Prolog
Diamond
„Was!?“, schreie ich, woraufhin Mutter zusammenzuckt. „Ich kann ihn nicht heiraten, Mom. Ich liebe ihn nicht einmal! Gibt es denn keinen anderen Weg außer der Ehe?“
„Es tut mir leid, Süße, aber es geht nicht anders. Du weinst diesem Nichtsnutz von einem Jungen jetzt schon seit Jahren hinterher. Es wird Zeit, dass du Lionel endlich loslässt.“
Ich kneife die Augen zusammen. „Rede nicht so über ihn.“
„Es ist Zeit für einen Neuanfang, Schatz. Gib dem Ganzen einfach eine Chance“, bittet Mom und nimmt sanft meine Hände in ihre.
„Mein Liebling, du weißt, wie sehr ich dich liebe und verehre. Mein größter Wunsch ist es, dass mein einziges Kind wieder glücklich ist. Ich möchte einfach dieses Lächeln wiedersehen, das früher deine Augen zum Leuchten brachte und jeden Tag erhellte. Ich weiß, diese Hochzeit kommt plötzlich, und vielleicht sollte ich mich nicht in dein Liebesleben einmischen, aber ich will dir nur helfen, damit abzuschließen. Du verdienst das Beste, und ich glaube wirklich, dass Liam ein guter Ehemann für dich wäre.“
Ich starre meine Mutter an und beobachte ihr Gesicht. Ich weiß, dass sie es gut meint, aber ich kann das einfach nicht.
„Mom, ich weiß, dass du das tust, weil du dich sorgst, aber ich muss nicht jemanden heiraten, um glücklich zu sein!“, protestiere ich. „Ich kenne den Mann nicht einmal, um Himmels willen!“
Ich ziehe meine Hände zurück und starre sie fassungslos an. Das musste ein Traum sein. Die Realität würde mir doch keinen so lächerlichen Streich spielen. „Was, wenn er ein Krimineller ist? Oder ein Pädophiler? Was, wenn er schon jemanden umgebracht hat?“
Mom lacht leise über meine wilden Anschuldigungen. „Ich versichere dir, mein Schatz, er ist ganz und gar nicht so. Tatsächlich…“ Sie hält inne und holt ihr Handy hervor, um ein Foto zu suchen. „Er ist ein wohlhabender Gentleman aus einer der angesehensten Familien des Landes. Dein Vater und sein Vater kennen sich schon ewig. Er ist ein guter junger Mann“, sagt sie und steckt ihr Handy wieder weg. „Und er ist fleißig.“
Das Bild seines Gesichts ist mir noch gut im Gedächtnis. Er mag nach außen hin gut erzogen wirken, aber das macht ihn innerlich noch lange nicht gut.
Ich verschränke die Arme fest vor der Brust. „Mir gefällt das trotzdem nicht.“
„Es ist zu deinem Besten, mein Schatz.“
Ich unterdrücke ein Augenrollen. Selbst das konnte die schiere Lächerlichkeit dieser Situation nicht beschreiben.
Mom erhebt sich von meinem Bett. „Es ist spät. Ruh dich aus. Wir reden später weiter darüber“, sagt sie und küsst meine Wange.
„Denk mal darüber nach, mein Schatz“, murmelt sie, bevor sie die Tür hinter sich schließt.
Meine Brust schnürt sich zu, als die Schwere der Situation auf mir lastet. Meine Mutter ist fest entschlossen, mich an einen Mann zu verschachern, den ich noch nie getroffen habe. Trotz ihrer guten Absichten geschieht das gegen meinen Willen. Mir ist egal, was für ein Heiliger dieser Liam angeblich ist. Für mich wird er immer nur die Person sein, mit der ich mein restliches Leben verbringen soll, ob ich will oder nicht.
Ich ziehe mich für die Nacht um – ein schlichtes babyrosa Oberteil und eine schwarze Shorts. Mit einem Knopfdruck versinkt der Raum in Dunkelheit, nur das sanfte bernsteinfarbene Leuchten meiner Nachttischlampen bleibt. Ich schlüpfe unter die Decke, aber die Geborgenheit, die mich sonst einhüllt, bietet mir heute kaum Trost. Mein Verstand kommt nicht zur Ruhe. Der Schlaf will sich nicht einstellen, während ich meine Möglichkeiten immer und immer wieder durchgehe. Wann hat mein Leben eine so schlimme Wendung genommen?
Seit er gegangen ist.
