Hier für sie
JAMES
Er wurde beobachtet.
James Grayson hätte fast über diesen spontanen Gedanken gelacht.
Was zum Teufel hatte er auch erwartet?
Es war Freitagabend. Er stand an der Bar eines der angesagtesten Nachtclubs in Chicago. Eigentlich sollte er verdammt noch mal an seinem Programmcode arbeiten. Aber Sebastian brauchte ja unbedingt einen Wingman. Das war absolut lächerlich. Sein Freund versuchte hier drin nämlich gar nicht erst, eine Frau aufzureißen.
„Was zur Hölle machen wir hier eigentlich?“, rief er fast, um die dröhnende Musik zu übertönen.
„Die Konkurrenz abchecken“, antwortete Sebastian Masters. James wusste, dass er das todernst meinte. Sebastian wollte bald einen neuen Club eröffnen. Dieser würde in direktem Wettbewerb mit Läden wie dem Frenzy stehen. In letzter Zeit untersuchte er das Nachtleben mit einem extrem kritischen Auge. Heute Abend hatte er es geschafft, James mitzuschleifen. Sebastian hatte ihn dabei nicht gerade sanft überredet.
„Komm aus deinem verdammten Büro raus. Vielleicht wirst du dann mal wieder flachgelegt.“
James zeigte ihm den Mittelfinger, gab dann aber doch nach. Er gab es nur ungern zu, aber er war in letzter Zeit wirklich nur am Arbeiten gewesen. Das Angebot seiner Firma für das Verteidigungsministerium musste in zwei Monaten fertig sein. Da blieb keine Zeit für Spielereien. Dual Dynamics war der Top-Anwärter auf den Zuschlag. Aber James war kein Mann, der seine Konkurrenz unterschätzte.
„Die Musik ist echt scheiße“, grummelte James und nahm einen Schluck Bier. Von dem hämmernden Beat würde er noch Kopfschmerzen bekommen. Er wollte eigentlich zurück ins Büro, um den Code für die neue Software zu prüfen. Aber das war wohl nur Wunschdenken, wenn er hier nicht bald verschwand.
Sebastian nickte in Richtung der überfüllten Tanzfläche. Seine kühlen braunen Augen musterten die Menge kritisch. „Den Leuten gefällt es.“
Das stimmte allerdings. Eine Masse aus Körpern wand sich und rieb sich aneinander. Dazu lief dieser nervige, techno-artige Beat. Elegante Sitzecken und glänzendes Holz sollten dem Ganzen wohl einen Hauch von Klasse verleihen. Es war ein Look, der junge, moderne Geschäftsleute ansprechen sollte.
„Leute sind Idioten“, sagte James einfach. Aber was wusste er schon? Sein Zwillingsbruder Josh war die Partykanone der Familie. James fühlte sich wohler dabei, Code zu schreiben, als Kurze zu kippen. Er war ein Genie, was Software anging. Sein technisches Verständnis und seine unerbittliche Entschlossenheit hatten Dual Dynamics groß gemacht. Es hatte als kleines Start-up während des Studiums begonnen. Jetzt war es eine millionenschwere Firma. Aber je erfolgreicher sein Unternehmen wurde, desto mehr arbeitete er auch.
Nicht, dass er seine Arbeit nicht liebte. Er liebte sie verdammt noch mal. Arbeit war der Weg, um sicherzugehen, dass seine Familie nie wieder finanzielle Not leiden musste. Der Geldmangel früher hätte seinen Vater fast umgebracht. Es war hart gewesen, vier Kinder in Sterling, Illinois, mit Hungerlöhnen großzuziehen.
Sein Vater hatte sich wortwörtlich totgearbeitet. Er erlitt einen frühen Herzinfarkt, als James noch ein Teenager war. James hatte dieses Jahr nie vergessen. Da wurde ihm zum ersten Mal klar, dass Armut tödlich sein kann. Sein ältester Bruder Alec war zur Armee gegangen, statt zu studieren. Er schickte jeden Gehaltsscheck nach Hause, auch wenn seine Eltern dagegen waren. Dank seiner harten Arbeit mussten seine Eltern heute nicht mehr arbeiten. Sie mussten nicht mehr alles opfern, nachdem sie schon so viel für ihre vier Kinder getan hatten.
Durch seine Arbeit hatte er auch seinen riesigen Berg an Studienschulden in nur vier Jahren abbezahlt. Er würde sich also niemals über die Zeit und Mühe beschweren, die er in seine Firma steckte. Trotzdem hatte Seb vielleicht recht. Vielleicht musste er wirklich öfter mal raus. Verdammt, vielleicht sollte er sich auf diesem Fleischmarkt einfach mal umsehen. Er könnte sich das richtige Mädchen aussuchen und die ganze Nacht lang durchficken.
