Eine attraktive Begrüßung
Sieben Stunden im Auto, und ich war mir sicher: Meine Eltern wollten mich töten.
Oder zumindest weich kochen.
Meinen Po hatten sie fast so weit.
Ich spürte die Räder des Autos über jede Unebenheit auf der Straße holpern. Leider lag draußen meterhoch Schnee, sodass es häufiger holperte als sonst. Verdammt, tat mein Hintern weh! Vielleicht war er auch inzwischen taub. Ich war mir da nicht so sicher.
Ich saß auf der Rückbank eingequetscht zwischen Taschen und Kartons, als wäre ich selbst nur ein weiteres Umzugsteil. Meine Beine kribbelten und fühlten sich taub an. Mein Rücken schmerzte bei jeder Bewegung. Hätte ich nicht Spotify, wäre ich dem dämlichen Gequatsche meiner Eltern schutzlos ausgeliefert. Das hier war meine Hölle auf Erden und mir war sterbenslangweilig.
Nervös wischte ich auf meinem Smartphone herum. Das Datenvolumen hatte ich vor drei Stunden aufgebraucht. Inzwischen demonstrierte mir das rote Ausrufezeichen über dem Akkusymbol, dass das Handy bald den Geist aufgab.
Ich seufzte und zog mir die AirPods aus den Ohren. Augenblicklich zuckte ich erschrocken zusammen, weil mir eine sensationsgeile Stimme aus dem Radio entgegen schrie.
Gezwungenermaßen lauschte ich dem Gebrüll. Anscheinend hatte es seit zehn Jahren in Deutschland nicht mehr so geschneit. Genervt verdrehte ich die Augen. Der Blick aus dem Autofenster zeigte, dass die Schneemassen für Flachland irritierend hoch waren. Um das festzustellen, brauchte ich keinen Wetterfrosch.
Ich holte tief Luft und zog mich in eine aufrechte Sitzposition. Gerade fühlte ich mich wie siebzig und nicht wie siebzehn!
»Wann sind wir da?«, fragte ich maulend und beobachtete, wie meine Mutter vor Schreck zusammenzuckte. Papas Augen huschten von der Straße zum Rückspiegel und musterten mich. Provozierend funkelte ich dem Grau, das meinem so ähnlich war und sich hinter rotbuschigen Augenbrauen versteckte, entgegen.
Hallo Eltern, muffige Teenietochter meldet sich aus ihrem Handy zurück! Surprise!
Das sagte ich nicht laut, stattdessen teilte ich meinen Eltern mit, dass mein Arsch inzwischen platt wie eine Flunder war.
Die Augen im Rückspiegel verdrehten sich.
»Charlotte, benimm dich nicht wie ein Kleinkind«, forderte mein Vater brummend. »Wir sind fast da.«
Das hatte er bereits vor einer Stunde gesagt. Da waren wir am Ortseingangsschild vorbeigefahren. Königsburg hatte dort gestanden.
An liebsten hätte ich geschrien, als ich den versnobten Namen gelesen hatte.
Lebte ich ab heute am Set von Game of Thrones?
Wir waren nicht viel weiter gekommen. Die halbe Königsburger Innenstadt bestand aus Baustelle. Seit einer halben Stunde rollten wir mehr, als dass wir fuhren.
Ein Blick durch das Seitenfenster machte deutlich, dass »rollen« eine nette Umschreibung für unser Vorankommen war. Meine Aussicht hatte sich vielleicht drei Meter nach links verschoben. Da stand immer noch der schneebedeckte Bagger vor einem Bauzaun. Ein verglaster Neubaukomplex funkelte mir schon seit Minuten entgegen. Zum hundertsten Mal ließ ich den Blick über das Banner gleiten, das an der Fensterfront angebracht war. Ein dunkelhaariger Mann grinste auf die vorbeischleichenden Autos hinunter. Über dem Gesicht stand in riesigen, eleganten Lettern:
Dirk Freiberg
Für eine neue Stadtmitte und eine attraktive Begrüßung
In diesem Sommer
Ja, Dirk war attraktiv. Das konnte ich nicht abstreiten. Aber ganz ehrlich? War der Kerl Politiker oder was sollte dieser lahme Spruch? Ich fühlte mich definitiv nicht attraktiv begrüßt. Ich wollte einfach nur weg!
»Wir müssen nur noch durch die Baustelle«, informierte mich meine Mutter, sodass ich Dirk Freiberg die Zunge raus streckte, dann schickte ich wütende Blitze in den blonden Haarschopf meiner Mutter. War ja nicht so, als ob sie mir das nicht auch schon vor einer Stunde gesagt hätte.
Jesus!
Kurz überlegte ich, aus dem Auto zu springen, doch draußen war es arschkalt und ich wusste nicht, wo ich hinmusste. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und auszuharren. Das war so erbärmlich.
