Lua - Verborgene Gefühle - Band 1

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Zusammenfassung

Die junge Alexandra ♥ lebt in einem beschaulichen Ort und kämpft mit den Herausforderungen des Lebens. Nach dem Verlust ihrer Mutter stürzt sie in eine emotionale Krise, die durch ihre unerfüllte Liebe zu Benjamin ♥ noch verstärkt wird. Trotz der intensiven Anziehung zu ihm bleibt Benjamin unnahbar und distanziert, was Alexandras Herz schwer belastet. Jedes Mal, wenn sie ihm begegnet, wird sie von einer überwältigenden Mischung aus Sehnsucht und Schmerz erfasst. Alexandra wird in der Schule schikaniert und obwohl sie versucht, sich von Ben fernzuhalten, scheinen das Schicksal und die Umstände sie immer wieder zusammenzuführen. Alexandras Zerrissenheit zwischen Liebe, Schmerz und Sehnsucht, bringt sie auf eine Reise über Verlust, Hoffnung und die Suche nach sich selbst.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
35
Rating
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Altersfreigabe
18+

Prolog

Unbekannter Zeitpunkt …

JACKSON

„Hast du seit ein paar Tagen auch so ein komisches Gefühl?“

Ich stehe vor dem Spiegel. Der große, silbergerahmte Koloss fängt mein Bild ein.

Ein König. Gezeichnet von den Jahren voller Entscheidungen, deren Wellen bis in die verborgensten Ecken meines Lebens schlugen.

Meine Haare sind fast vollständig ergraut. Nicht nur ein silberner Streif, so wie damals, als Kind. Sondern ein stiller Sturm, der mein Haupt nun vollkommen erobert hat.

Als ich Rebecca, meine Gefährtin, kennenlernte, fand sie genau das ziemlich attraktiv an mir und meinte, es würde meinem Aussehen einen gewissen Charme verleihen.

Doch nach all der Zeit hat sich nicht nur der Schopf verändert.

Schwer, wie die vielen kleinen Fältchen im Gesicht, lastet auch die Krone.

Nicht aus Gold, sondern aus Entscheidungen. Und aus Vermächtnis.

Auf mir lastet das Gewicht eines Rudels. Eines ganzen Reiches.

„Jackson?“

Rebeccas Stimme reißt mich zurück.

Ich blinzle. Mein Blick bleibt auf dem älteren Mann haften, der mir aus dem Spiegel entgegenblickt.

Ich habe bereits drei erwachsene Kinder, aber noch keinen Enkel. Samuel, mein älterer Sohn, hat bereits seine Gefährtin Emma gefunden. Auch wenn sie sich bislang nicht markiert haben. Sobald die Fortsetzung der Linie feststeht, wird er meinen Platz als König einnehmen und ich kann mich endlich zur Ruhe setzen.

Ich bin ein wenig traurig und froh, dass es bald so weit sein wird. Nach so vielen Regierungsjahren sehne ich mich einfach nach etwas Ruhe, Zeit und auch ein wenig Normalität, die ich fast ausschließlich mit meiner Gefährtin und meinen zukünftigen Enkelkindern verbringen möchte.

Aber meine beiden anderen Kinder bereiten mir Sorgen. Als König zeige ich es weder ihnen noch jemand anderem. Aber ich halte mich ständig auf dem Laufenden.

Ich seufze leise. Ich bin stolz auf alle, ja. Und dennoch … die größte Unruhe liegt nicht in dem, was da ist, sondern in dem, was fehlt.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Rebeccas Stimme ist nun fester.

Ich nicke und reiße mich von meinem Spiegelbild los. „Natürlich. Von welchem Gefühl sprichst du, meine Liebe?“

Ich falte den Pullover in meinen Händen und lege ihn in den großen silberfarbenen Koffer, während ich sie ansehe.

Rebecca.

Wir sind inzwischen seit fast 26 Jahren zusammen. Es sind traumhaft schöne 26 Jahre, die von drei Kindern gekrönt wurden.

Es gab keinen einzigen Tag, an dem ich sie nicht an meiner Seite haben wollte. Rebecca war einfach wundervoll, und ich hätte mir keine bessere Gefährtin an meiner Seite vorstellen können.

„Ich weiß nicht, da ist etwas. Es ist sehr schwach, aber ich spüre es“. Ihre Stirn runzelt sich und sie schaut mich ein wenig nachdenklich an.

