KARFUNKEL - Herz aus Stein

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Zusammenfassung

**Als ihre Herrin ermordet wird, begeben sich eine weiße Rabin und ein schwarzer Fuchs auf einen gemeinsamen Rachefeldzug. Werden die mutigen Familiare es schaffen, das gestohlene Herz rechtzeitig zurückzuerlangen, ehe sie sich selbst verlieren?** "Manchmal ist es die Liebe, die einen dazu bringt, den nächsten Atemzug zu tun. Manchmal ist es Rache." Als die Hüterin eines Feenhains wegen der Quelle ihrer Macht grausam ermordet wird, bleiben ihre beiden Vertrauten und treuen Beschützer gebrochen und verloren zurück. Doch schon bald ändert sich ihre Verzweiflung, und von diesem Moment an werden sie nur noch von einem einzigen Wunsch getrieben: Rache. Mit den wenigen Kräften, die ihnen noch bleiben, begeben sie sich auf eine todesmutige Reise, um das gestohlene Herz zurückzuerobern. Wird es dem schwarzen Fuchs Cian und der weißen Rabin Lir gemeinsam gelingen, die Seele ihrer geliebten Herrin zurückzustehlen, bevor ihre Magie aufgebraucht und ihr Leben verwirkt ist? Oder werden sie sich in das zurück verwandeln, was sie einst waren und sich damit für immer selbst verlieren?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
29
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 - Die Fae, der Fuchs & der Rabe

Heilyn setzte einen Nadelstich nach dem anderen, behutsam und sorgfältig. Ihre schlanken, weißen Hände vollführten geübt jede Bewegung und schufen aus einem Stück Stoff und einem blauen Faden ein beeindruckendes Kunstwerk. Sie stickte, wie so oft, nach getaner Arbeit. Doch dieses Mal war ihr Motiv keine Pflanze oder eines der Tiere, die sie fast täglich versorgte, sondern ihre beiden Gefährten. Gerade versuchte sie, Cians nachtschwarzes, fast bläulich schimmerndes Fell einzufangen.

Selbst in seiner menschlichen Gestalt war davon etwas zu sehen, denn er trug den prächtigen Pelz als üppigen Mantel um die Schultern und legte ihn nur selten ab. Der hochgewachsene Mann mit dem geschmeidigen Körper, der seiner wahren Gestalt, einem pechschwarzen Fuchs, alle Ehre machte, saß an dem massiven Holztisch und reinigte gerade in liebevoller Manier seinen Speer. Eine Waffe, mit der er Heilyn vor jedem Unheil beschützte, seit er atmen konnte. Doch nicht nur er leistete ihr Gesellschaft.

Lir war alles was Cian nicht war. Diese Beschreibung traf es wohl am besten. Ihr weißblondes Haar strahlte förmlich im Vergleich zu den nachtschwarzen Wellen, die ihm um das markante Kinn fielen. Cians Haut war so hell, dass sie fast durchscheinend wirkte und im trüben Licht des Mondes manchmal einen bläulichen Schimmer besaß. Ganz anders als Lir, deren sonnengeküsster Teint sich auch von Heilyns milchigem Blass unterschied. Ihre wachen, goldenen Augen sprangen ständig im Raum umher, während sie nach einer Aufgabe suchte, die noch zu erledigen war. Dabei bewegten sich die weißen Federn um ihren Körper wie eine zweite Haut. Das glänzende Federkleid war Lir heilig, war es immerhin ein Überbleibsel ihrer wahren Gestalt. Wenn sie sich nicht gerade in der kleinen Hütte oder am Fluss dahinter aufhielt, kreiste sie sich am Himmel über dem dichten Wald und wachte über alles in der Gestalt eines weißen Raben.

Heilyn wusste nicht was sie ohne die beiden getan hätte. Ihre Begleiter, ihre Beschützer, ihre engsten Freunde, ihre Familie und wichtigsten Helfer. So lange lebten sie schon gemeinsam in einem der entlegensten Wälder dieser Welt, dass keiner von ihnen sich ein Leben ohne den anderen mehr vorstellen konnte.

„Morgen werden Cian und ich in den südlichen Teil des Waldes aufbrechen.” Lirs Stimme war warm und weich wie Honig. Mit dem Anflug eines schelmischen Lächelns flog ihr Blick zu Cian und sie fügte hinzu: „Vorausgesetzt er kann mithalten.”

Die dunklen Augen des Mannes hoben sich neckend zu der blonden Frau und nachdenklich legte er den Kopf schief. „Spätestens, wenn deine scharfen Augen etwas sehen, dass ich für dich tragen soll, kommst du wieder zurück. Wie immer”, erwiderte er belustigt.

Lir schnaubte nur, doch Heilyn ergriff das Wort, bevor die beiden anfangen konnten zu streiten.

„Es ist gut, dass ihr geht. Irgendetwas habe ich dort gespürt und es schadet nicht, wenigstens einmal nachzusehen.”

Als Hüterin dieses Waldes war genau das ihre Aufgabe, ja mehr als das. Es war Heilyns Schicksal, für all die Bewohner und selbst die Pflanzen zu sorgen, denn so wie eine Mutter mit ihrem Kind, war sie mit der Essenz dieses Ortes verbunden. Lir und Cian waren dabei, ihre Augen und ihre Kraft. Wo Lir mit ihrer scharfen Sicht vermochte, jedes verletzte Tier im verworrenen Dickicht auszumachen, da konnte Cian kräftig und stark wie er war, alle Hilfsbedürftigen zu Heilyns kleiner Hütte bringen.

„Wir werden sehen, was wir finden”, bestätigte Cian ihre Worte und legte das Stück Stoff weg, mit dem er die dunkle Obsidianspitze seines Speeres gerade gereinigt hatte.

