Kapitel 1
Mein Tag begann, wie vermutlich von jedem anderen auch, mit dem Ignorieren meines immer lauter werdenden Weckers. Wer hat diese Folterinstrumente eigentlich erfunden? Ihr braucht gar nicht erst googeln, es war Levi Hutchins dieser Verräter.
Irgendwa⁴nn entschied ich mich dazu gähnend aufzustehen, nur um einen blassheutigen Zombie mit Augenringen, im Spiegel zu entdecken. Ich hatte mich in der Nacht unruhig hin und her gewälzt und kaum ein Auge zu bekommen, vor lauter Angst vor dem heutigen Tag.
Während ich nach der Dusche meine rotblonden Haare föhnte, gähnte ich ein weiteres Mal. Ich brauchte dringend einen Kaffee.
Heute machte ich mir einen Pferdeschwanz, bei dem jeweils eine Strähne auf jeder Seite mein Gesicht umrahmte. Für mehr hatte ich keine Zeit mehr. Eigentlich war Duschen schon nicht mehr in meinem Zeitplan gewesen, doch nachdem ich die ganze Nacht in meinem Angstschweiß gebadet hatte, musste das sein. Ich wollte nicht, dass mich meine neuen Mitschüler als Stinktier abstempelten. Gut, dass mir mein Vater angeboten hatte mich an meinem ersten Schultag zu fahren.
Wenn ich sagen würde ich wäre aufgeregt, wäre das die Untertreibung des Jahrhunderts, aber gleichzeitig freute ich mich auch auf diesen Neuanfang. Meine Familie versuchte ihr Bestes um das Geschehene einfach zu vergessen und das versuchte ich ebenso, auch wenn sich diese Bilder manchmal immer noch in meine Träume schlichen.
Als ich zurück in mein Zimmer kam, lag Damon auf meinem Bett und sah mich mit leuchtend gelben Augen an. “Wieso darfst du eigentlich den ganzen Tag schlafen, das ist so unfair” beschwerte ich mich und streichelte seinen Kopf, was er mit einem Miauen erwiderte.
Mein Handy vibrierte. Es war eine Nachricht von Emma.
Ich wünsche dir ganz viel Glück für heute und ganz viele tolle neue Freunde, aber nicht zu tolle, schließlich bin ich auch noch da. xoxo
Lächelnd tippte ich eine schnelle Antwort ins Handy, da kam auch schon das dröhnende Gebrüll aus der Tiefe.
“Ava wir müssen los, wenn du nicht laufen willst!”
“Ich komme!” brüllte ich genauso laut zurück, sodass Damon irritiert den Kopf hob und sich dann wieder schnarchend umdrehte. Katze müsste man sein.
“Da wären wir” sagte mein Vater begeistert. Ich weiß nicht, ob er so begeistert wäre, wenn er selbst auf diese Schule gehen müsste. “Okay bis dann, hab dich lieb” ich winkte ihm noch einmal zu und schlug die Autotür zu. Die Scheibe ging herunter und ich drehte mich fragend zu ihm um. “Ey” sagte er “das ist kein Panzer” dann ging die Scheibe wieder hoch und ich verdrehte lachend die Augen.
Die erste Stunde hatte ich Deutsch bei Mrs. Mayer. Sie war eigentlich ganz in Ordnung, nur ihre ständigen Pausen zwischen einzelnen Wörtern machte mich etwas nervös, so dass ich mich hin und wieder fragte, ob die Anderen das nicht auch seltsam fanden, aber die hörten nur interessiert oder auch desinteressiert zu und schauten nach vorne.
Das gute war, dass ich nicht, wie in meiner Horrorvorstellung, vor der Klasse stehen und mich vorstellen musste, sondern sie mir direkt gesagt hat, wo ich mich hinsetzen kann. Bei Unterrichtsbeginn hat sie dann einmal die neue Schülerin erwähnt, mich, alle Blicke lagen kurz auf mir und dann war es vorbei.
In der Pause saß ich auf einer Mauer und lehnte mich an einen Maschendrahtzaun, der bei meiner Berührung nachgab. Wäre sehr peinlich, wenn der jetzt kaputt ginge und ich auf dem Boden läge. Ich schüttelte leicht den Kopf. Ich würde wohl nicht die erste sein die sich dagegen lehnte.
Hungrig holte ich mein Käse Tomaten Sandwich aus meiner Tasche und biss genüsslich rein. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich wie sich eine Person etwa 2 Meter neben mich stellte, doch ich schenkte dem keine weitere Aufmerksamkeit, da ich dabei war Emma von meiner ersten Stunde zu berichten. Ich war echt dankbar sie als Freundin zu haben, auch wenn ich es ihr nicht mal verübelt hätte, wenn sie mir nach dem Geschehenen, lieber ferngeblieben wäre, schon allein um den Blicken der anderen zu entgehen.
Der nächste Biss von meinem Sandwich wurde mir von Zigaretten Qualm vermiest. Ich rümpfte die Nase. Toll, der Wind blies mir den Qualm direkt ins Gesicht. Das erste Mal sah ich den Typ mit der Zigarette richtig an. Er sah gut aus. Nicht dieses hübsche Haare, nettes Lächeln gut, sondern dieses ‘ich bilde mir den nur ein so jemanden gibt’s nur in Filmen’ gut, ach vergesst es, er war fucking hot.
Wow ok, nicht vergessen sein Aussehen entschuldigt nicht, dass er mir gerade seinen stinkenden Qualm ins Gesicht bließ.
“Könntest du vielleicht woanders rauchen?” sagte ich aufgebracht, aber viel weniger selbstsicher als es in meiner Vorstellung geklungen hat.
