Kristallflügel - Feind der Vampire (Leseprobe)

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Zusammenfassung

Caroline hat alles erreicht, was sie sich erträumt hat: Die Menschen der Insel haben umfassende Rechte, ihre Widersacher sind festgesetzt, sie ist mit dem Mann zusammen, den sie liebt und durch ihre Verwandlung in sechs Monaten wird sie frei und unsterblich sein. Was soll schon schief gehen? Dominic war bestimmt der Stalker und stellt im Kerker keine Bedrohung mehr dar! Maria hat mit Sicherheit auch ihre Lektion gelernt und wird die Füße stillhalten. Weitere Blutfreak-Angriffe passieren nur auf dem Festland, auf der Insel ist man jetzt bestimmt sicher! Ach, und die tief sitzenden Traumata, die das Erlebte hinterlassen hat, kann man für den Moment getrost ignorieren, oder? ODER?

Status:
In Arbeit
Kapitel:
1
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

Prolog

Kondenswasser rann die Wände des Kerkers herab. Es war eisig und mit jedem Schwung feuchtigkeitsgeschwängerter warmer Luft, die ein Wächter oder Besucher vor sich hertrieb, legte sich eine neue Schicht Dampf auf das kalte Gestein. In der Reflexion einer Pfütze erhaschte sie einen Blick ihres Spiegelbildes.

Wie früher. In ihrer Kindheit hatte es zuhause keine Spiegel gegeben. Lange hatte sie sich gefragt, was ihre Mutter damit meinte, dass ihr Aussehen der Familie aus der Armut helfen würde. Die einzige Möglichkeit, es herauszufinden, waren Pfützen oder der Dorfteich. Maria hatte sich nie lange aufgehalten, in das trübe Wasser zu starren. Nicht nachdem der strenge Pfarrer eine Predigt darüber gehalten hatte, welch grauenhafte Sünde Eitelkeit wäre. Doch sie hatte es auch nie nötig gehabt, sich am Anblick ihren dunklen Augen, der reinen Porzellanhaut und den feinen Zügen ihres Antlitzes zu ergötzen. Die Blicke der Männer auf ihren elfjährigen Körper waren aussagekräftig genug.

Ein hässliches Knarzen riss sie aus den Erinnerungen und sie warf Patrick einen tadelnden Blick zu. Er konnte nichts dafür, dass die Tür morsch war. Doch es verunsicherte die Lämmer so herrlich, wenn man suggerierte, es wäre ihre Schuld.

„Geh.“ Ihre zarte Stimme ließ keinen Widerstand zu.

Der Wächter sah mit zusammengekniffenen Augen zur dritten Ebene hinunter, auf der Thomas Dominic untergebracht hatte, und nickte knapp. Sie wartete, bis sein Umriss in der Dunkelheit verschwunden war, bevor sie die Treppe hinabstieg. Selbst ihre sensiblen Ohren nahmen kaum wahr, wie die weichen Sohlen der Lederstiefel auftraten. Der Junge diente dem Zweck, würde es aber mit seiner Impulsivität nicht weit in ihren Reihen bringen. Ohne innezuhalten wendete sie sich dem spärlich beleuchteten Gang zu, in dem sie die offenen Zellen finden würde.

„Es ist spät. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, ob es bei unserer Verabredung bleibt.“ Dominic befand es offenbar nicht für nötig, sie angemessen zu begrüßen. Er blieb reglos auf der Holzpritsche liegen, die geschlossenen Augen zur Decke gerichtet.

„Es hat lange gedauert, jemanden zu finden, der in der Lage war, diese Fußfessel zu entfernen, ohne, dass es Aufmerksamkeit erregt.“ Maria rümpfte die Nase. „Ist das alles, was er dir an Hygienemaßnahmen zur Verfügung stellt?“ Ihr Blick glitt über einen winzigen Verschlag neben dem Waschbecken, hinter dem sich vermutlich eine Toilette befand. Oder ein Eimer.

„Keine Sorge. Ich habe nicht vor, dir zu nahe zu kommen, meine Liebe.“ Er schlug die Augen auf und hob den Kopf. Gerade genug, dass sie das räudige Grinsen erahnen konnte. „Aber ja. Unser kleiner Störenfried ist maßlos verärgert, weil er glaubt, dass ich mich seinem Goldpüppchen aufdrängen wollte.“ Mit Schwung setzte er sich auf und fuhr sich mit beiden Händen durch das lange fettige Haar.

