Kapitel 1
POV: Alicia
In der Feuerwache roch es nach Rauch und Stahl – eine Mischung aus verbrannten Kohlen und etwas Metallischem, das in der Luft hing. Es war der Geruch von Heimat, oder zumindest das, was ich mir immer unter Heimat vorgestellt hatte. Mein Vater, Captain Robert Bennett, kam früher oft mit diesem Geruch in der Kleidung von seinen Schichten nach Hause. Der Duft hielt sich noch lange, nachdem er schon wieder weg war. Ich bin damit aufgewachsen. Ich habe es geliebt. Und jetzt, da ich die Wache 21 zum ersten Mal als eine von ihnen betrat, war ich endlich dort, wo ich hingehörte.
Ich straffte die Schultern und hielt den Kopf hoch. Ich war fest entschlossen, das gleiche stille Selbstvertrauen auszustrahlen wie mein Vater damals. Das hier war nicht nur ein Job – es war ein Vermächtnis.
In der Wache herrschte reges Treiben. Die Feuerwehrleute bewegten sich mit geübter Gelassenheit, ihre Stimmen vermischten sich mit dem fernen Rauschen eines Funkgeräts. Einige prüften die Ausrüstung, andere lehnten an der Küchentheke und tranken Kaffee. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen und suchte nach Trevor. Mein Bruder wollte mich eigentlich abholen, aber trotzdem –
„Hey, Captain Krauss, sieht aus, als hätten wir einen Neuzugang.“
Der Name Krauss jagte mir einen elektrischen Schlag durch den Körper. Alle Härchen auf meinen Armen stellten sich auf.
Nein. Auf keinen Fall.
Ich drehte mich genau in dem Moment zur Stimme um, als er auftauchte.
Leon.
Leon Krauss.
Für einen Sekundenbruchteil setzte mein Gehirn aus. Mein Körper erstarrte und meine Muskeln spannten sich an, während die Erinnerungen auf mich einprasselten. Späte Abendessen bei uns zu Hause. Die Male, in denen er mir durch die Haare gewuschelt hatte, als ich jünger war. Wie ich ihm und Trevor wie ein Schatten hinterhergelaufen war. Und dann, Jahre später, als mir Dinge auffielen – Dinge, die ich eigentlich nicht bemerken sollte. Die scharfe Linie seines Kiefers. Die Tiefe seiner Stimme. Die Art, wie er sich bewegte, als könnte ihn nichts auf der Welt erschüttern.
Aber das war nicht der Leon, den ich in Erinnerung hatte.
Das war Captain Krauss.
In dem Moment, als mein Blick auf ihn fiel, schien sich die Luft zwischen uns zu verändern. Mir stockte der Atem und mein Herz stolperte, während ich ihn musterte. Er war noch attraktiver, als ich ihn in Erinnerung hatte. Er wirkte autoritärer. Einfach mehr von allem. Sein dunkelblondes Haar war jetzt kürzer geschnitten, seine Gesichtszüge wirkten schärfer und markanter. Und Gott, ich hatte ganz vergessen, wie groß er war. Die dunkelblaue Uniform saß eng an seinen breiten Schultern und einer Brust, die mit der Zeit nur noch kräftiger geworden war.
Er war nicht mehr nur der beste Freund meines Bruders. Er war mein Vorgesetzter.
Leons blaue Augen trafen meine. Für einen winzigen Moment öffneten sich seine Lippen ein Stück, als wäre er genauso überrascht wie ich.
Kurz erwartete ich irgendetwas. Ein Lächeln, ein Nicken, irgendein Zeichen des Wiedererkennens. Schließlich hatten wir eine gemeinsame Vergangenheit. Doch stattdessen verhärtete sich sein Gesichtsausdruck. Sein Blick wurde unlesbar und seine blauen Augen wirkten kälter, als ich sie je gesehen hatte.
Der Junge, der mich früher aufgezogen und mit mir gelacht hatte, war weg. An seiner Stelle stand ein Mann, der mich ansah, als wäre ich nur irgendein Name auf einer Liste.
