Kapitel 1
Raffaele
Ich lasse mich in meinen Sitz zurückfallen und führe den Alkohol an meine Lippen. Jeder Tropfen ist pures Gift. Trotzdem bleibe ich berauscht. Der Schmerz in meiner Brust schnürt sich bei jedem Atemzug fester zu. Ich bin so verdammt am Ende. Ich bin so verdammt kaputt. Ich bin längst nicht mehr auf den Knien. Ich liege flach auf dem Rücken und bete, dass die Geier kommen, mich zerfleischen und dem Ganzen ein Ende setzen. Dieser Schmerz ist unerträglich.
Die Nacht läuft wie in einer Schleife immer wieder vor meinem inneren Auge ab. Ich habe die Grenze zum Wahnsinn überschritten. Die Erde hat sich aufgetan und mich in ihr Zentrum gesogen; ich bin dort zurückgeblieben, um zu verrotten. Das Klopfen an meiner Bürotür zwingt mich dazu, den Rest meines Drinks in einem Zug runterzukippen.
„Es ist Zeit“, kündigt Tommy an, seine Stimme klingt freudlos.
Ich schiebe meinen Stuhl zurück, stehe auf und ziehe mein Sakko an. Niedergeschlagen greife ich nach der schwarzen Armbinde und schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Nachdem ich sie befestigt habe, lockere ich die Krawatte, die mich zu ersticken droht. Mit schwerem Schritt verlasse ich mein Büro und gehe zum Wagen. Der Fahrer hält die Tür auf, während ich mich langsam vorwärts bewege. Das Gehen fällt mir schwer. Verdammt, selbst das Atmen ist eine Qual. Ich gleite auf den Beifahrersitz, stütze die Ellbogen auf meine Knie und vergrabe die Hände in meinen Haaren. Ich kneife die Augen fest zusammen und verliere mich im Chaos meiner quälenden Gedanken. Erst gestern haben wir Zia Camila beerdigt.
Die Nacht des Balls geht mir nicht aus dem Kopf. Hysterie erfüllte den Raum. Hektisch suchten die Jungs nach dem Schützen. Tommy und Leon entdeckten ihn im Parkhaus. Er rannte weg, nachdem er geschossen hatte. Die Jungs versperrten ihm den Weg und waren bereit, ihn zu stellen. Im Bruchteil einer Sekunde zog der Attentäter eine Handfeuerwaffe und drückte ab. Zia rettete meinem Bruder und Leon das Leben, indem sie sich furchtlos vor sie warf. Die Kugel bohrte sich in ihre Brust, nur Zentimeter von ihrem Herzen entfernt. Wenige Augenblicke später starb sie in den Armen eines meiner Capos. Dem Attentäter gelang die Flucht, aber er kann sich nicht ewig verstecken.
Heute beerdige ich die Liebe meines Lebens, die Mutter meines Kindes. Ich will die Realität einfach nicht wahrhaben. Sie nennen es Verleugnung, die erste Phase der Trauer. Ich weiß nicht, wie ich ausdrücken soll, was ich fühle. Ich habe noch nie so viele Tränen vergossen. Ich hielt sie fest, während sie in meinen Armen verblutete. Ich sah zu, wie ihr Atem flacher wurde. Laz und Petro mussten sie mir förmlich entreißen. Ich hatte solche Angst, sie loszulassen.
Der Krankenwagen war in unter zehn Minuten da. Wir schafften es, sie ins Krankenhaus und in den OP zu bringen. Das Warten war reine Folter, die Angst krallte sich in mir fest. Sie durchschnitt mich wie ein Rasiermesser. So versteinert war ich noch nie. Stunden später öffneten sich die Türen des Operationssaals. Man reichte mir ganz beiläufig ihren Verlobungsring und die Kugel aus ihrer Brust, während man mir mitteilte, dass sie auf dem OP-Tisch gestorben sei.
