Prolog
Irgendwie muss jede Geschichte einmal anfangen, oder? Ich könnte jetzt versuchen, mit einem klugen Zitat von irgendeinem Philosophen zu glänzen, aber ganz ehrlich - ich kenne keine. Und selbst wenn, habe ich gerade keinen Zugriff auf Google. Also mache ich es einfach kurz: Ich heiße Emily Davis, bin 16 Jahre alt und mein Leben ist drauf und dran sich komplett zu ändern.
Bis vor kurzem lebte ich mit meiner Mom, Jenna, in einer kleinen Stadt irgendwo in der Nähe von Des Moines, Iowa. Es war nicht aufregend, aber es war unser Zuhause.
Jetzt aber sind wir auf dem Weg in ein neues Leben. Ein Leben, das sich 7.000 Kilometer östlich von hier abspielen wird.
Meine Mom hat vor zwei Jahren auf einem Kongress in ihrer Bank in Des Moines einen Mann kennengelernt - Robert. Sie hat sich sofort in ihn verliebt. Das einzige Problem: Er lebt in Brighton. Ja, genau, Großbritannien. England, um genau zu sein. Viel zu weit weg für eine richtige Beziehung. Aber meine Mom... sie war wie verzaubert.
Ich habe Robert nur ein paar Mal gesehen, aber irgendwie hatte ich sofort das Gefühl, dass er und Mom zusammengehören. Er ist nett, charmant, höflich - alles, was man sich bei einem Typen wünschen könnte, der plötzlich in dein Leben tritt und es durcheinanderwirbelt. Und dann dieser Akzent! Ganz ehrlich, wer würde diesem britischen Akzent nicht verfallen?
Seit sie Robert getroffen hat, ist Mom wie ausgewechselt. Sie lachte mehr, tanzte sogar manchmal durchs Haus, als wäre sie wieder ein Teenager. Aber es gibt auch diese Momente, in denen sie richtig traurig war, weil sie Robert nicht oft sehen konnte.
Ihr Lächeln verschwand dann plötzlich und sie sah aus, als hätte sie ständig Sehnsucht nach ihm. Das hat mich immer getroffen, weil ich gesehen habe, wie sehr sie ihn vermisst.
Aber das soll sich jetzt ändern.
Der Pilot macht gerade diese Durchsage - von wegen Sicherheitsgurte festmachen, Tische hochklappen, sonst werden wir alle sterben. BlaBla.
Ich höre eigentlich gar nicht richtig zu, weil ich so in meine Musik auf den Kopfhörern versunken bin, aber Mom stupst mich an und reißt mich zurück in die Realität. Ihr Gesicht strahlt vor Glück. Ich versuche zu lächeln, doch innerlich bin ich mir nicht so sicher, wie ich mich wirklich fühle. Ist das hier wirklich die richtige Entscheidung? Oder wird alles nur noch komplizierter?
Ich schaue in ihre Augen und versuche, mich auf das Positive zu konzentrieren. Sie ist so glücklich. Und ja, ich bin auch stolz auf mich - immerhin durfte ich selbst mitentscheiden, ob ich mitkomme.
Aber gleichzeitig? Irgendwie fühlt sich dieser Neuanfang auch an wie ein großes Fragezeichen. Zugegeben, meine Gefühle wegen des Umzugs nach Brighton sind ein einziges Durcheinander. Es gibt Momente, da denke ich, es könnte spannend werden - ein neues Land, eine neue Stadt, vielleicht sogar ein Neuanfang.
Aber dann gibt es diese anderen Augenblicke, in denen der Schmerz überwiegt. Der Gedanke, dass ich Willow, meine beste Freundin, zurücklassen musste, tut weh. Wir kennen uns, seit wir im Kindergarten mit bunten Kreidezeichnungen die Einfahrt ihrer Eltern verschönert haben.
Wir waren immer ein ungleiches Duo: Willow mit ihrer dunklen Haut, ihrem strahlenden Lächeln, und ich mit meiner viel zu blassen Haut, die wirklich gut in einen Vampirfilm passen würde. Früher waren meine Haare strohblond, mittlerweile sind sie etwas schwarz, aber wir beide sahen immer aus wie absolute Gegensätze. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen waren wir unzertrennlich.
