Der lange Weg zu dir

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

HISTORISCHER ROMAN Helena Kühn sucht ihren Mann Erich, der vom Krieg nicht heimgekehrt ist. Dabei trifft sie auf den amerikanischen Soldaten Charles Sullivan. Sie verlieben sich ineinander, obwohl sie wissen, dass dies keine Zukunft hat. Helena ist verheiratet, Charles wird Deutschland bald verlassen und jederzeit könnte Erich wieder nach Hause kommen. Eine kleine Geschichte über eine Liebe in der Nachkriegszeit und deren Folgen. Cover von Nancy Bieler

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
32
Rating
5.0 9 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

„Bitte nicht! Lasst uns wenigstens das Schwein. Oder die Ziege. Ich habe ein kleines Mädchen. Sie wird verhungern, wenn ihr uns nichts lasst.“

Helena wusste, dass diese Bitte auf taube Ohren stoßen würde. Die Männer, offenbar französische Soldaten, die auf dem Heimweg waren, litten selbst an Hunger und sie nahmen keine Rücksicht auf eine arme Bäuerin, die alleine mit ihrer kleinen Tochter auf dem Hof lebte und hoffte, dass ihr Ehemann noch lebte und bald zurückkommen würde.

Helenas Pech bestand darin, dass sie in der Nähe der französischen Grenze lebte und dass die meisten Soldaten, die wirklich schlecht auf die Deutschen zu sprechen waren, was man ihnen nicht verübeln konnte, über ihr Land liefen.

Helena verstand sie auch in gewisser Weise. Die Soldaten erlebten Schreckliches auf den Schlachtfeldern und natürlich litten viele auch als Kriegsgefangene unter den Nazis. Doch sie selbst kämpfte um das nackte Überleben, seit Erich eingezogen worden war und an die Front musste, um für sein Vaterland zu kämpfen. Und es war schon sehr lange her, dass sie eine Nachricht von ihm bekam.

Am Anfang schrieb er ihr noch regelmäßig, doch auf einmal blieben die Briefe aus und sie wusste nicht, was mit ihrem Mann geschehen war.

Sie hatte natürlich nach dem Kriegsende versucht, ihn zu finden, aber mittlerweile gab sie beinahe die Hoffnung auf, dass er überhaupt noch lebte. Die Informationen waren wirr. Erst hieß es, er war in französischer Kriegsgefangenschaft. Dann erklärte man ihr später, dass er in Bayern bei den Amerikanern wäre. Doch niemand konnte etwas Genaueres sagen, aber Helena gab nicht auf, wie es andere Frauen machten, die Hof und Grund verließen, um ein besseres Leben zu beginnen. Sie konnte es nicht, so lange sie nicht wusste, was mit Erich geschehen war.

Stattdessen wehrte sie sich gegen alles, was sich ihr in den Weg stellte.

Da waren die Franzosen, die eben ihr Vieh stahlen und auch sonst nicht gerade zimperlich mit ihr umgingen. Sie war mehrmals einer Vergewaltigung nur mit knapper Not entkommen, denn meist blieb ihr noch die Zeit, sich den großen Schürhaken zu holen und sich gegen die Angreifer zu wehren.

Aber es waren nicht nur diese Soldaten, die ihr das Leben schwer machten, denn es wurde immer seltener, dass sie über ihr Land strichen. Es waren einige Nachbarn, die wohl versuchten, etwas von ihrem kleinen Land abzuluchsen. Es war nicht viel, was sie besaß, aber dennoch neideten ihr einige Leute das wohl. Meist war es nur ein Mann, der ihr das Leben schwer machte, aber an den wollte Helena nicht denken. Jeden Tag lief sie ihr Feld ab und kontrollierte, ob sich nicht jemand etwas einverleibte.

Wie gesagt, waren die Franzosen nicht immer die Schlimmsten, aber sie waren eben noch da.

