1. Prolog
Weit oben im Norden, wo das Wetter rau und die Winde stürmisch sind, näherte sich ein großer Rahsegler der Küste. Die Gischt der aufgepeitschten See schlug bis hoch gegen den Bug des Schiffes, als dieses seinen Weg durch die dunkle Nacht suchte. Nur wenige Sterne standen am Himmel, die dünne Mondsichel war von schweren Wolken verhangen. Noch war das Boot weit vom Ufer entfernt. Die gerefften Segel blähten sich im Sturm und trieben es in voller Fahrt voran.
Hoch aufgerichtet stand ein Mann am Ruder. Mit dicken Seilen hatte er sich an das Steuerrad gebunden. Dennoch traten die Knöchel an seinen Händen weiß hervor, so fest war der Griff um das Holz. Die langen Haare hatte der Mann mit einem Lederband zurückgebunden. Sein Bart war ordentlich gestutzt. Kleine Wassertropfen hatten sich in ihm verfangen.
Hell blitzte der Mond auf, als eine starke Böe die Wolken weitertrieb und den wettergegerbten Körper des Mannes anschien, der lediglich eine schlichte Leinenhose trug. Nur kurz leuchteten auf Brustkorb und Oberarm seltsame, schwarze Linien auf. Dann verdunkelte die nächste Wolke den Mond und tauchte die See in eine Finsternis, die nur noch Silhouetten erahnen ließ.
Je näher das Schiff der Küste kam, desto dichter ragten die scharfen Felsen aus dem Wasser. Zielsicher und souverän steuerte der Krieger das Boot durch die gefährlichen Riffe, die drohten, ihm den Weg zu versperren und den Rumpf des Schiffes aufzureißen. Immer wieder schrie er mit kraftvoller Stimme Befehle in die Dunkelheit. Mühelos übertönte er dabei das Tosen der Wellen und des Windes. Obwohl der Mann am Ruder zum ersten Mal diese Bucht ansteuerte, schien er jede Untiefe, jede Gefahr rechtzeitig zu erkennen, und lenkte das Langboot sicher durch die Felsen hindurch. „Holt die Segel ein“, dröhnte seine sonore Stimme über das Boot. Sofort bewegten sich Schatten an Deck und in den Rahen, um dem Befehl nachzukommen. Das Schiff verlangsamte seine Fahrt und fand seinen Weg durch die letzten Klippen. „Ruder raus“, erschallte das nächste Kommando in die Nacht hinein, kurz bevor das Boot in dem nun ruhigeren Wasser zum Stehen kam. Mehrere Dutzend Ruderpaare schoben sich beidseitig aus Luken an der Bordwand heraus und begannen, sich synchron zu bewegen. Das Schiff nahm langsam wieder Fahrt auf. Konzentriert hielt der Mann am Steuer den Blick nach vorne gerichtet. Erst, als es leise knirschte, und der Bug sich in den nassen Ufersand grub, griff er in seinen Gürtel, zog ein glänzendes Messer hervor und durchtrennte das Seil, das ihn an das Steuer gefesselt hatte.