Äußerlichkeiten haben für mich nie wirklich eine Rolle gespielt. Willow war immer mehr als nur eine Freundin für mich - sie war meine Familie. Die einzige, der ich mich wirklich anvertrauen konnte. Andere Freundschaften? Fehlanzeige. Nicht, dass ich besonders schüchtern wäre, aber ich war nie der Typ, der in riesigen Freundeskreisen aufblüht. Ich brauche nicht viele Menschen um mich herum. Mit Willow an meiner Seite war alles gut, wozu hätte ich noch mehr Freunde gebraucht?
Unsere Abschiedsfeier... das war hart. Ich hatte mir vorgenommen, stark zu bleiben, aber es hat mich völlig überrollt. Rotz und Wasser habe ich geheult, so richtig. Dabei hatte ich bis zum letzten Moment gezweifelt, ob das hier, dieser Umzug, wirklich die richtige Entscheidung ist.
Doch Mom hat es verdient, glücklich zu sein, nach all den Jahren, in denen sie immer für mich da war. Sie hat so viel für mich getan, ohne dabei jemals eine meiner Choraufführungen zu verpassen, auch wenn sie oft viel gearbeitet hat.
Meinen Vater kenne ich nicht. Er war schon weg, bevor ich überhaupt geboren wurde, und er hat nie versucht, Kontakt aufzunehmen. Er war nie ein Teil meines Lebens, und ehrlich gesagt, habe ich ihn auch nie gebraucht. Mom hat diesen Platz immer ausgefüllt. Aber jetzt, da wir ein neues Kapitel aufschlagen, frage ich mich, ob ich etwas verlieren werde, das mir wichtiger ist, als ich bisher geglaubt habe. Willow.
Trotzdem versuche ich, mich weiter auf das Positive zu konzentrieren. Brighton... es gibt tatsächlich ein paar Dinge, auf die ich mich freue. Der britische Akzent? Himmel, ich liebe ihn! Jeder Satz klingt, als würde er mit mehr Stil und Intelligenz gesprochen. Und das Essen! Zugegeben, ich habe noch nie richtig britisch gegessen, aber es soll deftig und anders sein. Ein weiterer Punkt, der mich neugierig macht.
Und dann ist da die Musikszene. Brighton ist berühmt für seine Rock- und Metalbands. Das ist genau mein Ding. Ich liebe diese Art von Musik, den rebellischen Sound, den Stil, der damit einhergeht. Schwarze Klamotten, Bandshirts, Hoodies - mein Kleiderschrank ist voll davon. Aber leider wird das in der Schule keine Rolle spielen. Uniformpflicht. Großartig. Meine Begeisterung dafür? Sagen wir, sie hält sich in sehr engen Grenzen.
Aber es gibt eine Sache, auf die ich mich am meisten freue: Das Meer. Ich war noch nie am Meer. Nicht einmal im Urlaub. Wir haben uns immer mit Lake Michigan oder den Bergen in Colorado begnügt. Klar, das war schön, aber das Meer... das ist anders. Es hat etwas Magisches, Aufregendes, und auch wenn ich weiß, dass die Nordsee rau und kalt sein kann, freue ich mich darauf, das erste Mal die salzige Luft zu riechen und die Wellen zu hören.
Vielleicht... wird es ja doch nicht so schlimm.
Ein weiterer Vorteil, den ich an diesem Umzug festhalten muss: 7.000 Kilometer Abstand zu Aiden, meinem Ex-Freund. Diese Distanz ist nicht nur physisch, sondern auch emotional eine Art Befreiung. Er ist der Grund, warum ich jetzt ein derart kaputtes Verhältnis zum Thema Vertrauen habe. Klar, ich weiß, es gibt Menschen, die noch viel Schlimmeres erlebt haben, aber was er mir angetan hat, hat mich für eine ganze Weile aus der Bahn geworfen.
Aiden und ich waren schon seit der 7. Klasse zusammen, und ich dachte wirklich, er wäre der Richtige. Wir waren so lange ein Paar, dass ich glaubte, uns könnte nichts trennen.
Aber irgendwann reichte ihm das nicht mehr. Ich war ihm nicht mehr genug. Er wollte mehr, als ich bereit war zu geben, und ich habe mich damals noch zu jung dafür gefühlt. Ich war gerade mal 15. Ich wollte nicht weitergehen, aber Aiden? Er konnte das nicht akzeptieren. Stattdessen hat er sich das, was er wollte, einfach bei anderen geholt. Es war nicht nur ein Mädchen, nein, es waren viele. Und ich? Ich war so unglaublich naiv, dass ich absolut nichts davon geahnt habe.
