Kapitel 1
Xander
Wie konnte der schlimmste Tag meines Lebens gleichzeitig so eng mit dem besten Tag meines Lebens verknüpft sein? Klingt verrückt, aber es ist wahr. Kurz zur Vorgeschichte: Mein Bruder Max und seine Frau Jenna waren das glücklichste Paar, das ich je getroffen habe. Sie waren seit der Highschool zusammen, gingen auf dasselbe College und heirateten ein Jahr später. Sie waren drei Jahre verheiratet, als Max beim Skifahren verunglückte. Einige Tage später starb er an einer Lungenembolie. Das ist acht Monate her. Einen Monat nach seinem Tod erfuhr Jenna, dass sie schwanger war. Ihre Schwangerschaft verlief ohne Probleme, abgesehen von ihrer lähmenden Depression, aber dieses Baby gab ihr die Kraft, weiterzumachen. Ich ließ Jenna bei mir einziehen, damit ich ihr helfen und sicherstellen konnte, dass sie auf sich aufpasst. Doch keine Fürsorge und kein Schutz hätten verhindern können, dass das Schicksal meine Welt erneut in Stücke riss.
Jenna starb bei der Geburt. Aufgrund einer Anweisung in ihrem Testament, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existierte, wurde ich zum gesetzlichen Vormund ihrer Tochter Mia Luisa ernannt. Um alles noch schlimmer zu machen, verließ mich meine Freundin nach drei Jahren, weil sie mit der Verantwortung und dem Stress, beim Großziehen eines fremden Kindes zu helfen, nicht klarkam. Das war vor weniger als sechs Wochen. Ich besitze eine Tech-Firma im Wert von einer Milliarde Dollar, und doch sind alle Tragödien in meinem Leben Dinge, die auch Technologie nicht verhindern konnte. Es ist keine perfekte Situation, aber wir haben es irgendwie hingekriegt. Mia kommt mit mir ins Büro. Ich habe dort einen ganzen Bereich für sie eingerichtet – mit einem Kinderbett, einem Wickeltisch und sogar einem Schaukelstuhl.
Während ich mich auf das nächste Meeting mit einer weiteren Firma vorbereite, bei der wir unbedingt einen Vertrag abschließen müssen, habe ich Mühe, wach zu bleiben, geschweige denn mich auf die Aufgabe zu konzentrieren. Ich höre, wie sich die Gegensprechanlage einschaltet, kurz bevor die Stimme meiner Sekretärin Olivia ertönt.
„Mr. Dixon, Ihr 14:30-Uhr-Termin ist da. Soll ich sie hereinschicken?“ Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht und klapse mir auf die Wange, damit meine Augen offen bleiben, bevor ich den Knopf auf meinem Schreibtisch drücke.
„Ja, Olivia. Danke.“ Ich schaue zum Kinderbett rüber und bin froh zu sehen, dass Mia immer noch tief und fest schläft. Ich höre ein leises Klopfen an der Tür und weiß, dass es Olivia ist. Sie ist die Einzige, die zu verstehen scheint, dass hier im Büro ein verdammtes Baby ist. Einen Moment später drückt sie die Tür auf und führt eine Frau herein... aber warum eine Frau? Ich werfe einen Blick auf meine Notizen und lese noch einmal den Namen der Person, mit der ich mich treffen sollte.
„Emile Rossi?“, frage ich in einem Tonfall, der meine Verwirrung deutlich macht. Sie lächelt nur und kichert leise.
„Es ist Emilie. Martha neigt dazu, beim Tippen zu hetzen – naja, hetzen für ihre Verhältnisse. Wenn sie sich beeilt, schafft sie mit Glück zwanzig Wörter pro Minute, aber wir lieben die Frau. Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“ Ich stehe schnell auf, gehe um meinen Schreibtisch herum auf sie zu, reiche ihr die Hand und schüttle ihre vorsichtig.
„Ganz meinerseits.“ Mia entscheidet, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, um ihre Anwesenheit bemerkbar zu machen. Sie fängt an zu zappeln und mit den Beinen zu strampeln, während sie sich auf einen ihrer berühmten nuklearen Zusammenbrüche vorbereitet.