Ich greife nach dem Stapel an Kleidung und lege die Kleidung ebenfalls in den Koffer. „Das ist bestimmt nur wegen der Reise, Liebling. Mach dir keine Sorgen, ehe du dich versiehst, werde ich zurück sein.“

Ich versuche, sie mit meinen Worten zu beruhigen, während ich weiter meinen Koffer packe. In Wahrheit weiß ich ganz genau, welches Gefühl sie anspricht.

Ich spüre es ebenfalls.

Das erste Mal überkam es mich vor knapp zwei Wochen. Es war wie ein unbestimmtes Flimmern am Rande meines Bewusstseins, das sich jeder Deutung entzog. Wie das Flackern einer fernen Fackel im Nebel. Zu fern, um es zu fassen, zu nah, um es zu ignorieren.

Es ist schwer zu beschreiben. Jedes Mal, wenn ich versuche, es mental zu erfassen und danach zu greifen, entgleitet es mir.

Um ehrlich zu sein, bin ich etwas besorgt, weil ich das Ausmaß nicht genau einschätzen kann.

Ich will Rebecca am liebsten beruhigen. Möchte die Welt für sie ordnen.

Doch tief in mir … weiß ich es längst.

Etwas kommt auf uns zu.

Etwas, auf das wir vorbereitet sein müssen. Ich habe eine vage Ahnung, worum es sich handeln könnte. Doch ich habe keine Gewissheit.

„Meinst du?“, fragt sie weiter und schmollt nun etwas. Ich sehe Rebecca an. Nach so vielen gemeinsamen Jahren mag sie es weiterhin nicht, von mir getrennt zu sein. Aber sie hat ihre Pflichten als Luna zu erfüllen und ich meine als König.

Ich seufze schwer.

In der Regel verreisen wir gemeinsam, doch es gibt auch Reisen, die ich alleine antreten muss. So wie bei der jetzigen Reise, bei der ich das neue Rudel eines frisch gekürten Alphas treffen und kennenlernen werde. Und insgeheim hoffe ich, dass sie in meiner Abwesenheit ein Auge auf meine Tochter und meinen jüngeren Sohn haben wird.

„Da bin ich mir sicher!“

Ich gehe auf sie zu und drücke ihr einen kleinen Kuss auf den Mund.

„Ich habe heute mit B gesprochen“, sagt sie leise, fast zögerlich, während ich mich von ihr entferne.

Ich halte kurz inne. „Und?“

„Ich habe ihn eingeladen … zum Festivalwochenende. Aber …“

Ich ignoriere mein Spiegelbild, während ich zu meinem Koffer zurücklaufe und ihn weiter packe.

„Du weißt, dass er dann immer schlecht gelaunt ist, weil alle im Rudelhaus wiederholt darüber reden.“ Sie macht eine weitere kleine, bedeutende Pause.

„Ich dachte, es wäre eine gute Abwechslung, ein kleines Familientreffen als Ablenkung zu organisieren. Und ich dachte, es würde allen guttun. Aber er ließ mich gar nicht zu Wort kommen, er hat sofort abgeblockt. Er sagte, er hätte keine Zeit und würde weiter an seinem Haus bauen.“

Hausbau? Mein Blick verhärtet sich wie von selbst.

„An seinem Haus?“ Ich halte in meiner Bewegung inne und schaue sie verwirrt und misstrauisch zugleich an. Rebecca zögert, beißt sich auf die Lippen. Ich verstehe nicht ganz, worauf sie hinaus will. Mein jüngster Sohn lebte mit seinem Rudel im Rudelhaus.

Sie schaut mich weiter verunsichert an. „Er baut seit zwei Wochen an einem Haus. Ich meine, am Anfang habe ich auch gedacht, dass es vielleicht besser wäre, wenn er das nicht täte. Aber dann … hat er gesagt, dass er ein Recht auf seine eigenen vier Wände hätte. Außerdem ... dass ich es dir nicht erzählen sollte, damit du nicht wieder auf die Idee kommst, ihm etwas zu verbieten“, sagt sie und beißt sich erneut auf die Lippen. Unsicher blickt sie mich an. Wartet auf meine Antwort.

Ich unterdrücke ein Seufzen. „Das würde ich nicht tun“, sage ich, doch ihr Blick verrät, dass sie mir nicht glaubt.

„Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es ihm vielleicht ausgeredet“, gebe ich schließlich nach.

Rebecca schaut mich immer noch zweifelnd an.

„Also gut, ich hätte es ihm nicht erlaubt.“ Ich merke, wie ich wütend werde. „Es ist vollkommen unnötig. Er wohnt im Rudelhaus. Wozu noch ein weiteres Haus? Er hat bereits ein Zuhause.“

Dieser Hitzkopf, geht es mir durch den Kopf. Tut immer das, was er nicht soll.