Manche hatten wirklich Mitleid mit ihr und nahmen nur so viel, wie sie gerade benötigten. Manche gaben sich sogar mit einer Schale Eintopf und einer Nacht im warmen Stall zufrieden, ehe sie am anderen Tag wieder weiterzogen. Andere gaben ihr sogar etwas von sich selbst und versuchten im gebrochenen Deutsch zu erklären, dass Helena es eintauschen konnte, um etwas für Elisabeth, ihre kleine Tochter, zu besorgen. Dabei hatten diese Männer selbst nicht genug, doch sie schienen zu verstehen, dass Helena Not litt.

Doch die Männer von heute waren nicht so.

Sie nahmen alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Elisabeth stand an der Tür des kleinen Bauernhauses und weinte, während sie sich am Türrahmen festhielt. Sie konnte noch nicht ganz so sicher laufen und ihre nackten Füße waren jetzt verdreckt.

Elisabeth war das letzte Geschenk ihres Mannes an sie gewesen und er wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass er eine Tochter hatte. Helena schrieb es ihm zwar, aber sie wusste nicht, ob ihn dieser Brief jemals erreichte.

Wenn er doch nur hier wäre.

Einer der Männer stieß Helena in den Matsch und lachte, während er das Schwein hinter sich herzog. Dabei sagte er etwas zu seinen Begleitern, was diese auch zum Lachen brachte.

Gerade, als sie sich wieder erheben wollte, drückte sie eine Hand wieder in den Matsch.

„Nicht Frau. Bleib liegen. Wenn du dich wehrst, töten sie dich. Sie haben keine Skrupel mehr, was Deutsche angeht.“

Helena sah zu dem Mann, der sie im Dreck hielt.

„Ich bin doch nur eine Frau. Warum sollten sie mich töten wollen?“, flüsterte sie.

Er lachte spöttisch.

„Glaubst du, es interessiert sie? Nein, es ist ihnen egal, ob du eine Frau bist. Ihre eigenen Frauen wurden von den Deutschen vergewaltigt und getötet. Sie warten nur darauf, dass du dich wehrst, damit sie sich rächen können.“

Er beugte sich über sie und hob ihren Rock an. Helena wollte schreien, doch er hielt ihr grob den Mund zu.

„Tu ne peux pas attendre d’être chez ta femme, François?“ (Kannst du nicht abwarten, bei deiner Frau zu Hause zu sein, Francois?)

Er lachte und Helena merkte, wie er einen Beutel unter ihren Rock schob.

„T´as raison. Elle n’est pas si belle.“ (Du hast Recht. So schön ist sie auch nicht.)

Er hielt sie unten.

„Bleibe unten, ma petite. Komm erst wieder auf die Beine, wenn wir weg sind. Im Stall ist die Ziege. Ich habe gesagt, sie wäre mir davongelaufen, aber ich habe sie festgebunden. Mehr kann ich nicht für dich tun.“

Er küsste sie hart auf den Mund und rief dann seinen Kameraden etwas zu, was die zum Lachen brachte.

Sie strich ihm kurz über die Hand.

„Ich danke Ihnen.“, flüsterte sie. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen die Güte je wieder zurückgeben kann.“

Er lachte bitter.

„Das sagst du nicht mehr, ma petite, wenn du siehst, was sie alles in deiner Scheune angestellt haben. Dennoch bin ich nicht so ein Mann, der seine Wut an unschuldigen Frauen auslässt.“

Sie nickte, denn sie glaubte ihm das.

„Dennoch danke ich Ihnen.“

Er nickte und beugte sich dann noch einmal zu ihr hinunter.

„Mein Name ist Francois Dumont. Ich lebe in Paris. Wenn du irgendwann Hilfe brauchst, kannst du zu mir kommen. Vielleicht kann ich dir dein Leid etwas mildern. Sie waren wie Schweine und ich schäme mich wirklich für das, was wir dir angetan haben. Also komm, wenn du etwas benötigst.“

Sie nickte ihm dankbar zu.

„Ich hoffe es aber nicht.“

Er lächelte leicht.

