Kapitel 1: Nur ein normales Mädchen
Letzter Tag des 2. Sommermonats, Jahr 921 nach der 4. Frostwende.
„Achte auf meine Augen, sie lügen nicht”.
• Lia •
Wenn du ein Mitglied des hoch angesehenen Adelshauses „Freudenthal” bist, dann hast du in allem pure Perfektion abzuliefern. Und wenn du das nicht tust, nun, dann bist du wertlos.
Ich, Aurelia Freudenthal, habe es gewagt nicht perfekt zu sein. Jetzt sehe ich, was ich davon habe.
Heute, am letzten Tag des zweiten Sommermonats, besuche ich mit meinen jungen 19 Jahren die Abschlussfeierlichkeit der „Wolkenauer Eliteschule” für den Adel des Fürstentums Wolkenau.
Und ich habe einen Notendurschnitt von 2,1.
Es kommt dem Hochverrat gleich, weil meine beiden sieben Jahre älteren Geschwister Thies und Tara die Eliteschule mit 1,0 abgeschlossen haben. So, wie einst auch schon mein Vater und meine Mutter.
„Guten Abend. Oh, Gräfin Aurelia? Seid Ihr heute alleine hergekommen?“, ertönt die ruhige Stimme von meinem Lehrer.
„Bitte, einfach nur Gräfin Lia. Das wisst Ihr doch. Mein Vater hat heute ein wichtiges Geschäftsessen mit der Familie, er lässt sich entschuldigen”, erfinde ich spontan eine Notlüge.
Es überrascht mich nicht, dass ich wieder auf meinen erhabenen Vater reduziert werde.
Ich stehe nämlich alleine vor dem mit einer Girlande aus sommerlichen Blumen und weißen Schleifen dekorierten und geschmückten Torbogen der elitären Schule, wo mein Lehrer heute alle Absolventen in Empfang nimmt und begrüßt. Normalerweise sind die Klassen für Mädchen und Jungs seit dem ersten Tage strikt getrennt, aber am Abend des Abschlusses spielt das keine Rolle. Nicht selten bilden sich erste Paare, wenn die jungen Frauen nicht schon vorher an ein anderes Adelshaus versprochen wurden. Man tut eben, was man kann, um sein Adelshaus zu sichern und gute Gene für die zukünftigen Erben zu bekommen.
Ich wäre durch die Stellung meines Vaters eine heiß begehrte Partie, aber eine dickköpfige Frau will keiner.
Und mein Lehrer sieht mich an, als sei es meine Schuld, dass ich ohne Begleitung hergekommen bin.
Wie es die Tradition so will, war ich vorher bei der Schneiderin und habe mich herrichten lassen. Selbst ich bewundere meine heutige Aufmachung: Ein wunderschönes mitternachtsblaues Abendkleid und eine elegant hochgesteckte Frisur aus meiner langen Haarpracht, so schwarz wie die Nacht. Es betont meinen weiblichen Körperbau mit den wohlgeformten Hüften und der ansehnlichen Taille, umrahmt von einem zarten Dekolleté, dem der eine oder andere hinterherschaut, wenn er mich nicht sofort als Aurelia Freudenthal erkennt. Danach gucken die oberflächlichen Leute der Gesellschaft schnell woanders hin.
Allesamt heuchlerische Idioten, aber als Adelige darf ich das nur in meinem Hinterstübchen denken.
Alles andere zieht Probleme und Bestrafungen nach sich.
Und jetzt stehe ich wie bestellt und nicht abgeholt vor meiner weißen Kutsche mit dem Familienwappen der Freudenthals: Eine Waage mit einem Hammer, weil ich einer Blutlinie von angesehenen und klugen Anwälten entstamme.
Mein Vater hat mich dort auf dem Weg zur Schneiderin hineingesetzt und behauptet, er käme mit der Familie nach. Scheinbar tut er das nicht, sonst wären alle schon längst hier. Seine Taten sprachen schon immer für seine Meinung, so auch jetzt.
