Der Tote im Schnee
Der Mann, der da auf der Türschwelle seiner Buchhandlung lag, war ganz klar tot. Da war sich Sato sicher. Dafür sprach alleine schon das Katana, das aus seinem Bauch ragte. Doch wenn alleine dies schon nicht ausreichte, um ihn zu überzeugen, dann war da noch das Blut, das den Schnee rot färbte.
»Ein seltsam schöner Anblick«, sinnierte Sato zu sich selbst. »Fast melancholisch.«
Die Glocke über der Ladentür klirrte leise, als sie vom Wind bewegt wurde. Hinter ihm miaute Kuro, sein schwarzer Kater, der wohl sicherstellen wollte, dass er nicht vergessen wurde und endlich was zu essen bekam, und strich um seine Beine.
Sato seufzte schwer und zog seinen Mantel enger um sich. »Nicht der beste Ort für einen Mord«, murmelte er und blickte auf die reglosen Augen des Toten hinab.
Es war Heiligabend, und eigentlich hätte er jetzt in Ruhe eine Tasse Tee trinken und ein Gedichtband lesen sollen. Stattdessen stand er hier in der eisigen Kälte vor seiner Buchhandlung – mit einem Mordfall direkt vor der Tür.
»Das wird Ärger geben«, sagte er schließlich und wandte sich ab. Sato trat nach drinnen, straffte kurz seine Schultern und setzte nun doch noch einen Kessel auf. Tee half immer, die Gedanken zu beruhigen. Egal ob da eine Leiche war, oder nicht.
Kurz überlegte er, ob er sofort die Polizei anrufen sollte, doch dann kam ihm jemand anderes in den Kopf. Er trat zu seinem, zugegeben etwas antiquitierten, Telefon und wählte die Nummer. Zu seiner Überraschung wurde sofort abgenommen.
»Detektei Yamomoto, wer wurde umgebracht?« , war vom anderen Ende der Leitung eine sarkastische Stimme zu hören.
Sato unterdrückte ein Seufzen, stattdessen rollte er die Augen. »Also wer, das weiß ich nicht. Aber da liegt ein Toter, mit einem Katana im Bauch vor meiner Buchhandlung«, erklärte er. »Deshalb rufe ich ja an.«
»Yuki-san, sind Sie das?« Sato konnte das Erstaunen in der Stimme von Detektiv Yamomoto hören.
»Nein«, verneinte Sato. »Ich bin nicht der Tote, sonst würde ich Sie wohl kaum anrufen. Das Problem ist der Mann, der vor meiner Buchhandlung liegt.« Er machte eine Pause. »Sagen Sie, sind Sie betrunken?«
»Betrunken? An Heiligabend? Wer macht denn sowas?«, entgegnete Yamamoto mit einem Hauch von Ironie in der Stimme. »Ich trinke nur einen... äh, festlichen Tee.«
Sato seufzte. »Hören Sie, Yamamoto-san, ich brauche Ihre Hilfe. Es ist ernst.«
»Natürlich ist es das«, murmelte der Detektiv. »Ein Toter mit einem Katana. Klingt nach einem Fall für mich.« Er räusperte sich. »Ich bin in zwanzig Minuten da. Rühren Sie nichts an und lassen Sie niemanden an den Tatort.«
Kurz darauf war nur noch ein leises Tuten in der Leitung zu hören.
»Ein seltsamer Mann«, murmelte Sato und machte sich auf den Weg in eines der Hinterzimmer, in welchem Kuro saß und ihn mit großen Augen anblickte.
»Dich bringt selbst ein Toter nicht aus der Ruhe, wie?«, fragte Sato seinen Kater. »Dein Thunfisch kommt sofort. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass mein einziger Sinn des Lebens ist, dir das Essen zu bringen.«
Kuro miaute, so als hätte er ihn verstanden und begann erneut damit, um seine Beine zu schleichen.
Sato öffnete eine Dose Thunfisch und füllte Kuros Napf. Der Kater stürzte sich sofort darauf, als hätte er tagelang nichts gefressen. Mit einem leisen Lächeln beobachtete Sato ihn für einen Moment, bevor er sich wieder dem Ernst der Lage zuwandte.
Er kehrte in den Verkaufsraum zurück und ließ seinen Blick über die Bücherregale schweifen. Die vertraute Umgebung beruhigte ihn ein wenig. Sein Blick blieb an einem Regal mit Kriminalromanen hängen.
»Wie ironisch«, murmelte er. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er ging zu einem der Regale und zog vorsichtig ein Buch heraus. »Die Umarmung des Todes« von Natsuo Kirino. Er hatte es erst kürzlich für seinen Buchladen bestellt, angelockt von den guten Kritiken.
»Vielleicht sollte ich es Yamamoto-san empfehlen«, dachte Sato. »Ein bisschen Inspiration könnte er gebrauchen.«
Er legte das Buch auf den Tresen und warf einen Blick aus dem Fenster. Der Schnee fiel nun dichter, und die Leiche war bereits von einer dünnen weißen Schicht bedeckt. Sato erschauderte.