Der Schock und die Ungläubigkeit machten mich stumm, ich war wie eingefroren. Mein innerer Dämon und die Bestie in mir brachen nur Augenblicke später vor Wut aus. Ich zog meine Waffe, bereit, den Chirurgen zu erschießen. Sie durften nicht einfach aufhören. Sie durften sie nicht einfach für tot erklären. Antonio schaffte es zusammen mit zwei Capos, mich zu entwaffnen. Meine Wut schlug schnell in bodenlosen Schmerz um, und meine Männer überwältigten mich mühelos.
Ich zerbrach in Milliarden Stücke, als die Wellen der Emotionen mich vollkommen verschlangen. Vier Männer brauchte es, um mich festzuhalten, bis sie mir ein Beruhigungsmittel spritzten, das mich schlaff und bewegungsunfähig machte. Ich verbrachte die Nacht damit, an die Decke zu starren und zu begreifen, was passiert war. Ihre betörenden grünen Augen – jetzt nur noch ein Bild in meinen Gedanken. Ich werde nie wieder in sie blicken können. Verdammt, es bringt mich um!
Mein Auto kommt zum Stehen, und draußen strömt der Regen, als würde er meine innere Qual widerspiegeln. Ich steige aus dem Wagen und gehe, oder besser gesagt, ich schleppe mich in Richtung der griechischen Kirche. Ich bin nicht bereit, Abschied zu nehmen. Unser Sohn braucht sie. Ich verdammt noch mal brauche sie. Ich schüttle den Kopf und murmle: „Ich will das nicht. Ich kann mich nicht verabschieden.“
Das hysterische Weinen übertönt alles und reißt mich aus meinen Gedanken. Ihre beiden Tanten schreien beim Anblick ihres Sargs. Ich schaue nach vorne und kämpfe gegen den Drang an, nach vorne zu gehen und ihren schlaffen Körper so lange zu schütteln, bis sie wieder zum Leben erwacht. Ich ignoriere das Chaos um mich herum und setze mich in die hinterste Ecke. Immer wieder fühlt es sich an, als würden mir Messer in die Brust gerammt. Ich lasse meine Sonnenbrille auf, während mir neue Tränen über das Gesicht laufen.
„Mama“, ruft Nathan nach ihr. Seine kleinen Augen scannen die Kirche in der Hoffnung, sie zu finden. Der Griff meiner Mutter um ihn wird fester. Sie weint an der Schulter meines einjährigen Sohnes, während mein Vater sie stützt. Jedes Mal, wenn ich Nathan nach seiner Mutter rufen höre, zerbreche ich erneut.
„Mina“, fleht Lia, ihre Stimme klingt schmerzerfüllt. Das Zittern in ihrem Körper ist seit dem Tag im Krankenhaus nicht mehr weggegangen. Sie musste ihre Antidepressiva erhöhen, aber sie helfen nicht. Ich sehe zu, wie das Mädchen zusammenbricht. Sie steht kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, während Matteo sie stützt.
Ich habe Petros Wunsch respektiert. Das Einzige, was er sagte, war die Bitte um einen geschlossenen Sarg. Er will nicht, dass das ihre letzte Erinnerung ist. Ich habe zugestimmt, die Schwestern haben zugestimmt. Ich will nicht in ihr farbloses Gesicht sehen. Ich ziehe die Bilder vor, in denen ihre Wangen feuerrot leuchteten, wenn sie schüchtern war.
Tommy setzt sich neben mich und legt seine Hand auf meine Schulter, aber kein Wort kommt über seine Lippen. Wir beide konzentrieren uns auf Stefano und Jaz. Zum ersten Mal haben sie ihren Sohn bei den Kindermädchen gelassen. Sie mussten sich verabschieden. Jaz klammert sich an Stefanos Arm und weint ununterbrochen, sie erstickt fast an ihrem eigenen Schluchzen. Die Trauer erfüllt die Luft, sie ist erstickend. Keiner von uns kann den anderen trösten.
