Kapitel 1
„Aurela, ich schwör bei Gott. Nerv. Mich. Nicht!“, fängt Fernando laut an zu brüllen.
Ich kneife meine Augen fester zusammen.
Ängstlich laufe ich mehrere Schritte nach hinten, bis ich gegen die Küchentheke stoße.
Das kann doch nicht wahr sein...
Wieder einmal ist er aggressiv und ich bin im komplett ausgesetzt.
Mit zittrigen Händen wische ich meine Tränen weg und ein paar Tropfen Blut wische ich gleich mit.
„Ich wollte nur wissen, was du jetzt Essen willst.“, fange ich wieder leiser an.
Lange schaut er mich an, doch kommt mir zum Glück nicht näher.
Ängstlich schaue ich auf den Boden, da er nicht reagiert.
Plötzlich läuft er seufzend zur Eingangstür, schnappt sich die Schlüssel und verlässt in später Nacht das Haus.
Endlich ist er weg.
Nach ein paar Sekunden erwache ich von meiner Starre und fange laut an zu weinen. Ich lasse alle meine Gefühle frei und lasse mich auf dem Boden nieder. Ich hasse es so schwach zu sein...
Ich habe es satt, dass er mir wehtut. Mein Körper kann es nicht mehr aushalten. Immer mehr verschwindet mein Wille für das Leben. Das ist doch verrückt?!
Früher war Fernando komplett anders. Er hatte es geschafft mein Herz zu erobern. Meine Familie war gegen unsere Beziehung und für ihn habe ich den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen.
Wäre ich doch nicht so naiv gewesen!
Mit der Zeit wurde er plötzlich anders und begann mich zu schlagen, anzuschreien und allgemein schlecht zu behandeln.
Weshalb?
Ich weiß es nicht.
Mit ihm bin ich in eine neue Stadt gezogen und habe mir mein eigenes kleines Café eröffnet. Er arbeitet als Polizist.
Was für eine Ironie, er ist ein Polizist. Trotzdem bricht er bewusst die Gesetze.
Wenn ich abhauen würde, würde mein Leben nicht besser sein. Die Wohnung ist auf seinen Namen, also gehört sie mir nicht einmal.
Zum Glück sind wir nur Verlobt und nicht verheiratet.
Dafür danke ich Gott jedes Mal.
Egal wie hart ich arbeite, mit dem Café schaffe ich es gerade mal über die Runden.
Und da gibt es noch eine Sache...
Rückblick von vor drei Tagen
Was ist nur los mit mir?
Weinend liege ich auf dem Badezimmerboden. Wieder habe ich mich übergeben, das ist doch nicht mehr normal?!
Plötzlich kommt mir ein Gedanke.
Bin ich etwa...
„Geh da raus, ich muss auf Toilette!“, höre ich Fernando wütend rufen.
Ich hatte die Toilettentür abgeschlossen.
Sofort reagiere ich.
Schnell stehe ich auf und wasche mir meinen Mund kurz ab.
„Einen Moment.“, antworte ich ihm schnell, bevor er noch wütender wird.
Ich schaue mich kurz im Spiegel an, wische meine Tränen weg und öffne dann die Tür.
Sofort blicke ich in sein wütendes Gesicht.
Er schubst mich aus dem Badezimmer und schließt die Tür.
„Ich gehe kurz einkaufen.“, sage ich ihm, bevor ich die Eingangtür hinter mir schließe.
Mit zügigen Schritten laufe ich los und suche mir die nächste Apotheke.
Mit dem Navi komme ich recht schnell an.
„Guten Tag, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragt mich eine Mitarbeiterin.
Ich lächele sie kurz an.
„Ich bräuchte einen Schwangerschaftstest.”
Sie nickt mir zu und läuft zu den Regalen.
Schnell wird sie fündig und läuft wieder zu mir zurück.
„Dieser kostet 14,99€“, informiert sie mich.
Dankend nicke ich ihr zu.
„Könnte ich diesen vielleicht hier machen? Gibt es hier eine Toilette?“, frage ich sie verlegen.
Etwas verwirrt schaut sie mich kurz an.
„Ja, hier gibt es eine Toilette.”
Nickend bezahle ich schnell und sie führt mich zu den Toiletten.
Tief atme ich durch.
„Alles wird gut, Aurela.“, spreche ich mir selbst Mut zu.
Ich packe den Test aus und befolge die Gebrauchsanweisung.
Ich schieße meine Hose wieder und laufe aus der Apotheke raus und suche mir eine Bank.
Bitte, bitte, bitte. Sei bitte nicht positiv.
Die nächsten Minuten waren wie Stunden für mich.
Langsam drehe ich den Test um, er müsste jetzt fertig sein.
Sofort kommen mir die Tränen.
„Ich bin wirklich schwanger!“, weine ich laut.
Er darf diesem Kind nicht zu Nahe kommen....
Ich bin wohl auf dem Boden eingeschlafen.