Heilyn seufzte leise. Waffen hatte sie noch nie gemocht. Sie erlaubte in ihrem Wald keine Einzige, außer jenen beiden, welche ihre Gefährten trugen. Es war Heilyn nicht bestimmt zu verletzen oder durch ihre Hand Leben zu nehmen, doch gleichzeitig gab es viele, die nach dem Reichtum und Frieden ihrer Wälder trachteten. Neidische Blicke, gierige Herzen... sie lebten in einer gefährlichen Welt. Heilyn wusste das besser als die Meisten, denn sie hütete die Geheimnisse und Schätze ihres Waldes schon wesentlich länger, als man ihrer jugendlichen Gestalt ansah. Deswegen war es notwendig, dass die beiden Naturgeister ihr zur Seite standen und mehr als einmal hatten sie Heilyns Leben bereits gerettet.

Kein Wunder, in all den gemeinsamen Jahren.

Zeit spielte für sie keine Rolle, es war nur ein Wort, ein Maß, so unbedeutend wie das Wasser, das tagein, tagaus den Fluss hinunterlief. Sie konnte weder ihr noch ihren Gefährten etwas anhaben. So hatte keine einzige Falte die glatte, mondweiße Haut je verzogen und in ihrem feuerroten Schopf dichter Locken gab es auch kein graues Haar. Die Züge der Fee waren so grazil und fein, dass man meinen konnte, sie wären aus Glas.

Heilyn war der Inbegriff elfischer Schönheit, zart und feingliedrig, schön wie der Mond oder ein Stern. Wach und klar nahmen die rot-schimmernden Iriden alles wahr, was an ihrem Wald vor sich ging und mit endloser Liebe kümmerte sich die Wächterin um jede leidende Kreatur, die ihre Hilfe benötigte.

Gerade wollte sie Lir bitten, morgen vorsichtig zu fliegen, als etwas ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war ein Gefühl, eine grobe Ahnung und es stach ihr so penetrant entgegen, dass Heilyn unvermittelt nach Luft schnappte. Sofort hob Cian den Kopf und seine wachsamen Augen richteten sich erst auf die Fee, dann folgte er ihrem Blick zur Tür.

Tock. Tock.

Mit diesem, eigentlich so normalen Geräusch machte sich in ihrem Magen eine schwere Unruhe breit. Bevor sie den Mund öffnen und den Klopfenden fortschicken konnte, bewegte sich auch schon das Holz der Tür. Wobei es „Tür” nicht ganz zutraf. Die Hütte, welche Heilyn, Cian und Lir ein Zuhause bot, verdiente mehr die Bezeichnung „Nest”.

Sie besaß kein richtiges Mauerwerk, ja nicht einmal Holzwände. Stattdessen schlangen sich Geflechte aus Ästen und rankenden Pflanzen wie Wände empor und hielten zwischen ihren Zweigen Überreste eines alten Mauerwerks. Die wenigen Lücken waren mit Moos und getrockneten Gräsern ausgestopft, sodass sie an den Kobel eines Eichhörnchens erinnerten. Doch es war ein wohlig warmes, behagliches Nest, mit einem tief hängenden Dach und völlig überwuchert von Efeu und wilden Rosenbüschen. Es war also fraglich, wie lange das Bauwerk jemandem standgehalten hätte, der wirklich alles daransetzte, sich Zutritt zu verschaffen.

„Sieh einer an. Guten Abend, Heilyn.”

Die aalglatte, schneidend kalte Stimme legte sich über das abendliche Zwitschern von Nachtigallen, die ihre Nester in und auf dem Dach der Hütte errichtet hatten. Plötzlich schienen alle Tiere in der Umgebung, ja selbst der murmelnde Abendwind den Atem anzuhalten.

Was wollte er hier?

Wie hatte er sie gefunden?

Heilyn spürte, wie sich ihre Unruhe in etwas anderes verwandelte: Panik.

Cian und Lir bemerkten an ihrer Reaktion sofort, dass etwas mit dem Neuankömmling nicht stimmte. Normalerweise war Heilyn jeder Gast ein Freund, doch da sich ihre Miene vor Unglauben und Angst verzogen hatte, reagierten ihre Gefährten instinktiv:

Lir erhob sich so schnell von ihrem Stuhl, dass er nach hinten umkippte. Sie griff zur Seite und hatte den Bogen mit einer einzigen Bewegung gespannt. Augenblicklich lag ein Pfeil an der Sehne, ohne, dass sie zuvor einen Köcher in Reichweite gehabt hätte. Weiße Federn berührten am Schaft des Pfeils Lirs Wange und eine Spitze aus funkelndem Sonnengold blitze im rötlichen Schimmer des Kaminfeuers auf.

Cian bewegte sich synchron zu ihr, brachte seinen kampferprobten Körper in eine aufrechte Verteidigungshaltung und hielt den Speer halb gesenkt.

„Du bist hier nicht willkommen, Tiernan”, erwiderte die Wächterin des Waldes nun gezwungen ruhig und schaffte es dabei dennoch nicht, ihren tobenden Herzschlag zu bremsen.

Der andere Fey lächelte frostig und entblößte eine Reihe schneeweißer, perfekter Zähne. Seine vollen Lippen, wie auch sein ganzes Gesicht waren von einer so blassen Farbe, dass sie in scharfem Kontrast zu den dunkelbraunen Haaren standen. Er war schön, wie jeder Fey, doch seine Aura umfing alles, wie die Fäden eines Albtraums.

„Wie schade, dabei habe ich sogar Freunde mitgebracht”, verkündete er und machte einen bedrohlichen Schritt in die Hütte. Weitere Gestalten drängten plötzlich ins Innere.