Kat kommt als Letzte herein. Ihr Blick ist starr auf den Altar gerichtet. Beim Anblick des Sargs knicken ihre Knie ein. Sie sinkt zu Boden und scheitert kläglich daran, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Ihr Körper lässt sie nicht mehr aufstehen. Nick zieht sie hoch und hilft ihr auf einen Platz. Tommy stößt einen schweren Atemzug aus und reibt sich beim Anblick von ihr die Augen. Niemand hier ist nicht gebrochen.
Jeder geht zugrunde. Alles ist trostlos. Alles hat seine Farbe verloren.
Der Priester beginnt mit seinem Gebet, und ich verstehe kein Wort. Interessiert mich das? Nein! Nichts wird die Tatsache ändern, dass ich sie verloren habe. Nichts wird sie zurückbringen. Sie ist nicht in New York. Sie liegt in einem Sarg und wird bald unter der Erde sein. So sollte es nicht sein.
Ich schiebe meine Hand in die Tasche, hole ihren Verlobungsring heraus und drücke ihn fest in meiner Faust. Meine Zukunft ist zerstört. Die Erinnerungen an meinen Heiratsantrag spielen sich wie ein Film vor mir ab. Wie nervös sie war. Wie glücklich sie war. Ihr Lächeln erhellte den ganzen Raum. Der ständige Schmerz lähmt mich, macht mich bewegungsunfähig. Ich führe meine Faust zu den Lippen, halte ihren Ring fest und murmle hinein: „Du hast mich verlassen. Du hast mich zerstört.“
Ich spüre Tommys Hand auf meinem Rücken. Er atmet schwer aus. Das ist neu für ihn. Er hat keine Ahnung, was er sagen oder tun soll. Nichts spendet Trost. Nichts füllt das Loch in meiner Brust, doch mein Bruder versucht es, auch wenn es völlig außerhalb seiner Komfortzone liegt. Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Der Tag ist noch lange nicht vorbei. Ich muss stark bleiben. Ich will hier sein, und gleichzeitig will ich es nicht.
Mein Bruder tippt mir auf die Schulter und signalisiert mir, aufzustehen. Ich folge ihm, stecke ihren Ring zurück in meine Tasche und gehe auf den Sarg zu, um ihn auf unsere Schultern zu heben. Petro und ich gehen voran, Nick und Laz sind in der Mitte, und meine beiden Brüder folgen dahinter. Die Kirchenglocke läutet den Morgen ein, als wir sie zum Leichenwagen tragen. Ich umklammere den Griff fester, und als ich meinen Kopf an die Seite ihres Sargs lehne, steigt Galle in mir hoch, die ich mühsam runterschlucke. Ich ertrinke in meiner Trauer. Ich kann mich nicht über Wasser halten.
Als ich sie in den Leichenwagen schiebe, treffen sich meine Augen mit Petros. Schuldgefühle überwältigen ihn. Er wankt und schüttelt den Kopf. Abgesehen von ein paar Bitten hat er seitdem kein Wort mehr gesagt. Er starrt nur auf die Kiste, in der seine Cousine liegt. Bianca zieht ihn am Arm zum Wagen.
Ich habe mich heute dazu entschieden, alleine zu fahren, nur mit einem fremden Fahrer. Mein Sohn bleibt in der Obhut meiner Mutter. Ich bin unfähig, mich um mein eigenes Kind zu kümmern. Als Nathan nach seiner Mutter ruft, schwächen mich seine grünen, verweinten Augen und zwingen mich in die Knie. Innerhalb eines Augenblicks haben wir sie verloren.
Ich setze mich in mein Auto, der Motor brüllt auf, und der Fahrer folgt langsam dem Leichenwagen. Das Gefühl kehrt langsam in meinen Körper zurück. Ich muss mich betäuben. Ich hole meinen Flachmann heraus und ertränke mich ein weiteres Mal. Nur so komme ich da durch. Ein Teil von mir ist mit ihr gestorben. Ich fühle nur noch Leere. Ich versuche es. Gott weiß, dass ich versuche, die Scherben für meinen Sohn zusammenzuhalten.
