Kapitel 1
Mutter stirbt!
Dieser Gedanke schwirrte Aeridis durch den Kopf, während sie sich durch die schmutzigen Straßen des Elendsviertels bewegte, dass seit ihrer Geburt ihre Heimat war. Sie suchte die Kräuterfrau Quira. Vorsichtshalber hatte Aeridis sich die letzten Münzen eingesteckt, um die Frau entlohnen, wenn sie heute ihre schlechte Laune zur Schau stellte und sich für ihre Dienste bezahlen lassen würde. Die Tränen liefen Aeridis über die Wangen, während sie an den verwahrlosten Bretterbuden vorbeirannte, in denen tatsächlich Menschen hausten.
Zu behaupten, dass ihre Behausung besser sei, war etwas zu viel verlangt. Das kleine Haus, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, war früher bestimmt ganz passabel dagestanden, aber neunzehn Jahre würden an der besten Hütte für Verfall sorgen. Die Reparaturen, welche die männlichen Nachbarn vornahmen, waren nicht ausreichend genug. Aeridis bekam einige Male mit, dass ihre Mutter manchmal ihren Körper dafür verkaufte, um ihr ein besseres Leben bieten zu können. Jetzt zahlte sie ihren Preis, denn niemand dieser Kerle half ihr, weil es anständig wäre. Nein. Ihre Mutter war nicht mehr schön genug und konnte nichts mehr bieten. Das war nun mal die Wahrheit.
Ein alter Mann humpelte ihr entgegen.
„Hast du Quira gesehen?“, rief sie ihm zu und der Greis zeigte mit dem Daumen hinter sich.
„Ich komme gerade von ihr. Was ist geschehen, Mädchen?“
Aeridis lief an ihm vorbei, ohne anzuhalten.
„Mutter stirbt! Quira muss ihr helfen.“
Der Alte riss die Augen so weit auf, dass die Falten, die sich durch sein Gesicht ihre Wege bahnten, verschwanden. Er lehnte sich schwer gegen die Bretterwand der baufälligen Hütte hinter ihm und presste eine Hand an seine Brust.
Aeridis Mutter war überall beliebt. Nicht nur um der Bezahlung, die sie manchmal leistete, sondern wegen ihrer Versuche allen zu helfen, wenn es ihr möglich war. Aeridis versuchte, ihr nachzueifern, aber mit mäßigem Erfolg, weil ihre Mutter darauf bestand, das Lernen sie weiterbrachte. Jeder der Bewohner hier in dieser Siedlung hatte seinen Teil dazu beigetragen, damit Aeridis nun Sachen wusste, die sie weiterbrachte. Sie beherrschte Lesen und Rechnen, kannte sich in der Kräuterkunde aus. Außerdem kochte sie aus allen essbaren Wildpflanzen eine Mahlzeit, dass ihnen half, wenn es mal kein Fleisch oder Getreide gab.
„Sie ist bei Korus. Eines seiner Bälger hat starken Husten. Sie können noch warten. Wir brauchen deine Mutter.“
Aeridis war das bewusst, aber sie hatte selbst kaum Hoffnung, dass Quira ihrer Mutter zu helfen vermochte.
Sie hüpfte über das stinkende Gewässer, dass man Abwasserkanal nannte, welcher aber kein frisches Wasser führte, dass die Exkremente und den Müll davon spülte. Die Bewohner, die im inneren Kern der Stadt lebten, hatten sich darüber beschwert. Seither wurde das lebensnotwendige Nass vom Fluss nicht mehr abgezweigt, um den armen Menschen das Leben zu erleichtern.
Verfluchte Egoisten!
Aeridis stammte selbst von solch einem Ich-Mensch ab. Ihr Vater war ein reicher Kaufmann, der ein großer Mann in Foghil war. Er lebte mit seiner Familie in einer Villa und hegte nicht einen Gedanken an das Ergebnis seiner Liebesnächte, die ihr Leben in Armut verbrachte. Nein, sie war nicht wütend darüber oder jammerte, weil sie ihren Vater nie kennenlernte. Er hatte von Anfang an kein Interesse an ihr gezeigt, denn er hatte eine Tochter, die von seiner Ehe stammte. Dieses Kind war nur einige Monate älter als Aeridis, ähnelte ihr aber. Einmal hatte sie ihre Schwester gesehen, als sie an einem Marktstand Wildblumen verkaufte. Diese hatte sie naserümpfend angesehen und ihre Späße über sie getrieben. Ihre Begleitung, ein junger Mann, der wahrscheinlich um die Gunst der Älteren buhlte, verzog hochnäsig das Gesicht und zerrte Aleda von ihr weg. Damals hatte sie sich geschworen, dass sie nie zu diesen Leuten gehören würde, die so überheblich über Menschen richteten, nur weil sie mehr Glück im Leben hatten oder einen Adelstitel besaßen.