Ich stütze mich auf meinen Ellbogen und starre in das Licht. Meine Hand greift nach unten und zieht die Schublade auf. Ich hole das graue Buch hervor, das die letzten Jahre dort gelegen hat. Ein Buch, das ich einst liebte, ein Buch, das ich so oft gelesen habe, ohne dass es langweilig wurde.
Ein Buch, das den Zettel enthielt, der mir das Herz brach.
Dieser Brief, der meine Welt auf den Kopf stellte, steckt immer noch zwischen denselben Seiten, auf denen ich ihn damals fand. Ich streiche das Papier glatt und lese die Worte, die ich inzwischen auswendig kenne. Doch jedes Mal, wenn ich sie sehe, stelle ich mir vor, dass sie etwas anderes bedeuten.
An meine liebe Diamond,
Hey Liebling, du fragst dich sicher, warum ich deine Anrufe nicht beantworte, oder?
Nun, ich habe das Land verlassen.
Es tut mir leid, Diamond, dass ich dir das auf diesem Weg mitteilen muss. Die Wahrheit ist, dass ich mit meinem Leben hier nicht glücklich war. Ich wollte mehr erreichen… für dich.
Ich weiß, das klingt egoistisch, aber ich musste es tun.
Es tut mir so leid, Diamond.
Vergiss nur nicht, dass sich meine Gefühle für dich niemals ändern werden.
Du bist eine der unglaublichsten Frauen, die ich je getroffen habe.
Danke, dass du mich zum Lächeln gebracht hast, dass du mich geliebt und verstanden hast.
Danke, dass du mir alles gegeben hast.
Es tut mir leid, dass ich zu feige war, dir das persönlich zu sagen.
Ich konnte dir nicht in die Augen sehen.
Die Schuldgefühle bringen mich um.
Ich verspreche dir, wenn du auf mich wartest, werde ich als ein besserer Mann zurückkommen – für dich.
Ich werde dich nie wieder verlassen, wenn wir uns jemals wiedersehen.
Nur damit du es weißt, meine Liebe – ich liebe dich, und das werde ich immer tun. Pass auf dich auf, Liebling. Noch einmal, ich liebe dich. Bitte warte auf mich.
In Liebe, Lionel
~~~
Dasselbe bittere Gefühl, das mir mittlerweile nur zu bekannt ist, füllt meine Brust, während mir Tränen über die Wangen laufen. Ich verstehe nicht, warum ich nach all der Zeit immer noch wie ein Baby wegen Lionel weine. Ich muss mich zusammenreißen.
Wer weiß, was Lionel da draußen treibt? Vielleicht hat er eine Neue gefunden, jemanden, den er niemals im Stich lassen würde, jemanden, den er von ganzem Herzen liebt.
Jemanden, den er so liebt, wie er mich nicht lieben konnte.
Was, wenn er verheiratet ist und ein Kind hat? Was, wenn er endlich alles erreicht hat, was er wollte, und jetzt das Leben führt, von dem er immer geträumt hat – nur ohne mich?
Was, wenn nur ich unsere Beziehung vermisse? Unsere Erinnerungen.
Unsere Liebe.
Ich erinnere mich an den ersten Moment, als ich ihn gelesen habe. Ich starrte auf den Brief und wünschte mir, ich könnte den Verfasser irgendwie herbeizaubern. Zwei Wochen nach unserem zweiten Jahrestag war er weg und hinterließ nichts als dieses dürftige Stück Papier voller Worte.
Worte, an denen ich immer noch festhalte.
Wahnhaft? Vielleicht. Ein normaler Mensch hätte längst mit der Sache abgeschlossen. Aber ich hatte immer gedacht, dass das, was Lionel und ich hatten, etwas Besonderes war. Ich dachte, wir wären etwas Besonderes.
Offensichtlich sah er das anders. Und er hatte nicht einmal den Anstand, unsere Beziehung vernünftig zu beenden oder sich zu verabschieden.
Ich habe nur diesen blöden Brief, der mich an ihn erinnert.
Was, wenn er mich vergessen hat? Er hätte wissen müssen, dass ich nicht einfach weitermachen kann, nur weil er einen blöden Brief hinterlassen hat.
Warum hat er mich also nicht gefunden? Warum ist er nicht zurückgekommen, um unsere Liebe zurückzufordern?
Diese Fragen werden mir für immer durch den Kopf gehen, aber ich weiß, dass ich niemals die Antworten bekommen werde, die ich brauche, es sei denn, er kommt zurück.
Fünf Jahre sind ohne ihn vergangen, und doch hoffe ich immer noch, dass ich ihn eines Tages wiedersehen werde, ihm in die Arme laufen kann und ihn nie wieder loslasse.