„Und wer ist diese wunderschöne junge Dame?“ Sie tritt näher an das Bettchen heran und starrt Mia mit einem wunderschönen Lächeln sanft an.
„Das ist Mia, und sie hätte eigentlich noch mindestens eine Stunde schlafen sollen.“ Ich fahre mir durch die Haare und mache mich schnell daran, ihr ein Fläschchen zu bereiten.
„Aww, sie will wohl nur sehen, was Papa so macht. Darf ich?“ Sie deutet auf Mia, deren Gesicht inzwischen rot angelaufen ist. Sie beginnt mit diesem berüchtigten lautlosen Schreien, das Sekunden vor dem Moment einsetzt, in dem ihr Gebrüll durch die Flure hallt und alle Angestellten auf dieser Etage terrorisiert. Ich nicke kurz und hoffe, dem Rest des Büros das Schlimmste zu ersparen. Sie nimmt Mia behutsam hoch, wiegt sie an sich und setzt sich in den Schaukelstuhl. Sie fängt an zu wippen und eine Melodie zu summen, die ich nicht kenne, aber Mia scheint sie zu gefallen. Ihre hellblauen Augen starren Emilie fasziniert an, und ich muss zugeben, dass ich auch ein wenig gebannt auf sie blicke.
Ich habe einen Moment der Klarheit und nehme sie bewusst wahr. Sie ist ziemlich klein, vielleicht eins vierundsechzig, hat eine wunderschöne kurvige Figur, welliges, hüftlanges schwarzes Haar und die außergewöhnlichsten hellblauen Augen. Ich gehe mit der Flasche rüber, aber bevor ich ihr abnehmen kann, nimmt sie mir die Flasche aus der Hand. Sie fängt an, Mia zu füttern, während ihr Blick auf mich schnellt und sie direkt ins Geschäftliche einsteigt, als wäre es das Normalste der Welt, während eines Business-Meetings ein unruhiges Baby zu versorgen.
„Mr. Dixon, ich wurde hergeschickt, um den Vorschlag durchzugehen, den Sie an unser Büro geschickt haben. Es gibt ein paar Dinge, die wir ansprechen wollten. Erstens die Kostenaufstellung für das Projekt. Sie gaben an, dass die Einrichtung der drei Hotels etwa 3,5 Millionen Dollar kosten würde. Mr. Anderson war von dem Preis etwas eingeschüchtert, bis ich ihm die Tabelle zeigte, die Sie uns geschickt haben. Sie schlüsselt die Kosten für die Ausrüstung und die Installation auf. Das war übrigens sehr clever von Ihnen. Davon abgesehen: Wäre es möglich, die restlichen fünf Hotels mit einzuberechnen? Er wird auch einen Kostenvoranschlag für das neue Hotel brauchen, das nächsten Sommer eröffnet. Ich werde ihm sagen, dass er Sie bis spätestens Dezember kontaktieren soll, damit Sie genug Zeit zur Vorbereitung haben.“ Ich lächle, weil sie anscheinend besser über den Grund ihres Besuchs Bescheid weiß als ich.
„Werden Sie diejenige sein, mit der wir bei diesen Projekten zusammenarbeiten?“ Sie schaut mit einem sanften Lächeln auf Mia hinunter. Die Art, wie sie Mia hält, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt, wirkt so seltsam normal... als hätte ich das nicht alles alleine gemacht, seit sie das Krankenhaus verlassen hat.
„Leider nein. Das ist tatsächlich mein letzter Auftrag für Mr. Anderson. Ich arbeite normalerweise in seiner Rechtsabteilung, aber da ich sowieso hierherkam, um meinen Papierkram zu erledigen und den Mietvertrag für meine Wohnung zu unterschreiben, habe ich ihm gesagt, dass ich das Meeting übernehmen kann.“ Ich lehne mich an meinen Schreibtisch und spüre, wie meine Lippen sich zu einem Lächeln krümmen.
„Sie ziehen hierher? Nach Danville?“ Sie nickt und rückt auf dem Stuhl zurecht, um es sich bequemer zu machen.