„Ich wusste gar nicht, dass Wache 21 Frischfleisch bekommt“, sagte er mit verschränkten Armen.
Ich hob das Kinn und zwang meine Stimme, ruhig zu bleiben. „Ich habe mich nicht verlaufen. Ich weiß ganz genau, wo ich hingehöre.“
Er stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. „Das werden wir ja sehen.“
In mir zog sich alles zusammen. Das war nicht der Empfang, den ich erwartet hatte. Ich dachte zwar nicht, dass Leon begeistert sein würde, mich zu sehen. Aber mit dieser kalten, distanzierten Art hatte ich nicht gerechnet. Es verursachte mir Gänsehaut.
„Da ist sie ja.“ Trevors Stimme durchschnitt die Spannung, während er mir eine Hand auf die Schulter legte. „Bist du bereit für deinen ersten Tag?“
Ich zwang mich, genauso gut gelaunt zu klingen. „Immer.“
„Captain Krauss.“ Trevors Stimme veränderte sich und klang respektvoll, als er Leon ansprach.
Leons Haltung blieb steif. „Lieutenant Bennett. Weggetreten.“
Trevor lachte kurz auf und schüttelte den Kopf, bevor er Leon kurz freundschaftlich umarmte. Und ganz plötzlich, für einen Wimpernschlag lang, sah Leon wieder aus wie er selbst – warm und vertraut. Aber der Moment war so schnell vorbei, wie er gekommen war. Als er zurücktrat, verfinsterte sich seine Miene wieder. Seine Augen wurden hart wie Stahl, als sie erneut die meinen trafen.
Trevor schien nichts zu bemerken. „Du bist jetzt also ihr Captain, was? Lass sie nicht zu leicht davonkommen.“ Er wuschelte mir durchs Haar, wie er es immer tat, als wäre ich noch ein Kind.
Leon presste die Lippen schmal zusammen. „Verlass dich drauf, das werde ich nicht.“ Seine Stimme war eiskalt. Fast schon grausam. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Trevor grinste ahnungslos. „Komm schon, ich zeig dir alles.“
Leon sagte kein Wort mehr. Er nickte nur kurz, drehte sich auf dem Absatz um und ging weg.
Er ließ mich einfach dort stehen, die Fäuste an den Seiten geballt.
So viel zum Thema herzliches Wiedersehen.
Trevor führte mich durch die Wache und zeigte mir die Küche, den Schlafraum und den Trainingsbereich. Ich nickte zwar, aber meine Gedanken kreisten ständig um Leon. Dieser kalte Gesichtsausdruck und die Art, wie er mich so distanziert angesehen hatte. Ich hatte mit Peinlichkeit gerechnet. Vielleicht mit Überraschung. Aber nicht damit. Er tat so, als wäre ich nur irgendein Neuling, eine Fremde in seiner Wache.
Als der Rundgang zu Ende war, drückte Trevor meine Schulter. „Du schaffst das schon, Ali. Mach einfach das, was du am besten kannst.“
Dann ging er. Und ich war auf mich allein gestellt.
Während ich mich im Raum umsah, kam eine Frau mit leuchtend rotem Haar und warmen braunen Augen auf mich zu. Ihr Lächeln war locker und einladend.
„Hey, du musst Bennett sein, der Neuling“, sagte sie. „Ich bin Camila. Willkommen im Team.“
Ich lächelte zurück und war dankbar für die freundliche Art. „Ja, das bin ich. Danke. Schön, hier zu sein.“
Bevor ich mehr sagen konnte, gesellte sich ein weiterer Feuerwehrmann zu uns. Er war groß, gebräunt, hatte dunkles Haar und scharfe Augen, die mich neugierig musterten.
„Tyler“, stellte er sich mit einem Nicken vor. „Hoffentlich bist du bereit. Hier wird es den Neulingen nicht leicht gemacht.“
Ich machte mich gerade und tat so, als wäre ich völlig selbstsicher. „Das habe ich auch nicht erwartet.“
Noch bevor ich mich richtig einfinden konnte, durchschnitt eine tiefe, befehlende Stimme die Luft.