Wir biegen auf ihren letzten Ruheplatz ein. Ich nehme einen großen Schluck und wische mir mit dem Handrücken über den Mund. Ich habe angefleht, dass das alles nur ein Albtraum ist. Ich habe gebettelt, aufzuwachen und sie neben mir liegen zu sehen. Jeden Morgen werde ich enttäuscht und bin am Boden zerstört. Ich ziehe scharf die Luft ein und versuche, mich vorzubereiten, während sich die Tür öffnet.
Die Jungs stehen neben dem Leichenwagen und warten darauf, dass ich meinen Platz einnehme. Ich will das nicht tun. Ich will nicht zusehen, wie sie in die Erde hinabgelassen wird. Ich wische die Tränen weg, die in ihrem Namen fallen, und richte mich auf. Ich nehme mein Ende des Sargs ein letztes Mal auf die Schulter. Es kostet mich alle Kraft, nicht zusammenzubrechen. Der Weg ist kurz, und mein Blick fällt auf die Grabsteine ihrer Eltern und den des Vaters von Petro. Die Familie wollte sie in der Nähe der anderen Mitglieder haben, die sie verloren haben. Als wir sie auf der Bestattungsvorrichtung platzieren, schwebt der Sarg über dem offenen Grab. Ich drehe mich auf dem Absatz um und nehme Platz. Der Priester wird noch ein paar Worte sagen, bevor sie hinabgelassen wird. Joanna, die Mutter von Laz, reicht uns allen eine rote Rose. Mit zitternden Händen und herzzerreißenden Atemzügen gibt sie Nathan eine, von der die Dornen bereits entfernt wurden.
Meine Tränen erreichen meine Lippen, während der Priester unaufhörlich weiterspricht. Ein Teil von mir will, dass das alles schnell endet. Der andere will, dass es niemals endet. Menschen wie ich bekommen kein Glück. Menschen wie ich verlieben sich nicht – oder sollten es zumindest nicht. Und doch habe ich mich in sie verliebt. Sie brachte mich dazu, alles zu begehren, was Männer wie ich nicht haben sollten. Unsere gemeinsame Zeit werde ich niemals vergessen. Fotos sind alles, was bleibt, zusammen mit meinen Erinnerungen.
Mein Sohn wird ohne Mutter aufwachsen, aber ich lege einen Eid in ihrem Namen ab. Er wird sie kennenlernen. Er wird wissen, wie mutig und wunderschön sie war. Er wird wissen, wie sehr sie ihn geliebt hat. Endlich werde ich all meine Fehler gestehen und sagen, dass seine Mutter zehn Monate lang sein Ein und Alles war.
Der Moment ist gekommen, in dem ich gezwungen bin, dem Hinablassen des Sargs zuzusehen. Kat, Jaz und ein unbekanntes Mädchen stehen an der Seite und spielen Musik. Jede von ihnen führt ein Mikrofon an ihre Lippen. Qual und Trauer gehen von jeder der Frauen aus. Sie können kaum aufrecht stehen.
Jaz beginnt das Lied mit einem zittrigen Atemzug.
Es tut mir leid, dass ich dir nie gesagt habe, was ich sagen wollte, und jetzt ist es zu spät, dich zu halten, denn jetzt bist du fortgeflogen. So weit weg.
Kat wischt sich hektisch die Tränen weg und versucht zu singen.
Ich hätte mir nie träumen lassen, ohne dein Lächeln zu leben.
Sie bricht zusammen, und das unbekannte Mädchen muss für sie weitermachen. Jaz legt einen Arm um Kat, um sie zu stützen.
Das Gefühl, zu wissen, dass du mich hörst, hält mich am Leben, am Leben.
Alle drei holen tief Luft und zwingen sich in eine aufrechte Haltung. Sie schaffen es, traurig weiterzusingen.