Danke für nichts, Vater.
Die eisblaue Augenfarbe meiner Iris kann nun noch tödlichere Blicke entsenden, als ohnehin schon. Die Mädchen in meiner Klasse haben schon in Kindesalter darüber getuschelt, dass ich einen kalten Blick habe und unheimlich bin. Letzteres lag aber nicht an meinen eisblauen Augen, fürchte ich.
Mein Lehrer hebt wegen meiner Lüge irritiert die Augenbraue, nickt dann aber ab.
„Verstehe. Dann herzlich Willkommen, Gräfin Lia“, murmelt er und tritt auf den gepflegten Pflastersteinen einen Schritt zur Seite.
Ich richte meinen Blick nun nach vorne. Und damit meine ich nicht das Schulgebäude, sondern den Fakt, dass meine eigene Familie mich an meiner Abschlussfeierlichkeit sitzen lässt. Und das nur, weil ich einen „schlechten” Durchschnitt habe. Leider überrascht mich das aber nicht, es ist nicht der erste Konflikt mit meinem Vater.
Ich raffe mein Kleid und trete dann unter dem Torbogen hindurch, um auf das imposante und eindrucksvolle Gebäude der Schule zuzugehen: Ein prunkvoll verziertes Haus mit mehreren Stockwerken und einem angrenzenden Kuppelsaal für Feierlichkeiten. Die weiße Fassade strahlt heute besondere Reinheit aus und die schwarzen Schnörkel an den Ecken der Fensterrahmen sehen aus, als habe man sie für den heutigen Anlass extra nachgemalt.
Der Schotter im Innenbereich ist von sämtlichem Unkraut befreit und auch die Büsche und Sträucher sind in Form geschnitten.
Selbst hier sind schon sommerliche Blumen und weiße Schleifen verteilt, neben zahlreichen Lichtquellen. Durch Innenbereich weht eine warme und sanfte Brise, als heiße sie mich an meinem letzten Tag an diesem Ort willkommen.
Die Laternen sind sicher mit frischem Öl gefüllt, aber die Diener der Bürgerschicht werden im Laufe des Abends sicher noch tätig werden müssen. Das wird aber nicht so aufwändig, wie die zahlreichen Kerzen auszutauschen, die überall herumstehen.
Im Fürstentum Wolkenaue gibt es natürlich mehrere Städte mit weiteren Schulen, aber keine ist so hoch angesehen, wie die Wolkenauer Eliteschule in der Hauptstadt selbst. Und jedes Fürstentum hat eine Hauptstadt, die nach dem herrschenden Adelshaus benannt ist. Natürlich lebt mein ach so toller Vater mit seiner Familie genau hier.
Und unser Herrscher, Fürst Owen von Wolkenaue, blickt auf eine lange Familientradition, in der die Herrschaft über das Fürstentum Wolkenaue von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der Sitz von Fürst Owen ist schon sehr lange in dieser Gegend. Und mein Vater, niemand geringeres als Graf Korbinian Freudenthal, ist der persönliche Anwalt von Fürst Owen.
Umso größer ist die Schande, dass ich als drittes Kind der Familie „nur” einen mittelmäßigen Abschluss an der Elite Schule bekommen habe.
Die Stimme meines Vaters hallt noch immer in meinem Kopf, während ich nun mit einem beklemmenden Gefühl die geschmückten Treppen zum Haupteingang der Schule hinaufsteige. Mein edles Schuhwerk gibt dabei auf den weißen Marmortreppen ein stumpfes Geräusch von sich.
„Hättest du dich nur mehr auf die Lehren, als auf die sinnlose Kunst fokussiert!“.
Ja, ich habe viel lieber die Lehren der Kunst verfolgt, als eine für Frauen geeignete Lehre zu verfolgen oder die Verführung eines reichen Mannes zu priorisieren.