„Man kann nie wissen, ma petite.“



Charles Sullivan, der von allen nur Chuck genannt wurde, stieg aus seinem Bomber und streckte sich erst einmal. Das war vorerst der letzte Flug gewesen, den er hier in Deutschland machen musste. Er würde es nicht vermissen. Nein, ganz bestimmt nicht. Auch wenn er kein Bodenkämpfer war und immer nur die Bomben auf Städte abfeuerte, wollte er nicht mehr hier sein.

Noch ein Jahr, dann würde er endlich wieder in seine Heimat kommen.

Noch ein Jahr in diesem verfluchten Land.

Sein Spitzname bei den Soldaten war Lucky und er war wirklich ein Glückspilz gewesen. Bis auf die letzten zwei Jahre.

Er kam ursprünglich aus Missouri. Als die Amerikaner sich dazu entschlossen, die Deutschen zu bekämpfen, war er noch auf der Ranch seines Vaters gewesen und dachte nicht daran, dass er da so schnell verschwinden würde. Sein Vater war schwer erkrankt und er musste für seine Mutter und seine Geschwister sorgen. Deswegen sah man zuerst davon ab, ihn für den Krieg einzuziehen. Allerdings erklärte wohl jemand, dass er ein hervorragender Pilot war und schon trug er eine Uniform und man schickte ihn nach Europa, um gegen Deutsche zu kämpfen. Erst war er in England stationiert, doch da gefiel es ihm auch nicht wirklich. Immer nur Nebel und Regen. Kaum Sonne. Das war nichts für ihn.

Dann kam der Tag, an dem er nach Deutschland musste. Und selbst da blieb ihm das Glück noch hold. Er war nie abgeschossen worden und seine Crew war froh gewesen, dass ihr Pilot so ein Glückspilz zu sein schien. Dass es natürlich auch Können voraussetzte und er die Maschine beherrschte wie kein anderer, nutzte ihm dabei auch sehr viel. Es war zwar ein Unterschied von dem kleinen Flugzeug zu dem Bomber, den er auf einmal fliegen musste, aber er war wohl ein verdammtes Naturtalent.

Ein Mechaniker kam ihm entgegen und grinste ihn an.

„Letzter Flug also, Chuck? Wie geht es weiter?“

Chuck zuckte mit den Schultern.

„Ich werde in eine Kaserne* in der Nähe von Karlsruhe versetzt. Das letzte Jahr darf ich mich dort langweilen.“

Eddy Lowell, so hieß der Mechaniker, schnalzte mit der Zunge.

„Und wieder bist du Lucky. Etwas Besseres kann dir nicht passieren. Du wirst bestimmt einen ruhigen Job bekommen.“

Chuck schnaubte.

„Ich wurde in die Verwaltung versetzt. Verflucht, was soll ich denn da? Ich gehöre nicht hinter einen Schreibtisch.“

Eddy lachte.

„Ein Jahr, Lucky. Das wirst du schon aushalten.“

Eddy verabschiedete sich und ging weiter, um sich seiner Arbeit zu widmen.

Chuck war sich nicht so sicher, ob er dieses Mal wirklich so viel Glück haben sollte.

Er war ein Macher und er hasste Schreibtischarbeit. Nicht einmal zu Hause wollte er die Bücher führen. Das erledigte immer seine Mum oder, wenn es seine Gesundheit zuließ, Dad. Chuck ritt lieber die Zäune ab und kontrollierte sie, als das er über den Büchern versauerte. Und selbst das war eine langweilige Arbeit.

Langsam verließ er den Flugplatz, um seine Sachen zu holen.

Ein verdammtes Jahr!

Nein, das Glück schien ihn dieses Mal wirklich verlassen zu haben, auch wenn das andere nicht so sahen.

Vielleicht bekam er einen ruhigen Job, aber die Zeit, bis er wieder nach Hause konnte, würde für ihn sehr lang werden.

Nächstes Kapitel