„Warum hast du das getan?“ Das wütende Zischen war entfleucht, bevor es ihr gelang, sich mäßigen. Um Ruhe bemüht atmete sie tief durch. Ein Fehler! Der Gestank von Schweiß und Schlimmerem stach ihr in die empfindliche Nase. „Du hast alles gefährdet, woran wir seit Jahrzehnten arbeiten! Und weshalb? Ich habe dich nie als ungeduldig wahrgenommen. Warum hast du nicht abgewartet, bis ich dir diese Hündin auf einem Silbertablet serviere?“

„Hündin?“ Ein amüsiertes Kichern kam über seine gesprungenen Lippen. „Du musst das Miststück ernstlich verabscheuen, bei einem solchen Kosenamen.“

„Beantworte meine Frage!“ Maria weigerte sich, auf seine Provokation einzugehen. „Kann ich mich auf dich verlassen! Wenn ich dich hier herausbekomme, wirst du dich beherrschen?“

„Ich?“ Dominic erhob sich langsam und schlich, einem Raubtier gleich, näher. „Ob ich mich beherrschen kann?“ Mit seinen kräftigen Händen umklammerte er die Gitterstäbe und drückte seine Stirn dazwischen. „Bist du nicht diejenige, die ihr regelmäßiges Blutbad braucht? Bist du nicht diejenige, die mich anfleht ihre Dienerinnen zu Unterhaltungszwecken zu schänden? Bist du nicht diejenige, die Vergnügen an psychischer Manipul...“

„Genug!“ Sie hatte die Stimme nicht gehoben, doch Dominic verstummte umgehend. „Was ich in meinen vier Wänden veranstalte, ist nicht von Belang. Was ich ...“

„Es ist dann von Belang, wenn es herauskommt! Der einzige Grund, warum ich hier bin, ist das Video! Der Beweis, den du so dringend haben wolltest! Die andere Sache wäre mit wenigen Aussagen leicht zu widerlegen!“

Er klang wütend. Ihr gegenüber war er das eine Seltenheit. Zeit, ihn zu erinnern, warum das so war.

„Es ... es gibt ...“ Mit einem falschen Schluchzen brach sie ab und fuhr sich brüsk über die Augen. „Wie soll ich denn sonst meine Bedürfnisse ausleben? Unter ständiger Aufsicht der Menschenfreunde, unter denen wir leiden müssen! Ich brauche diese Video-Erinnerung, um ... um mich aus dem schwarzen Loch meiner Seele zu befreien, wenn es mich zu verschlingen droht.“ Sie legte ein filmreifes Zittern in die Stimme und barg das Gesicht kurz in den Händen. Wie auf Knopfdruck änderte sich seine Haltung. Sein Mitleid entlockte ihr fast ein triumphierendes Grinsen.

„Liebes!“ Mit den Fingerspitzen der rechten Hand fuhr er sanft ihre Wange hinab. „Es tut mir leid. Sobald ich hier raus komme, werde ich dir wieder geben, was du brauchst. Ich bin für dich da! Ich vertreibe deine Schatten.“

„Leere Worte.“ Sie trat einen Schritt zurück, sodass seine zu langen Fingernägel sie nicht mehr erreichten. Sie würde sich später das Gesicht mit einem rauen Peeling abschrubben müssen. „Das Video ist eine Sache. Aber er wird dich nicht gehen lassen, solange du eine Gefahr für sein Spielzeug darstellst.“

„Ich glaube, dieses Problem wird sich schneller lösen, als wir uns erhoffen können.“ Die Lippen ihres Vertrauten formten sich zu einem grausamen Lächeln. „Und dann werden auch die anderen Anschuldigungen nichts mehr wiegen. Dieser Angriff auf sein Mündel wird nicht nur deinen Fehler mit dem Video wieder gutmachen. Es wird uns zu allem verhelfen, was wir uns wünschen.“

„Was soll das bedeuten?“ Wie soll uns dein Angriff auf ...“ Und mit einem Schlag begriff sie. „Das ... du warst es nicht!“ Ihre Augen weiteten sich bei den geflüsterten Worten. Mit einem schallenden Lachen warf sie den Kopf in den Nacken und jegliche Falschheit fiel von ihr ab. Sein Kichern mischte sich in ihre Freude und keine Musik hatte je lieblicher geklungen.

„Wenn ich schon verhaftet werde, wegen etwas, was ich tatsächlich getan habe, ist die versuchte Vergewaltigung seines Mündels nicht die Feder auf der Waage. Und wenn irgendwann herauskommt, dass ich in einem Fall unschuldig bin, ...“

„Dann wird auch der andere angezweifelt.“ Vollendete sie seinen Satz freudestrahlend. „Hast du eine Ahnung, wer uns so herrlich in die Karten gespielt hat?“

„Wenn ich die Fragen des Kommandanten und des Königs richtig interpretiere, hat unsere kleine Hündin schon viele Wochen einen Stalker, der ihr regelmäßig Besuche abstattet. Und er scheint ungeduldiger zu werden.“

„Ja, aber wer ...“

„Ich weiß es nicht sicher und will meine Vermutung für mich behalten. Aber wenn er sie endlich entführt, gefickt, getötet und mich damit hier rausgeholt hat, werde ich ihm einen prächtigen Blumenstrauß als Dankeschön senden.“

„Wollten wir nicht selbst dafür sorgen, dass sie bekommt, was sie für den Mord an einem der Unseren verdient?“

„Ja. Ja, ich hatte herrliche Ideen für sie. Das ist in der Tat ein Wermutstropfen. Aber sei getröstet. Ihr Ableben wird dem, das wir geplant haben, in keiner Weise nachstehen, wenn es die Person ist, die ich vermute. Wenn er unsere Pläne nicht sogar übertreffen wird.“

Der gierige, in weite Ferne gerichtete Blick ihres Kameraden, gab Maria die Zuversicht, die sie brauchte. Ja, sie konnte sich auf diesen Mann verlassen. Er hatte keinen der Fäden durchtrennt, an denen sie den Ahnungslosen dirigierte. Er hatte nur eine Chance genutzt, ihnen beiden aus dieser verzwickten Situation zu helfen.