»Du wirst es hier toll finden!«, quatschte Mama weiter, »Die neue Schule hat einen ausgezeichneten Ruf. Der Religionslehrer hat persönlich bei mir und Papa gelernt. Er kann dir noch so viel beibringen.«
Ich schnaubte auf und versuchte, dabei keine Miene zu verziehen.
Und das interessierte mich, weil ...?
Religion war das letzte Thema, das auf meiner Agenda stand. Meine Schwester Desiree war im Herbst nach Wuppertal gezogen, um dort Theologie zu studieren. Ich hatte das definitiv nicht vor. Texte von Schleiermacher lösten bei mir Übelkeit aus und erleuchteten mich eher selten.
Kurz überlegte ich, meiner Mutter mitzuteilen, dass mich ihr beknackter Religionslehrer einen feuchten Dreck interessierte. Stattdessen kniff ich die Lippen fest zusammen und starrte aus dem Fenster. Den Atem konnte ich mir sparen. Die dicke Luft war nicht erst im Auto so dick geworden.
Mein persönlicher Albtraum hatte wenige Wochen nach Desirees Auszug begonnen. Damals dachte ich noch, dass ich in das nun freigewordene Dachgeschoss umziehen könnte. Nö! Meine Eltern hatten einen anderen Umzug im Sinn. Zwei Lehrstühle an derselben Universität. Nachteil war, dass Königsburg zweihundert Kilometer von unserer alten Heimat entfernt lag.
Für mich hieß das im Klartext: andere Schule, andere Stadt, neue Freunde.
Mir blieb kaum Zeit, mich von meiner besten Freundin Lara zu verabschieden. Ich musste meinen heißgeliebten Job im Tierheim kündigen. Weihnachten verbrachte ich nicht unter dem Weihnachtsbaum, um Geschenke auszupacken, sondern packte die letzten Kisten ein.
Heute, zwei Tage vor Silvester, saß ich in dieser Hölle auf vier Rädern und fuhr in ein neues Leben.
Ich spielte nicht aus Prinzip die beleidigte Teenietochter! Meine Eltern hatten mir keine Wahl gelassen. Mich einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Das konnte ich ihnen nicht verzeihen.
Der Wagen vor uns setzte sich in Bewegung und mein Vater trat aufs Gas. Dirk Freibergs fettes Grinsen und die attraktive Begrüßung der Stadt verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich stopfte mir die Kopfhörer zurück in die Ohren und stellte die Lautstärke auf minimale Stufe. Betend, dass der Akku durchhielt, schloss ich die Augen und lehnte mich zurück. Leere machte sich in Form eines wummernden Gefühls in meiner Magengegend breit.
Ich vermisste Lara schon jetzt!
Instinktiv packte ich das Handy fester, öffnete unseren Chatverlauf und fragte sie, was sie so trieb. Keine zehn Sekunden später vibrierte das Smartphone in meinen Händen.
Lara: Ich langweile mich zu Tode ohne dich! Wie ist dein neues Zimmer? Muss ich dich retten kommen? Miss U!
Wärme stieg in mir auf, während sich der Knoten im Magen festigte. Ich schrieb ihr zurück, dass ich immer noch im Auto saß, mein Akku kurz davor war, den Geist aufzugeben, und dass mein Leben scheiße war. Ich bekam einen mitleidigen und einen lachenden Smiley sowie tausend Herzen zurückgeschickt.
Mir war zum Heulen zumute.
Das verrückte Mädchen fehlte mir schon jetzt!
Mein Zuhause fehlte mir!
Ich wollte nicht in diesem blöden Game-of-Thrones-Abklatsch namens Königsburg leben!
Ich wollte zu meiner besten Freundin. Ich wollte meinen Abschluss an meinem alten Gymnasium machen. Ich wollte Theo davon überzeugen, dass ich die Liebe seines Lebens seit Anbeginn der Weltgeschichte war!
Ich wollte nicht die Neue sein! Nicht das Mädchen, das neu in die Oberstufe kam und keinen kannte!
Vor einem Jahr hatten wir die Quereinsteiger selbst belächelt. Sie sahen so verloren und einsam aus. Nie hatten sie Anschluss gefunden. Wir hatten es nie zugelassen. Jetzt war ich selbst die Neue. Zugezogen, nicht einheimisch. Karma?
Ich schluckte bei diesem Gedanken, der in den letzten Wochen so häufig in meinem Kopf gekreist war, dass er Spuren hinterlassen hatte, dann blickte ich auf. Mein Vater sah im selben Moment wieder in den Rückspiegel.
Der Motor unter mir verstummte und um mich herum wurde es ruhig. Ich sah aus dem Fenster. Inzwischen konnte ich kaum etwas erkennen, weil es draußen dunkel war. Das riesige Haus neben der Einfahrt übersah man trotzdem nicht. Ich funkelte es böse an. Das Haus sah zurück.
»Wir sind zu Hause«, brummte er.
Ich schnaubte. Zuhause ... am Arsch! Ich war nirgendwo zu Hause.