Einen Pinsel in die Hand zu nehmen, die vielen Farben zu mischen, die dreidimensionale Tiefe in einem Gemälde zu erzeugen, all das hat viel mehr Bedeutung für mich, als wenn ich ein Stück auf dem Klavier vorspielen kann oder den Herr eines Adelshauses rumkriege.
Für meine Familie aber nicht, denn Künstler entstammen eher dem Bürgertum oder aus niederem Adelshause und von sowas lassen wir die Finger. Meine Strafe ist eindeutig: Für die schlechten Noten und mein verpöntes Interesse an der Kunst lässt mein Vater mich nun an meinem Abschlussball stehen.
Es ist ein ganz klarer Standpunkt, den nun auch jeder im gesamten Kuppelsaal der Eliteschule sieht, weil ich alleine hereinkomme. Die Blicke ruhen auf mir und ich brauche niemandem erklären, was vorgefallen ist. Also gehe ich schnellen Schrittes weiter an den Rand, um nicht weiter aufzufallen.
Der Kuppelsaal ist heute zum Himmel hin geöffnet und legt den wunderschönen Sternenhimmel der wolkenlosen Nacht frei. Und das ist ein richtiges Wunder, denn Wolkenaue ist für die viele Wolken bekannt, die immer tief über dem Land hängen.
Im Inneren des Saals erleuchten viele Kerzen den Raum mit einer goldenen Atmosphäre, zusätzlich sind auch hier viele Sommerblumen verteilt. Der Geruch von frischen Rosen und Lilien liegt in der Luft, gepaart mit zahlreichen Duftwässerchen, die die meisten sich für den heutigen Tag gekauft haben. Die bodentiefen Fenster des Saals sind weit geöffnet und lassen die warme Brise des Sommers in den Saal wehen.
Das Parkett ist frisch aufbereitet und der Kamin ist eindrucksvoll mit großen Holzscheiten entzündet, auch wenn das gar nicht notwendig ist. Aber allein für die Atmosphäre knistert und knackt es, was bei dem leichten Geräuschpegel der schnöden Unterhaltungen untergeht.
Die feine adelige Gesellschaft liebt es, den Prunk und die Erhabenheit deutlich zur Geltung zu bringen. Die Kutschen werden gerne mal mit den neuesten Lederbezügen der Saison gepolstert und beim Sommerspaziergang durch die gepflegten Gassen von Wolkenaue wird gerne das neuste Kleid zur Schau gestellt.
Am Rande sehe ich meinen Lehrer nun am Pult stehen, wo er die ersten Pergamente für seine Rede ordnet und mit der Schreibfeder noch ein oder zwei Hinweise ergänzt. Im Anschluss richtet er seinen Frack, der ihm elegant bis zu den Kniekehlen hängt.
Eine halbe Stunde lang sehe ich dem Treiben dann noch zu, ehe mein Lehrer um Aufmerksamkeit bittet. Zu meinen Mitschülern, die ebenfalls in edlen Abendkleidern und Anzügen gekommen sind, habe ich so gut wie keinen Draht. Ich war schon immer eine Außenseiterin, weil ich in den Pausen gerne auf dem Skizzenblock gezeichnet habe, anstatt mit den anderen Mädchen und später dann jungen Frauen über die Themen der hohen Gesellschaft zu sinnieren.
Um meine Gestalt wurde deshalb schon immer ein großer Bogen gemacht, dabei sehe ich mit meinen 1,66 m Körpergröße und meiner weiblich betonten Figur genauso aus, wie jede andere Frau.
Was soll’s, ab heute ist das alles Vergangenheit.
„Meine liebe Abschlussklasse der Wolkenauer Eliteschule - Ich freue mich sehr, euch alle heute Abend hier vollzählig begrüßen zu dürfen. Wie ich sehe, sind überwiegend alle mit ihren Familien gekommen, um die Abschlusszeugnisse entgegen zu nehmen und dann ausgelassen zu feiern”, beginnt der Lehrer seine Rede.