„Hat er?“ Rebeccas Stimme ist plötzlich brüchig.

„Er meidet uns, Jackson. Meldet sich kaum. Seit Monaten hat er keinen Fuß mehr in unser Haus gesetzt.“

Ein Stich fährt mir durchs Herz. Ich sage nichts, weil ich weiß, sie hat recht.

„Ich sehe ihn nur noch, wenn ich ihn im Rudelhaus erwische. Er blockt die Verbindungen ab und will nur angerufen werden. Und dann meldet er sich manchmal erst nach Tagen. Er … er ist so alleine.“ Bei den letzten Worten zittert ihre Stimme verdächtig.

Mein Sohn und ich haben bereits seit einigen Jahren ein angespanntes Verhältnis zueinander. Ich bin nicht besonders stolz darauf, wie sich unsere Beziehung entwickelt hat.

Im Stillen habe ich immer gehofft, dass sich die Wogen zwischen uns noch glätten und wir auf Dauer wieder eine gesunde Vater-Sohn-Beziehung aufbauen könnten. Dies ist uns bis jetzt leider nicht gelungen.

Ich sehe ihn wegen meiner Aufgaben öfter im Vergleich zu ihr. Doch er ist immer distanziert, sehr beschäftigt und zudem ständig unterwegs. Aber die Einwände meiner Gefährtin sind nicht ganz unbegründet.

Privat lässt er sich gar nicht bei uns blicken. Das Schlimme daran ist, dass ich nicht behaupten kann, dass er uns absichtlich ignoriert oder mit seiner Abwesenheit bestraft. Ich glaube nicht einmal daran, dass er uns weiterhin Vorwürfe wegen all dem macht. Es wusste, wo seine Grenzen sind und wie weit er sich vorwagen durfte. Wahrscheinlich besser als jeder andere.

Zu oft hatte er diese schon sie bis aufs Äußerste augereizt.

Doch seit dem Vorfall vor einigen Monaten hat er sich stark verändert. Von außen wirkte es so, als würde er endlich genau das tun, wofür er bestimmt worden war und was von ihm verlangt wurde.

Er konzentrierte sich ausschließlich auf seine Aufgaben und blendete alles Weitere aus. Aber ich wusste, dass es nicht so einfach war.

Und der Hausbau zeigte das nur zu deutlich.

„Wir haben das schon so oft besprochen, Becky“, murmele ich und setze mich zu ihr aufs Bett.

Rebecca seufzt. „Ich weiß, aber ich mache mir trotzdem Sorgen um ihn. Du ... du solltest mit ihm reden.“

„Was soll ich ihm denn sagen? Blockiere deine Mutter nicht und komm uns öfter besuchen?“, frage ich verzweifelt.

„Ich kann dir jetzt schon sagen, dass das nichts bringen wird, denn er wird mit der Ausrede kommen, dass er häufig unterwegs ist und keine Zeit hat. Was auch stimmt.“

Bei meinen Worten wird Rebecca unruhig. Das sieht ihr überhaupt nicht ähnlich.

„Du … du hättest ihn davor bewahren müssen“, sagt sie plötzlich vorwurfsvoll. Sie greift nach einem Kissen auf dem Bett und ihre Finger beginnen unruhig, mit dem Saum zu spielen.

„Du weißt doch, dass mir die Hände gebunden waren. Was hätte ich denn unternehmen sollen? Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es vielleicht verhindern können. Aber es war zu spät. Jeder Eingriff hätte ihm und seinem Ansehen nur geschadet“, erkläre ich wie so oft schon, doch sie unterbricht mich ungeduldig.

„Ja, ja“, murmelt sie. „Fang nicht wieder damit an.“ Ihre Unterlippe bebt dieses Mal verdächtig.

„Ich habe diese Regeln nicht gemacht. Was erwartest du von mir?“, frage ich und sehe sie verzweifelt an. Leider waren mir die Hände gebunden.

„Manchmal wünsche ich mir, du wärst mehr der Vater, den er benötigt, als sein Alpha oder König“, gibt sie offen zu, und ich sehe, wie ihr eine dicke Träne über die Wange rollt.

Ihre Worte treffen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich starre sie an. Nicht voller Zorn, sondern voller Schmerz. Und Schuldgefühlen.

„Du meinst … um ihn vor dieser Last zu bewahren?“, frage ich vorsichtig.

Sie nickt kaum merklich. Ihre Hände zittern.