Ich kann es immer noch kaum glauben, wie blind ich war. Alle an der Schule wussten es. Jeder. Außer mir und Willow. In einem unserer letzten Streits hat er mir die schockierende Zahl an den Kopf geworfen: 20. Er hatte mit etwa 20 Mädchen geschlafen, während wir noch zusammen waren. Und ich? Ich habe ihm all die Zeit vertraut. Es fühlt sich an, als hätte er nicht nur mein Herz, sondern auch mein Vertrauen in andere Menschen zerschmettert. Jeder hat hinter meinem Rücken über mich gelacht. Ich war das dämliche Mädchen, das nichts kapiert hat, während Aiden sich einen Spaß daraus gemacht hat, mich auch noch mit seinen Sprüchen zu verletzen. Er war nicht nur untreu - er war grausam. Danke, Aiden, für absolut nichts. Und danke, Mom, dass du mich hier rausgeholt hast.
Der Pilot meldet sich über das Lautsprechersystem, um uns nach einer ziemlich ruckeligen Landung zu verabschieden, und die Passagiere beginnen überflüssigerweise zu applaudieren. Warum klatschen die Leute eigentlich?
Ich stöhne innerlich auf und kämpfe mich aus meinem Sitz. Mein Körper fühlt sich an, als hätte ich ihn durch einen Fleischwolf gedreht. Fast 24 Stunden unterwegs, kaum Schlaf - mein Rücken tut weh, meine Beine fühlen sich schwer an. Das Einzige, was ich jetzt will, ist aus diesem Flugzeug raus.
Bevor wir unser Gepäck holen, gehe ich noch schnell auf die Toilette. Mom hat natürlich schon alles organisiert, sie ist immer ein Schritt voraus. Als ich in den Spiegel blicke, zucke ich fast zusammen. Ich sehe furchtbar aus. Meine grünen Augen sind trüb und müde, mein Eyeliner ist verlaufen, und meine ohnehin blasse Haut sieht aus wie die eines Zombies. Meine schwarzen Haare, die ich zu einem Knoten gebunden habe, sind ein einziges Chaos. Kein Wunder, dass ich mich so elend fühle.
Mit einem resignierten Seufzen binde ich mein Haar zu einem seitlichen Zopf und wasche mir das Gesicht. Das Make-up wird neu aufgetragen, aber egal, wie sehr ich mich bemühe, meine Haut bleibt bleich und leblos. Ein paar sanfte Klapse auf die Wangen, um wenigstens ein bisschen Farbe zu bekommen, doch es bringt nichts.
Immerhin trage ich bequeme Sachen. Meine schwarzen Converse, eine Leggings und meine Bandjacke von Asking Alexandria - ich fühle mich ein wenig wohler in diesen Klamotten. Ein paar Spritzer Erdbeer-Deo später bin ich so bereit, wie ich es nach diesem Flug sein kann.
Als ich wieder rauskomme, steht Mom bereits mit unseren Koffern bereit. Sie wirkt so gelassen, aber ich weiß, dass sie genauso aufgeregt ist wie ich. Sie gibt sich nur keine Blöße.
Wir sind fast da. Gleich werden wir Robert treffen - und seine Tochter.
Dieser Gedanke bringt mein Herz zum Rasen. Ich war immer ein Einzelkind, und plötzlich soll ich eine ältere Schwester haben? Wie soll das bitte funktionieren? Alles, was ich über sie weiß, ist ihr Name: Ashley. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Das war’s. Kein Foto, keine weiteren Informationen. Ich weiß nicht, was mich erwartet, und das macht mich wahnsinnig nervös. Was, wenn sie mich nicht leiden kann? Was, wenn ich mich bei ihr total fehl am Platz fühle? Meine Knie zittern bei der bloßen Vorstellung, sie bald zu treffen.
Mom legt eine Hand auf meine Schulter. Ihre Berührung ist warm und beruhigend.
„Wenn wir das Gate verlassen, beginnt unser neues Leben, Emily”, sagt sie mit einem Lächeln, das so strahlend ist, dass es mich fast mitreißt. Es ist lange her, dass ich sie so glücklich gesehen habe, und in diesem Moment weiß ich, dass ich das für sie tun muss. Sie hat es verdient, endlich glücklich zu sein.
Also nicke ich, auch wenn ein Teil von mir sich noch unsicher fühlt.
Ich greife nach meinem Koffer und folge ihr. Egal, wie sehr ich innerlich zögere - es gibt keinen Weg zurück. Es fühlt sich an, als würde ich eine Schwelle überschreiten, als würde ich mein altes Leben hinter mir lassen und in etwas völlig Neues eintreten. Ich atme tief durch. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.