Kapitel 1
„Ich glaube, wir brauchen eine weitere Hilfe in der Bar.“
Das sind die ersten Worte meiner Mutter, nachdem sie mich gebeten hat, mit ihr zu sprechen. Dringend.
Dringend genug, um meinen Morgen zu ruinieren.
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und verschränke die Arme vor der Brust, meine Muskeln spannen sich an. „Nein.“
„Alex“, sagt sie mit ihrer beschwörenden Stimme. Süß und zugleich genervt.
Ich lasse mich nicht erweichen. „Nein“, wiederhole ich, denn wir brauchen hier niemanden sonst. Alles läuft gut so, wie es ist. Niemand macht Mist oder versucht, übermäßig hilfsbereit zu sein, nur um dann alles zu vermasseln. Entweder indem Tassen und Gläser zu Bruch gehen, Streit mit betrunkenen Kunden anfängt oder die Zutaten hinter der Bar verlegt werden.
Die wenigen Mitarbeiter hier wissen, wie der Hase läuft – konzentriert euch auf die Arbeit, kein Gequatsche.
Ich brauche keinen Eindringling, den ich den ganzen Tag bewachen muss. Ich brauche niemanden, der mir mit dummen Geschichten die Ohren vollquatscht oder Ausreden erfindet, warum er zu spät gekommen ist oder es nicht zur Schicht geschafft hat.
Ich brauche keine verzogenen Mädels, die mit den Wimpern klimpern und hoffen, mich weichzuklopfen.
Ich brauche keine neue Quelle für Kopfschmerzen.
Ich habe an der Bar schon genug zu tun – die Bar managen, die Kunden im Auge behalten, damit sie sich nicht total zusaufen, spät in der Nacht putzen und abschließen und früh wieder aufstehen, um den Bestand zu prüfen und sicherzustellen, dass nichts gestohlen wurde.
Und jetzt soll ich auch noch einen Teil von Mamas Job übernehmen – Anbieter kontaktieren, Rechnungen bezahlen und die Finanzen regeln.
Mein Blick huscht zu ihr an ihrem großen Eichenschreibtisch. Irgendetwas Kaltes zieht sich in meinem Magen zusammen. Es lähmt mein gesamtes System.
Sie sieht heute gut aus, ihr blondes Haar ist zu einem Dutt hochgesteckt und ihr Gesicht leicht geschminkt. Das sanfte Lächeln auf ihrem Gesicht zeigt keine Anzeichen von Schmerz.
Aber ich weiß es besser.
Ihr Rücken schmerzt schon seit einer Weile. Sie sagt, es sei auszuhalten. Aber ich sehe, wie sie zusammenzuckt, wenn sie aufstehen oder sich hinsetzen will. Die Langsamkeit in ihren Bewegungen, als bräuchten ihre Muskeln erst Zeit, um warm zu werden. Sie lügt und sagt, sie arbeite lieber von zu Hause, weil sie den Stuhl in ihrem Büro nicht ertrage.
Sie erzählt mir immer wieder, ihre Rückenschmerzen kämen von ihrer Körperhaltung. Jahrelanges Beugen über den Schreibtisch, das Schleppen schwerer Kisten voller Alkohol und das Rauswerfen betrunkener Kunden, die zu ihren Autos wollten.
Was auch immer der Grund ist, es hält sie öfter zu Hause, als sie zugeben will, was dazu führt, dass ich ihre Arbeit mitmache. Ich habe nichts dagegen, ihre Aufgaben zu übernehmen. Ich liebe meine Mutter. Sie hat über die Jahre hart genug gearbeitet, um mich ganz allein großzuziehen.
Sie ist die Erste, die eine Pause verdient hat.
Ich habe ihr vorgeschlagen, in Rente zu gehen. Sie hat sich dagegen gewehrt und gesagt, es ginge ihr gut. Außerdem wissen wir beide, dass ich eine zusätzliche Hand brauche, um die Bar zu führen, sobald sie weg ist.
Allerdings waren die letzten fünf Leute, die wir eingestellt haben, ein Albtraum. Da würde ich mich lieber selbst anzünden.
Meine Wahl ist entweder Burnout oder Kopfschmerzen.
Dann also Burnout.
Selbst wenn Mama nach der Physiotherapie wieder fit ist, wäre es mir lieber, wenn sie sich aus der Bar zurückzieht.
„Schätzchen“, fährt Mama fort und legt den Kopf schief. „Komm schon.“
„Nein“, ich weigere mich nachzugeben.
„Du kannst nicht alles allein schaffen.“
„Wart’s ab.“
Sie atmet amüsiert und genervt aus. „Alex –“
„Mama“, ich ziehe eine Augenbraue hoch, mein Ton ist kurz angebunden, um das Gespräch zu beenden. Ich muss vor der Öffnung noch das Inventar machen. Ich habe keine Zeit, das hier auszudiskutieren. „Du hast gesehen, wie beschissen es die letzten Male lief. Lass es mich allein versuchen. Bitte.“ Ich knurre das letzte Wort und mache große Augen. Mein Rettungsanker, bevor ich wahnsinnig werde.
Sie presst die Lippen zusammen. Ich glaube, sie gibt nach, bis sie wieder den Mund aufmacht. „Lass es uns ein letztes Mal versuchen.“
Ich stöhne. „Nein.“
Gott!
Als ich sie ansehe, bemerke ich den schuldbewussten Ausdruck in ihrem Gesicht. Sie blinzelt zu schnell.
