Stiller Wald
»So ein blöder, dummer, selbstverliebter Vollidiot!«
Ich hasse es, doch ich kann nicht verhindern, dass ein kläglicher Schluchzer nach dem anderen meinen Lippen entweicht. Ein Glück, dass er das nicht hören kann! Dass er nur ahnen kann, wie schwer er mich getroffen hat.
Mein tränenverschleierter Blick lässt mich die Umgebung nur noch verschwommen wahrnehmen, aber ich stolpere weiter, so schnell ich kann. Schritt für Schritt. Immer weiter. Einfach nur weg von ihm!
Und weg von Lena. Nie werde ich das widerliche Grinsen vergessen, mit dem sie mir ihr Handy unter die Nase gehalten hat. Und weg von all den anderen, die den ganzen Vormittag nichts Besseres zu tun hatten, als hinter meinem Rücken zu tuscheln und über mich zu lästern. Jetzt weiß ich wenigstens, worum es ging.
Das Schamgefühl brennt übelkeitserregend in meinem Magen, als hätte ich heute Morgen keinen Kaffee, sondern Säure getrunken. Tränen rinnen lautlos über meine Wangen, während ich weiterlaufe. Immer weiter.
Der schmale Pfad ist dicht mit Tannennadeln bedeckt, meine Schritte federn weich auf dem Boden und meine Wanderschuhe geben beim Laufen kaum ein Geräusch von sich. Erst nach einer Weile werde ich langsamer. Mein Atem geht unregelmäßig, das Blut rauscht in meinen Ohren, aber die heiße Wut, die vorher jede Vernunft in mir verbrannt hat, ist abgekühlt. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon kopflos durch den Wald renne. Mein Gefühl für die Zeit habe ich völlig verloren.
Mit dem Ärmel meines schwarzen Shirts wische ich mir über die Augen, um die Tränen zu vertreiben und meinen Blick zu klären. Wahrscheinlich sollte ich umkehren, aber alles in mir sträubt sich dagegen, wieder auf die anderen zu treffen. Stattdessen beschließe ich, in gemächlichem Tempo weiterzugehen. Früher oder später werde ich bestimmt auf einen richtigen, markierten Wanderweg stoßen. So groß ist der Schwarzwald nun auch wieder nicht.
Die Bäume um mich herum sind uralt, knorrig und zum Teil mit Moos bewachsen. Der schmale Pfad, auf den ich mich so überstürzt geflüchtet habe, verdient diese Bezeichnung schon längst nicht mehr. Anfangs war er noch etwas breiter, doch das dichte Gestrüpp auf beiden Seiten sorgt dafür, dass ich ständig irgendwo hängen bleibe und dass sich Blätter und kleine Zweige in meinen dunkelroten, langen Haaren verfangen. Wurzeln ragen gefährlich weit aus dem Boden und immer wieder streifen tief hängende Zweige mein Gesicht.
Der satte Geruch von dunkler, feuchter Erde steigt mir in die Nase, vermischt mit dem frischen Duft von Moos, Kräutern, Tannennadeln und Holz. Tiefe Atemzüge beruhigen mein aufgewühltes Inneres und für eine Weile genieße ich die friedliche Ruhe, die mich wohltuend einhüllt.
Doch je weiter ich gehe, desto schwerer legt sich ein merkwürdiges Gefühl auf meine Brust, das mich nur noch schnell und flach atmen lässt.
Irgendetwas ist seltsam. Irgendetwas ist anders als zuvor. Ich erstarre mitten in der Bewegung, als mir klar wird, was es ist.
Es ist leise. Zu leise.
Um mich herum herrscht absolute Stille.
Kein Vogel zwitschert. Das Zirpen der Grillen ist verstummt. Da ist nicht einmal ein leises Rascheln im Unterholz und auch der leichte Wind hat nachgelassen, denn das Rauschen der Blätter ist nicht mehr zu hören. Durch das dichte, grüne Laubdach über mir dringen nur noch wenige Sonnenstrahlen, und auf einmal erscheint mir die Umgebung düster und gefährlich. Etwas Kaltes krampft sich in meinem Bauch zusammen und ich beschließe, dass es wohl doch besser ist, den Rückweg anzutreten.
Gerade als ich mich umdrehen will, blitzt etwas in meinem Augenwinkel auf. Ein glänzendes Ding schimmert durch das Gestrüpp, funkelt für einen Moment und verschwindet wieder.
Na gut, wenn ich nun schon mal hier bin, kann ich auch kurz nachsehen, was das ist. Denn auf eine wundersame Art und Weise zieht mich dieses glitzernde Etwas an. Eine Weise, die weit über normale Neugier hinausgeht. Ich komme mir fast vor wie eine Elster, die das dringende Bedürfnis hat, sich diesen blinkenden Gegenstand zu schnappen und für alle Zeiten wie einen Schatz in ihrem Nest zu hüten.
Nach wenigen weiteren Schritten trete ich aus dem Dickicht heraus und stehe völlig unerwartet auf einer mit hohem Gras bewachsenen Lichtung. Noch immer umfängt mich die unheimliche Stille. Sie liegt über dem Wald wie eine unsichtbare Decke, die alle Geräusche verschluckt.
Doch von hier aus kann ich endlich wieder den Himmel sehen. Graue Wolken türmen sich dort oben und lassen mich mit Bedauern daran denken, dass meine Regenjacke genauso wie mein Rucksack auf dem Bollerwagen dahin rumpelt, auf dem alle Teilnehmer der Abschlusswanderung ihr Gepäck deponiert haben. Hoffentlich fängt es nicht an zu regnen.