Und ich weiß, du strahlst vom Himmel auf mich herab. Wie so viele Freunde, die wir auf dem Weg verloren haben. Und ich weiß, irgendwann werden wir zusammen sein. Zusammen, an einem süßen Tag... ich werde dich immer lieben, und ich warte geduldig darauf, dich im Himmel zu sehen, an einem süßen Tag.
Ich blende das passende, aber herzzerreißende Lied aus. Mein Blick wandert zu den Familienmitgliedern. Jeder von ihnen beugt sich hinab, nimmt eine Handvoll Erde und wirft sie zusammen mit der Rose in ihren Händen auf den Sarg. Meine Mutter hilft meinem Sohn, während er auf das Foto seiner Mutter auf dem Grabstein starrt und nach ihr ruft. Ich atme scharf ein und stoße die Luft zitternd wieder aus. Er begreift nicht, dass er sie verloren hat. Er sucht immer weiter. Ich habe das Gefühl, einen Herzinfarkt zu bekommen. Ich ringe nach Luft, und meine Brust zieht sich bedrohlich zusammen.
Ich warte, bis alle fertig sind, und stehe auf. Ich nehme eine Handvoll Erde, strecke meine Hand über das offene Grab und lasse sie durch meine Finger rieseln. „Ich liebe dich, Schätzchen“, murmle ich und starre auf ihr Bild. „Meine rote Rose“, flüstere ich und werfe die Blume auf das Grab.
Jede Faser meines Körpers will in das Loch springen und sie herausziehen. Ich bin völlig wahnsinnig. Ich stehe über ihrem Grab und weigere mich dennoch zu glauben, dass sie fort ist. Tommys Hand legt sich auf meine Schulter, während auch er eine Handvoll Erde und eine Rose auf ihren Sarg wirft.
„Du wirst uns allen fehlen“, flüstert er. „Es tut mir leid“, sagt er und schüttelt den Kopf. Mein Bruder wischt sich über die Augen und atmet tief durch, während er in den Himmel blickt, aus dem Regentropfen fallen.
„Sag dem Fahrer, er soll warten“, krächze ich – meine ersten Worte seit Tagen. Ich drehe auf dem Absatz um, setze mich zurück auf den Stuhl und sehe zu, wie die Friedhofsarbeiter ihr Grab zuschütten.
Tommy kommt zurück und zieht einen Stuhl neben mich; er seufzt schwer. Er weicht mir nicht von der Seite. Sie haben Angst davor, was ich tun könnte. Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Ich habe mich noch nie so instabil gefühlt. In einem Moment verzehrt mich die Wut, und im nächsten Augenblick überkommt mich der Herzschmerz.
„Finde sie, Tommy!“, sage ich durch zusammengebissene Zähne.
„Ich suche, Bruder. Ich werde sie dir ausliefern!“, betont er. Ich drehe mich zu ihm um. Er hält den Kopf gesenkt und spielt mit seinen Fingern. Seine Stirn liegt in qualvollen Falten.
„Eher früher als später“, fordere ich und richte meinen Fokus wieder auf ihr Grab. Der Regen beginnt stärker zu werden. Ich brauche ein Ventil. Ich brauche jemanden, der dafür büßt. Je mehr ich auf ihr Bild schaue, desto mehr brennt meine Wut. Sie sollte hier sein, bei unserem Sohn und mir, und nicht tot.
Er atmet schwer aus und reibt sich das Gesicht. „Wir müssen einfach nur den heutigen Tag überstehen. Ich werde die Suche ausweiten. Nimm dir etwas Zeit, Raf. Nathan braucht dich. Ich kümmere mich um die Geschäfte. Ich muss mich nützlich fühlen.“
Er stellt die Familie immer an erste Stelle, egal wie unreif er ist, besonders in seinem Privatleben. Ich kann mich immer auf ihn verlassen, wenn die Familie ihn braucht. Er enttäuscht mich nicht.