Doch heute bereute sie es, dass sie ihren Vater nicht kannte. Vielleicht hätte er sich erbarmt und ihr einen Heiler geschickt. Zu einer anderen Zeit, die schon lange vergangen war, musste er wenigstens etwas Sympathie für seine zweite Familie und vor allem für seine Geliebte empfunden haben. Ihre Mutter sprach immer voller Hochachtung über den Mann, der seine Versprechungen nie hielt.
Endlich war sie vor der Hütte von Korus und klopfte hektisch an der Tür, die sich nach einer Weile öffnete. Der Tagelöhner, den sie schon lange kannte, sah sie verwundert an.
„Was willst du hier, Mädchen?“
Sie keuchte vor Anstrengung, denn es war ein weiter Weg bis hierhin zu der Familie. Einen Moment lehnte sie sich an den Türstock und atmete tief ein und aus, bis sie sich wieder an ihn wandte.
„Mutter stirbt. Ich brauche Quira.“
Bevor er etwas erwiderte, wurde die Tür weiter aufgerissen und die Heilerin erschien. Hinter ihr sah man Korus Kinder, die mit laufenden Nasen genauso erstaunt dreinblickten, wie der Vater.
„Deine Mutter? Aber es ging ihr doch besser?“
Aeridis schüttelte den Kopf.
„Der Tee wirkt nicht mehr. Mutter würgt ihn immer wieder raus. Nichts behält sie in sich. Nicht einmal das frische Wasser, dass ich jeden Tag vom Bach aus dem Wald hole. Sie ist kreidebleich, als ob sie keinen Tropfen Blut mehr in ihrem Körper hätte. Ich weiß nicht, was man noch tun kann.“
Quira fluchte leise, holte ihren Korb und gab Korus Anweisungen. Dann lief sie mit Aeridis hinaus.
„Wir müssen uns beeilen, allerdings gebe ich zu, dass ich keine Hoffnung habe. Es ist ein Geschwür, dass deine Mutter quält. Ich denke, nicht einmal ein Heiler wird ihr mehr helfen können.“
Aeridis keuchte.
„Woher weißt du das? Du kannst nicht in ihren Körper sehen. Vielleicht ist es nicht so schlimm, wie du mir weiß machen willst?“
Quira blieb stehen und bedachte sie mit einem wütenden Blick.
„Ich habe so etwas oft gesehen, allerdings bei alten Menschen. Deine Mutter hat schon zu viel erleben müssen und das schwächte ihren Körper. Die Dinge, die schlimme Krankheiten verursachen können, hatten ein leichtes Spiel, als sie den Körper befielen.“
Aeridis schämte sich dafür, dass sie die alte Kräuterfrau so angegangen hatte. Es war aber die Angst, die aus ihr sprach und ihre Erziehung vergessen ließ. Sie senkte beschämt den Kopf.
„Es tut mir leid.“, murmelte sie, doch Quira war nicht nachtragend. Sie tätschelte ihre Hand und versuchte durch ein Lächeln, ihre Sorgen zu verbergen.
„Ich habe schon früh den Verdacht gehegt, dass ein Geschwür deine Mutter heimsuchte. Ihre Appetitlosigkeit, ihre andauernde Müdigkeit und die Übelkeit sind alles Anzeichen dafür. Ich erklärte ihr, dass sie einen Heiler aufsuchen musste, damit sie einige Jahre länger unter uns weilt, aber du weißt selbst, dass die Heiler nie hierherkommen, weil sie keine Münzen hier verdienen. Nur sehr barmherzige Heiler neigen dazu, ohne Kosten zu behandeln, aber die gibt es hier in der Gegend nicht.“
Aeridis wusste das. Sie wusste es nur zu gut.
„Wenn mein Vater uns versorgt hätte, dann...“
Quira schnaubte wütend.
„Ich weiß, dass deine Mutter nie ein böses Wort über ihn sagt, aber ich gebe dem Halunken die Schuld an eurer Situation. Er näherte sich deiner Mutter, obwohl er schon eine Frau hatte. Immer wieder kam er zu ihr und bestieg sie wie ein brünstiger Eber. Es hätte ihm bewusst sein müssen, dass dies irgendwann eben zu einer Schwangerschaft führen würde. Doch sobald sie es ihm sagte, war er verschwunden. Einen Beutel mit Münzen ließ er ihr und diese Hütte, die schon damals nicht als Heim zu bezeichnen war. Dabei ist er reich und es hätte ihm nicht weh getan, wenn er euch einige Münzen im Monat hättezukommen lassen. Aber er war schon immer ein schlechter Charakter.“
Sie sah Aeridis ernst an.