Allerdings suchte er gar keinen schnellen Sex. One-Night-Stands waren nicht wirklich sein Ding. Und selbst wenn, war er einfach verdammt müde. Traurigerweise hätte sich gerade eine Frau nackt vor ihm präsentieren können und James hätte wahrscheinlich nur gegähnt. Gott, er brauchte echt Schlaf…
Was zum Teufel?
Wieder hatte James dieses Gefühl, beobachtet zu werden. Seine Haut fing an zu kribbeln. Es fühlte sich an, als würde ihn jemand mit einem Laser durchbohren. Er sah sich um. Sebastian hatte sein Handy herausgeholt und tippte schnell Notizen ein. James hatte keine Ahnung, wie er sich bei dem Lärm konzentrieren konnte. Schon im Studium konnte Sebastian mitten auf einer Party lernen. James dagegen brauchte absolute Stille.
James schüttelte den Kopf und trat ein paar Schritte von der Bar zurück. Neugierig blickte er sich um. Er wollte wissen, woher dieses Gefühl kam. James hielt sich nicht für paranoid. Er glaubte auch nicht, dass er mehr als die üblichen fünf Sinne besaß. Aber da war definitiv etwas… ah, genau dort.
Nun, sie war nicht nackt, aber das musste sie auch gar nicht sein. Plötzlich war er überhaupt nicht mehr müde.
Sie trug ein weißes, fast durchsichtiges Kleid. Sie stand am Ende der geschwungenen Bar und hielt sich an der Theke fest, als wäre sie ein Rettungsring. Das Licht war zu schlecht, um ihre Augenfarbe aus der Ferne zu erkennen. James vermutete aber, dass sie dunkel waren. Genau wie die wilden Locken, die ihr über die Schultern fielen. Sie sah klein und fast zerbrechlich aus, aber ihr Blick ließ seinen Magen krampfhaft zusammenziehen. Ihr luftiges, unschuldiges weißes Kleid stach aus dem Meer von hautengem Schwarz hervor.
Sie war zierlich und das gefiel ihm. James konnte nicht genau sagen, wie groß sie war. Er schätzte sie auf etwa eins sechzig. Mit seinen ein Meter neunzig war er den meisten Frauen überlegen. Er würde sie definitiv überragen. Allein der Gedanke ließ seinen Schwanz hart werden. Er hatte eine Schwäche für weiche Kurven und diese Frau sah überall weich aus. Er konnte diese Kurven praktisch schon unter seinem Körper spüren.
Na gut, ich nehme alles zurück. Es klang plötzlich wie die beste Idee des Abends, genau diese Frau abzuschleppen.
Ihr heißer Blick glitt über ihn hinweg. Es fühlte sich an wie glühende Kohlen auf seiner Haut. Als sie schließlich sein Gesicht erreichte, trafen sich ihre Augen. James sah, wie ihre zierlichen Schultern steif wurden. Sie schien überrascht zu sein, dass er sie beim Starren erwischt hatte. Er unterdrückte ein Lachen.
Oh ja, Baby, das habe ich verdammt noch mal.
Ohne nachzudenken, ging er auf sie zu. Er ließ sie nicht aus den Augen. Er starrte sie ununterbrochen an. Etwas sagte ihm, dass sie weglaufen würde, wenn er den Blickkontakt jetzt unterbrach.
Als er nah genug war, um sich hinter sie an die Bar zu schieben, zögerte er einen Moment. Ein intensives Anstarren war nicht dasselbe wie eine Verletzung der Privatsphäre. Ein Typ mit einem Dutt zu ihrer Rechten schlich sich näher an sie heran. Er wollte offensichtlich bei ihr landen.
Scheiß drauf.
Er klatschte seine Handflächen auf die Theke. Er schloss sie mit seinen Armen ein. Ihr süßer Duft traf ihn wie ein Schlag, als er sich zu ihrem Ohr hinunterbeugte. Er war so nah, dass sie ihm leicht den Ellbogen in den Magen rammen konnte. Stattdessen drückte sie ihren Rücken ein kleines Stück gegen seine Brust.
Gott sei Dank.
Jeder Gedanke an die Arbeit löste sich in Luft auf. Er wollte sie nur noch die ganze verdammte Nacht lang bearbeiten. Ein heftiges Verlangen durchschoss ihn. Er wollte diese Frau unbedingt mit nach Hause nehmen. Dass sie eine Fremde war, war ihm scheißegal.
Er war plötzlich hellwach. Die Erschöpfung war reinem Adrenalin gewichen. Vor zwei Minuten hatte er sich noch gefragt, was er hier eigentlich sollte. Doch plötzlich wusste James es.
Er war wegen ihr hier.