„Vielleicht … hätten wir ihn nie bekommen sollen“, fügt sie leise hinzu, und es trifft mich erneut, aber dieses Mal mitten ins Herz.

Verblüfft von ihrem Eingeständnis lasse ich sie los und blicke in ihre wunderschönen, traurig blickenden, grünen Augen.

„Weißt du, es ist einfach … du warst immer so hart zu ihm. Du hast ihn nie in den Arm genommen. Er sieht uns alle, und auch seine Freunde … und auch wenn er es nicht zeigt, weiß ich, dass er leidet.“

„Ich kann es nicht ändern.“ Mit dem Daumen wische ich eine weitere Träne weg, die über ihr Gesicht kullert, während ich über ihre Worte nachdenke.

„Nein, nur hätte ich das vorher gewusst“, sagt sie, und ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Rebecca schluchzt.

Das schlechte Gewissen, das ich immer zu unterdrücken versuche, macht sich auch bei mir breit.

„Es tut mir leid“, sagt sie schnell und greift nach meinen Händen. „Ich wollte das nicht so sagen.“

Rebecca schaut traurig auf ihre Hände. Ich kann ihr keinen Vorwurf machen. Ich kann sie gut verstehen und spüre ihren Schmerz.

„Ich liebe ihn, aber ich bin seine Mutter und kann nichts für ihn tun“, sagt sie gequält.

Ich ziehe sie in meine Arme.

„Ist schon gut, Liebling. Manchmal habe ich ähnliche Gedanken“, gebe ich offen zu und umarme sie fester.

Bilder drängen sich mir auf. Bilder meines Sohnes aus seiner Kindheit. Vom Tag seiner Geburt bis zu dem Tag, an dem sein Lächeln seine Augen nicht mehr erreichte.

Bilder, an die ich lieber nicht zurückdenken möchte.

Ich wusste, dass ich meinen Sohn frühzeitig auf seine Aufgaben vorbereiten musste. Aber noch bevor ich mich selbst dazu durchringen konnte, gab es einen riesigen Streit zwischen meinen Söhnen.

Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen.

Becky war völlig aufgelöst. Sie hatte mich über die Gedankenverbindung kontaktiert und mich gebeten, schnell nach Hause zu kommen. Glücklicherweise war ich mit meinem Beta in der Nähe des Hauses und konnte an diesem Tag wahrscheinlich noch Schlimmeres verhindern.

Als wir die Küche betraten, blickte ich erschrocken auf meine Söhne.

Mein Jüngster war halb verwandelt und tobte völlig entfesselt. Obwohl sein Bruder zu diesem Zeitpunkt älter und stärker gewesen war, hatte er es geschafft, ihn zu überwältigen. Seine ungeheure Dominanz überflutete nicht nur den Raum, sondern das ganze Haus.

Er saß rittlings auf ihm. Und schlug immer wieder heftig auf ihn ein. Es klatschte fürchterlich. Ich hörte Knochen brechen. Blut spritzte, während meine Becky daneben kauernd schrie und an ihm zerrte, damit er endlich aufhörte.

Doch er sah und hörte nichts. Er hatte völlig die Kontrolle über sich verloren.

Er zeichnete ihn. Verpasste ihm Narben, die niemals vergehen würden. Wie in Trance schlug er immer wieder auf seinen Bruder ein.

Mein Beta blickte mich besorgt an. Denn niemand hatte es je gewagt, den zukünftigen König herauszufordern. Und doch, mein jüngster Sohn hatte es getan. Ohne zu wissen, was er tat.

Ein einziger Blick zwischen uns reichte. Mein Beta und ich verstanden uns wortlos.

Was heute geschah, würde für immer ungesagt bleiben.

Ein stilles Abkommen.

Niemand würde jemals erfahren, was an diesem Tag in dieser Küche geschah.

Nach meinem Befehl wurde es endlich ruhig und die Fäuste verstummten.

„Beruhige dich“, hatte ich ihn angebrüllt und ihn dazu gezwungen, innezuhalten.

Er sackte zusammen, fiel seitlich zu Boden wie ein gebrochener Ast im Sturm.

Und dann sah er mich an. Er wirkte, wie aus einem Traum gerissen. Als würde er mich zum allerersten Mal wahrnehmen. Das Gesicht verzerrt, die Augen weit aufgerissen, die Fäuste blutig.

Verwirrt und doch voller Schmerz blickte er zitternd zu mir auf.

Ich seufzte schwer.

Noch nie hatte eines meiner Kinder sich meiner Stimme widersetzen müssen. Schon gar nicht in diesem zarten Alter.