Er nahm einen weiteren Zug seiner Zigarette und sah dabei so elegant aus, dass ich beinahe vergessen hab, dass er gerade so dreist war und mich eiskalt ignorierte. Er lehnte an der Mauer, auf der ich gerade saß, das eine Bein dagegen gelehnt wärend seine freie Hand in seiner Jackentasche verweilte.
“Entschuldige?”
Versuchte ich es nochmal, da ein naiver Teil in mir dachte, dass er mich vielleicht einfach nicht gehört hatte.
Diesmal fiel sein Blick auf mich und ich konnte zum ersten Mal in seine Augen sehen, sie waren hell, aber welche Farbe es war konnte ich aus der Entfernung nicht erkennen.
“Entschuldigung abgelehnt”
antwortete er mit einer tiefen Stimme, als ich schon gar keine Antwort mehr erwartet hatte.
Ich war wie ein Weichei einfach geflüchtet. Vielleicht hätte ich ihm meine Meinung sagen sollen, aber ganz im Ernst, ich wollte mir nicht am ersten Tag schon Feinde machen. Wer weiß, am Ende war er sowas wie der Anführer der Schule, wenn es sowas nicht nur in Büchern gab. Zumindest hatte ich es versucht, was solls.
Ich hatte noch 10 Minuten, bevor ich zu Chemie musste. Der Kaffee von heute Morgen drückte auf meine Blase, weswegen ich vorher noch schnell zur Toilette ging.
Beim Öffnen der Tür drang direkt ein strenger Geruch, ein Gemisch aus Parfum und Urin, in meine Nase, die ich sogleich rümpfte und ging in eine der Kabinen hinein.
“Glaubt ihr das ist sie?” flüsterte eines der Mädchen, das ich beim vorbei gehen am Spiegel ihren Lippenstift nachziehen sah.
“Ich weiß nicht, lassen sie so jemanden denn überhaupt an die Schule?” Flüsterte ein anderes Mädchen etwas lauter, worauf eines der drei Mädchen ein “pscht” Geräusch von sich gab und vermutlich geheimnisvoll ihren Finger auf die Lippen legte.
“Vielleicht verstellt sie sich nur, damit niemand merkt, wie gefährlich sie eigentlich ist”
“Rede nicht so einen Quatsch”
lachte eine andere und ich hörte im selben Moment wie die Tür zu schlug, dann war es still im Raum und ich saß da und hoffte mit Tränen in den Augen, dass nicht ich gemeint war.
In Chemie saß ich neben Mike. Er war nett und dazu noch gut in Chemie, also der perfekte Sitznachbar. Wir saßen in der vorletzten Reihe, was mir ganz recht war, da der Lehrer so hoffentlich nicht all zu viel mitbekam von meinen nicht vorhandenen Chemie Kenntnissen. Mein Gehirn fing schon bei dem Periodensystem an der Wand an tierisch zu qualmen.
“Wie kommts, dass hier alle so viel mitarbeiten?” Fragte ich ihn und schaute irritiert durch den Raum. Ich meine, in den anderen Fächern schienen sie zu schlafen, nur um für diesen Unterricht fit zu sein. Als müsste man zu jedem Wort was Mr. Solis sagte etwas hinzuzufügen haben.
Mike stieß belustigt die Luft aus und lehnte sich etwas zu mir herüber, damit uns niemand hörte. “Er macht jede Stunde Mitarbeitsnoten und das extrem streng. Eine Stunde nicht richtig aufgepasst und schon bist du eine Note schlechter auf dem Zeugnis.”
“Diabolisch” sagte ich staunend und beobachtete, wie Mr. Solis an seinem Pult stand und irgendetwas in ein Notizbuch schrieb. Da bekommt man ja Schweißausbrüche.
“Ich habe mich dazu entschieden, dass wir dieses Mal die Projektpartner nicht auslosen, da es bei den vergangenen Malen sowieso nur Zettel Tauscherei gab, deswegen wird es jetzt jeweils der Sitznachbar sein. Ich gebe ihnen jetzt eine Viertelstunde Zeit sich auszutauschen, währenddessen teile ich ihnen die Themen aus.”
Erster Tag und schon Projekte? Und dann auch noch in Chemie. Das Leben war so ungerecht.
“Woher kommst du eigentlich?” Fragte Mike als wir durch den Gang zur nächsten Stunde gingen. Ich hatte erfahren, dass wir mehrere Fächer zusammen haben, was mich wirklich freute.
“Ach, ist ein kleiner Ort, würdest du sowieso nicht kennen” lachte ich und versuchte dabei ehrlich zu wirken.
Zum Glück fing er daraufhin auch an zu lächeln.
“Denkst wohl ich bin nicht schlau genug, das verletzt mich jetzt schon” er legte seine Hand auf die Brust und verzog die Miene.
“Nein, ich will damit sagen, dass der Ort so unbedeutend ist, das nichtmal ein Geographie Ass wie du ihn kennen kann” erwiderte ich und lachte nun wirklich.
Er schien zufrieden mit meiner Antwort und bohrte nicht weiter nach “das hört sich schon besser an”
Wir gingen an einigen Schülern vorbei, von denen die meisten uns nicht beachteten, etwas in ihren Spinden suchten oder an ihren Handys hingen, aber ein paar wenige sahen mich verstohlen an und tuschelten mit vorgehaltener Hand miteinander. Mir wurde unwohl, sogar sehr unwohl zumute. Das musste ich mir nur einbilden.
“Alles in Ordnung?” Wie aus einem bösen Traum erwacht, schreckte ich auf.
“Sorry, was hast du gesagt?” versuchte ich meine Angst zu überspielen. “Bin etwas müde, wäre wohl gerade fast im gehen eingeschlafen” lachte ich peinlich berührt. Um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen, gähnte ich einmal.