Das Leben
Für jeden auf der Welt gibt es Momente, in denen sich Türen für einen nicht mehr öffnen, als wären sie verschlossen mit unlösbaren Rätseln. Wir erreichen einen Wendepunkt, an dem niemand den Weg zurück zu dem Ort zeigen kann, an dem wir einst fest standen. Alles Vertraute verblassend, alles Bekannte vor unseren Augen wie von blendendem Licht überstrahlt. Das Leben zu verlernen, das Atmen zu vergessen.
Und die einzige Lösung liegt verborgen an einem Ort, den man nie zu betreten gedacht hätte.
Und ich stehe dort. Am Ende meiner Seele, an einem Abgrund der Verzweiflung.
Meine Beine eilen wie scheue Tiere, die der Dunkelheit der Welt zu entkommen suchen. Von düsteren Wolken verfolgt, verloren in der Nacht und doch strebend nach dem Licht des Mondes. Ich erreiche die Manhattan Bridge, umklammere das Geländer und ziehe meinen zitternden, kalten Körper darüber. Das tobende Meer unter mir, bereit, jemanden wie mich, der nicht schwimmen kann, zu verschlingen und für immer von dieser Welt zu reißen. Während die Autos hinter mir rasend vorbeifahren und nicht einmal bemerken, dass ich hier bin, atme ich nervös ein und aus, in dem Versuch, meinem Leben ein Ende zu setzen. Doch die blendenden Lichter halten mich zurück, hindern mich daran, hinabzuspringen.
Es ist ein düsteres, modernes Motorrad, das nur wenige Meter von mir entfernt zum Stillstand kommt. Der dunkle Helm, der sein Gesicht verbirgt, lässt mich seine Züge nicht erkennen. Als er die Hände die in den Halbhandschuhen stecken, von den Griffen nimmt, erkenne ich auf seinem muskulösen Oberkörper die kunstvollen Tätowierungen. Ein Löwenkopf, der dem Teufel den Kopf abbeißt, ziert die Hälfte seines Körpers. Zwischen seinen Brüsten, wo sein Herz schlägt, sehe ich die Schusswunde, darunter die Worte: Death yet still alive. Seine Bauchmuskeln sind mit fremden Schriften versehen, die sich bis unter seinen Hosenbund fortsetzen. Auch seine Arme sind mit bizarren Motiven bedeckt. Auf der einen Seite der Todesengel, der Skelette niederbrennt, auf der anderen ein weinender Engel, der in Flammen aufgeht. Sein Hals ziert ein Tattoo mit zwei Flügeln, eins schwarz, eins weiß, die sich ausbreiten, als würden sie ihn erwürgen.
Als er seinen Helm abnimmt, schüttelt er seine glatten, vollen, tiefschwarzen Haare, die an den Seiten kurz rasiert sind. Sein brauner Teint glänzt im Mondlicht. Dunkle, kantige Augenbrauen verleihen ihm ein markantes Aussehen. Lange, dunkle Wimpern umrahmen seine Augen, die mich ansehen wie der Mond. Ein undefinierbares, strahlendes Blau. Sein markantes, männliches Gesicht mit rosigen, vollen Lippen wirkt wie gezeichnet. Seine Ohren sind gepierct, über der linken Augenbraue funkelt ein Stein.
Ein Tattoo über der rechten Augenbraue bis zur Schläfe trägt die Worte: Don't give up. Unter seinem Auge an der Wange prangt ein zersplitterter, blutiger Kreuz. An der anderen Schläfe windet sich eine Rose, umschlungen von einer Schlange, als würde sie vor Unheil beschützt. Eine Narbe zieht sich neben seinem linken Mundwinkel bis zum Ohr, doch ein stacheliges Tattoo darüber macht sie beinahe ästhetisch. Trotz seines düsteren und einschüchternden Äußeren strahlt er eine Schönheit aus, die außerhalb dieser Welt zu liegen scheint. Er wirkt wie ein Kunstwerk, das aus den sicheren Mauern eines Museums entflohen ist. Und genau dieser faszinierende Wesen steigt nun von seinem Motorrad ab. Er hängt den Helm am Lenker auf und kommt langsam auf mich zu, mit Blicken, die mich zu verschlingen drohen.
»Du bist gläubig und willst dennoch springen?«, fragt er mit einer dunklen Stimme, seine Augen fixiert auf meine Kreuzkette.
»Einer der Wege, die du gehst, scheint falsch zu sein.« Immer näher kommt er auf mich zu. Ich umklammere die Griffe fester hinter mir, bereit, mich in die Tiefe zu stürzen.