„Versuche ihm aus dem Weg zu gehen. Und vor allem traue ihm nicht. Er versucht, aus allem seinen Vorteil zu ziehen. Er wird auch vor dir nicht Halt machen.“
Sie seufzte.
„Aber nun braucht deine Mutter unsere Hilfe. Wir sollten uns sputen.“
Sie beschleunigte ihre Schritte und Aeridis, die den Weg schon einmal gegangen war, kam ihr vor Erschöpfung kaum hinterher. Doch nach einer Weile sah sie die Behausung die am Rand dieses Viertels stand. Sie schnaubte leise, wenn sie darüber brütete, dass ihr Vater diese Hütte ausgesucht hatte, um unbemerkt zu seiner Geliebten zu kommen, um sich zu vergnügen. Am liebsten hätte sie einen Prügel geholt und ihn damit einen übergezogen.
Es stimmte schon, dass ihre Mutter ihren Vater lobte und immer wieder jedermann versicherte, dass er sie ebenso lieben würde, wie sie ihn. Sie verstand nicht, dass er nicht mehr kommen würde und so schien sie sich selbst zu belügen, denn jeden Tag sprach sie so hoffnungsvoll und wurde schnell wütend, wenn jemand sie vom Gegenteil überzeugen versuchte. Sie liebte ihn, aber Aeridis nahm an, dass er ihre Mutter nie geliebt hatte. Er hatte sie höchstwahrscheinlich nur als nette Abwechslung gesehen und Aeridis malte sich nicht einmal in der kühnsten Fantasie aus, welche Dinge er seiner Mätresse versprochen hatte, um das zu bekommen, was er forderte.
Dreckskerl!
Die beiden Frauen rannten das letzte Stück ihres Weges und es war Quira, die die knarrende Tür aufstieß.
„Mareta. Ich bin hier.“
Sie stellte ihren Korb auf den Boden neben dem Bett, zog ihren Umhang aus, den sie Aeridis reichte und setzte sich zu ihrer Mutter. Sie nahm ihre Hand, die nicht einmal selbst in der Lage war, sich zu erheben. Sie sah elend aus, nur ein Schatten ihrer früheren Schönheit. Ihre Lippen waren spröde und ausgetrocknet, ihr Haar hatte den Glanz verloren und ihre Wangen waren eingefallen.
Aeridis beobachtete schon lange den Verfall der liebsten Person ihres noch jungen Lebens, aber sie erschrak immer wieder aufs Neue, wie schnell es in den letzten Tagen fortschritt.
Ihre Mutter starb nicht nur, sie sah schon aus, wie man sich den Tod vorstellte. Sie blieb an der Tür stehen, faltete die Hände hinter ihrem Rücken zusammen und seufzte leise, um die beiden Älteren nicht zu stören.
„Mareta. Hörst du mich?“
Die Lider flatterten und ihre Mutter öffnete die Augen. Sobald sie Quira an ihrer Seite bemerkte, verzog sie das Gesicht.
„Wenn du an meiner Seite bist, dann bin ich immer noch auf Erden. Lass mich sterben, Heilerin.“
Aeridis bemerkte, wie Quira die Augen schloss. Ihre Lippen zitterten und eine einzelne Träne lief über ihre faltige Wange.
„Das kann ich doch nicht. Wie oft haben wir schon darüber gesprochen? Ich bin jemand, die den Leuten hilft, gesund zu bleiben. Was du immer von mir verlangst, bringt mich in Verruf.“
Beide lachten, wobei es bei ihrer Mutter in einen trockenen Husten überging und kleine Tröpfchen mit Blut ihr Gesicht benetzten. Vor einigen Wochen war es ihrer Mutter noch möglich, es noch aufhalten, doch nun war sie zu angegriffen, um selbst die Hand zu heben.
Aeridis nahm einen Lappen, den sie schon hunderte Male gewaschen hatte, und wischte das Gesicht sauber. Dabei versuchte sie zu lächeln, was ihr immer schwerer fiel.
Ihre Mutter schloss wieder die Augen.
„Niron wird nicht kommen, habe ich Recht?“
Aeridis erstarrte, nachdem sie den Namen ihres Vaters hörte. Sie bemerkte, dass Quira kurz ihre Nase rümpfte, bevor sie erneut ein freundliches Gesicht aufsetzte. Ihre Mutter bemerkte das nicht.