„Dann lass uns warten. Hab Geduld, lieber Freund. Halte durch.“ Sie sah sich um und konnte es nicht erwarten, endlich wieder frische Luft zu atmen. In ihre Villa mit den bestickten Kissen und weichen Teppichen zurückzukehren. Selbst wenn es dort einsam war, ohne ihre Sklaven. Sogar eine Putzfrau und Köchin hatte sie für dreifaches Geld engagieren müssen, damit die beiden es überhaupt wagten, ihre Schwelle zu übertreten!

„Das Gute kommt zu denen, die Geduld haben.“ Er nickte und ging rückwärts durch seine widerwärtige Zelle und breitete die Arme aus, als wäre es ein Königreich. „Selbst ein paar Wochen oder Monate hier drin, meine Liebe, für dich ist es mir das wert. Und ich würde viel darum geben, zu erleben, wie Thomas regiert, wenn es passiert.“ Er ließ sich auf seine Pritsche fallen, die mit gefährlichem Knarzen reagierte.

„Nicht mehr lange und er wird selbst in diesem schäbigen Loch vor sich hinsiechen, wie die Ratte, die er ist“, sprach Maria ihm Mut zu. „Ich bin zuversichtlich, dass meine Vertraute im Labor in wenigen Tagen die Referenzprobe bekommen wird. Dann können wir mit den Tests beginnen.“

„Ob ein Abkömmling wirklich in Reichweite ist? Bist du überzeugt, dass Johannes dieses Mal erfolgreich war?“

„Ja, ich bin sicher. Die Reaktion auf das Blut des Mädchens war aussagekräftig. Spar deine Skepsis. Hoffnung ist angebracht.“

„Schau, schau. Dann wird am Ende doch alles gut. Ich gebe zu, ich hatte Zweifel.“ Er schloss die Augen.

„Hadere nicht. Ich komme bald wieder. Mit erbaulichen Neuigkeiten.“ Leichten Gemüts lief sie den Gang hinunter und die Treppe hinauf.

Sie musste Acht geben. Dominic wuchs ihr zu sehr ans Herz. Sie könnte den Plan allein durchführen. Sicher. Aber sie war bereit, sich einzugestehen, dass sie ihn dabei gerne an ihrer Seite sehen würde. Nur wenige hatte sein Maß an Ergebenheit, Erfahrung und Kompetenz. Es wäre eine Schande, ihn zu verlieren. Vor allem wäre es schade um all die Mühe, die sie in seine Erziehung gesteckt hatte. Die sorgsam ersponnene Vergangenheit, die sie ihm weisgemacht hatte. All die Traumata, die er ihr abgekauft hatte. Mit denen sie ihn so geschickt manipulieren konnte.

Wie auch bei den Männern ihres Dorfes, war es ein Leichtes, ihn immer wieder um den Finger zu wickeln. Oh, wie hatten die Wichte für sie getanzt. Es war so simpel gewesen, ihre verhasste eifersüchtige Mutter in Flammen aufgehen zu lassen. Und ihren armen trotteligen Vater zu überreden, sie mit einem reichen Mann aus der Stadt zu vermählen, den sie bezaubert hatte. Sie war mit 17 Jahren zur jüngsten Witwe geworden, die man seit langem gesehen hatte. Männer auf Freiersfüße standen Schlange, um das trauernde reiche Mädchen zu trösten. Wie viel Spaß sie mit den Herren gehabt hatte. Und all das, noch bevor der Vampir ihrer Träume ihren Weg gekreuzt hatte. Die gemeinsame Zeit und den Blutrausch würde sie für immer in ihrem Herzen bewegen. Selbst wenn sie ihn, wie so viele, hatte töten müssen, er hatte sie maßgeblich geprägt. Durch ihn hatte sie ihre Manipulationstechniken perfektioniert. Aus dem Rohdiamanten, der sie damals gewesen war, hatte er eine scharfkantige, unzerstörbare Waffe geformt.

Es war so simpel. Menschen glaubten, was sie glauben wollten. Und egal welches Gesicht man zeigte, sie würden es in ihr Weltbild einbauen oder selbst eine ihnen gefällige Maske davorhalten. Zumindest bis man ihre Welt mit Gewalt niederriss und sie unter den Trümmern begrub. Bald. Nicht mehr lange und es würden wieder einmal zahlreiche Illusionen vernichtet werden.

Die Wachen am Kerkereingang bezogen, wie der treu wartende Patrick, ein zweites Gehalt von ihr. Beide nickten nur flüchtig, als Maria den Wachraum erhobenen Hauptes passierte. Sie zog ihre Kapuze ins Gesicht und hakte sich bei dem rothaarigen Jüngling unter, der sie hilfsbereit durch die Dunkelheit nach Hause geleite.