Ich hatte sie stets beschützt, gerade vor dieser Art von Macht.

Weil ich wusste, wie sie brannte.

Wie sie bricht.

Ich sah, wie etwas in ihm zerbrach. Wie unsichtbare Fesseln sich um seine Glieder schlangen. Wie er innerlich tobte und kämpfte, ohne zu schreien.

Worum es bei dem Streit wirklich ging, hat mir nie jemand erzählt.

Nicht damals und nicht später.

Aber nach langen Gesprächen mit Becky … hatte ich eine Vermutung. Eine, die mich bis heute verfolgt.

Und an jenem Tag traf ich eine Entscheidung. Sie schmeckte bitter, doch sie musste getroffen werden. Ich musste an das Wohl aller denken.

Ab diesem Tag zog ich ihn härter heran als jedes meiner anderen Kinder. Härter, als ich je einem Vater zumuten würde.

Während seine Geschwister lachten, tanzten und ihre Freiheiten auslebten, musste er trainieren. Stundenlang, sieben Tage in der Woche. Bis zur völligen Erschöpfung.

Ich ließ ihm beibringen, seinen Wolf in sich zu zähmen, zu unterwerfen. Er durfte nie wieder die Kontrolle verlieren.

Ferien? Gab es für ihn nicht. Stattdessen Bücher, Training und … Isolation.

Er war sehr intelligent. Lernte schnell. Verschlang die dicksten Bücher innerhalb kürzester Zeit. Es war mehr, als ich erwartet hatte.

Ohne zu wissen, erschuf ich einen weiteren Wunschtraum, dem er nicht folgen konnte.

Er würde nie ein normales Leben führen können. Kein Studium. Kein ruhiges Dasein. Keine Familie.

Ich entzog ihn Familienfeiern. Gab ihm Aufträge, die andere hätten erledigen können. Manchmal ließ ich ihn alleine essen.

Nicht aus Bosheit. Sondern aus dem Glauben, ihn zu härten. Für das, was kommen würde.

Rebecca gegenüber log ich. Ich behauptete, dass es seine Strafe sei. Für den Angriff auf seinen Bruder und auf seinen künftigen König.

Eine Strafe, die ewig lang andauerte. Ich sagte, das dürfe nie wieder geschehen. Und tief in mir … glaubte ich das sogar.

Aber sie durchschaute mich.

Eines Abends schleuderte sie mir den Teller mit dampfendem Essen vor die Tür. Ohne ein Wort. Kein Schrei, kein Vorwurf folgte.

Aber ich wusste, ich war zu weit gegangen.

Und ich wusste auch, sie ließ es nur durchgehen, weil sie meine Angst kannte. Weil sie spürte, wie sehr ich mich sorgte und wie sehr mich das Pflichtgefühl auffraß.

All diese Entscheidungen, diese Strafen, diese Einsamkeit … Sie wurden zu Ziegeln. Und mein Sohn?

Er baute daraus eine Mauer. Hoch. Dick. Unüberwindbar.

Zwischen ihm, mir und allen anderen.

Ich kann es ihm nicht einmal verübeln. Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich genau dasselbe getan.

Und doch bin ich so stolz auf ihn.

Wie er sich entwickelt hat, was aus ihm geworden ist. Es sprengt jede meiner kühnsten Vorstellungen.

Er ist ein Anführer. Ein Krieger. Ein Mann, der seinen Platz mit Würde eingenommen hat.

Seine Missionen sind tadellos. Er ist gerecht. Stark. Sein Rudel wächst und gedeiht. Sie verehren ihn. Nicht aus Angst, sondern aus Respekt. Sie erhalten immer mehr Zuwachs.

Erst vor ein paar Wochen hat er ein Gamma ausgewählt. Sein Beta und sein Delta waren bereits seit der Schule an seiner Seite. Die Jungs waren zu einer starken Einheit zusammengeschmolzen, und es war schön, sie zusammen zu sehen.

Es erinnert mich ein wenig an meine eigene Jugend.

Vielleicht hat meine Gefährtin recht. Vielleicht sollte ich mir nach meiner Reise ein wenig mehr Zeit für ihn nehmen.

Vielleicht … ist es Zeit, ihm der Vater zu sein, den er braucht.

Nicht nur König.

Ich weiß zwar nicht, wie ich die Mauer durchbrechen soll, aber das würde ich mir bis dahin noch einfallen lassen.

Nach der Reise.

Aber vorher … vorher muss ich mich noch um diese andere Sache kümmern. Das Flimmern im Nebel.

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