„Er hat zu viel zu tun. Ich verstehe es. Nur einmal hätte ich ihn gerne wieder gesehen. War es dumm, von mir zu glauben, dass er sich Sorgen um mich macht und deswegen zu mir eilt? Wie vermisse ich seine warmen und großen Hände, wenn sie über mein Gesicht streichen.“
Die Heilerin stand auf und holte einen Mörser aus ihrer Tasche. Die Kräuter, die sie dann heraus kramte, zerstieß sie in wütenden Bewegungen.
„Heißes Wasser, Mädchen. Schnell.“, forderte sie von Aeridis, die den Forderungen sofort nachkam. Man machte lieber, was Quira verlangte.
Sobald das Nass die Kräuter erreichte, breitete sich ein aromatischer Wohlgeruch aus. Die Kräuterfrau sah auf.
„Dieser Tee wird deine Mutter beruhigen. Doch wenn man nur einen kleinen Löffel dieser Mischung zu viel in den Becher macht, kann es für den Kranken zum Tod kommen.“
Aeridis riss die Augen auf.
Erklärte die Heilerin ihr in dem Moment, wie sie in der Lage war, ihre Mutter zu töten?
Die Stimme Quiras wurde lauter.
„Nur ein Löffel, Mädchen. Es ist seltsam, wie die Menge über Leben und Tod bestimmt.“
Nein, das war keine Mitteilung für die Tochter, es war eine Nachricht für die Mutter.
Aeridis Lippen zitterten, während sie bemerkte, wie Quira die restlichen Kräuter neben den Becher stellte.
„Jetzt bekommst du etwas zur Stärkung, Mareta. Du wirst für einige Stunden keine Schmerzen haben und dich stark fühlen.“
Sie beugte sich zu Mutter herunter.
„Nutze es. Deine Tochter sollte es nicht tun.“
Mit einem letzten Blick auf Aeridis, schluckte ihre Mutter die Kräuterkugel, die Quira ihr auf die Zunge legte und schloss dann die Augen.
„Ich bin müde. Lasst mich alleine.“, forderte sie mit dünner, aber entschlossener Stimme.
Quira nickte und vollführte eine Handbewegung, die Aeridis zum Folgen aufforderte. Sie wäre am liebsten bei ihrer Mutter geblieben, aber sie respektierte ihren Wunsch nach Einsamkeit.
Quira lotste sie in den bescheidenen Garten und setzte sich auf die kleine Bank. Die letzte Anschaffung, die Aeridis von ihrem Wildblumengeld kaufte. Ihre Mutter hatte es nicht lange genutzt, aber eine Zeitlang verbrachte sie hier ihre liebsten Stunden. Die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut förderten ihr Wohlbefinden. Zumindest für eine Weile.
„Setz dich zu mir, Mädchen.“
Quira klopfte auf die leere Stelle neben sich. Alles in Aeridis sträubte sich dagegen, aber sie gehorchte.
„Sie wird sich umbringen. Das weißt du, richtig?“
Die Heilerin nickte und schloss die Augen. Ihr Gesicht wandte sie der Sonne zu und das Lächeln, angesichts dieser traurigen Situation, war grotesk.
„Ich lasse ihr die Wahl, aber man kann es verstehen, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wird.“
Aeridis schnaubte wütend.
„Es ist eine Sünde! Die Götter werden sie bestrafen.“, zischte sie.
Die Heilerin zuckte mit den Schultern und stieß dann lange ihren Atem aus, was einige Vögel erschreckt davonfliegen ließ.
„Es liegt nicht an uns, darüber zu urteilen, Mädchen. Doch eines erkläre ich dir. Sie ist jetzt schon so ausgezehrt, dass eine Bewegung ihrerseits kaum möglich ist. Von den Schmerzen, die in ihrem Körper toben, möchte ich gar nicht erst anfangen. Die Geschwüre fressen sich durch ihre Organe und es wird nicht lange dauern, bis sie nicht mehr imstande ist, etwas zu sich zu nehmen. Es ist jetzt schon unerträglich für sie. Sie ist auf deine Hilfe angewiesen und das verkraftet sie nicht. Wenn sie in einem hohen Alter wäre, würde sie es akzeptieren, aber sie ist zu jung, um so danieder zu liegen.“
Das verstand Aeridis alles.
„Ich bin alleine, wenn sie nicht mehr unter uns weilt. Bin ich stark genug, um ohne sie zu leben?“
Quira lächelte.