Autsch.
Ich bin die einzige Person, die ohne Familie hier ist. Und das so in der Rede zu erwähnen, hätte echt nicht sein müssen.
„Unsere Schulleitung ist heute wegen eines Termins bei Fürst Owen leider verhindert, aber es ist mir eine Ehre, euch eure Zeugnisse stellvertretend zu übergeben”, fährt er unbeirrt fort.
Ein Raunen geht durch die Menge, weil es selten vorkommt, dass der Schulleiter abwesend sein wird. Letztendlich ist es aber auch nicht wichtig, wer einem das Stück Pergament übergibt. Ich bin wohl die einzige Person im Raum, die das so sieht.
Ja, hinter vorgehaltener Hand war ich schon immer ein kleiner Rebell.
Der Lehrer zählt nun nach und nach alle auf, aufsteigend nach Notenspiegel. Immerhin: Ich bin nicht die letzte Person und befinde mich mit meinem Durchschnitt von 2,1 sogar im Mittelfeld. Meine Familie hat einen Schaden, mein Abschluss ist zwar nicht pure und makellose Perfektion, aber auch kein Weltuntergang.
„Gräfin Aurelia Freudenthal, bitte tretet vor”, komme ich schließlich an die Reihe.
Der ganze Saal richtet seine Blicke auf mein Haupt, weil ich mich nicht aus einer Traube von Familienmitglieder löse. Dennoch gehe ich erhobenen Hauptes zum Pult, um mir das Zeugnis übergeben zu lassen und höflich einen tiefen Knicks zu machen, wie es sich gehört. Ich will viele Dinge sagen und dem Adel meinen Mittelfinger entgegenstrecken, aber das tue ich nur in meinen Träumen. Also bleibe ich stumm und verhalte mich brav vorbildlich.
Als mein Lehrer dann fertig mit der Zeugnisausgabe ist, steht der Feierlichkeit nichts mehr im Wege.
Am Rande ist eine längliche Tafel mit diversen Speisen und Getränken aufgebaut. Die Eliteschule hat keine Kosten und Mühen gescheut, um sogar ausgefallene Speisen aus den vier anderen Fürstentümern unseres Kontinents Avathia zu importieren. Der einzigartige Schillerfisch der Schillerküste, die leuchtenden Pilze aus Schattenlicht, der exquisite Wein des fruchtbaren Sonnenthals oder die saftigen Äpfel aus den Plantagen zu Hohenhain.
In der Mitte des Kuppelsaals, direkt unter den glitzernden Sternen, füllt sich die Tanzfläche mit den ersten Tanzpaaren, die zum Stück des Pianisten einen Tanz einlegen werden.
Die Dekadenz ist nicht zu übersehen.
Also nehme ich mein Zeugnis, drehe mich und gehe nach Hause.
* * *
Seit meinem Abschlussball, den ich guten Gewissens in einem Skandal vorzeitig verlassen habe, ist eine Woche vergangen. Mein Vater hat mich direkt am Folgetag in sein Büro in unserem Stadthaus zitiert und mich eine Stunde lang zur Sau gemacht. Nur, weil er seinen Standpunkt mit der Abwesenheit klargestellt hat, heißt das nicht, dass ich tun und lassen kann, was ich will.
Am Ende habe ich mich aufgelehnt und eine heftige Ohrfeige bekommen. Danach war Ruhe im Karton. Auch das ist nicht das erste Mal.
Der Spätsommer entsendet seine letzten Strahlen des heutigen Tages in den Park unseres Adelsviertels, in dem mir nur noch vereinzelt Leute entgegenkommen. Eine Frau von Wert geht natürlich niemals alleine auf einen Spaziergang, aber durch meine dreiste Zurschaustellung auf der Abschlussfeierlichkeit, die in aller Munde ist, habe ich vermutlich eh nichts zu befürchten.