»Yuki-san? Sind Sie hier? Verflucht, was zum Teufel...«, hörte Sato eine Stimme von draußen rufen. Anscheinend war der Detektiv angekommen und gerade über die Leiche gestolpert und das wörtlich.
Sato hatte bisher noch nicht oft mit Yamamoto Kazuki zu tun gehabt. Natürlich kannte er ihn vom sehen. Wer den Detektiv einmal gesehen hatte, dem ging er nicht aus dem Kopf. Und erst recht dann nicht, wenn man ihn auch reden hörte. Dieser Mann war ein wahrhaftiger Zyniker, wie er im Buche stand.
Sato eilte zur Tür und öffnete sie. »Yamamoto-san, hier drin. Passen Sie auf, dass Sie nicht...«
»Zu spät«, knurrte der Detektiv, der sich gerade aufrappelte und den Schnee von seinem abgetragenen Mantel klopfte. »Wer zum Teufel lässt eine Leiche einfach so rumliegen?«
Sato unterdrückte ein Seufzen. »Das habe ich Ihnen doch am Telefon erklärt. Der Mann lag bereits hier, als ich ihn fand.«
Yamamoto trat ein, sein wirres Haar vom Schnee bedeckt. Er roch leicht nach Sake, was seine frühere Behauptung über den »festlichen Tee« in Frage stellte.
»Also gut, erzählen Sie mir alles. Und bitte sagen Sie mir, dass Sie einen verdammt guten Grund haben, mich an Heiligabend hierher zu locken.«
»Wie wäre es mit einem Mord?«, erinnerte Sato ihn trocken und deutete auf die Leiche draußen.
Yamamoto folgte seinem Blick und pfiff leise durch die Zähne. »Ein Katana, hm? Ziemlich dramatisch. Fast wie in einem dieser Krimis, die Sie hier verkaufen.« Er nickte in Richtung des Regals mit den Kriminalromanen.
»Apropos«, sagte Sato und griff nach dem Buch auf dem Tresen. »Vielleicht interessiert Sie das hier. ‚Die Umarmung des Todes‘ von Natsuo Kirino. Soll sehr gut sein.«
Der Detektiv schnaubte. »Ich lese keine Fiktion, Yuki-san. Die Realität ist schon verrückt genug.« Er wandte sich wieder der Tür zu. »Lassen Sie uns die Leiche untersuchen, bevor der Schnee alle Spuren verwischt.«
Sato seufzte und griff nach seinem Mantel und Schal, beides hatte er über den Tresen gelegt. Auch wenn sein Nachname Yuki, also Schnee, war. Es hieß noch lange nicht, dass er ein solches Schneetreiben wie dieses heute Abend mochte.
Der Schnee fiel jetzt sogar dichter, und die Leiche war bereits von einer dünnen weißen Schicht bedeckt. Der Anblick ließ Sato erneut erschaudern.
Yamamoto kniete sich neben den Toten und begann mit der Untersuchung. »Hm, das Katana scheint von hoher Qualität zu sein. Kein billiges Souvenir.« Er blickte zu Sato auf. »Haben Sie in letzter Zeit jemanden mit einem Schwert hier in der Gegend gesehen?«
»Jemanden mit einem Schwert? Heutzutage? Natürlich nicht. Was glauben Sie denn, in was für Zeiten wir leben?« , fragte Sato zurück.
Yamamoto zuckte mit den Schultern. »Man weiß nie. In diesem Geschäft habe ich schon einiges erlebt.« Er wandte sich wieder der Leiche zu. »Ein Katana mitten in Tokio. Was kommt als Nächstes? Ein Ninja?«
»Heißt das, Sie übernehmen den Fall?«, erkundigte sich Sato bei ihm. Er konnte sich den nächsten Kommentar einfach nicht verkneifen. »Ich hab gehört, Sie können das Geld gebrauchen.«
»Sehr witzig«, knurrte Yamamoto. »Auch wenn Sie nicht ganz Unrecht haben.«
Yamamoto stand auf und klopfte den Schnee von seinen Knien. »Aber zuerst müssen wir herausfinden, wer dieser Mann ist und warum er hier liegt . Und vielleicht sollten wir doch noch die Polizei anrufen. Sonst geraten wir noch in Schwierigkeiten.«
»Kennen Sie jemand, der vertrauenswürdig ist?«, erkundigte sich Sato. »Es wäre mir unangenehm, wenn die ganze Wachmannschaft hier auftaucht.«
Zu seiner Überraschung schlich sich ein Grinsen auf Yamamotos Gesicht. »Oh ja, ich kenne genau die Richtige dafür. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie sich freut, von mir zu hören...«
»Wie bitte?« Mit großen Augen sah Sato ihn an.
