil man denkt sie wären außerhalb der eigenen Liga. Ziemlich oberflächlich, ich weiß. Und auch irgendwie unfair. Denn wenn alle denken du wärst außerhalb ihrer Liga, wer redet dann mit dir und lernt dich kennen?
Nach einem weiteren Atemzug, schlüpfte ich also neben ihn auf den freien Platz und fühlte mich fast schon verwegen, weil ich vorher nicht fragte ob es ihm recht ist, wenn ich mich zu ihm setze.
Es hat heute in Strömen geregnet und trotzdem blickte er zum Fenster hinaus. Ich weiß nicht ob er etwas sehen konnte, ich konnte es jedenfalls nicht.
Gerade als ich meinen Mut zusammen gekratzt hatte, um eine wahrscheinlich total banale Small Talk Variante wie „Scheiß Wetter heute!" zu nutzen, erklang die Stimme des kleinen Mädchens welches jeden Mittwoch mit seiner Mutter in „meinem" Bus sitzt.
„Mama glaubst du, dass die Regentropfen die Tränen von Engeln sind?" Ich lächelte über die ernsthafte Neugier in ihren Augen. „Ich weiß es nicht Isa, aber dann würden die Engel gerade sehr heftig weinen!" „Ja, aber es kann ja sein, dass auch Engel mal ganz doll traurig sind! Ich meine, guck dir unsere Welt an! Da kann man doch oft nur heulen!" Die Kleine blickte ganz ernst drein, wippte dabei aber ihre Füße auf und ab. Pure Unschuld halt.
Ein kurzes, tiefes, samtig klingendes Kichern ließ mich den Kopf drehen. Diese blau-silbrigen Augen schimmerten einen kurzen Augenblick mit solch einem Amüsement, dass ich nicht anders konnte als auch zu kichern. „Recht hat sie ja!" sagte ich, dankbar nun keine blöde Floskel nutzen zu müssen um ein Gespräch zu starten.
Er antwortete nicht und ich versuchte es nochmal. (Vielleicht hatte ich aus Nervosität zu leise geredet?!) „Süß,die Kleine oder?" Nun sah er zu mir, Überraschung in seinen Augen. Eben jene wunderschönen Augen huschten dann umher, als vermutete er gleich würde jemand mit einer versteckten Kamera hervor springen. Dann sah er mich so intensiv an, dass ich Panik bekam. „Ich meine...sie ist niedlich. Nicht das sie mich anmacht oder so...ich bin nicht pervers!" stotterte ich daher, total in die Idee verfallen, er würde mich gleich zerlegen weil er glaubt ich sei ein Kinderschänder.
Eine seiner perfekten Brauen hob sich und ich hatte kurz das Gefühl, dass ein Lächeln an seinen Lippen zupfte. Doch dann schoben sich beide Augenbrauen zusammen. „Redest du wirklich mit mir?" „Erm...ja?! Mit wem...sonst?" (Ja Redegewandtheit ist voll mein Talent - NICHT!) Wieder sah er sich um. „Das ist seltsam!" flüsterte er schließlich mit dieser göttlich samtigen Stimme. „Wieso?" flüsterte ich zurück. Nun da er gewiss wurde, dass ich tatsächlich mit ihm sprach, verfinsterte sich sein Blick. Jedes Licht schien aus seinen Augen zu weichen. „Eigentlich solltest du nicht in der Lage sein, mich zu sehen!"
Er sprach weiterhin leise, doch für mich fühlte es sich unsagbar laut an. Mächtig. Plötzlich schien er mir so überirdisch schön (und wütend?!), dass ich wegschauen musste. Dann wurde mir bewusst was genau er da gesagt hatte. Was sollte das bedeuten? Glaubte er etwa er habe eine geheime Kraft, welche ihn unsichtbar machte? Einen Zauberumhang wie Harry Potter vielleicht? Ich schüttelte den Kopf um wieder klar zu werden. „Hör zu falls ich dich nerve, sag es einfach...du musst hier nicht auf Alec Lightwood machen oder so!" blaffte ich nun und sah wieder auf.
Irritiert blinzelte ich. Sein Platz war leer. Er konnte jedoch nicht aufgestanden, geschweige denn ausgestiegen, sein da er dazu über mich klettern musste. Das hätte ich doch gemerkt. Oder?Trotzdem sah ich mich um und wurde mir gewahr das andere mich anstarrten.
„Entschuldigung...der Typ neben mir...ist der...aufgestanden?" fragte ich hektisch.
Die Mutter zog ihre kleine Tochter enger an sich. Ein älterer Herr sah mich abschätzig an. „Bisschen früh um betrunken zu sein junger Mann, oder?"
Und da verstand ich. Alle sahen mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. So wie man Leute ansieht die Unsinn vor sich hinreden. Ich schluckte und stand auf. Beim nächsten Stopp sprang ich fast schon aus dem Bus, obwohl ich noch drei weitere Stopps, zu dem Gebäude in dem meine Vorlesung zu Shakespeares „Hamlet" stattfindet, brauchte.
Der Regen klatsche auf mich und in Minuten war ich durchnässt. Verwirrt sah ich dem Bus hinterher.
Was zur Hölle bedeutet das? Habe ich mir den Kerl nun über Monate hinweg eingebildet? Es wäre zumindest eine Erklärung warum nie jemand auf ihn zu reagieren scheint. Warum keine Frau einen Blick auf ihn wirft.
Habe ich mir ein Trugbild, ein Wunschbild geschaffen? Mich unbewusst auf einen nicht existenten Kerl fixiert, um einem erneute Katastrophe für mein noch frisch verleimtes Herz zu verhindern? Schütze ich mein Herz unbewusst, damit es mir nicht wieder zerschmettert wird? Man, falls dem so ist, hat Jeremy ganze Arbeit geleistet. Vielleicht sollte ich ihm eine Karte schicken? „Toll gemacht! Dank dir werde ich mich nie wieder auf jemanden einlassen!"
Ich weiß, ich schiebe Drama. Aber ich bin einfach so verwirrt. Und enttäuscht. Und noch verwirrter bin ich, weil ich nicht weiß ob ich enttäuscht bin weil mein Traumkerl scheinbar nur Einbildung war, oder weil er so abweisend war?! Man möchte doch denken, dass ein eingebildeter Traummann mich bitte schön auch toll findet? Immerhin gäbe es ihn ohne meine Fantasie ja gar nicht?
Gott, ich spinne wirklich! Ich sollte mal über eine Therapie nachdenken.
Jedenfalls bedeutet diese Episode nun, dass ich einen anderen Bus nehmen muss. Unter keinen Umständen tue ich es mir an, nun jeden Tag diesen Menschen erneut zu begegnen und ihre neugierigen Blicke ertragen zu müssen. (Beziehungsweise bei einigen halt nur Mittwochs, da sie nicht jeden Tag in diesem Bus sitzen!) Dieser Umweg wird mich dann eine extra Stunde meines Lebens kosten. Prima. Dankeschön bekloppte Imagination!
Und jetzt muss ich zusehen das ich den Stoff der Vorlesung nachhole, denn dahin habe ich es natürlich nicht mehr geschafft. Aber vielleicht ist das Schicksal ja gnädig und beschert mir eine fette Erkältung, so dass ich Aufschub bekomme? Man wird ja noch hoffen dürfen!
Dein, eventuell verrückter, Elias
P.S. Liebes zukünftiges Ich, ich hoffe du hast dich von diesem Erlebnis erholt! Vielleicht hast du es sogar vergessen oder verdrängt. Dann entschuldige dass ich es wieder heraufbeschworen habe mit diesem Eintrag!