Die Wolken sind auch der Grund, warum der glänzende Gegenstand nur ab und zu aufblitzt. Das tut er immer dann, wenn es den Sonnenstrahlen für kurze Zeit gelingt, die Wolkendecke zu durchdringen. Meine Augen gleiten pausenlos über die dichte, sattgrüne Wiese, bis sich das geheimnisvolle Ding endlich wieder funkelnd bemerkbar macht.
Ein nie gekanntes Hochgefühl durchströmt mich und ich fühle mich wie ein Schatzsucher kurz vor der Entdeckung eines sagenumwobenen Goldschatzes. Im Laufschritt eile ich zu der Stelle, von der aus es so verlockend glitzert.
»Da bist du ja«, flüstere ich dem unbekannten Gegenstand zu, als könne er mich verstehen, den Blick atemlos auf den Boden geheftet, während ich die hohen Grashalme beiseite schiebe.
Endlich sehe ich es vor mir, das Objekt meiner Begierde. Meine Augen kleben an ihm fest und ich knie mich hin, um es aus der Nähe zu betrachten. Neben mir liegt ein großer umgestürzter Baum, dessen Wurzeln in die Luft ragen. Das ist wohl auch der Grund, warum die Erde den mysteriösen Gegenstand wieder ausgespuckt hat, denn er liegt am Rand des Loches, das die Wurzeln im Boden hinterlassen haben.
Es ist ein Spiegel.
Ein uralter, rechteckiger Spiegel mit einem breiten Rand aus Holz. Er ist trüb und an einigen Stellen blind, was nach der langen Zeit in der Erde kein Wunder ist, aber zum Glück nicht zersprungen. Auf dem Rahmen sind in regelmäßigen Abständen sieben ovale Steine von blutroter Farbe angebracht, auf drei Seiten je zwei Steine und auf einer Seite nur ein einzelner Stein. Dieser einzelne Stein ist umgeben von eingeschnitzten geometrischen Symbolen und fremdartigen Schriftzeichen.
Wie magisch angezogen gleiten meine Fingerspitzen über die Gravur, folgen jeder Kurve, verweilen auf dem erstaunlich warmen Holz. Ich meine sogar, ein ganz feines Pulsieren zu spüren, beinahe wie ein flatternder Herzschlag. Fast fühlt es sich an, als wäre dieser Spiegel ein lebendes Wesen.
Tief in meinem Inneren weiß ich, dass das alles sehr seltsam ist. Dass ich Angst haben und am besten weglaufen sollte. Aber das kann ich nicht. Das mahnende »Verschwinde lieber ganz schnell von hier!« meines Bauchgefühls wird von meiner fiebrigen Neugier einfach beiseite gewischt wie ein paar lästige Mücken.
Stattdessen kneife ich die Augen zusammen und versuche, die eingravierten Worte zu entziffern. Die verschlungenen, unbekannten Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen, formieren sich neu und schließlich kann ich sie lesen. Auch wenn ich ihren Sinn nicht begreife.
»Kamka vilate en esra«, murmle ich leise vor mich hin, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob das, was ich da tue, gut ist. Ohne den blassesten Schimmer davon zu haben, was diese Worte bedeuten.
Wie in Trance wiederhole ich sie. Einmal, zweimal und öfter, bis sich beim siebten Mal plötzlich etwas verändert. Die Spiegelfläche beginnt geheimnisvoll zu leuchten. Zuerst ist es ein feines, mattes Schimmern, dann ein diffuses Glimmen, bevor es sich zu einem gleißenden Strahlen verstärkt. Ich schließe die Lider, denn ich bin vollkommen geblendet. Als ich sie nach einer Weile wieder öffne, ist das Leuchten verschwunden. Stattdessen ist der Spiegel jetzt kristallklar.
Staunend strecke ich die Hand aus und berühre mit den Fingerspitzen sanft die glänzende Platte. Verblüfft ziehe ich die Augenbrauen hoch, als die Oberfläche plötzlich nachgibt und sich kräuselt. Ich will meine Hand zurückziehen, aber sie gehorcht mir nicht. Sie taucht Stück für Stück tiefer in den Spiegel ein, als ginge von ihm ein gewaltiger Sog aus. Erschrocken reiße ich die Augen auf und beobachte fassungslos das unglaubliche Geschehen.
Meiner Hand folgt der Unterarm, und endlich siegt mein Bauchgefühl. Mein Herz klopft wie wild. Panisch werfe ich meinen Körper nach hinten.
Ich muss sofort hier weg!
Mit aller Kraft versuche ich, meinen Arm aus dem Spiegel zu ziehen. Ich stemme mich dagegen, so fest ich kann. Doch der Sog, der ihn in die Tiefe reißt, ist viel zu stark. Er zerrt an mir, immer weiter, Stück für Stück, bis ich nicht mehr widerstehen kann.
Hilfe, was passiert hier? Sterbe ich jetzt? Werde ich in diesem fürchterlichen Spiegel ertrinken?
Mein Herz überschlägt sich vor furchtbarer, alles verschlingender Angst. Mein Atem rast, als meine Schulter meinem Arm folgt. Ich schnappe nach Luft und halte sie an, weil ich nicht verhindern kann, dass mein Kopf in den Spiegel eintaucht. Ich werde nach unten gezogen. Tief ins Nichts.
Und dann wird alles schwarz.