»Nicht wichtig.« Yamamoto grinste noch immer. »Dürfte ich kurz Ihr Telefon benutzen?«
»Ja, natürlich.« Sato nickte und hielt dem Detektiv die Ladentür auf. »Das Telefon steht vorne auf dem Tresen.«
Nach wenigen Schritten, hatte Yamomoto auch schon den Tresen erreicht und wählte eine Nummer. »Hallo, Kimiko ich bin’s Kazuki«, begrüßte er, dann folgte ein kurzes Fluchen. »Nein, verdammt! Ja, ich weiß.... hast du schon tausendmal gesagt. Aber hör mal, diesmal ist es echt was ernstes. Ich hab hier einen Mord – mit einem Katana.«
Sato beobachtete Yamamoto, dessen Gesichtsausdruck zwischen Ernsthaftigkeit und der typischen Zynik schwankte. Er konnte nur hören, wie die Stimme am anderen Ende der Leitung antwortete, aber der Detektiv schien in ein lebhaftes Gespräch verwickelt zu sein. »Ja, ich weiß, dass du an Heiligabend etwas anderes vorhast. Aber das hier ist wichtig!«
Yamamoto machte eine kurze Pause und sah dann zu Sato. »Könntest du vielleicht etwas über die Umstände herausfinden? Ich könnte deine Hilfe brauchen.«
Sato nickte und wartete geduldig, während Yamamoto weiter redete.
Nach einigen Minuten beendete der Detektiv das Gespräch und legte auf. »Kimiko kommt«, erklärte er. »Sie ist eine alte Bekannte von mir – und sie hat Verbindungen zur Polizei. Ich hoffe, sie kann uns helfen, die Situation zu klären, bevor wir in Schwierigkeiten geraten.«
»Das klingt vielversprechend«, erwiderte Sato. Er fühlte sich erleichtert, dass sie jemanden hatten, der helfen konnte – selbst wenn Yamamoto nicht gerade der vertrauenswürdigste Mensch war.
»Aber jetzt müssen wir herausfinden, wer dieser Mann ist«, sagte Yamamoto und ging wieder nach draußen zu der Leiche. »Wir sollten nach persönlichen Gegenständen suchen oder irgendetwas, das uns einen Hinweis auf seine Identität geben könnte.«
Sato kniete sich neben den Toten und begann vorsichtig damit, zu suchen. Er fand eine kleine Brieftasche in der Innentasche des Mantels des Mannes. »Hier«, sagte er und zog sie heraus. »Vielleicht finden wir etwas Nützliches darin.«
Yamamoto nahm die Brieftasche und öffnete sie vorsichtig. Er durchsuchte die Fächer und fand einige Karten sowie ein zerknittertes Stück Papier. »Es sieht aus wie eine Visitenkarte«, murmelte er und hielt es ins Licht.
Sato lehnte sich näher heran und las den Namen: Keisuke Tsukishima. »Haben Sie schon einmal von ihm gehört?«
Yamamoto schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid. Noch nie. Aber Tokyo ist groß.«
Gerade als er die Brieftasche wieder zurücklegen wollte, fiel ihm ein weiterer Zettel entgegen – ein handgeschriebener Zettel mit einer Adresse in einem anderen Stadtteil Tokyos. »Das könnte wichtig sein«, sagte Sato und hob den Zettel auf. »Sollten wir dort gleich nachsehen?«
Yamamoto überlegte kurz. »Ja, aber erst nachdem Kimiko hier ist. Es könnte sein, dass sie mehr über diese Adresse weiß. Die Akten der Polizei sind vermutlich weit besser als meine. So ungern ich das auch zugebe.«
Sato runzelte die Stirn. »Wer ist diese Kimiko eigentlich? Woher kennen Sie sie?«, wollte er wissen.
Yamamoto wich seinem Blick aus. »Sie ist Kriminalkommissarin. Ich kenne sie von früher... als ich noch bei der Polizei gearbeitet habe. Ihr voller Name ist Kanagawa Kimiko. Sie -«
Gerade in diesem Moment hörten sie das Geräusch von Schritten im Schnee. »Kazuki! Wo bist du?«, hörte Sato jemanden rufen.
Yamamoto drehte sich um. »Hier drüben!«
Kimiko tauchte aus dem Schneetreiben auf, ihre Augen blitzten ihnen entgegen. Ihr Blick war leicht vorwurfsvoll, was Sato ihr nicht verübeln konnte. Er selbst hatte sich seinen Weihnachtsabend auch anders vorgestellt. Ruhig und beschaulich – vor allem aber ohne Leiche. Und ohne Polizei.
»Also ehrlich, Kazuki. Du hast echt ein Talent ... Selbst am Fest der Liebe findest du jemanden ermordet. Normal ist das nicht.«
Sie sah zu der Leiche und entdeckte sofort das Katana, das in der Brust des Toten steckte. »Und wie dramatisch.«
Yamamoto schnaubte und verdrehte die Augen. »Herzlich Willkommen in meiner Welt, Kimiko. Frohe Weihnachten.«