Prolog
Es sind nun sechs Wochen vergangen, seit Eric mich alleine gelassen hat. Ich bin weinend im Wald zusammengebrochen, da ich wusste, ich würde ihn nie wieder sehen und bis jetzt hat mein Gefühl recht behalten.
Niemand nicht mal Karl, der Alpha unseres Rudels und sein Großvater hat was von ihm gehört. Meine Entscheidung Eric in den Wald zu folgen und so die Versammlung zu verlassen, wurde von Karl als meine Wahl akzeptiert.
So gelte ich seit dem Tag, als mit Eric verbunden, auch wenn wir keine Bindungsfeier hatten, was so was wie eine Hochzeit bei Menschen ist. Was auch egal ist, denn ich weiß, dass sich meine Wölfin für den Rest unseres Lebens, an einen Mann gebunden hat, der mich nicht will.
Seit etwas länger als zwei Monaten bin ich in dieser Welt, in der es Wolfswandler, eine Rangordnung und gebundene Paare gibt.
Ich sitze seufzend auf dem Bootssteg des Sees vom Anwesen und denke über mein neues Leben hier nach. Mein Rudel lebt auf einem riesigen Grundstück, dass so gut wie komplett autark von der Menschenwelt betrieben wird. Das Anwesen liegt an einem großen Nationalpark, sodass die Rudel Mitglieder ungestört durch die dicht bewaldeten Berge streifen können.
So auch Larissa, meine beste Freundin hier, die zufälligerweise auch eine Halbblüterin wie Ben und ich ist. Larissa ist, eine anfang dreißigjährige, schmale große Frau mit braunen Haaren und einem unerschütterlichen Selbstvertrauen.
Ben ist mein kleiner zwölfjähriger Bruder, der immer lächelt und mit zerzausten blonden Haaren durch die Gegend läuft.
Ich hingegen bin zwar genauso blond wie er, lächle aber nicht so viel, zu groß war immer der Druck für ihn und mich zu sorgen, nachdem unsere Eltern vor vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind.
Ich bin ein Meter siebzig groß, sportlich mit genau richtig vielen Kurven und habe Wald grüne Augen.
Larissa und ich verbrachten jede freie Minute damit zu üben sich zu wandeln, was von Mal zu Mal weniger schmerzhaft ist.
Zumindest falle ich nicht mehr in Ohnmacht nach der Wandlung, sondern liege nur noch mit Schmerzen am Boden. Larissa ist schon weiter und kann schon stehen bleiben nach der Wandlung, aber auch nur, weil Sie schon Jahre Vorsprung hat.
Ben begleitet uns auf unsere Übungstouren in den Wald auch immer öfter. Er versucht viel von uns zu lernen, aber Wandlerkinder fangen erst mit sechzehn Jahren an sich zu verwandeln, weswegen Ben noch viel Zeit zum Lernen hat.
Es wäre aber gut für ihn, wenn er sich wandeln kann, denn steht immer noch die Drohung im Raum, dass Ben getötet wird, wenn er kein wichtiges Rudel Mitglied wird.
Zwar sagt Larissa immer wieder, dass das nicht passieren wird, wenn Eric zurückkehrt, aber Sie ist sich mittlerweile gar nicht mehr sicher, ob das passieren wird. Denn auch Erics gewalttätiger Vater ist irgendwann abgehauen und seit dem nie wiedergekehrt.
Ich vermisse diesen schlecht gelaunten Wolf wirklich. Zwar haben wir die meiste Zeit nur gestritten, aber es war unübersehbar, dass wir uns sehr mochten, dass da etwas zwischen uns ist.
So sehr ich ihn auch vermisse, so bin ich mir nicht sicher, wie ich reagieren soll, falls Eric zurückkehrt. Er hat mich verlassen, obwohl ich ihm gesagt habe, dass ich mich für ihn entschieden habe. Das ich mich an ihn gebunden habe.
Ich bin deswegen so Sauer auf Eric. Er hatte im Vorfeld schon einiges getan, damit ich ihn nicht wähle, aber ich habe mich trotzdem für ihn entschieden und jetzt ist er weg. Vielleicht für immer.
Meine Füße streichen durch das warme Wasser und ich rufe mir Erics Gestalt in Erinnerung. Er ist bestimmt ein Meter neunzig groß, hat breite muskulöse Schultern und eine schmale Hüfte, wodurch er nicht so bullig wie die meisten andern Betamänner im Rudel aussieht.
Er hat einen durchtrainierten Körper, der mich die wenigen Male als ich ihn gesehen habe, verrückt Macht. Genauso verrückt machen mich seine Blaugrauen Augen, die in meiner Gegenwart meisten eher grau sind.
Ich habe bemerkt, dass sich Ihre Farbe je nach Stimmung verändern. Was sich aber nie verändert hat, sind seine braunen kurzen Haare, der drei tage Bart, sein unverschämt verführerisches Lächeln und sein unverkennbarer Geruch nach frisch gefallenen Sommerregen sowie frischer Nachtluft. Er riecht für mich einfach nach zuhause.
Mir zieht sich der Magen bei seiner Erinnerung zusammen und ich schaue zu dem rosa Blauen Himmel hinauf. Wir haben jetzt Mitte September und es ist zum Glück immer noch sommerlich heiß.
Die Sonne geht langsam hinter den Bergen unter und ich sollte zurück zu meiner Wohnung gehen. Seid Stefanie, meine ehemalige Mitbewohnerin ausgezogen ist, um mit Ihrem Gefährten zusammen zu leben, wohne ich alleine, in dem süßen kleinen Baumhaus. Ich fühle mich so einsam wie nach dem Tod meiner Eltern. Verlassen.