„Du bist achtzehn Jahre alt, Mädchen. Du hast es nur Mareta zu verdanken, dass nicht irgendein dahergelaufener Kerl dir die Röcke hob, um deinen Bauch mit einem Kind zu füllen. Mädchen, du hast etwas Besseres verdient, als an so ein Mannsbild zu geraten, der nicht zu schätzen weiß, wie schlau und belesen du bist.“
Sie stand auf und streckte ihren Rücken durch.
„Wenn es geschehen ist, wirst du den Pfaffen rufen. Werfe die Kräuter vorher ins Feuer, damit er keinen Verdacht schöpft, denn sonst kommt er mit Sünde oder so etwas. Im schlimmsten Fall kann er behaupten, du hast deine eigene Mutter getötet.“
Aeridis nickte. Die Heilerin sah sie an, dann stricht sie ihr mit unerwarteter Zärtlichkeit über die Wange.
„Du gehörst nicht hierher. Das hast du nie. Aber zu ihm und seiner Familie passt du ebenfalls nicht. Vielleicht täusche ich mich, doch meine Wenigkeit sieht dich in höheren Kreisen. An der Seite von jemanden, der mental stärker ist, als dein verfluchter Vater. Du solltest alles hinter dir lassen, wenn es vorbei ist.“
Sie nickte ihr zu und bewegte sich dann in die Hütte zurück. Wie die beiden schon vermuteten, waren die restlichen Kräuter weg und der Becher bis auf ein paar nasse Blätter geleert.
Aeridis schluchzte und legte sich zu ihrer Mutter und schmiegte sich an den ausgemergelten Körper. Wieder liefen ihr die Tränen über die Wange, aber dieses Mal wischte sie sie nicht weg. Es würde nichts bringen, denn immer Neue bahnten sich einen Weg nach draußen.
Einen Moment fühlte sie Quiras Hand, die ihre Schulter drückte, dann hörte sie, wie sich die Tür schloss. Die Arbeit der Heilerin war hier zu Ende.
„Mama.“, schluchzte sie.
„Meine Kleine.“
Einen Moment hob Aeridis den Kopf. Ihre Mutter sah sie lächelnd an.
„Du hast das nicht verdient, aber ich habe nicht den Mut, diesen Weg der Schmerzen weiter zu bestreiten. Es tut mir leid, dass ich so feige bin.“
Ihre Hand strich sanft über das Haar.
„Niron Malareau. Das ist der Name deines Vaters, Kind. Frage ihn um Hilfe, wenn du sie benötigst.“
Sie nickte, aber nahm sich fest vor, alles zu versuchen, um ihren Erzeuger nicht aufzusuchen. Er hatte sie nicht verdient. Weder ihre Mutter, noch sie.
Sie lehnte sich an ihre Mutter und nach einer Weile schlief sie ein.
Mitten in der Nacht erwachte sie wieder, weil sie durch leise Schritte geweckt worden war. Zumindest hatte sie es sich eingebildet, dies zu hören.
„Mama?“, flüsterte sie, doch der Körper ihrer Mutter lag neben ihr. Ihre Hand war eiskalt und zu dem Zeitpunkt, als Aeridis sich aufsetzte, bemerkte sie die weit geöffneten Augen, die ins Nichts starrten.
Leise schluchzend schloss sie ihr die Lider und küsste sie auf die fahlen Wangen.
„Schlafe, Mama. Ich werde nicht versagen und zurechtkommen, denn ich bin mir sicher, dass du im Himmel auf mich achten wirst.“
Sie legte sich eine Weile zu ihr, dann stand sie auf, um den Leichnam zu waschen und das beste Kleid anzuziehen, dass sie besaß. Ein stummes Gebet später, hörte sie die Glocken der kleinen Kapelle läuten. Der Morgen war angebrochen und sie riefen die Gläubigen zum Beten auf.
Wie die Heilerin befohlen hatte, warf sie die restlichen Kräuter und den Sud in die glimmende Asche des Kamins, bevor sie sich ein schlichtes Kleid anzog, ihr Haar unter eine Haube steckte und sich zu dem kleinen Tempel begab. Die Leute, die jetzt schon ihrem Tagwerk nachgingen, schienen zu erahnen, dass es mit ihrer Mutter zu Ende gegangen war, denn sie nickten ihr voller Mitleid zu.
Aeridis hielt nicht an. Sie mochte nicht, dass jemand sich erlaubte, ihre Trauer zu teilen, weil keiner es tat.
Der Priester sah sie schon von Weitem und sah in den Himmel, um den Göttern ein Gebet zu schicken. Dann nickte er ihr zu.
„Ich werde alles veranlassen, Kind.“