Meine Augen verengen sich, während ich sie anstarre. Durch zusammengebissene Zähne murmle ich: „Du hast es schon getan. Du hast jemanden eingestellt.“
Ihr Gesichtsausdruck ist gequält. „Es tut mir leid, aber ich glaube wirklich, dass du Hilfe brauchst. Ich will nicht, dass du dich so stresst –“
„Ich werde erst recht gestresst, wenn ich jemanden beaufsichtigen muss“, seufze ich schwer und fahre mir durch die Haare. Meine Hände jucken, ich möchte irgendetwas greifen und fest zudrücken. „Ich brauche nicht noch eine Aufgabe, um die ich mich kümmern muss.“
„Gib ihr eine Chance.“
Hinter meinen Augen pocht schon der Kopfschmerz. Sie ist noch nicht mal da und mir graut vor jeder einzelnen Sekunde.
„Hat sie wenigstens Erfahrung in Bars oder Restaurants?“, frage ich.
„Nein“, sagt Mama mit langsamer Stimme. „Aber sie hat die richtige Einstellung. Ich glaube, du wirst sie mögen.“
Ich werfe Mama einen ernsten Blick zu, denn die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist gleich null. Zur Hölle, sie ist negativ. Unmöglich.
Ich mag keine Menschen. Ich habe nichts für Menschen übrig. Je weniger Kontakt, desto besser.
„Im Ernst? Du hast jemanden eingestellt, der keine verdammte Ahnung von irgendwas hat?“ Mein Kiefer mahlt. „Willst du, dass ich kündige?“
Mama kichert. Das Geräusch vibriert in meinem Rücken und beruhigt mich etwas. Sie mag Schmerzen haben, aber zumindest lacht sie. „Sei nicht so dramatisch, Alex.“
„Ich meine das ernst.“
„Gib ihr eine Chance. Vielleicht wird sie die beste Mitarbeiterin, die du je getroffen hast.“
Kaum zu glauben.
Ich beiße mir auf die Zunge, denn diese Diskussion ist an diesem Punkt nutzlos. Mama wird dieses neue Mädchen nicht aufgeben. Und am Ende des Tages ist das ihre Bar. Ihre Regeln. Ihre Entscheidungen.
Und ich muss es wohl schlucken.
Irgendwer, erschießt mich.
„Wann kommt dieses neue Mädchen zum Training?“, atme ich aus.
Mama beißt sich auf die Unterlippe. „Jetzt...“
Ich starre meine Mutter an, sage aber nichts. Ich überlege, ob ich direkt in den Lagerraum gehen und den stärksten Alkohol holen soll, den wir haben. Ich kann das hier nicht nüchtern ertragen.
Ich schüttle den Kopf. „Ich werde versuchen, heute niemanden umzubringen.“
Mama kichert wieder. „Danke, Schätzchen.“
Ich nicke, bevor ich das Büro im hinteren Teil der Bar verlasse. Statt wie geplant in den Lagerraum zu gehen, steuere ich direkt den Hauptbereich an. Mein Blick scannt den Raum auf der Suche nach dem neuen Mädchen.
Es ist nicht schwer, sie zu finden, da sie die einzige Person in dem großen Raum ist. Sie sitzt auf einem Barhocker an der Theke, den Kopf gesenkt, während sie etwas in ihr Handy tippt. Ihr dunkles Haar fällt um sie herum.
Es ist, als könnte sie meinen schweren Blick auf sich spüren, denn sie blickt auf. Unsere Blicke treffen sich und mein Mund wird trocken.
Grün.
Sie hat die grünsten Augen, die ich je gesehen habe. Tiefgrün wie ein üppiger Wald.
Mein Magen kehrt sich um, als würde ich in einen freien Fall stürzen.
Ich kann nicht wegsehen und versuche herauszufinden, ob diese Augenfarbe echt ist oder ob das Licht mich täuscht.
Meine Beine bleiben auf halbem Weg stehen und ich kann keine Worte bilden. Ich... starre einfach nur. Wie ein Idiot.
Keineswegs von meiner Reaktion gestört, hellt sich ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen auf. Perlenweiße Zähne und alles. „Hi, ich bin Meredith... Die neue Mitarbeiterin.“
Ich bin wie erstarrt.
„Du musst Alexander sein, richtig?“
Sie springt von ihrem Sitz und geht um die Bar herum, bis sie einen Kopf kleiner vor mir steht. Ihr Duft erreicht mich – blumig.
Ich schlucke schwer.
Diese grünen Augen sind echt.
„Kann ich das kurz nach hinten bringen, bevor wir anfangen?“, fragt sie und hebt die schwarze Tasche an ihrer Schulter. „Amanda hat mir neulich den Platz gezeigt.“
Ohne auf meine Antwort zu warten, geht sie in den Flur, der zum Büro meiner Mutter, zum Lagerraum, zur Küche und zum Umkleideraum führt. Es dauert nicht lange, bis sie wieder da ist. Das breite Lächeln klebt immer noch auf ihrem hübschen Gesicht, und der blumige Duft dringt überallhin, wo sie hingeht.
„Entschuldige das Gelaber“, sie verdreht die Augen. „Ich bin sehr aufgeregt. Aber ich werde versuchen, mich so gut es geht zurückzuhalten, während du mir zeigst, wie der Laden läuft.“
Aus irgendeinem seltsamen Grund hat mich das Gelaber nicht gestört. Nicht im Geringsten.