Vor Schmerz stöhnend, versuche ich aufzustehen, doch sofort falle ich wieder zurück. Nach ein paar Minuten schaffe ich es endlich hochzukommen.
Ich muss mich umziehen und dann ins Café gehen. Zum Glück ist Fernando schon weg. Vielleicht kam er auch gar nicht nachhause, wer weiß?
Plötzlich kommt wieder diese Übelkeit. Scheiße!
Sofort renne ich ins Badezimmer und übergebe mich.
Niemals hätte ich gedacht, das eine Schwangerschaft so anstrengend sein kann. Ich bin noch am Anfang, also weiß ich nicht, was ich davon halten soll.
Wie soll ich es auch Fernando erklären, wenn mein Bauch größer wird? Ich muss von ihm weg gehen. Dieses Kind darf niemals in seine Hände geraten! Sonst werden wir beide es nicht überleben.
Abtreiben kommt niemals in Frage, ich will dieses Kind haben.
Nachdem ich mich noch einmal übergeben habe ziehe ich mich um und setze mich an meinen Schminktisch.
Seufzend schaue ich mir meine ganzen blauen Flecke und Blutergüsse an. Wieder muss ich dieses mit viel Make-up abdecken. Doch mein Auge ist angeschwollen und das kann ich nicht abdecken.
Innerhalb zehn Minuten bin ich fertig und kann das Haus verlassen. Mit der Bahn muss ich ungefähr fünfzehn Minuten zum Café fahren. Ich mag es gern Musik zu hören, während ich zur Arbeit fahre, daher hole ich in der Bahn meine Kopfhörer heraus und höre leise Musik.
Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, wie mein Kind wohl aussehen wird. Wird es ein Mädchen? Oder doch ein Junge? Ich könnte mich garnicht entscheiden, wenn ich die Chance hätte. Ein Mädchen wäre glaub ich für das erste Kind perfekt.
Die Fahrt verging schnell und ich packe meine Kopfhörer wieder in meine Tasche. Wir haben jetzt sechs Uhr morgens. Um acht Uhr öffne ich den Laden, daher muss ich mich jetzt sputen.
Morgens ist die Gegend hier ruhig, aber Abend sieht es schon ganz anders aus. Es wird dann immer sehr gefährlich, aber bis jetzt ist mir nie etwas passiert. Oft handelt man hier mit Drogen, da die Polizei selten hier ist. Ideal für Kriminelle also.
Summend schließe ich die Tür auf und laufe in meinen Laden.
Ich bin sehr stolz darauf. Es war viel arbeit, um meinen Traum zu verwirklichen. Auch wenn es hier wirklich klein ist, reicht es mir aus. Es ist ein ganz anderes Gefühl etwas selbst zu besitzen, statt für andere zu arbeiten.
„Lasst und loslegen!” Ich klatsche in meine Hände und laufe in die Küche.
Ich fange an aus dem Kühlfach meine vorgefertigten Muffins und Brownies rauszuholen und sie vorzubereiten.
Heute will ich auch einen Schoko- und einen Erdbeerkuchen zubereiten.
Ich schalte noch kurz Musik an und gebe mir viel Mühe, alles perfekt zuzubereiten.
Mittlerweile sind zwei stunden um, und ich öffne die Tür und drehe das Schild in „Offen” um.
Aus der Küche hole ich noch schnell alles nach vorne und stelle es in die Vitrine.
Die Musik stelle ich auf leise und mit einem Lappen fangen ich an die Tische zu wischen.
Zwei Tische stelle ich mit den dazugehörigen Stühlen nach draußen, da es schönes Wetter ist.
Kurz zische ich auf, als mich eine Tischkante an meinen Oberschenkel trifft. „Ich hasse dich, Fernando!“, flüstere ich leise, bevor ich wieder reinlaufe.
Der Tag verging schnell. Heute waren viele Kunden da, da viele draußen waren. Das Wetter hat mir auch gute Laune bereitet.
Heute werde ich länger hier bleiben, da ich noch Kuchenböden und vieles mehr vorbereiten muss, für die nächsten Tage.
Fernando weiß, wie immer Bescheid. Zum Glück macht er mir da keine Probleme.
Um ca null Uhr höre ich viele Schritte von draußen und Gebrülle.
Was ist da los?
Unsicher laufe ich zur Tür und öffne sie. Ein Mann läuft genau in meine Richtung. Wie versteinert stehe ich an der Tür und weiß nicht, was ich machen soll.
„Geh beiseite!“, höre ich den unbekannten Mann rufen.
Sofort erwache ich von meiner Starre.
Bevor er mich erreicht laufe ich schnell in den Laden rein und renne in die Küche.
Leichte Tränen sammeln sich in meinen Augen.
Seine Schritte kommen immer näher. Schockiert halte ich meine Hand vor dem Mund.
Ich darf keinen Mucks von mir geben!
„Hab ich dich.“, höre ich ihn in mein Ohr flüstern.
—
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