„Bennett.“
Ich wirbelte herum.
Leon.
Er stand da mit verschränkten Armen, breit gebaut und unnachgiebig. Seine blauen Augen fixierten meine, sein Blick war unlesbar. Ich hatte kaum Zeit, das Wiedersehen zu verarbeiten, da knöpfte er sich mich schon vor.
„Heute ist Trainingstag“, sagte er mit fester Stimme. „Neulinge geben alles, aber sie werden nicht leichtsinnig. Verstanden?“
Mein Herz klopfte wie wild, während ich ihn ansah – die harten Linien seines Gesichts, die Autorität in seiner Haltung. Er sah noch beeindruckender aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Älter. Härter. Ich hatte irgendeine Form von Anerkennung erwartet, vielleicht sogar ein kleines Grinsen, aber stattdessen bekam ich nur eiskalte Professionalität.
„Verstanden, Captain“, antwortete ich ruhig.
Camila und Tyler tauschten Blicke aus, als würden sie merken, dass etwas an seinem Ton nicht stimmte. Aber ich ließ mich nicht beirren. Ich war hier, um mich zu beweisen. Niemand – nicht mal Leon Krauss – würde mir im Weg stehen.
Ich mutete mir mehr zu, als ich eigentlich sollte.
Jeder Muskel brannte, aber ich weigerte mich, langsamer zu werden. Es ging nicht nur um das Training. Ich wollte beweisen, dass ich es verdient hatte, hier zu sein. Dass ich nicht nur Trevors kleine Schwester oder Robert Bennetts Tochter war. Ich war Alicia Bennett.
Ich würde nicht versagen.
Bei der letzten Runde – ich schleppte den schweren Schlauch die Treppen hoch – zitterten meine Arme. Meine Beine fühlten sich schwach an, die Belastung war kaum zu ertragen. Schweiß verschleierte mir die Sicht, aber ich biss die Zähne zusammen und machte weiter. Nur noch ein Schritt. Nur noch einer –
Eine Hand klammerte sich um meinen Arm und riss mich zurück.
Ich bemerkte die Wucht kaum, bevor ich gegen etwas Festes prallte. Hitze. Stärke. Der Geruch nach Rauch und Stahl.
Leon.
Ich blinzelte atemlos zu ihm hoch. Mein Körper war noch in Bewegung, während sein Griff mich festhielt. Sein Kiefer war angespannt, seine blauen Augen loderten.
„Was zur Hölle glaubst du eigentlich, was du da tust?“
Ich versuchte, meinen Atem zu beruhigen. „Die Übung beenden.“
„Du wärst fast umgekippt“, fuhr er mich an. „Du gehst nicht bis zum Punkt einer Verletzung, Bennett.“
Die Art, wie er meinen Nachnamen aussprach, versetzte mir einen Stich. Als wäre ich nur irgendein Rekrut. Als wäre ich nicht Alicia.
„Ich komme schon klar.“
„Nicht, wenn du leichtsinnig bist.“
Seine Finger lockerten sich, aber der Abdruck seiner Berührung brannte auf meiner Haut.
Wut stieg in mir auf. Ich stieß seine Hand weg und funkelte ihn mit hämmerndem Puls an. Es sollte ihm egal sein. Er sollte sich nicht so verhalten – so eiskalt und streng. Als wäre ich nur eine weitere Feuerwehrkraft unter seinem Kommando.
Aber für einen Moment – nur für eine Sekunde – blieb sein Blick hängen. Und in diesem kurzen Zögern sah ich etwas hinter dem Zorn. Etwas, das mir ein flaues Gefühl im Magen bescherte.
Dann war es genauso schnell wieder verschwunden.
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging. Er ließ mich einfach mit geballten Fäusten dort stehen.
Ich hasste ihn.
Ich hasste es, dass er recht hatte.
Leon