»Wenn du springst, solltest du die Kette ablegen. Falls nicht... Dann solltest du nach meiner Hand greifen.« Der Fremde hält inne und reicht mir seine Hand. Ich schaue hin, meine Tränen fließen in Strömen.
»Mein Vorhaben ändert nichts an meinem Glauben«, antworte ich mit gebrochener, geschwächter Stimme, als hätten die Tränen sie erstickt.
»Wenn du besser hinhören würdest, dann würde dein Glaube etwas an deinem Vorhaben ändern«, sagt er und seine Worte betäuben meinen Verstand. Langsam nimmt er seine Hand weg, legt beide Unterarme neben mich auf das Geländer, neigt sich vor und zündet sich eine Zigarette an, sein Blick weit in die Ferne des Meeres gerichtet.
»Wenn du an ein Leben nach dem Tod glaubst, wird der Sprung nach unten dich nicht von deinen Problemen befreien«, spricht er und bläst Rauch aus, der kleine Kreise bildet und langsam in der Luft verschwindet.
»Die Last, die du hier auf der Welt trägst, wird sich dort oben, an was auch immer du glaubst, vervielfachen.« Seine Augen schauen nach oben, und auch ich folge seinem Blick. Als ich spüre, wie sein Blick sich auf mich richtet, ziehe ich meine Schulter bis zu den Ohren und neige meinen Körper zur Seite, als ob ich befürchte, er könnte mich von der Brücke reißen. Er schaut wieder nach vorne und zieht mehrmals an seiner Zigarette, als ob er nach Antworten in den Rauchschwaden sucht.
»Wenn ich in meinem Leben etwas gelernt habe, dann ist es... Sterben kann jeder. Aber leben... Leben, selbst wenn es hart wird, das können nur die Wenigsten.« Seine Blicke treffen mich. Er zieht kräftig an seiner Zigarette und wirft sie tief nach unten. Meine Augen folgen dem fallenden Glühen, das im dunklen Meer versinkt und erlischt.
»Vielleicht solltest du dich fragen, ob du doch nicht stark genug bist, um zu leben?«, sagt er, richtet sich auf und klopft einmal auf das Geländer. Seine Worte wirbeln meine Gedanken in ein Chaos aus endlosen Pfaden.
»Jeder, der seinem Leben ein Ende gesetzt hat, liegt nun vermutlich unter der Erde, entweder als jemand, der seine Tat bereut, weil es ein Leben danach gibt, oder sie ruhen in Frieden, ohne zu wissen, dass sie als erbärmliche Schwächlinge die Welt verlassen haben«, fügt er hinzu und wendet mir den Rücken zu. Der Mann steigt auf sein Motorrad, setzt den Helm auf und fährt endgültig an mir vorbei. Mein Körper fühlt sich wie benebelt an, das Wasser unter mir verwandelt sich plötzlich in einen Friedhof verlorener Seelen, die nach Leben rufen. Seine Worte und sogar seine Tätowierungen hallen unauslöschlich in meinem Verstand wider.
Plötzlich spüre ich meine Seele in mir, die nach Leben dürstet, trotz des Kloßes in meinem Hals, trotz der Schmerzen in meinem Herzen.
Doch bevor ich mich umdrehen kann, werde ich von der Brücke weggerissen, auf die andere Seite gezogen. Es ist der fremde Mann, der mit seinem Motorrad umgekehrt ist und mich mit sich gerissen hat. Ich sitze vor ihm, meine Beine schlaff vom Motorrad baumelnd, meine Arme fest um seinen kräftigen Körper geschlungen, während er mit unmöglicher Geschwindigkeit in den Gegenverkehr rast. Geschickt weicht er den Autos aus, während ich unter seinem dunklen Visier seine Blicke nicht erkennen kann. Als er minimal den Kopf in meine Richtung dreht, frage ich mich, wer dieser dunkle Engel ist, der mich aus meiner Hölle gerissen hat.
Der Wind, der meine langen blonden Haare wehen lässt, zeigt mir die Kostbarkeit des Lebens. Tränen fallen, aber das Atmen fühlt sich wieder lebendig an. So lasse ich mich von dem fremden Mann von der Brücke wegbringen. Die Straßen bleiben zurück, bis wir an einer verlassenen Bushaltestelle ankommen und er vor ihr anhält. Ich spüre, wie er mich durch sein dunkles Visier ansieht. Langsam lösen sich meine Finger von seinem Körper.