Zumal schon früh klar war, dass ich nicht dieselben perfekten Noten mit nach Hause bringe, wie Thies und Tara.
Und ich sehe es langsam nicht mehr ein, immer nur das zu tun, was mir vorgeschrieben wird. Also sehe ich dem schönen und warmen Wetter mit einem Lächeln entgegen.
Mein Vater und meine Mutter haben kein Sterbenswörtchen mehr über meinen Abschlussball verloren und nach meinem Zeugnis hat auch niemand gefragt. Seitdem liegt es unangetastet in meinem Gemach in unserem Stadthaus. Sagt es keinem, aber meine Eltern hätte es sich ja wenigstens mal anschauen können.
Allmählich werde ich jedoch unruhig, weil ich noch nichts von der Universität gehört habe, an der ich mich mit dem Erhalt des Zeugnisses beworben habe.
So schlendere ich in Gedanken versunken und gehüllt in eine sommerlich leichte Kombination aus cremefarbener Bluse und luftig knielanger dunkelgrüner Hose entlang des Weges der gepflegten Parkanlage.
Um mich herum nehme ich den Frieden der Natur auf. Es ist schön ruhig, hier und da weht ein Wind durch die Bäume, lässt die Blätter der Kastanien und Eichen rascheln oder es singt ein Vögelchen seine abendliche Melodie, ehe er Zubettgehen wird. Der Kies gibt unter meinem ledernen Schuhwerk knirschende Geräusche von sich.
Ich nehme einen tiefen Atemzug und ziehe die frische und leicht abgekühlte Luft des Abends in meine Lunge. Das erfüllt mich mit noch mehr Ruhe, weil es hier und jetzt nur die Natur und mich gibt.
Falsch gedacht.
Aus heiterem Himmel springt eine verhüllte Gestalt aus dem Busch neben dem Gehweg hervor und kommt mit erhobenem Messer erschreckend schnell auf mich zugerannt. Der Mann ist ganz in schwarz gehüllt und sein Gesicht ist vermummt.
Ich bekomme große Augen und stoße vor Schreck einen Angstschrei aus. Mein Sicht verschwimmt leicht vor Panik und ich drehe um, um davon zu laufen. Ich komme dann vier Schritte weit, ehe mich die Gestalt einholt und mit dem Messer in der Hand herumwirbelt. Meine Arme fuchteln unkontrolliert herum, treffe tue ich den Mann aber nicht.
„Nein! Hilfe!“, schreie ich wie wild, rudere weiter mit den Armen und versuche in einem verzweifelten Versuch mich zu befreien.
Kampferfahrung habe ich keine, denn Frauen werden niemals in eine Ausbildung für Kämpfer gehen oder anderen militärischen Organisationen beitreten. Ein Grund mehr, warum Frauen nicht alleine im Park spazieren gehen. Bei meinen panischen Bewegungen schaffe ich es dann, mich zu lösen und den Mann leicht zu treffen, der kurz zusammenzuckt.
Er sagt dennoch kein Wort, stattdessen reißt er sich zusammen, holt erneut aus und ich haste zur Seite. Dabei stolpere ich ungeschickt und lande unsanft auf meinen Knien, was viele kleine rote Flecken durch den feinen Schotter hinterlässt. Kurz halte ich inne und keuche auf.
Es tut echt weh und treibt mir nur noch eine weitere Träne in meine Augen.
Der Mann stürzt sich mit einem Satz auf mich und begräbt mich unter seiner Statur, so kann ich nicht davon krabbeln, um mich aufzurichten und wegzulaufen.
Mir steigen Tränen in die Augen und ich sehe dann, wie der Mann nun zielsicher sein Messer für einen dritten Versuch ausrichten kann.
„Bitte nicht!“, schluchze ich und halte abwehrend und starr vor Schreck meine Hände in die Höhe.