Ich stehe von meinem Platz auf und knöpfe mein Sakko zu. „Wir sehen uns zu Hause.“
„Raf“, er hält mich auf. Ich warte, ohne mich umzudrehen, dass er weiterspricht. „Es tut mir leid, Bruder.“
Ich nicke und mache mich auf den Weg zum Auto, wobei ich unterwegs meinen Flachmann herausziehe. Ich brauche Alkohol.
* * * * *
Ich komme als Letzter am Anwesen an. Ich habe bei ihrem Haus angehalten und eine Stunde dort verbracht. Sie wollte beide Immobilien verkaufen. Das Bedürfnis, ihr nahe zu sein, hat mich dazu gebracht, sie vom Markt zu nehmen. Ich möchte, dass unser Sohn alles hat, was einst mit ihr verbunden war.
Ich ignoriere jeden und gehe direkt in mein Büro. Ich lege ihren Ring in die Schublade neben die Kugel, die ihr das Leben nahm. Es gelingt mir absolut nicht, zur Ruhe zu kommen. Obwohl ich die ohrenbetäubende Stille fürchte, muss ich mich der Familie anschließen. Ich kann mich hier nicht ewig verstecken. Ich werfe mein Sakko beiseite und gehe in das Wohnzimmer.
„Warum hast du nicht mehr getan?“, Lias schrille Stimme lässt mich aufschrecken. Sie schreit Petro und Laz an. „Warum habt ihr beiden nicht operiert? Sagt es mir!“ Tränen laufen ihr über das Gesicht. Sie kann die Trauer, die sie erstickt, nicht kontrollieren. Sie zieht den Ausschnitt ihres Oberteils nach unten und japst nach Luft: „Ich weiß, wenn ihr dort drinnen gewesen wärt, hättet ihr nicht aufgehört. Ihr hättet nicht aufgegeben. Ihr hättet sie gerettet!“
Sie stößt Petro hart gegen die Brust und bricht zusammen. „Warum habt ihr sie nicht gerettet?“
Laz stellt sich zwischen sie und Petro. Sie beschuldigt ihn hart und grundlos. „Wir sind keine Götter, Lia“, schnauzt Laz. „Es ist unfair von dir, ihm die Schuld zu geben“, sagt er niedergeschlagen. „Wir waren nicht im richtigen geistigen Zustand, um zu operieren. Wir konnten nicht. Es ist etwas anderes, wenn der Patient ein Familienmitglied ist. Das trübt das Urteilsvermögen.“
„Wir haben sie verloren. Meine Schwester ist fort. Wir können sie niemals zurückbringen“, schreit Lia. Matteo steht hinter seiner Frau und zieht sie fest in seine Arme. Seine Züge verzerren sich schmerzhaft vor Sorge. Sie beginnt zu hyperventilieren; ihr Hals zieht sich zu und ihre Augen weiten sich vor Angst, da keine Luft mehr in ihre Lungen gelangt.
Er flüstert ihr ins Ohr: „Ganz langsam atmen, Lia.“ Sie schließt die Augen und lässt Matteos Worte ein wenig auf sich wirken.
„Es tut weh, Matteo, mehr als vorher. Es tut so weh!“ Ihr Brustkorb hebt und senkt sich rasend schnell. Wieder einmal verfällt sie in eine Hysterie. Durch den Sauerstoffmangel verdrehen sich ihre Augen, und sie verliert in Matteos Armen das Bewusstsein.
Petro löst sich aus seinen quälenden Gedanken. Er wischt sich schnell über die Augen und macht sich auf den Weg zum medizinischen Zimmer.
„Sie wurde besser und war weg von den Antidepressiva, weil sie Mina zurückhatte und ihre Beziehung langsam wieder aufbaute“, seufzt er, während er auf Petro wartet. Er hält seine Frau in den Armen und wiederholt: „Sie wurde besser.“
Petro kommt mit einer Spritze heraus. Genau wie vor zwei Jahren muss er sie sedieren. Der Tag, an dem wir Asimina verlassen haben, war der Tag, an dem ihre Depression geboren wurde. Sie kam damit nicht zurecht. Auch wenn sie die Gefahr verstand und zustimmte, von ihrer Schwester getrennt zu sein, stürzte sie das in eine Abwärtsspirale.