Damals musste ich mich um Ben kümmern, aber jetzt weiß ich er ist hier gut versorgt, zumindest die nächsten vier Jahre, dann wird er sechzehn Jahre alt.
Ich setze mich auf meine Couch und ziehe die Beine an. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, als Viktor, ein ehemaliger Anwärter mich und Ben mehr oder weniger entführt hat.
Er hat primär mich zum Rudel gebracht, um als Verstärkung der wenigen Weibchen im Rudel zu dienen. Das Rudel kämpft mit einer geringen Geburtenrate, was Mädchen angeht, sodass auf insgesamt, mit mir sechzehn Frauen, ganze zweiundachtzig Männer kommen.
Und die meisten Frauen sind schon an Männer gebunden. Sobald eine Frau Ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag erreicht hat, dürfen sich die Betas des Rudels sich um Sie bemühen, diejenigen werden Anwärter genannt.
Vorher hat die Frau Zeit sich auszutoben oder was auch immer zu machen, danach bindet sie sich, wie für Wölfe typisch ein Leben lang an Ihren Gefährten.
Diese Vereinigung wird dann mit der Bindungsfeier besiegelt. In nächster Zeit wird wieder eine junge Frau fünfundzwanzig Jahre alt. Ihr Name ist Lizzi und ich hoffe sehr, dass Sie mehr Glück mit Ihren Anwärtern hat, als ich es hatte.
Bei mir waren es drei. Einmal Viktor, den ich aber abgrundtief hasse, da er mich zu etwas genötigt hatte, was ich nicht wollte.
Dann gab es Stefan, der super Lieb und nett ist, aber mehr auch nicht. Und dann war da noch Eric, der mich durcheinander bringt, mich in den Wahnsinn treibt, über denn ich immerzu nachdenke und nun gleicher maßen Hasse, wie vermisse.
In Grunde bin ich jetzt einfach nur alleine. Wenn ich Ben und Larissa nicht hätte, würde es mir richtig schlecht gehen, aber so freue ich mich schon fast auf die nächsten Tage. Grade Larissa versucht mich, wo es geht abzulenken und lädt mich oft zu sich und Ihrer Familie ein.
Ihr Gefährte heißt Mattheo und ist schweigsam wie liebevoll. Larissa ist eher das Gegenteil von schweigsam. Die beiden haben zwei Töchter zusammen und erwarten nun eine dritte, wie sich herausstellt.
Larissa und ich haben die Vermutung, dass Sie aufgrund Ihres Halbbluts, Mädchen bekommen kann, was ja mittlerweile zu seltener Ausnahme geworden ist. Doch unsere Verdacht behalten wir für uns, da zum einen keiner, nicht mal Mattheo, weiß, dass Larissa ein Halbblut ist.
Und zum anderen wissen wir nicht, wie das Rudel mit dieser Vermutung umgehen würde. Was wenn Sie Menschen Frauen entführen, so wie mich, und Sie zwingen Halbblüter zu gebären, diese dann groß zu ziehen und dann auszuprobieren, ob diese wiederum dann Mädchen bekommen können.
Es würde zwei Generationen dauern, bis wir eine Antwort hätten und mindestens eine Generation, die unglücklich wäre. Und wenn das dann keinen Erfolg bringt, müssten theoretisch die Männer, die ein Halbblut gezeugt haben, vom Rudel verbannt werden. So wie mein Vater.
Es gilt als Hochverrat, wenn ein Wandler sich mit einem Menschen zusammen tut. Angeblich würden Sie das Blut der Wandler so beschmutzen und das dürfte nicht sein.
Was den Punkt angeht, denkt das Rudel wirklich primitiv.
Larissas Mutter hatte Ihre kleine Affäre damals verheimlicht und Ihr Baby einem anderen untergeschoben. Noch ein Grund, niemanden davon zu erzählen, denn sonst würde Sie auch ausgestoßen werden.
Es gibt für einen Wandler fast nichts Schlimmeres als vom Rudel getrennt zu werden, weswegen diese Strafe besonders Hart ist. Larissa, Ben und ich bewahren dieses Geheimnis, solange wir können.
Damit Larissas Tarnung nicht auffliegt, hat Sie mich gebeten, niemanden davon zu erzählen, dass ich mich Wandeln kann, und vorerst tue ich Ihr den Gefallen.
Sie befürchtet das dann vielleicht der ein oder andere eine Verbindung zu Ihr zieht. Doch desto öfter ich mich wandle, desto schwieriger fällt es mir, meine tierische Seite zu verbergen.
Heute war ich auch wieder kurz davor dem Wolf in mir freie Hand zulassen. Eine Gefahr, die mit der Wandlung einhergeht, der unglaubliche Drang einfach den Wolf gewinnen zulassen und das Menschliche nach und nach abzulegen. Frei und Wild durch die Wälder zu streifen und all seine Sorgen zu vergessen.
Nur Larissa habe ich es zu verdanken, dass ich es immer wieder zurückschaffe. Wer weiß wie knapp es beim nächsten Mal wird oder ob ich beim übernächsten Mal vielleicht einfach aufgebe und den Wolf gewinnen lasse.
Ich habe momentan nicht viel zu verlieren und es wäre so viel einfacher.
So könnte ich diese Sturm grauen Augen vielleicht vergessen.