Der Angreifer, der nun wie ein bedrohlicher schwarzer Schatten über mir thront, holt aus und will den dritten Versuch direkt in meine Herzgegend rammen. Auf seinen Lippen, die als einziger Bereich seines Körpers neben seinen Augen nicht vermummt sind, bildet sich ein groteskes Lächeln ab.
Ich werde sterben, hier und jetzt. Alleine im Park.
Im nächsten Moment wird der Angreifer von mir gerissen und ich starre einen erschreckend langen Moment mit tiefer Furcht auf den leeren Fleck über mir. Ich sehe den dunkelblauen Himmel, die ersten Sterne mit ihrem leichten Glitzern und das einzige Geräusch, was ich höre, ist der pfeifende Wind in den Bäumen.
Mein ganzer Leib beginnt zu Zittern.
Ich schaue mich um, kann aber nichts sehen.
Wo zum Geier ist der Mann hin?
Und ... was ... hat ihn geholt?
„Darf ich dir aufhelfen?“, fragt eine tiefe und melodisch klare Stimme, die noch plötzlicher in meinem Blickfeld auftaucht, als der Mann mit dem Messer.
Der Fremde, mein Retter in der Not, hält mir seine Hand hin. Das Licht der Laternen im Park lässt sein blasses Antlitz fast weiß wirken, er hat spitz zulaufende Ohren und rote Augen. Und durch sein leichtes Lächeln blitzen strahlend weiße Reißzähne hervor. Seine Statur passt perfekt als Anführer einer elitären Einheit in das Militär, so athletisch muskulös, wie er gebaut ist. Und seine schwarzen, leicht gewellten Haare umspielen seinen Kopf bis kurz über seine Ohren. Sein bevorzugter Kleidungsstil scheint schwarz und funktional zu sein, er bringt aber auch eine gewisse Eleganz und Anmut mit sich. Er ist kein Bürgerlicher.
Aber ... Rote Augen!
„Ein Vampir!“, kreische ich und versuche unbeholfen zurück zu weichen, der Fremde ist jedoch schneller.
„Ruhig. Nicht abhauen. Ja, ich bin ein Vampir”, erwidert er unbeeindruckt, packt unerwartet beherzt an meinen Oberarm und zieht mich in den Stand.
Die Haut seiner Finger berührt nun meine Haut an meinem Oberarm und das ist der Moment, der alles verändert.
Ein heftiger Schauer zieht durch meinen Körper, viele kleine Nadelstiche, die alle Sinne für ihn schärfen. Zusammen mit einem brennenden Feuer und das Bedürfnis, mit ihm zu gehen. Ich taumele einerseits vor Schreck, andererseits weil mich die Empfindung dermaßen mit sich reißt, dass kurz meine Beine nachgeben. Der Vampir hält einfach weiter unbeeindruckt meinen Oberarm, bis der leichte Schwindel nachlässt.
Das ist, was wirklich selten passiert.
Aber er ist es.
Der Vampir ist mein Seelengefährte.
Und er weiß das so haargenau, wie ich es auch gerade erfahren habe. Viele Fragen drängen sich mir aber sofort in den Kopf, es stellt sich mir aber nur eine: Warum ist er wegen des Gefährtenbandes nicht überrascht?
„Wie ist dein Name, Gefährtin?“, will er nun wissen.
Mein Herz setzt aus.
„Aurelia. Aber einfach nur ... Lia. Und deiner ... Gefährte?“, bringe ich schüchtern hervor und kriege kaum meinen Mund auf.
Der Mann ist immerhin über einen Kopf größer und ich muss schon sehr hochschauen, um seinen Blick zu erwidern. Und meine Statur passt locker 2x, wenn nicht sogar 3x in seine.
„Ronan. Ohne Abkürzung”, erwidert er und bekommt ein ganz leichtes Lächeln.
Im nächsten Moment ist er verschwunden.