Kapitel 1: Die Flüsternden Flammen
Die Nacht lag schwer über dem endlosen Wald von Aeryndor, ein gewaltiges Meer aus uralten Bäumen, deren dichte Kronen den Himmel verdeckten. Die Luft war kühl, erfüllt vom würzigen Duft feuchter Erde und dem sanften Rauschen der Blätter, das wie ein uraltes Lied klang – ein Lied, das die Geschichte dieses Landes in sich trug. Doch an diesem Abend wirkte der Wald unruhig. Schatten bewegten sich zwischen den Stämmen, als würde etwas in der Dunkelheit lauern, etwas, das nicht dort sein sollte. Die Sterne, sonst funkelnd wie Silber, verbargen sich hinter dichten Wolken, als fürchteten sie sich vor dem, was kommen mochte.
Aurelia spürte die Anspannung in der Natur. Seit Tagen war sie von einer namenlosen Unruhe erfüllt, einem Gefühl, das tief in ihrem Inneren nagte. Ihre Hände ruhten auf der rauen Rinde einer alten Eiche, deren Stamm so breit war, dass er Generationen von Stürmen getrotzt haben musste. Sie schloss die Augen, versuchte sich mit den Wurzeln zu verbinden, den Puls des Waldes zu fühlen. Doch da war nichts als Stille. Eine Stille, die nicht beruhigend, sondern bedrückend war – als hielte die Welt den Atem an.
Sie öffnete die Augen und sah sich um. Ihr kleines Dorf, versteckt zwischen den uralten Bäumen, lag in friedlicher Dunkelheit. Rauch stieg aus den Kaminen auf, und der ferne Klang einer Laute drang aus einer der Hütten. Sie hätte in dieser Stille Trost finden sollen, doch etwas war anders. Die Nacht roch nach Veränderung. Nach Gefahr.
Ein kalter Schauer rann über ihren Rücken, als sich ein Zittern durch ihre Glieder zog. Dann traf es sie – mit der Wucht eines Feuers, das unbarmherzig alles verschlingt.
Plötzlich war sie nicht mehr im Wald. Die Welt um sie herum zerbarst. Die Erde bebte unter ihren Füßen, ein heißer Wind riss an ihrer Haut. Als sie aufsah, war der Himmel in Flammen getaucht. Ein Ozean aus Feuer breitete sich aus, flackerte in grellen Orange- und Rottönen, züngelte wie lebendige Wesen über das Land. Die hohen Bäume der Wälder von Aeryndor – uralte Zeugen der Geschichte – standen in Brand, ihre mächtigen Stämme barsten unter der Hitze. Schreie hallten durch die Nacht, unmenschlich, voller Schmerz und Verzweiflung.
Dann sah sie sie.
Drachen.
Hunderte von ihnen, riesige Wesen mit Schuppen, die in der Feuersbrunst glänzten wie geschmolzenes Gold und tiefes Onyx. Ihre Flügel zerschnitten die Luft mit ohrenbetäubendem Donnern, während sie Feuerströme auf das Land hinab Regnen ließen. Ihre Augen brannten mit einer Wut, die alles verzehrte. Aurelia wollte sich bewegen, wollte fliehen, doch ihre Beine gehorchten nicht. Sie war gezwungen, zuzusehen, wie das Land, das sie kannte, in Asche versank.
Ein Drache – größer als alle anderen – erhob sich über die brennenden Ruinen. Seine Schwingen warfen Schatten, die sich über den Himmel legten wie eine drohende Finsternis. Seine Augen, rot glühende Kohlen, richteten sich auf sie. Und dann – ein Wort. Ein einziges Wort, das durch ihr Bewusstsein schnitt wie eine Klinge aus Eis.
„Verrat.“
Die Welt zerbarst erneut.
Aurelia schrak hoch, keuchend, ihr Körper schweißgebadet. Die Dunkelheit des Waldes war zurück, die Nacht unberührt, als wäre nichts geschehen. Doch ihr Herz schlug rasend, und ihre Hände zitterten. Sie wusste es. Sie hatte keine gewöhnliche Vision gehabt. Dies war eine Warnung.
Sie presste die Finger gegen ihre Schläfen, versuchte die Bilder aus ihrem Geist zu vertreiben. Doch das Wort hallte noch immer in ihr nach. Verrat. Wer hatte wen verraten? Und warum hatte sie diese Vision erhalten?
„Du hast es gesehen.“
Die Stimme ließ sie zusammenzucken. Ein Zittern ging durch die Blätter, als sich ein Schatten zwischen den Bäumen regte. Dann traten sie hervor – drei Gestalten, ihre Umhänge von Blättern und Rinde durchzogen, ihre Gesichter halb verborgen unter Kapuzen. Die Hüter des Waldes. Ihre bloße Präsenz ließ die Luft um sie herum pulsieren, als wäre die Natur selbst durch sie zum Leben erwacht.
Der Älteste unter ihnen trat einen Schritt vor. Seine Augen – tief, alt, voller Wissen – musterten Aurelia mit einer Mischung aus Mitgefühl und Ernst. „Es beginnt,“ sagte er leise.
Aurelia schluckte hart. „Was beginnt?“ Ihre Stimme klang rau, als wäre sie durch das Feuer selbst geschliffen worden.
Der Hüter musterte sie lange. Dann hob er eine Hand, und eine Brise zog durch den Wald, raunte durch das Laub, brachte eine unheilvolle Botschaft mit sich.
„Der Sturm, den wir fürchteten, ist gekommen.“
Aurelia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie wollte widersprechen, wollte sagen, dass das nur ein Traum gewesen war. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie es besser. Dies war keine bloße Vision.
Dies war ein Vorzeichen.
Ein Flüstern in der Dunkelheit.
Ein Vorbote des Feuers.