Ihre Depression verschlimmerte sich, bevor sie besser wurde. Die Tatsache, dass Asimina ein Kind zur Welt brachte und sie nicht für sie da sein konnten, verschlimmerte ihren Schmerz nur noch. Petro erhöhte die Dosis ihrer Antidepressiva. Erst in den letzten Wochen hatte sie begonnen zu heilen und war weniger abhängig von Medikamenten. Matteo macht sich auf den Weg zu einem der Gästezimmer. Mariano und Mia folgen ihm, um ihm zu helfen.
Nat sitzt in der hintersten Ecke und weint; sie ist am Ende, und ihr Zustand der Qual erlaubt es ihr nicht, Lia in irgendeiner Weise zu helfen. Sie räuspert sich und fragt: „Wo ist Kat?“
„Tessa hat sie nach Hause gebracht.“ Nick macht eine Pause und senkt den Kopf. Er schüttelt ihn heftig. „Sie kämpft sehr“, sagt er. Er drückt sich den Nasenrücken und fährt fort: „Sie ist genauso am Boden zerstört. Da ihr nur Brüder habt, seid ihr Mädels die Schwestern, die ihr gefehlt haben.“
Nat nickt schwach vor Verständnis. „Nathan?“, fragt sie erneut.
„Ich habe es geschafft, ihn zum Schlafen zu bringen. Er ist in seinem Zimmer“, stellt meine Mutter fest und wischt sich die Tränen ab; ihr Atem klingt mutlos. „Ich möchte, dass jemand ein Auge auf Kat hat“, fordert sie.
Nat erhebt sich von ihrem Platz und meint: „Ich schaue nur kurz nach, ob bei Nathan alles in Ordnung ist.“ Sie führt ihre zitternde Hand an den Mund und weint: „Er ist ein Teil von ihr. Sie hätte gewollt, dass ich mich um ihn kümmere. Bitte lass mich das tun. Ich will sie nicht enttäuschen.“ Sie blinzelt immer wieder, um ihre Sicht zu klären.
Ich nicke ohne Zögern. Ich möchte, dass er der Familie seiner Mutter nahe ist. Ich brauche sie, damit sie mir helfen, ihr Andenken wachzuhalten. Ich will diese Frau niemals vergessen, und ich möchte, dass unser Sohn alles über sie weiß.
Antonio steht auf und geht neben seiner Frau die Treppe hoch zu Nathans Zimmer. Trotz all seiner Bemühungen konnte er sie nicht trösten.
„Come ti senti?“, fragt mein Vater meine Mutter.
Ihre Augen schnellen zu ihm hoch. „Wie ich mich fühle?“, wiederholt sie wütend. „Als hätte ich schon wieder ein Kind verloren, Luciano.“ Sie stößt gedämpftes Schluchzen aus. „Unser Enkel hat seine Mutter verloren. Wie glaubst du, fühle ich mich?“ Sie schüttelt bei seiner dummen Frage den Kopf.
Mein Vater und mein Onkel haben beide ihre Schwester verloren. Es war ein dunkler Moment. Lucian und Valentino Morelli kämpfen noch immer damit. Die Wut meiner Mutter bekommt die Oberhand. „Unsere Veranstaltungen sollen sicher sein. So eine Scheiße passiert nicht bei einer unserer Veranstaltungen!“ Vor Wut bebend, verstärkt sie ihren Griff an der Hand meines Vaters. „Finde sie, Luciano. Ich will, dass sie tot sind. Hörst du mich?“
Mein Vater umfasst ihren Hinterkopf und drückt seine Lippen auf ihre Stirn. Seine Bemühungen beruhigen sie ein wenig. „Camila und Mina sind fort“, weint sie.