»Wo wohnst du?«, fragt er mich. Mein Kopf senkt sich.
»Ich wohne hier in der Nähe. Ich muss nur die Straße runter laufen.« Als ich meine Füße auf den Boden setzen will, fährt der fremde Mann langsam weiter. Meine Arme klammern sich erneut um seinen Körper. In angenehmem Tempo fahren wir schweigend weiter, und ich habe das Gefühl, dass er mich durch seinen Helm hindurch beobachtet.
»Hier.« Als wir mein kleines, brüchiges Apartment erreichen, halte ich ihn an. Meine Finger gleiten seinen starken Rücken hinunter. Ich versuche vorsichtig abzusteigen, doch er umarmt mich mit seinem Arm und hält mich fest an sich, als ich das Gleichgewicht zu verlieren drohe. Unsere Körper sind eng aneinandergedrückt, und ich blicke in sein dunkles Visier. Obwohl ich sein Gesicht nicht sehen kann, spüre ich, dass er mich ansieht. Mit Leichtigkeit hebt er mich an und setzt mich sicher auf den Boden.
»Ich...« Als ich ihm danken möchte, erhält er eine Nachricht auf seinem Pager, den er an der Seite seiner Hose befestigt hat. Er liest die Nachricht und ohne ein Wort zu sagen, fährt er mit voller Geschwindigkeit davon. Ich kann nur noch hinterhersehen, wie er sich in der Nacht allmählich auflöst. Vor allem fällt mir auf seinem Rücken das große Kreuztattoo auf, das im dunklen Rauch leuchtet. Trotz der Wunden darüber, trotz der Brüche darüber, steht inmitten eine Schrift: You are not dead.
Nach der Begegnung mit dem fremden Mann flüchte ich in mein Zuhause. Das Licht erhellt die Bruchstücke, die ich kurz vor meinem Nervenzusammenbruch hinterlassen habe. Zerbrochene Gläser und Teller liegen auf dem Boden verstreut. Den Schlüssel werfe ich in die Schale und bewege mich vorsichtig in meinen Sneakern über das Trümmerfeld. Im Badezimmer stehe ich vor dem Spiegel. Meine langen blonden Haare wirbeln wild durcheinander, vom Wind zerzaust. Auf meinem blassen Teint sind meine grünen Augen gerötet. Ich streife mein schwarzes Hoodie und die dunkle Hose ab und nehme ein heißes Bad. Ich schalte meine Gedanken aus, schließe die Augen und versuche an nichts zu denken.
Am nächsten Morgen entscheide ich mich, zur Kathedrale zu gehen, um meine Fehler zu bereuen. In meinem knielangen schwarzen Kleid, die Haare zur Seite geflochten, sitze ich seit fünf Minuten in der Kathedrale. Allein in der letzten Reihe warte ich mit den anderen auf den Pastor. Mit gesenktem Blick hoffe ich auf Vergebung für meine Sünden. Ich vergrabe meine Last tief in meiner Seele und sehne mich danach, jedes belastende Ereignis zu vergessen. Die Schritte des Pastors hallen in meinen Ohren, als er links an mir vorbei geht. Der Scham hindert mich daran, ihn anzusehen. Ein Gefühl von Schuld und Verderbtheit durchdringt mich.
»Heute möchte ich mit euch über das bedeutsame Thema des Bereuens sprechen.«
Diese Stimme…
Sie verlockt mich dazu, den Kopf zu heben. Die Person, die am Pult steht und ins Mikrofon spricht, ist niemand anderes als der fremde Mann, der mir gestern das Leben gerettet hat. Seine Piercings hat er abgenommen. Er trägt eine weiße Albe mit Stola und sticht mit seinem Aussehen völlig heraus. Es ist, als hätte man einen Dämon in dieses heilige Gewand gesteckt.
»Bereuen ist ein Akt der Selbstreflexion und des Wachstums, der es uns ermöglicht, unsere Fehler und Verfehlungen zu erkennen und zu überwinden. Es ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur inneren Reinigung und zur Versöhnung mit uns selbst und anderen. Durch das Bereuen können wir unsere Vergangenheit akzeptieren, aus ihr lernen und uns weiterentwickeln. Es ist nie zu spät, um zu bereuen und um Vergebung zu bitten. Möge Gott uns allen die Kraft und den Mut geben, unsere Fehler zu erkennen, sie zu bereuen und auf dem Weg der Heilung und des Friedens zu gehen.«
Seine Blicke durchbohren mich, während ich hier wie erstarrt sitze.