Ich schließe die Augen und kämpfe gegen die Gefühle an, die mich zerreißen. Asimina und meine Mutter standen sich nahe. Sie betrachtete sie wie eine Tochter. Ich steuere noch einmal die Bar an. Schnaps, ich brauche Alkohol. Ich will das Engegefühl in meiner Brust nicht spüren. Ich ertrage diesen überwältigenden Schmerz nicht. Ich fülle mein Glas und führe es an meine Lippen. Das brennende Gefühl läuft meine Kehle hinunter und gibt mir einen anderen Fokus.
„Petro“, Biancas sanfte Stimme ist kaum zu hören. „Bitte, Baby, gib dir nicht selbst die Schuld. Lia ist nicht bei klarem Verstand. Sie weiß nicht, was sie sagt.“ Sie kniet sich vor ihn und nimmt sein Gesicht in ihre Hände.
Petro schüttelt den Kopf. Seine Züge verzerren sich schmerzhaft. „Ich halte es nicht aus, mich so zu fühlen, diese Schuld.“ Seine Augen füllen sich mit Tränen, und er schluckt hart. Er steht abrupt auf und fährt sich mit den Händen durch die Haare. „Vielleicht hätte man mehr tun können. Vielleicht, wenn wir die Dinge anders gemacht hätten. Vielleicht wenn…“, er zögert.
„Hör damit auf“, weint meine Mutter. „Mina hätte nicht gewollt, dass du dir die Schuld gibst. Du hast mehr als genug getan.“
Er blickt zu meiner Mutter. „Ich brauche etwas Luft“, murmelt er, dreht sich um und geht direkt zur Tür hinaus.
Bianca will ihm folgen, aber unser Vater hält sie zurück. „Lass ihm Raum.“ Sie nickt widerwillig und setzt sich neben unsere Mutter.
* * * * *
Die nächsten Stunden vergingen in Schweigen, jeder war in seine eigenen Gedanken versunken. Sie alle behielten meinen Sohn im Auge, während er herumlief. Ihre Herzen brachen für den Jungen, der seine Mutter verloren hat, es aber noch nicht begreifen kann. Weil sie eine Ablenkung brauchten, kochten meine Mutter und Nat das Abendessen – mehr für Nathan. Niemand sonst hatte Appetit. Ich saß mit einem Drink in der Hand auf dem Sofa und wischte durch die tausend Fotos von Asimina auf meinem Handy.
Ich stand von meinem Platz auf, um mein Glas aufzufüllen, und blickte aus dem Fenster. Petro saß in Asiminas Mustang, in Gedanken versunken. Er war hinausgegangen und hatte angefangen, das Auto zu putzen, von innen und außen, als würde er es auf Hochglanz polieren.
„Raffaele“, ruft meine Mutter nach mir. Ich trinke meinen Drink auf einen Schluck aus und drehe mich zu ihr um. „Nathan hat gegessen. Er ist gebadet und bereit für die Nacht.“
Ich werfe das Glas auf die Bar, gehe zu ihr und nehme meinen Sohn aus ihren Armen. Er braucht mich. Asimina war einst in einer Welt voller Schmerz, aber sie schaffte es, ihn zu überwinden und sich auf Nathan zu konzentrieren. Ich muss dasselbe tun. Durch ihn lebt sie weiter.
Ich gehe mit meinem Sohn auf dem Arm in mein Schlafzimmer. Die Bettwäsche wurde nicht gewechselt. Asiminas Duft haftet noch immer an dem Stoff. Er spendet uns Trost. Ich lege mich mit ihm ins Bett, er drückt sein Gesicht in das Kissen seiner Mutter und kommt sofort zur Ruhe. Ich lege meine Hand auf seinen kleinen Kopf und küsse ihn. „Jetzt sind es nur noch du und ich. Ich muss stark genug für uns beide sein.“